Besser arm(ed) als reich

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Auch den vielerorts vielgepriesenen antiwestlichen Helden hat’s erwischt: Osama ist tot! Es lebe Obama! Wie es da wirklich bei seinem Headshot zuging und ob es das nächste Wunder von Papst Johannes Paul II war, das werden wir vielleicht nie erfahren. Vielleicht war der Westenhasser nicht nur ein Korankenner, sondern auch ein Schiller-Verehrer, der da sagte: „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, dass ich nicht Herr bin.“ Auch dies nimmt er mit in sein feuchtes Grab. Fest steht, der Massenmörder vom Ground Zero hat seinen Mythos von einem in einer Höhle lebenden Eremiten zerstört; eine teure Villa ist sein Domizil gewesen. Wäre es nicht nur für ihn sondern auch für mich besser arm(ed) zu sein statt reich?

Immer Feinde

Es gibt immer Feinde oder Feindbilder, die ich mit mir rumschleppe, wie meine chronische Darmentzündung. Ich halte nach Feinden Ausschau fast genauso intensiv, wie ich in einer belebten Fußgängerzone nach einem Klo Ausschau halte.

Feindbilder sind nützlich, um auf diese die eigene verbockte Scheiße abzuwälzen. Osama hatte Obama und Obama hatte Osama. Ich habe das ganze verdammte postkapitalistische System, und es will einfach nicht kippen. Möglicherweise bedarf das System keines Umbruchs, oder ich spreche beim Bloggen nicht die richtigen Terrorzellen an, vielleicht lege ich auch die Sprengsätze unter die verkehrten Limousinen? Wer weiß? Die Wahrheit liegt viel näher, als ich es einst glaubte.

Mein K(r)ampf

Ich bin eine ganz gewöhnliche Konsumfotze – mehr nicht. Und beim Konsum geht es um das Haben und je mehr man hat, desto mehr zählt man in der Gesellschaft, desto reicher ist man.

Bei meinem Krieg gegen das System lechze ich beispielsweise beim Bloggen nach Anerkennung, nach einer richtigen Kommentar-Explosion, wie ich sie oft aus meinem After erfahre. Wenn niemand sieht, wie klug, reich an Geist und Witz ich bin, so fühle ich mich wie Scheiße. Die Gleichgültigkeit der Gesellschaft geht mir auf die Nüsse. Oscar Wilde sagte mal: „Gleichgültigkeit ist die Rache, die die Welt an der Mittelmäßigkeit nimmt.“ Obwohl ich zum Deepthroating nicht gerade veranlagt bin, muss ich es wohl schlucken.

In jeder meiner Tat mangelt es an Konsequenz; oft bin ich schon beim Wichsen mit der Hand am Schwanz eingeschlafen. Wie soll ich dann ein ganzes System stürzen, wenn ich nicht mal solche Lappalie beherrsche?

Es fällt einem auch schwer gegen etwas zu kämpfen, deren Teil man selbst ist. Ich bin ein gut dressierter Konsument, (von Kindesbeinen an), und so betrachte ich die Welt selbst wie ein riesiges Warenhaus, die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht ausgenommen. Dabei sind nur zwei Sachen wichtig: erstens muss die Ware Spaß machen. Zweitens gibt es keinen Grund einem Produkt treu zu bleiben, wenn dieses meinen Erwartungen nicht mehr entspricht, mich langweilt oder ein besseres am Horizont erscheint. Das sehe ich immer wenn ich den Partner tausche, oder die Schuhmarke wechsle. Bin selbst zum Produkt geworden, weil ich mich in dieser Brave New World verkaufen muss, um einen Job zu kriegen, einen Kunden gewinnen, etc. Das Problem ist hierbei, dass die Konsumgesellschaft nicht nur Glück verspricht, sondern auch Glück von einem fordert. Unglückliche Menschen ziehen im gesellschaftlichen Ranking die Arschkarte.

Zusammengefasst: mit unendlich vielen Marketingstrategien und psychologischen Tricks macht das System aus uns eine Gesellschaft aus gutgläubigen, egoistischen Trotteln, nur um uns die Knete aus der Tasche zu ziehen. Wenn ich das nun weiß und aus dieser platonischen Höhle für immer entkommen möchte, hätte ich überhaupt die Kraft dazu? Eine Schwäche findet das System in jeden Menschen, um diesen mit seinem Glück und seiner Behaglichkeit zu vergewaltigen. Auch Osama ließ sich vom Reichtum beeinflussen und baute sich einen teuren Bunker, statt in seiner Höhle zu bleiben. Das Kapital hat ihn platt gemacht. Mit Armut bewaffnet – arm(ed) – wäre er besser beraten. Vielleicht ist die geistige Armut, wie Jesus sie propagierte, die Lösung? Hieße das, ich verdumme, lasse mich vom System ficken, passe mich schließlich dem Rhythmus an und hoffe so den Höhepunkt zu erreichen?


Sich selbst auslöschen


Man ist ja nicht ganz bescheuert und möchte sich selbst und – wenn möglich – auch die ganze Welt aus diesem konsumgeilen Knast befreien. Klar muss ich dabei zuerst bei mir selbst anfangen. Doch immer wieder komme ich dabei zu meinem Ausgangspunkt. Beispiel: ich lade mir über 200 mühsam ausgewählte Pornopics herunter. Nach paar Mal Abspritzen erkenne ich, wie unecht die klebrigen Bilder sind und lösche die Sammlung. Nun scheine ich geläutert zu sein und dennoch, nach einer Weile, fange ich wieder mit der Scheiße an. Das gleiche gilt für den Suff, die Partys, TV, Playstation und den ganzen Shopping-Shit. Der Mangel an Einkehr und Konsequenz ist – meiner Meinung nach –

die Ursache des Misserfolgs sich selbst zu befreien, nachdem man bereits erkannt hat zu was für einen hörigem Zombie die Welt einen umgebastelt hat. Sich selbst auslöschen würde demnach für mich bedeuten, dass ich endgültig all die gesellschaftlichen Krankheiten in mir besiege, die mich an meinem Kampf gegen das System hindern. Raus aus dieser multimedialen, multispaßigen Gesellschaft, raus aus dem Zwiespalt hin zu Eintracht mit sich selbst. Eins sein mit mir selbst würde mir bei dem Kampf gegen das marode System helfen, gewiss. Arm(ed) würde dann bedeuten, dass ich in den Krieg ziehe bewaffnet mit einer umfassenden Armut; arm nicht nur an materiellen Gütern, sondern auch an den ganzen geistigen Müll mit dem ich vollgestopft bin und der dazu dient mich zu zerstreuen.

Aber nein, ich sitze lieber mit anderen in der selben Scheiße, fresse wie sie von der stinkenden Kacke, und wenn einer beim Konsumieren mal furzt, dann regt mich das auf, denn es ist ja so verdammt unhöflich beim Essen seinen Wind aus’m Arsch zu lassen. Wie kleinlich man doch sein kann…


10:40 06.05.2011
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Geschrieben von

Lindnerowski

Nach dem Kacken Bürste packen!
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Lindnerowski

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