Jasperletheater – zum 129. Geburtstag eines deutschen Philosophen

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Am 23. Februar 1883 wurde Karl Jaspers geboren, heute wäre der deutsche existenzphilosophische Grübler 129 Jahre alt. Jaspers hatte viele Fans und gneuaso viele Gegner; die die ihn nicht verstanden, bezeichneten sein Denken oft als Jasperletheater, doch das war es nicht.

Im nächsten Jahr, zu seiem runden B-day, wird sich die Presse auf ihn werfen. Ihm wäre das wahrscheinlich egal gewesen; er war ein sehr zurüchhaltender Mensch, der auf Massendasein und Medienrummel nicht viel gab. Jury-Mtglied bei DSDS könnte er heute auch nicht werden, war sein Denken doch zeitlebens von tiefem Ernst ergriffen, nicht gerade das heute begehrte platte Gefasel eines Poptitans. Nichtsdestotrotz ist seine Philosophie heute aktueller denn je.

Verloren in der Masse

Es bedarf eigentlich keinen Philosophen um zu wissen, dass der Mensch ständig in der Scheiße sitzt. Doch Jaspers sah bereits vor dem zweiten Weltkrieg, dass das Hauptprobem in der Massengesellschaft liegt, die einen Menschen von sich selbst entfremdet. Die Zerstreuung des Menschen durch die Technik, hektische Arbeit, Massenalltag und Konsum bringen den Menschen aus seiner Ruhe. Der Mensch ist meistens lediglich in einem routinierten Dasein gefangen, statt zum Selbstsein zu gelangen. Doch ein stilles Gewissen, eine Stimme in mir fordert mich immer wieder dazu aus meinem tristen Schattendasein hinauszutreten: „Die unbedingte Forderung tritt an mich heran als die Forderung meines eigentlichen Seins an mein bloßes Dasein. Ich werde meiner inne als dessen, was ich selbst bin, weil ich es sein soll.“

Doch im Massendasein, wo alle im Gleichschritt von einem Spaß zum nächsten marschieren, von einem Sonderangebot zum anderen gehetzt werden, ist der Zerfall des Selbstsein usus. Das System will uns ständig in Sicherheit wiegen, ablenken und beruhigen, doch immer mehr ruft es in den Menschen Lebensängste hervor, die daher rühren, weil sich der Einzelne in der Masse verliert und nicht wieder findet. „In der Daseinsordnung werden Veranstaltungen getroffen, um vergessen zu machen und zu beruhigen.“ Was zu Jaspers Zeiten die Hitlerjugend war, sind heutzutage wahrscheinlich die Castingshows. Gerade in den Herbst- und Wintermonaten will man die Massen vom Nachdenken ablenken und durch einen TV-Zirkus nach dem anderen an der Titte des Verdummungskonsums halten, um sie dadurch besser zu kontrollieren. Damals wie heute: Kraft durch Freude.

Doch die Ängste bleiben. Diese existentialen Ängste sind notwendig, weil gerade über diese lernt der Mensch auch etwas über sich selbst, sein eigentliches Sein. Jaspers spricht von „Grenzsituationen“ an denen jeder von uns in seinem Leben stößt; an diese Grenzen voller Verzweifelung können wir in einem Jobcenter stoßen oder beim Tod eines geliebten Menschen. Sie sind immer da wo sich der Mensch verloren, verlassen und beschissen fühlt. Auch die vielen Scheinkranken heutzutage, die mit jedem Wehwehchen zum Arzt rennen sind Opfer dieser Ledensangst: „Ist das Dasei seelisch nicht mehr aufnehmbar, unerträglich in der Unmöglichkeit, auch nur seine bedeutung zu fassen, so flieht der Mensch in seine Krankheit, die ihn wie ein Übersehbares schützend aufnimmt.“

Lass dich retten

Einen Ausweg aus den Grenzsituationen sieht Jaspers darin, dass gerade dann, wenn sich der Mensch komplett verloren fühlt, völlig kaputt und innerlich leer ist, da kann er eine großartige Erfahrung machen, nämlich die, dass er sich plötzlich von etwas oder von jemanden ergriffen und beruhigt fühlt. Dieses Geschenk kommt aus einer Quelle, die Jaspers „Transzendenz“ oder „Gott“ nennt. Der Mensch merkt, dass er sich nicht selbst erschaffen hat, dass er sich bis zuletzt nicht wirklich kennt, dass in ihm noch etwas anderes, großes ist, das er bisher nicht kannte. Diese tiefe Erfahrung kann einen zwar nicht einen Lottogewinn oder einen positiven Hartz IV-Bescheid aushändigen, doch kann sie den Menschen beruhigen; in dieser transzendenten empirischen Geborgenheit erfährt er sich „im unbegreiflichen Aufgefangenwerden.“ Der Mensch wird gelassener, villeicht dadurch auch glücklicher.

Doch wollte man bei Jaspers genauer nach Gott fragen, so gab er nur kurze Antworten. Er war der Meinung, dass ein Palavern über Gott nichts bringt und das eigentliche Transzendente eher verwischt. Für ihn war klar: „Dass Gott ist, ist genug.“

Die Angst vor dem Tod war auch für ihn ein natürlicher Aspekt des Menschen. Durch sinnliche Jenseitsvorstellungen versucht sich dieser den Tod angenehmer zu machen, doch für den Philosophen ist Tapferkeit „wahrhaft zu sterben ohne Selbsttäuschungen.“ Soll das heißen, dass es nach dem Leben nicht irgendwie weitergeht? Doch dazu meint Jaspers: „Nur für den trivialen Realismus sind die Toten tot.“

08:11 23.02.2012
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Geschrieben von

Lindnerowski

Nach dem Kacken Bürste packen!
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Lindnerowski

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