Ungerechtigkeit einäschern – vom Frust junger Leute

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://libellalen.de/WordPress3/wp-content/uploads/2011/12/Verbrannte-Träume.jpg

Was hat Andrè H., der Autoanzünder von Berlin mit der bundesweiten Verbreitung des Salafismus, einer radikal islamischen Gruppierung, zu tun? Europa – auch Deutschland – steckt in einer demokratisch-ökonomischen Krise, die von Politikern nicht mehr schöngeredet werden kann. Junge Leute erkennen die Ungerechtigkeiten des unkontrollierbar gewordenen Kapitals und greifen dabei oft nach radikalen Lösungen. Sind das Anzeichen von Anarchie, einem totalen Krieg, wo alle gegen alle um alles kämpfen werden oder wird es auf dem alten Kontinent, in der Überflussgesellschaft schlicht langweilig und die jungen Menschen brauchen nun etwas Abwechslung?

Andrè H. hat es nur auf die Edelmarken Mercedes, Audi, BMW abgesehen. Das neben seinen 67 Zielobjekten auch weitere 35 Autos in Mitleidenschaft gezogen werden – Pech. Wollte er somit nur die Gutverdiener bestrafen, die sich ein feines Vehikel leisten konnten? Er war arbeitslos und wollte – wie er angab – seinen Frust darüber abbauen. Tatsächlich beendete er seine Brandstiftertätigkeit als er einen Aushilfsjob bekam.

Mehr oder minder irrationale Motive der Taten, die auf bestimmte Ungerechtigkeiten hinweisen sollten, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Täter vor allem aus Frust gehandelt hatte. Hinter dem Wunsch nach Sühne und Gerechtigkeit verbarg sich Schmerz und Erniedrigung, die Andrè H. verspüren konnte, wenn er das Glück der Andren sah, dass ihm verwehrt blieb. Da greift die verkehrte Regel: geht es dir besser als mir, dann versuche ich nicht härter zu arbeiten und alles dran zu setzen, dass es mir ebenfalls gut geht wie dir, sondern ich werde dein Glück niederbrennen; so sind wir dann beide unglücklich. Wie man an Andrè H. jedoch sehen kann, spielte seine Arbeitslosigkeit dabei eine entscheidende Rolle.

Der Traum vom Paradies

Jeder will das Paradies und wenn möglich hier auf Erden. Die meisten haben,auch was das Paradies betrifft, sehr irdische und materielle Vorstellungen. Denn bewusst oder unbewusst werden wir mit solch einem Paradies bombardiert, wenn wir über die Medien, (vor allem das Fernsehen), mitkriegen, wie die oberen Zehntausend auf dem Globus leben: V.I.Ps, die Luxusboote in Monaco stationiert haben, Politiker, Schauspieler, Konzernchefs mit schlossähnlichen Villen, trunkene, geldverschleudernde Prinzen und silikongestylte It-Girls. Sogar in bis in die entferntesten Ecken der Elendsviertel dieser Welt kriegen wir das vermeintliche Paradies über die Glotze geliefert. Obwohl etwas Reelles, so bleibt es für die meisten ein Traum, ein Wunschtraum. Die Machtlosigkeit ein solches Glamour-Paradies sein Leben lang nicht zu erreichen kann besonders bei jungen Leuten sehr frustrierend sein, da sie eben am Anfang und nicht am Ende ihres Lebens stehen und gleichzu Beginn bei derAusbildung und Berufswahl eingeschränkt werden und sich später mit schlecht bezahlten, befristeten Jobs plagen müssen. Immer öfter greifen sie dann zu radikalen Mittel, wie die Brandanschläge auf die Bahn oder die brennenden Autos in Berlin. Es gibt auch andere Frustrierte, wie die Salafisten, die ihre Ziele scheinbar höher stecken.

Der Salafismus – eine fundamentalistische Glaubensform des Islam – erlebt in der Bundesrepublik gerade einen Boom. Auch junge Deutsche schließen ihm an, weil er simpel im Schwarz-weiß-Denken zwischen gut und böse unterscheidet und radikale Lösungen nicht ausschließt. Das staatliche und gesellschaftliche Leben sollte demnach strickt nach dem Koran ausgerichtet werden. Laut dem Verfassungsschutzbericht von 2010 sind „fast ausnahmslos alle Personen“, die den Heiligen Krieg (Dschihad) befürworten, durch den Salafismus beeinflusst. Für die jungen Leute ist der Salafismus ein geiles Ding schon deshalb, weil er radikal ist, sich gegen das System, in dem man lebt richtet und einen Hauch von etwas Elitärem hat, dem man dazugehört. Doch angesprochen auf das postmortale Paradies meint ein Salafist in der FAS (Nr. 26, 3 Juli 2011): „Wein gibt es dort, der bei jedem Schluck besser schmeckt, und Frauen, so schön, dass man danach die schönste Frau dieser Welt zum Kotzen findet.“ Oder: „Alles, was hier verboten ist, gibt es da. Da gibt es Parties, ich will dahin mit Lichtgeschwindigkeit.“ Klingt doch sehr irdisch: eine endlose Glamour-Party mit geilen Weibern, Saufen und vor der Disco wahrscheinlich ein göttlich getunter BMW. Und all das bis in alle Ewigkeit. Also vielleicht doch lieber einen Sprengstoffgürtel umlegen und andere wegbomben. Schon wäre man im konsumorientierten Paradies. Bombastisch! Auf Umwegen zum Ziel und arbeiten? Nee, lieber direkt!

(da Artikel zu lang, bitte das Ende auf www.libellalen.de lesen. Danke.)


19:25 09.12.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lindnerowski

Nach dem Kacken Bürste packen!
Schreiber 0 Leser 1
Lindnerowski

Kommentare