Wulffi stirbt nicht im Hospiz

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Ich bin verwirrt, obwohl ich mich für Politik – die große Hure – nicht sonderlich interessiere. Aber auf dem Weg nach Hause zwingen sich Gedanken auf, die mich nicht loslassen.

Gerade komme ich aus einem Altenheim. Ein alte Frau, die mir ans Herz gewachsen ist, verstarb. Ich arbeite als Sterbebegleiter seit Jahren ehrenamtlich im Hospiz, und so bin ich an den Tod gewöhnt. Dieser jedoch hier kam unter besonderen Umständen. So schaffte es die einsame alte Dame nicht in ihrem geliebten Hospiz in einem vorher festgelegten Zeitfenster ins Jenseits zu hopsen. Da sie nicht rechtzeitig starb, wurde sie gegen ihren Willen in ein Altenheim verlegt, wo sie dahin sichte und von Tag zu Tag mehr verkümmerte. Ich habe ihr Leiden beobachten können. Alle Klagen und Bitten nutzten nichts. Im Altenheim, wo keiner mehr Zeit für sie hatte, betete sie jeden Tag um den Tod. Gestern kam er auch und erlöste sie.

Heute steht der große Zapfenstreich an für unseren geliebten und verdienten Präsidenten. Doch die wochenlangen Debatten um die Person Wulffs und der Verdacht, „ dass der höchste Repräsentant des Staates als ehemaliger Landeschef von Niedersachsen in die eigene Tasche gewirtschaftet hat und seinen reichen Freunden im Gegenzug einige Gefälligkeiten gewährte, die im Fachjargon geldwerte Leistungen genannt werden“, machen den ganzen pompösen Abschied lächerlich und überflüssig. Wenn ich die folgenden Zeilen lese wird mir schlecht: „Er und seine glamouröse Ehefrau nutzten sehr gerne die ein oder andere Vergünstigung, die von Unternehmen an sie herangetragen wurde. Vom Kinderspielzeug bis hin zu schicken Klamotten und schnittigen Autos erstreckten sich die kostenlose Angebote, die dazu dienen sollten, die Labels ins Blitzlicht zu rücken, um beim Konsumenten Begehrlichkeiten zu wecken und den Kaufdrang zu intensivieren.“ Da kriegt jemand noch 200.000 jährlich Ehrensold, Auto und Büro oben drauf, obwohl er zu gegenwärtiger Stunde eher ein Schandfleck diese Landes ist.

Ich weiß nicht wo die Gerechtigkeit hier ist. Wieso wird einer alten Dame der Ort des Todes bürokratisch und kalt bestimmt und ihre Wünsche ignoriert, nur weil ihr Ableben nicht in einem bestimmten Zeitlimit passt? Wieso kriegt einer, der schon alles hat, der arrogant und skrupellos daherkommt, noch mehr? Ist das die Figur, die ein ganzes Land repräsentiert? Kalt, berechnend und herzlos. Ist ein ganzes Land so wie er, der dieses Volk repräsentiert? Ich muss immer wieder darüber nachdenken. Es lässt mich nicht los.

11:18 08.03.2012
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Geschrieben von

Lindnerowski

Nach dem Kacken Bürste packen!
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Lindnerowski

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