Zum Single konditioniert

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Etwas Angenehmes sollte mich überraschen, das lang ersehnte Abenteuer, ein simpler Hollywoodmovie-Abklatsch, in dem ich die Hauptrolle spiele: meine Wenigkeit rettet die Welt,ich bekomme die Frau meines Lebens, bin dominant und erlebe die wildesten Sexabenteuer als globaler Held. Dann kommt jedoch die ernüchternde Realität und man wäre auch mit einem für sich zugeschnittenem Sonderangebot in einem Laden zufrieden und dem nachfolgenden warmen Lächeln einer sexy Kassiererin. Wenn nicht, müsste zur Not der Nachlass-Multi-Gutschein von Mc Donald’s herhalten, ein Gratis-Tattoo auf einem Joghurtbecher und später paar Bier und eine ausgefallene Wichsvorlage auf dem Desktop.

Keine gemeinschaftliche Identität, das stätige Schwinden des Christentums und der fortschreitende aufgeklärte Hedonismus – meint der Philosoph Slavoj Žižek – sind einige Gründe für den Zerfall und die Dekadenz der Gesellschaft.

Verdummen im Kollektiv der Einzelnen

Ich bin wieder mit in der Single-Statistik, die prozentual steigt. Immer mehr Partner trennen sich, Ehen werden geschieden. Man einigt, arrangiert sich irgendwie und geht auseinander. Die ganzen Pseudofreunde, mit denen man sich vorher abgab, die selbst schon Geschiedene, Alleinerziehende, narzisstische und/oder verklemmte Dauersingles sind, die werden nun zur wahren Clique. Wenn man das Gewissen und die Sehnsucht nach den Kindern, (falls man überhaupt welche hat) mit einem Zelt aus Alkohol, Drogen und anderen Spaßmöglichkeiten abdecken kann, klappt das Single-Sein am Anfang wieder ganz gut. Auch Frauen auf Partys erscheint der Papi-Flair kombiniert mit einem Ich-hab’s-hinter-mir-Scheidungsblick anziehend und somit für mich bestätigend.

Und ich habe wirklich viele Dauersingles kennengelernt: es gibt Männer und Frauen, die sich kurz nach Trennungen, Scheidungen, Streitereien gleich wieder anbieten, stupide, unsicher, verlegen und wenn’s dann noch eine Hackfresse und 30kg Übergewicht hat, ist die Erfolgsquote gleich Null. Dann gibt es noch welche, die bereits oft enttäuscht wurden und sich ein pseudoerträgliches Solisten-Dasein mit vielfältigen Routinen und gutgemeinten Freizeitevents kreierten. In größeren Gruppen erkennt man sie an der gebückten, unsicheren Haltung und den möchtegern witzigen Bemerkungen. Und alle sind überzeugt, dass mit ihnen alles in Ordnung ist.

Darauf basiert – laut Žižek – der aufgeklärte Hedonismus, der einem vorgaukelt, dass man sein Ego weiterentwickeln sollte. Totale Individualität wird propagiert: „Sei du selbst“, „Gönne es dir“, „Lebe deinen Traum“, „Verwirkliche dich selbst“ – das sind einige der gängigen Floskeln.

Und während man zerstreut im Spaß aus dem Versandkatalog schwelgt, wird‘s innerlich still, selbst im Schritt flaut es zuweilen ab, weil alles schon auf irgendeine Weise mal dagewesen ist. Wie kommt es zu diesem weit verbreitetem Phänomen der Leere und Verdummung?

Flüchtender Spaß als gezielte Flucht

Die mit der Zeit zunehmende radikale Individualität des Einzelnen fegte das Bild der Gemeinschaft einfach beiseite. Leben im Überfluss, Geld als Gottersatz und die Spaßvielfalt ermöglichen eine vorübergehende Zerstreutheit, Flucht vor der Realität und damit vor der Verantwortung für sich selbst und andere. Durch die Fixierung auf das eigene Ego sind viele gar nicht in der Lage auf eine dauerhafte Bindung einzugehen, da sie – wie sie meinen – dadurch in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt wären.

Das utopische Denken von einem dauerhaften Status quo ist weit verbreitet. Die Zukunft sieht anders aus: es wird immer weniger Arbeit geben, Budgetkürzungen im Bildungs-, Sozial-, Gesundheits- und Kulturbereich werden unumgänglich. Doch statt sich den Problemen ernsthaft zu stellen und politisch aktiv werden, flüchtet man lieber ins kurzfristige, aber abwechslungsreiche Fun-Leben.

Der minimale Besauf-Spaß ist zwar noch mit Hartz IV garantiert, doch die Partnersuche per Internet-Partnerbörsen mutiert nicht selten für einen Langzeit-Hartzi zu einem komplizierten Avatar-Lügengeflecht, das selten durch Erfolg gekrönt wird; nach dem Motto: Ofer sucht Frau/Mann. Wenn ein alleinlebender ALGII-Empfänger den kapitalistischen Wohlfahrtsberg hinunter kullert, dann macht er das immer öfter ohne Zwischenstopps und endet in der Gosse, (Entzugsklinik, Krankenheim). Laut Statistik gilt jeder dritte Single in der Bundesrepublik als arm und die Kunden in Entzugsanstalten werden auch immer jünger und sind mehrheitlich alleinstehend.

Und falls der regelmäßig arbeitende Solist sich hier plötzlich übergangen fühlen sollte, so soll gesagt werden, dass es um ihn auch nicht besser steht; Paranoides und verklemmtes Verhalten im Alltag, Partyurlaub auf irgendeiner überfüllten Insel mit preiswerten Bekanntschaften und meist unverbindlichen Abenteuern ist Usus. Denen, die ihren Pseudoausstieg aus der Konsumgesellschaft später beim Diaabend den Freunden vorführen möchten, stehen noch die bunten buddhistischen Wallfahrtsorte zur Verfügung. Buddha-Figuren auf Designer-Tischen, kleine glücksbringende Altäre mit Räucherstäbchen und Gebetsmühlen auf schwedischen Regalen im Feng Shui-Style sollen ein gutes Leben vortäuschen und möglicherweise im Ying/Yang-System auch noch die Potenz steigern. Ein Widerspruch in sich: öffentlich verflucht man die spätkapitalistische Gesellschaft, ihre Unmenschlichkeit und meint den großen Ausstieg vollbracht zu haben, indem man regelmäßig einen Yoga-Kurs besucht. In seinem Buch „Die gnadenlose Liebe“ spricht Žižek von einem Fetisch, den der Einzelne braucht, um die Dekadenz so hinzunehmen, wie sie ist; der „westliche Buddhismus“ ist so ein Fetisch: „Er ermöglicht es seinen Anhängern, dem atemberaubenden Tempo des kapitalistischen Spiels standzuhalten, und stützt zugleich die Eigenwahrnehmung, dass man nicht wirklich Teil desselben sei, sondern durchaus sehe, wie sinnlos dieser ganze Zirkus ist. Was wirklich zähle, sei der Seelenfrieden, auf den man sich immer zurückziehen kann.“

Trotz der Ansicht, dass das Individuum frei sei, befindet sich der Einzelnen jedoch in einem oft verängstigtem Zustand: Furcht vor der nächsten Bindungsmöglichkeit, Furcht vor Freiheitsverlust und veränderten gesellschaftlichen Spielregeln. Durch immer mehr befristete Arbeitsverträge hat man Angst diese schnell zu verlieren, daher auch die Angst vor materieller Instabilität.

So fällt es den populistischen Politikern leicht die Leute mit terroristischen Anschlägen, ethnischen Minderheiten und Fremdarbeitern einzuschüchtern. Da scheint oft nur der flüchtende Spaß als einziger Ausweg, aber der vermeintliche Kater danach ist umso schlimmer und bereits wieder eine Flucht in den Rausch wert; nach der Devise: nicht denken - handeln. Ein Teufelskreis entsteht.

Die Schuld zuschieben

Wenn dann wieder ein Durchhänger in unserer Psyche am Laufen ist und wir in einem Moment der Klarheit auf unser verkorkstes emotionales und gesellschaftliches Leben blicken, dann möchten wir wütend jemanden dafür die Schuld geben: den Eltern, ehemaligen Lehrern, Chefs, Freunden und Partnern; das sind natürlich die gängigen Sündenböcke. Mit Obszönitäten werden gern noch die Regierung, das unbequeme Rechtssystem, das System allgemein und andere pathologische Gesellschaftserscheinungen beworfen.

Teilweise ist das nicht ganz unberechtigt. Zu oft schon wurden wir von der Obrigkeit enttäuscht: besonders die letzten 20 Jahre Leben im Überfluss, die es nun wieder durch diverse Kürzungen und Arbeitslosigkeit abzubüßen gilt, die setzen einem arg zu und schränken uns ein. Auch die vorher dazugehörende bestehende symbolische Ordnung wie auch der Begriff der Demokratie erscheinen dem Philosophen Žižek in Bezug auf die heutige Gesellschaft entwertet, da die Freiheit des Menschen eingegrenzt wird, obwohl man ihm genau das Gegenteil einbläut. Dazu wirft Žižek die leninistische Definition von Freiheit in den Raum; demnach gibt es zwei Definitionen des Begriffs: erstens die formale Freiheit, die es dem Einzelnen ermöglicht zwischen Alternativen in einer vorgegebenen Matrix zu wählen. Zweitens die wirkliche Freiheit, die dem Menschen die Wahl gibt die vorgegebene Matrix selbst zu ändern. Mit welcher Art von Freiheit wir es in unserem Gesellschaftssystem zu tun haben ist wohl eindeutig.

Doch darüber denken nicht so viele nach. Wichtig ist für den vereinsamten Single, dass man ihm eine zweite Chance gibt und er es dann schafft in seinen persönlichen psychischen „Recall“ zu kommen.

Hauptsache man zögert nicht alles was geht noch zu verlängern: den Spaß, den Kredit und – wieso nicht – auch den eigenen Schwanz.

19:56 17.02.2011
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Geschrieben von

Lindnerowski

Nach dem Kacken Bürste packen!
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Lindnerowski

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