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Interview Marlène Schiappa, jüngstes Mitglied der Regierung Macron, hat sich ihre Sporen nicht an Eliteschulen, sondern im Internet verdient
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„Das ist doch nur eine Bloggerin, sagten die Leute“

Foto: Andreas B. Krueger für der Freitag

Marlène Schiappa empfängt in ihrem Dienstzimmer, in einem historischen, prunkvollen Gebäude nahe dem Invalidendom in Paris. Ihre wilde braune Mähne hat sie zu einem Knoten zusammengebunden, am Hals einen goldenen Kettenanhänger mit den Umrissen Korsikas, der Heimat ihrer Familie. Das Smartphone immer in der Hand, in abgegriffener rosa Hülle. Mit 35 Jahren ist sie das jüngste Mitglied der französischen Regierung. Die zweifache Mutter und ehemalige Bloggerin ist populär, wird aber auch angefeindet.

der Freitag: Das muss aufregend gewesen sein: Sie traten gerade Ihr Amt als Staatssekretärin für Gleichberechtigung an, und da ging die #MeToo-Debatte los.

Marlène Schiappa: Die Debatte kam für mich nicht überraschend, denn ich arbeite ja seit Jahren an diesen Themen. Ich habe vor zwei Jahren einen Essay mit dem Titel Où sont les violeurs? Essay sur la culture du viol (Wo sind die Vergewaltiger? Essay über die Kultur der Vergewaltigung) veröffentlicht, in dem ich genau das beschrieben habe, was gerade passiert. Dass Frauen dank der sozialen Netzwerke das Schweigen brechen werden, um öffentlich zu sagen, welches Ausmaß das Phänomen der Belästigung bis hin zur Vergewaltigung hat, das ist mit der Bewegung #balancetonporc (Verpfeif dein Schwein) geschehen. Und nun hat der Präsident diese Fragen zu großen nationalen Anliegen gemacht.

Solche Debatten finden in den sozialen Netzwerken statt: Sie haben 2008 das Blog „Maman Travaille“ (Mama arbeitet) ins Leben gerufen.

Die sozialen Netzwerke werden oft herablassend beäugt. Bei meiner Ernennung sagten die Leute: „Das ist nur eine Bloggerin!“, so als sei meine Arbeit unwesentlich. Aber wer in sozialen Netzwerken aktiv ist, kann einen Teil der Meinungen direkt einfangen. Man kann dort unmittelbar sehen, welche Themen diskutiert werden. Wenn ein Eintrag über Vergewaltigung veröffentlicht wird und innerhalb von zwei Tagen über sieben Millionen Mal geteilt wird, dann ist das ein Gradmesser dafür, wie dringlich das Thema ist.

Wie viele Stunden verbringen Sie mittlerweile im Netz?

Deutlich weniger Zeit als vor meiner Ernennung zur Staatssekretärin, aber noch immer jede Menge. Selbst wenn ich in einer Besprechung sitze, scrolle ich nebenbei den Newsfeed runter, um zu sehen, was los ist. Meine private Facebook-Seite habe ich allerdings gelöscht, ich benutze vor allem Twitter. Dort fällt mir auf, wie die Gesellschaft plötzlich den Anliegen von Frauen Gehör schenkt, wie sich damit auch der Blick auf meine Arbeit verändert. Endlich sind die Scheinwerfer an!

Kein Kind der Eliteschule

Marlène Schiappa, 35 Jahre alt, ist seit Mai 2017 Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter und jüngstes Mitglied der Regierung. Marlène Schiappa hat keine Eliteschule besucht, sie studierte an der Sorbonne in Paris und schloss mit einem Diplom in Kommunikation und Neuen Medien ab. Danach jobbte sie als Museumsführerin und in einer Kommunikationsagentur, wo sie unter den Schwierigkeiten litt, Job und Kinderbetreuung miteinander zu vereinbaren.

2008 gründete Schiappa die Vereinigung „Mama arbeitet“, aus der ein Netzwerk beruflich aktiver Mütter wurde. Sie wurde 2013 auf Platz 6 der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten im Web in Frankreich gewählt. Nachdem sie als stellvertretende Bürgermeisterin von Le Mans erste politische Erfahrungen gesammelt hatte, wurde sie 2016 Beraterin im Frauenministerium. Bei den Präsidentschaftswahlen unterstützte sie Emmanuel Macron und dessen Bewegung En Marche. Anfang dieses Jahres will sie ein Gesetz vorlegen, um Sexismus und Belästigung auf der Straße härter zu bestrafen. Damit hat sie eine Debatte über die Abgrenzung zwischen Flirt, Belästigung und Übergriffen in Frankreich angestoßen.

Marlène Schiappa hat Polemiken ausgelöst: Ein Journalist berichtete, dass sie unter Pseudonym pornografische Romane veröffentlicht haben soll. Sie selbst hat das nie bestätigt. Marlène Schiappa hat zwei Kinder und lebt in Paris.

Wurden Sie durch ein bestimmtes Ereignis politisiert?

Mein Vater, der viel weiter links steht als ich, hat mir eine bestimmte Vision der Welt vermittelt, in der es auf das eigene Engagement ankommt. Als kleines Kind sah ich, wie er auf Markplätzen Broschüren verteilte und wie rasch er seine Truppen mobilisierte. Ich habe viel von seiner Art, seinen politischen Methoden übernommen.

Die traditionellen linken und rechten Lager verschwinden ...

Ja, ein Teil der Linken kann sich in Macrons Partei La République en Marche wiederfinden, denn wir vereinen Progressisten aller Lager. Was meine politische Karriere angeht, so habe ich sie nie geplant. Momentan habe ich ein Amt inne, aber das gilt zunächst für eine Amtszeit. Was dann kommt, kann ich heute noch nicht sagen.

Anders als viele Größen der französischen Politik waren Sie nie auf einer Pariser Eliteschule. Wie hat man darauf reagiert?

Der Vorteil des Anfängers besteht darin, dass man mit Althergebrachtem bricht. Man bringt etwas Unschuldiges mit (sie lacht). Man möchte die Dinge noch voranbringen, an die man glaubt. Und mitunter wird man unterschätzt. Doch der Politikbetrieb ist äußerst sexistisch. Ältere Politiker blicken auch misstrauisch auf junge Leute, besonders auf Frauen, so als würde man ihnen den Platz streitig machen wollen oder als würden sie denken, wir hätten nicht die notwendigen Kompetenzen.

Wie zeigt sich Sexismus in der französischen Politik noch?

Oft werden Frauen herablassend behandelt. Das bezieht sich in erster Linie auf ihr Äußeres. Der Sexismus besteht vor allem in der Ablehnung des weiblichen Körpers. Es geht immer darum, wie weiblich oder eben nicht weiblich man auftritt. Trägt man Schmuck, Stiefel oder Kleider, wird man schon als inkompetent abgestempelt. Ein kompetenter Mann muss älter sein und eine Eliteschule absolviert haben, ein Jackett und Krawatte tragen. Dagegen wird suggeriert, dass eine feminine Frau keine gute, solide Politik machen kann.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich erinnere mich an eine englische Politikerin, die erzählt hat, sie rauche vor Interviews immer starke Zigaretten, damit ihre Stimme tiefer klinge. Damit die Leute nicht sagen: Was die Frau da von sich gibt, wird sowieso nicht von Interesse sein. Ich selbst möchte mein Frausein nicht negieren, und mein Kampf gegen Belästigung bedeutet ja nicht, dass ich nicht gerne verführe und verführt werde.

Wie reagiert man auf Sie als eher unerfahrene und gut aussehende Frau in der Politik?

Man wird vor allem in den Medien stärker wahrgenommen. Weil wir Frauen nicht so zahlreich sind, interessiert man sich mehr für uns, für unseren Werdegang, für unsere Arbeit. Ich kann mir Gehör verschaffen, das nutzt mir natürlich. Politikerinnen wird auch häufig nachgesagt, dass sie in schwierigen Situationen für gewisse Aufgaben besser geeignet sind: wenn es zum Beispiel darum geht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Das hat man bei der britischen Premierministerin Theresa May gesehen. Frauen wird eine bewusst konstruierte Differenzierung zuteil. Aber Macron hat traditionell „harte“ Politikfelder mit Frauen besetzt, im Verteidigungsministerium zum Beispiel. Sein Credo ist die Emanzipation eines jeden.

Sie werden von Feministinnen attackiert. Warum?

Ich verstehe die Kritik von Feministinnen nicht, die zum Beispiel beklagen, dass ich kein höheres Budget für mein Ministerium rausgeschlagen habe. Ich denke, wir sind nicht zahlreich genug, um uns gegenseitig fertigzumachen. Wenn aber eines Tages wirkliche Gleichberechtigung besteht, wenn es keine Zwangsehen mehr gibt, keine Beschneidungen, wenn Frauen nicht mehr geringer entlohnt werden als Männer – dann werden wir sagen können, welches theoretische Konzept richtig war. Bis dahin sollten wir uns solidarisch zeigen, statt uns zu bekriegen.

Deutschland wird seit zwölf Jahren von Angela Merkel regiert. Wäre Frankreich bereit für eine Frau an der Spitze?

Ich habe großen Respekt vor Frauen, die Politik machen, egal welchem politischen Lager sie angehören. Frau Merkel musste selbst mit sexistischen Vorurteilen umgehen, denn was das Frausein angeht, macht man immer alles falsch. Wenn man Kinder hat, gilt man als Rabenmutter, weil man sich nicht genügend kümmert, wenn man keine hat, gilt das auch als suspekt.

Nicht nur in der Politik ...

Ich denke, auch Frankreich wäre bereit für eine Frau als Präsidentin, aber natürlich geht es nicht darum, eine Frau zu wählen, weil sie eine Frau ist. Bei der letzten Wahl kam eine Frau in die zweite Runde: Marine Le Pen vom Front National. Und ich bin sehr erleichtert und froh, dass wir keine Präsidentin haben. Zumal Frauen nicht automatisch auch Frauenrechte verteidigen. Einige tun das genaue Gegenteil und treten Rechte der Frauen mit Füßen.

Brigitte Macron, Frankreichs Première Dame, bricht durch den Altersunterschied zu ihrem Mann mit Konventionen.

Unser Präsidentenpaar fasziniert die Menschen, besonders im Ausland. Brigitte ist sehr engagiert, und ihre Stimme wird überall ernst genommen. Sie gilt als beliebteste und einflussreichste Französin. Ihr wird Gehör geschenkt und sie setzt sich besonders für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein. Ihre Unterstützung hilft mir sehr. Für Frankreich ist sie außerdem eine Art Botschafterin für die französische Exzellenz, den Stil, die Mode.

Als Mutter zweier Kinder: Wie schaffen Sie den Spagat?

Es ist natürlich schwierig, sich für die Familie Zeit zu nehmen, weil ich sehr eingespannt bin. Das macht mich schon traurig. Seit dem Frühjahr habe ich vielleicht ein- oder zweimal meine Töchter zur Schule bringen können. Ich versuche, zumindest am Sonntag keine Termine wahrzunehmen.

Sogar Sie können also Beruf und Muttersein schwer vereinbaren.

Der große Vorteil als Mutter besteht darin, dass man sein Handeln stets an der Zukunft seiner Kinder misst, man entwickelt ein stärkeres Gespür für seine Arbeit, fragt sich: Welche Welt überlasse ich meinen eigenen Kindern? Ich fühle mich verantwortlich für das, was ich mit meiner Politik für meine Töchter erreiche. Wenn sie in Sicherheit leben können, körperlich unversehrt bleiben, den Karriereweg einschlagen können, den sie möchten, dann habe ich mit meiner Arbeit in der Regierung etwas erreicht. Das motiviert mich.

Gefällt es Ihnen, Macht zu haben?

Macht ist in der Politik unverzichtbar. Sie ermöglicht es, die Dinge voranzutreiben. Vorher stand ich am Rande des Beckens, jetzt muss ich selber schwimmen. Über Macht zu verfügen, bedeutet, selbst die Schalthebel zu bedienen, um die Dinge zu verwirklichen, an die man glaubt.

Bis zu Zeiten des früheren französischen Präsidenten François Mitterand war es ein stilles Gesetz, dass das Privatleben diskret bleibt. Heute dringen Journalisten häufig ins Privatleben vor.

Ich kann das Interesse am Privatleben der politisch Verantwortlichen verstehen. Letzte Woche stieß auch ich in Paris Match auf eine Homestory über Christophe Castaner ...

... den Vorsitzenden von Macrons Partei La République en Marche ... Er saß er zu Hause am Tisch, mit seiner Frau, ich bin hängen geblieben. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, wie weit er sich exponieren will. Ich möchte nicht, dass mein Amt auf meinen Kindern lastet, ich gebe weder ihre Vornamen preis, noch posiere ich mit ihnen auf Fotos. Andersherum kannich mein Privatleben auch nicht völlig von meinem Job abgrenzen. Wenn ich mit Freundinnen zusammensitze, stelle ich ihnen Fragen, die mir für meine Arbeit nützlich sind.

Was tun Sie, wenn Sie mal nicht arbeiten?

Ich habe vor kurzem den Film Suffragette mit Meryl Streep gesehen. Mein Mann fragte mich: „Worum geht es da?“ Als ich sagte, um Frauen, die um ihre Rechte kämpfen, musste er lachen: „Sag mal, kannst du auch mal abschalten?

12:45 11.01.2018
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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