Allons enfants?

Porträt Hapsatou Sy verkörpert die Französin, die es aus der Banlieue in die glamouröse Businesswelt geschafft hat. Nun will sie mit ihrer Kosmetiklinie Afrika erobern
Romy Strassenburg | Ausgabe 23/2015 3
Allons enfants?
Hapsatou Sy: „Hier wächst das Geld ja nicht auf Bäumen“
Foto: Andreas B. Krüger für der Freitag

„Paris is groovy“ steht in goldenen Lettern in der Eingangshalle des Idol-Hotels. Das passt zu der Gegend nördlich des Gare Saint-Lazare, mit unzähligen Instrumentenshops ein Pilgerort für Musikfans. An den knallig lila Wänden des Hotels hängen Poster von Blues-Ikonen, ein Retro-Plattenspieler dient als Deko, auf breiten Sofas liegen Jazzmagazine herum.

Hapsatou Sy hat diesen Ort für das Treffen vorgeschlagen, sie fühle sich hier fast wie zu Hause, sagt sie. Zwei Hotelgäste bitten um ein Selfie mit ihr, sie lächelt selbstbewusst in die Kamera. Sie entschuldigt sich für die halbe Stunde Verspätung, beim Mittagessen habe sie die Zeit vergessen. Dann schießt sie noch ein eigenes Smartphone-Foto für ihre Fans auf Twitter und Facebook. Schließlich setzt sie sich auf einen Designerstuhl neben der freistehenden Badewanne. An diesem Nachmittag trägt sie Pfennigabsätze und ein hautenges schwarzes Kleid, das Rot der Lederjacke natürlich passend zum Nagellack. Für viele Französinnen ist die 34-jährige Fernsehmoderatorin und Unternehmerin mittlerweile selbst ein Idol. Sie postet, was sie im Restaurant bestellt, welche Orte sie besucht, welches Outfit sie trägt. „Ich müsste mal eine Internet-Entziehungskur machen, aber das geht nicht.“

Danke, Frankreich!

Sie redet wie die typische junge Pariserin: in einem Mischmasch aus immer neuen Redewendungen und Abkürzungen, aus arabischen und englischen Wörtern. Dazu kombiniert sie Floskeln aus der Business- und Medienwelt, die wie Werbeslogans klingen. Seltsam rastlos wirkt sie, ständig unterwegs in eigener Sache, gehypt von Frauen- und Wirtschaftsmagazinen. Man kann es auch einen Traum nennen, einen, der wahr geworden ist. „Mein Leben ist wie ein Märchen, das stimmt! Nur hat es keine Fee gegeben, die mir Dinge in die Wiege gelegt hat. Mir wurde nichts geschenkt.“

Hapsatou Sys Märchen beginnt in Chaville, einer Kleinstadt westlich von Paris. Dort wächst sie als eines von sieben Geschwistern auf. Ihr Vater stammt aus dem Senegal, die Mutter aus Mauretanien. „Mein Vater hatte früh seine Eltern verloren. Ihn hielt nichts mehr in seiner Heimat. Seinen eigenen Kindern wollte er eine bessere Zukunft bieten.“

Wie Zehntausende Schwarzafrikaner aus den ehemaligen französischen Kolonien zieht es ihn nach Frankreich. Und er hofft, dass seine Kinder sich integrieren, um den sozialen Aufstieg zu schaffen. „Ich bin schnell zum zweiten Familienoberhaupt an der Seite meines Vaters geworden, mit diesem starken Bewusstsein dafür, wie sehr sich unsere Eltern aufgeopfert hatten. Mir ist diese Mutterrolle ungewollt zugewachsen. Manchmal habe ich das bereut, wollte einfach nur ein Kind sein, ohne Verantwortung, ohne ständig etwas geben zu müssen“, sagt Hapsatou Sy. Sie half bei Hausaufgaben und Behördenbesuchen, füllte Formulare aus und besserte als Kellnerin und Haushaltshilfe die Familienkasse auf. Bis heute rufen die Geschwister sie an statt der Mutter, wenn es Probleme gibt. „In jeder Familie braucht es jemanden, der den anderen Halt gibt. Ich sehe mich als diese Stütze.“ Ihr Vater sagt über die Tochter, er habe in Wahrheit einen Sohn in die Welt gesetzt. „In seiner Kultur kann man kein größeres Kompliment bekommen. Ein Mann geht aus dem Haus, um für die Familie zu sorgen. Genau das mache ich für uns. Darauf ist er stolz.“

Auf allen Kanälen

Als Afropéenne, die Frau mit der doppelten Kultur, wird sie in Frankreich gesehen, als das Gesicht des Aufstiegs. Hapsatou Sy, deren Eltern aus Mauretanien und dem Senegal stammen, wurde 1981 in Sèvres bei Paris geboren und wuchs mit sieben Geschwistern auf. Ihre Eltern sind nach alter Tradition verheiratet worden, als die Mutter 13 war.

Hapsatou Sy jobbte schon früh regelmäßig und hat nach ihrer Ausbildung zur Handelskauffrau mit 24 die Kosmetikkette Ethnicia gegründet. Ihre Idee war eine Mischung aus black-blanc-beur (weiß-schwarz-maghrebinisch). Sie wollte „das Benetton auf dem Segment der Schönheit werden“ und machte eine steile Karriere. Beim Women’s Forum 2010 wurde sie zum „Rising Talent“ gekürt und begegnete dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Ein Jahr später nahm sie an einem Treffen von Jungunternehmern beim G 20-Gipfel teil. Sie posierte neben Managern in Magazinen und wurde zur „Siegerin, die aus dem Nichts kam“. 2013 müssen ihre Unternehmen Ethnicia und Beauty Revolution International allerdings Konkurs anmelden. Hapsatou Sy hat parallel zur Unternehmer- aber eine Fernsehkarriere betrieben und war schon lange eine öffentliche Figur. Seit 2012 moderiert sie auf dem Privatsender D 8 eine tägliche Unterhaltungssendung an der Seite der berühmten Journalistin Laurence Ferrari und der Politikerin Roselyne Bachelot.

Als Businessfrau entwickelt sie weiter Kosmetikmarken, die Produkte ihres Labels Hapsatousy werden in mehr als 150 Geschäften in Frankreich und im Ausland vermarktet.

Auch ihre Geschwister stehen erfolgreich im Berufsleben, nur nicht so sichtbar und öffentlichkeitswirksam. Vom Erfolg habe sie schon als Jugendliche geträumt. „Mit zwölf fasste ich den Vorsatz, eines Tages eine Businesswoman zu werden. Dieses englische Wort kam mir unglaublich international vor.“ Ihre Lehrer verehrt sie bis heute wie die eigenen Eltern, kann sich an jeden ihrer Namen erinnern. Viele afrikanische Mädchen könnten von kostenloser Bildung für alle nur träumen. Ihre Mutter ist bis heute Analphabetin. Für alles, was sie an der Schule lernen durfte, sei sie Frankreich dankbar. „Merci la France!“, ruft sie. Sieht sie sich als das kleine Mädchen, das sich hochgearbeitet hat? „Ja, mit festem Willen kann man Berge versetzen!“

Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Handelskauffrau. „Während eines Praktikums in New York hatte ich eine zierliche schwarze Frau aus einem Bürogebäude kommen sehen. Und ich sagte voller Bewunderung: Das ist eine Businesswoman!“ Im Alter von 24 Jahren gründete sie ihr erstes eigenes Unternehmen, Ethnicia, 30.000 Euro hatte sie dafür gespart. „In New York hatte ich einen Schönheitssalon besucht. Dort galt: Egal welche Hautfarbe, du wirst sofort bedient. In Frankreich herrscht noch immer absolutes Community-Denken wenn es um Schönheit geht. Eine schwarze Frau betritt nicht den gleichen Kosmetiksalon wie eine weiße. Da kriegt man zu hören ‚Oh, das können wir nicht. Dafür sind wir nicht ausgebildet.‘“

Ghettoisierung der Schönheit nennt sie das. Ethnicia wirbt deshalb so: „Schönheit liegt in der Einzigartigkeit eines jeden, unabhängig seiner Herkunft oder seiner körperlichen Besonderheiten.“ Was hält Hapsatou Sy von dem in Paris und anderen Großstädten weit verbreiteten Phänomen, dass schwarze Frauen sich die Haut bleichen lassen, um europäischer auszusehen? Nichts. Für sie habe auch Rassismus keine Rolle gespielt: „Ich war niemals wirklich mit diesem Problem konfrontiert.“ Es klingt ein bisschen zu glatt, als wollte sie nicht, dass ihr Märchen Risse bekommt.

Und was bedeutet Schönheit für sie? Lange Zeit sei sie wie ein Junge herumgerannt. Jogginghose, Turnschuhe, überhaupt nichts Weibliches. „Meine Mama trägt traditionelle Kleider, Boubous und bunte Kopftücher, selbst zum Müllrausbringen. Wie eine afrikanische Prinzessin.“ In der westlichen Welt zeigten Frauen mehr Haut, seien weniger prüde, benutzten auffälliges Make-up. „Ich wollte eine Frau irgendwo dazwischen finden.“ Die euro-afrikanische Mischung ist ihr Verkaufskonzept, das nicht allen gefällt. Die Haltung mancher sogenannter Afro-Feministinnen, für die geglättete Haare und ein westlicher Kleidungsstil als Verrat an den eigenen Wurzeln gelten, findet sie albern. Sie kenne Afrika besser als die „Nappys“ (aus natural und happy), die ständig Authentizität einforderten. Es sei gerade die Vermischung westlicher und afrikanischer Kultur, die sie selbst ausmache, nicht nur äußerlich, sondern auch in ihren Ansichten. Politisch sei sie weder rechts noch links, die pragmatische Generation um den sozialistischen Premierminister Manuel Valls gefalle ihr. Der sei jenseits ideologischer Grabenkämpfe auf wirtschaftlich liberalem Kurs.

Die Schulden beglichen

Nach dem Franchising-Prinzip machte Hapsatou Sy andere Frauen zu Geschäftsführerinnen von Ethnicia-Shops. Mit dem Projekt „100 Frauen entscheiden, ihr Leben zu ändern“ wollte sie Frauen aus einfachen Verhältnissen ins Business verhelfen. Doch wenig später kämpften die ersten Läden ums Überleben: zu hohe Mietkosten für Geschäfte in Toplagen, zu wenig Know-how. „La success story verglüht wie eine Sternschnuppe“, schreibt die französische Wirtschaftspresse. Drei Millionen Euro Verlust in einem Jahr musste Ethnicia verbuchen, die Firma wurde abgewickelt.

Zur gleichen Zeit wurde Hapsatou Sy vom Fernsehen entdeckt und begann als Moderatorin einer täglichen Unterhaltungsshow. Sie kommentierte charmant und humorvoll das aktuelle Geschehen an der Seite weiterer französischer Powerfrauen wie Ex-Umweltministerin Roselyne Bachelot. Nie aber habe sie daran gedacht, der Geschäftswelt den Rücken zu kehren. Kurze Zeit später gründete sie das Label Hapsatousy. Der eigene Name steht von nun an für Kosmetik, Accessoires und Mode. Diesmal wollte sie alles richtig machen. Und das Privatfernsehen war die geeignete Bühne, um sich so zu zeigen, wie sie sich und ihr Produkt am liebsten sieht: locker, frech, fröhlich, gefühlvoll. Oder, um es mit Hapsatou Sy auf Englisch zu sagen: I am what I am.

Wenn man sich eine Weile mit ihr unterhält, spürt man, Hapsatou Sy betreibt das Geschäft mit dem eigenen Ich in absoluter Selbstbeherrschung. Sie will keine Fehler machen, das würde nur der Marke schaden. Bloß nicht angestrengt, nicht ausgepowert wirken. Und auch Details über ihr Privatleben gibt sie kaum preis. Nur so viel: „Ich bin in einer sehr glücklichen Situation.“ Kinder bekommen ja, aber „34 ist doch noch kein Alter“.

Seit März dieses Jahres hat sie ihre eigene Fernsehsendung auf D 8, die Castingshow Projet Fashion. Junge Designer konkurrieren um Starthilfe für ihr eigenes Mode-Label. Das Format ist eine Kopie aus den USA, und Hapsatou Sy das passende französische Vorbild. Stört es sie, zur Vorzeigeunternehmerin aus der Banlieue stilisiert zu werden? „Die Größe meines Landes besteht doch darin, Einwanderer als Gewinn anzuerkennen“, sagt sie. Ein überraschender Blick auf ein Land, in dem sich Jugendliche in Problemvierteln oft abgehängt und ausgeschlossen fühlen. Die Republik verdanke umgekehrt auch ihr eine Menge, erklärt sie. „Ich habe bis heute über 300 Arbeitsplätze geschaffen. Ich glaube, ich habe meine Schulden bei Frankreich beglichen.“

In der Tageszeitung Libération war über Hapsatou Sy zu lesen, sie hänge an Statussymbolen, kokettiere mit ihrem omnipräsenten, neuesten iPhone, das habe sie geärgert. Vielmehr habe ihr der Beruf ganz neue Möglichkeiten eröffnet, sie gehe jetzt öfter ins Theater, ins Kino oder besuche Ausstellungen. Ja, sie lebe natürlich heute in einer ganz anderen Welt als ihre Eltern. „In Afrika ist die Unabhängigkeit von Frauen nichts Selbstverständliches. Die größte Freiheit besteht für mich darin, tun und lassen zu können, worauf ich Lust habe.“ Ein neues Leben mit viel Business und Bling-Bling.

Sie möchte ihren Wurzeln verbunden bleiben, sagt sie. Bei ihrer ersten Reise auf den afrikanischen Kontinent, vor 15 Jahren, habe sie das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen. „Wenn ich dort bin, lege ich meine ganzen Verhaltensweisen einer Europäerin ab. Ich hole Wasser vom Brunnen und singe traditionelle Lieder.“ Ein bisschen Folklore wie für europäische Touristen? Klar, für die Dorfbewohner bleibe sie „die Weiße“. Aber eine „Botschafterin“ für Afrika sei sie nicht, auch wenn das manche aus der franko-afrikanischen Community gern so hätten.

Zweimal im Monat fliegt sie inzwischen nach Dakar. Im Gepäck Kunsthaarteile, Shampoos, Kapseln für kräftigere Fingernägel und Kleider für 750 Euro. Westlicher Luxus für einen Kontinent, den sie trotz der Flüchtlingsströme im Aufbruch sieht. „Ich fühle mich den flüchtenden Menschen verbunden. Sie haben die gleichen Ambitionen wie mein Vater. Nur war Frankreich damals eine Art Eldorado für Einwanderer. Heute würde ich refugees davon abraten, herzukommen. Hier wächst das Geld ja auch nicht auf den Bäumen. Aber in Afrika, da bewegt sich was!“ Sie hofft auf den Markt, auf neue Kundinnen in Dakar. „Versuchen Sie doch heute mal, in Frankreich Millionär zu werden. Da müsste Ihnen aber schon eine sehr gute Idee kommen. In Afrika können Sie schnell Millionär werden. Dort ist noch so viel zu tun – großartig!“ Blick aufs Smartphone, Küsschen, nächster Termin.

06:00 15.07.2015
Geschrieben von

Romy Strassenburg | Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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