Brief an P.

Paris Es hat sich etwas verändert. Was ist nach den Anschlägen vom 13.11 aus der Hauptstadt Frankreichs geworden und wie erinnern wir uns an die Zeit davor? Ein Liebesbrief

Um diesen Brief an Dich zu schreiben, bin ich extra ins Café O. hinunter gegangen. An einen Ort also, an dem ich zusammengenommen wohl einige Tage meines Lebens verbracht habe. Ein Ort, an dem ich mit Leuten über Projekte gebrütet, mit Freunden über Beziehungen, über Freundschaften, Familie und natürlich über Dich diskutiert, im besten Fall philosophiert habe. Ein Ort, an dem zumindest ein oder zwei Kellner mir zunicken, selbst wenn ich nur auf dem Nachhauseweg bin. Zugegeben: Ich bin auch hier, weil ich nichts mehr zu trinken im Hause habe. Aber nicht zuletzt, weil ich Dir besser schreiben kann, wenn Menschen um mich herum sind, an deren Gesichtern ich versuche, ihre Gedanken zu erraten.

Ich sitze an einem Tisch am Fenster und schaue nach draußen. Die Terrasse ist voller Menschen, voller junger Leute. In der Hand ein Glas, eine Zigarette, oder beides. Hier drinnen spielt eine Dixie-Band und aber habe ganz unverschämt Kopfhörer auf. Der Schlagzeuger bringt das Lied, das ich nur für mich höre,  aus dem Rhythmus. Es erzeugt einen zusätzlichen Herzschlag zu den Klängen der Band Louise Attaque, der von Pariser Nächten singt.

Als ich 15 war, hörten wir diese Lieder auf unseren ersten "erwachsenen" Partys in Berlin. Wir saßen mit Freunden auf einem Balkon in Berlin-Mitte und fühlten uns unheimlich lebendig und besonders. The french touch eben.

Du, die Welt und der Weltschmerz

Es muss an einer dieser Abende gewesen sein, als wir so gut es ging bei "Je t'emmène au vent" mitsangen und ein billiger französischer Rotwein die Runde machte, als ich mich in in dich verliebte. Da war so ein Gefühl, in eine neue, geheimnisvolle Welt eintauchen zu dürfen. Obwohl wir in der Schule gerade être & avoir konjugieren lernten, war das nix, gegen die classe, mit der Louise Attaque über dich, die Welt und den Weltschmerz sang.

Der Klang der Worte faszinierte mich und ich war mir sicher, seine Lieder waren insgeheim alle dir gewidmet. Aber als ich dich wenig später (endlich) das erste Mal selbst getroffen habe, fand ich dich ziemlich anstrengend und unausstehlich. Deinen Ruf als Casanova, als Mekka der Liebe war maßlos überbewertet. Im Gegenteil, du machtest mir mehr als ein Mal Liebeskummer. 

Es dauerte ein paar Jahre, wir hielten eine Fernbeziehung aufrecht, bis ich bei dir fand, wovon ich geträumt hatte. Ich entdeckte deine versteckten Seiten, saß in deinen bevorzugten Cafés und bewunderte Deine Schönheit. Ich durfte Dinge machen (manche nennen es Arbeit!), die mich dir ziemlich nahe brachten und dürfte an die verrücktesten Orte, mit vielen wichtigen oder sich wichtig nehmenden Leuten.

Alltag & Glamour

Ich hab dich bei Tag gesehen und bei Nacht, in Alltagsmomenten erlebt und im Glamour-Modus. Hab die letzte Metro verpasst und manchmal die erste genommen, als ich betrunken aus einem Club nachhause fuhr. Dann schwor ich mir, (fast) nie wieder Metro zu fahren und dich stattdessen auf zwei Rädern unsicher zu machen. Im Laufe der Zeit hast du mir viele deiner fantastischen Freunde vorgestellt, von denen ich einige bis heute nicht leiden kann. Andere haben dich längst hinter sich gelassen. Manche kommen zurück zu dir, wann immer sie können, wie Spielsüchtige ins Casino.

Obwohl ich weiß, dass die Plätze, die ich liebe, tausend anderen ebenso das Gefühl vermitteln, besonders zu sein, dass du tausend mal besungen, beklatscht, abfotografiert und in den Himmel gehoben wurdest, ändert das nichts an dem Gefühl, dich ganz allein für mich erobert zu haben. 

Kannst du dich erinnern? Dass ich ganz zum Anfang nur ein paar Schritte von der Bar entfernt gewohnt habe, in der ich jetzt sitze und dir schreibe? Nach 4 1/2 Umzügen bin ich wieder da gelandet, wo es mit uns beiden angefangen hat. Zugegeben, es ist nicht mehr dieses erste Verliebtsein, Kribbeln im Bauch etc. Ok ! Aber Du weißt ja, an die Stelle des Kribbelns tritt dann das, was man so allgemein Liebe nennt.

"Du machst mir Angst!"

Heute stelle ich fest, dass sich seit einiger Zeit etwas zwischen uns verändert hat. Ich will jetzt nicht melodramatisch klingen und ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel ... Du machst mir Angst! Klingt das ein bisschen hart in deinen Ohren? Du machst mir Angst, denn ich schaue auf die Menschen in meinem Alter, die vor dieser Fensterscheibe auf dem Bürgersteig stehen. Ich sehe die vorbeifahrenden Autos und denke ernsthaft (!) darüber nach, was passieren würde, wenn jetzt ein Auto anhält. Wenn jemand aussteigt und da draußen auf die feiernden Menschen zielt, sie einfach so abknallt. Ich frage mich, ob ich in der Lage wäre, mich zu bewegen oder einfach erstarrt dasitzen würde, unfähig nach draußen zu gehen und Ihnen zu helfen. 

Wenn du mich jetzt für verrückt oder paranoid hältst, dann hast du vielleicht vergessen, dass genau DAS vor drei Wochen passiert ist! Ich weiß, du sagst, du kannst nichts dafür und du tust ja gerade auch alles, was in deiner angeblichen, schwer bewaffneten und uniformierten Macht steht. Du willst nicht, dass ich Augenzeuge einer solchen Szenerie werde und das ist lieb von dir. Nur gibt mir der Anblick von Maschinengewehren und Soldaten nur noch stärker das Gefühl, es liege im Rahmen des Möglichen, ein Déjà-vu zu erleben.

Komisch, in den letzten Tagen hörte ich statt Louise Attaque einen englischen Song, We were here. Weil dort eine Textzeile lautet: "We made the city sing. And when the city sleeps, it dreams of us (...) Everywhere we've been, we have been leaving traces! They will never disappear, we were really here."

Ekelhaft nostalgisch? 

Seit es wieder ein bisschen ruhiger geworden ist arbeitstechnisch, hallt diese Textzeile in meinem Kopf. Wir waren wirklich hier. Dabei. Am 13. November 2015. Und während andere Kollegen im Breaking-News-Modus angereist und wieder abgereist sind, will ich auch nach Hause. Aber im Gegensatz zu den Kollegen nehme ich nicht den Flieger dorthin, sondern (selten) die Metro, den Scooter oder laufe zu Fuß vorbei am Bataclan oder dem Carillon zu mir. Wir sind noch da. Auch nach dem Abspann des Horror-Films, namens 13. November.

Und du? Es stimmt, wir haben dich zum Singen gebracht. We made the city sing...

Ich weiß, du wirst nicht in Schweigen verfallen, sondern weitersingen, weil alles andere Blödsinn wäre und ich mich verdammt schwer in dir getäuscht hätte.

Aber wir beide? Früher bin ich oft weggelaufen, wenn es schwierig oder anstrengend wurde und das klingt jetzt mega-abgedroschen, aber vielleicht lernt man doch aus seinen Fehlern. Verdient nicht jeder eine zweite Chance? 

Die Dixie-Band macht eine Pause. Ich will dir noch etwas aufmunterndes sagen, aber es wird trotzdem wie eine Drohung klingen: Du darfst Dich nicht allzu sehr verändern und mir fremd werden! Dich nicht in ein Schneckenhaus verkriechen oder in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln. Du darfst nicht deine Anziehungskraft (auf mich und Millionen andere) und unsere gemeinsame Lebensfreue verlieren. Deine liebenswürdige Heuchlerei,  deine Selbstverliebtheit, deine Boboitüde, sprich dein bourgeois-bohèmes Gehabe, und vor allem nicht die grande classe. Andernfalls bliebe mir nur noch die Erinnerung an vergangene Zeiten mit dir (und dann risikiert man ja schnell ekelhaft nostalgisch zu werden "Ach damals, das waren noch ... seufz ...!") 

Aber lass Dir eines gesagt sein: Wenn du diese Zeilen liest, dann bin ich noch da, versprochen! Komm schon, Paris ... ich glaube noch immer an das L-Wort für uns beide, amour fouUnd weil wir schon bei Gefühlsduselei sind, so ganz nebenbei: Merci für alles was hinter und alles, was noch vor uns liegt. Die Dixie-Band greift zu den Instrumenten. Zeit zum Bezahlen. Zeit um Nachhause zu gehen.  Zum Glück nur über die Straße ...

16:29 04.12.2015
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
Schreiber 0 Leser 10
Romy Straßenburg

Kommentare 3