Die Deutschtrommel

Sprachenstreit Frankreich plant Reformen beim Sprachunterricht. Ein Todesstoß für Deutsch als Schulfach? Sprache wird zum Politikum, wenn Berlin Paris zur "Deutschstunde" zitiert
Die Deutschtrommel
Najat Vallaud-Belkacem
Bild: LIONEL BONAVENTURE/AFP/Getty Images

"Isch spresche döetsch... eine kleine bieß'schen!" Was für ein charmant, meist peinlich berührt hervorgebrachtes Geständnis. In Frankreich gibt der oder die Stammelnde häufig zu, er habe sich zu Schulzeiten jahrelang mit Kants und Goethes Sprache gequält – in den seltensten Fällen allerdings mit ihr angefreundet.

Man muss weder Philologe noch beflissener Pädagoge sein, um zum Eindruck zu gelangen, dass es mit der Sprachvermittlung westlich des Rheins nicht gerade zum Besten steht. Dies kritisieren allen voran die Franzosen selbst. Doch damit soll nun Schluss sein! Früher und somit länger sollen Sprachen an französischen Schulen gepaukt werden, findet Bildungsministeriun Najat Vallaud-Belkacem: gleich zu Beginn der Grundschulzeit eine erste Fremdsprache und ab der Cinquième (in DL die 6. Klasse) eine zweite. Jusque-là, tout va bien!

Doch auf jedes So-weit-so-gut folgt naturgemäß von irgendeiner Seite das große Aber. In diesem Fall kommt das große Aber an der für 2016 geplanten Schulreform aus Berlin. Oder um einen aktuellen literaturgeschichtlichen Bezug herzustellen: Von deutscher Seite wird heftig die bildungspolitische Blechtrommel gerührt. Und selbige wird im Original, so fürchten Kritiker, zukünftig wohl kein Franzose mehr lesen können. Comment il s'appelle déjà ce mec? C'est qui, ce Grass?

Dass französische Reformbemühungen von deutscher Seite mal leise, mal etwas lauter mit einem Aber kommentiert werden, ist tout à fait normal. Jetzt aber tobt ein wahrer Ideologiestreit. Denn um die Reform des Sprachunterrichtes zu finanzieren, muss an anderer Stelle gespart werden. Die Opferlämmer tragen den Namen "Bilinguale- und Europa-Klassen", in denen einige Schüler ab der Sixième (im deutschen System entspricht das der 5. Klasse) mit zwei Sprachen gleichzeitig in ihr polyglottes Leben starten. Derzeit wählen 10 Prozent dieser Schüler Deutsch dazu, also zwei Drittel aller Deutschschüler an Frankreichs Schulen (15 %). 

Mit Wegfall dieses Systems, so glauben Gegner der Reform, stehe die deutsche Sprache an Frankreichs Schulen vor dem Aus. Nur durch die Einführung dieser Klassen sei der Schülerschwund im Fach Deutsch gestoppt worden. Gegen das Spanische sei man zukünftig machtlos. Rien ne va plus!

Dem Untergang geweiht?

Nix mit sparen also! Dabei wird SPAREN in Deutschland im Einklang mit "reformieren" ja eigentlich immer groß geschrieben und mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Nur wenn es um die Pflege des Deutschen im Ausland geht, ändert sich die Wahrnehmung. In der deutschen Presse ist von "einschränken", "zusammenstreichen", "ruinieren", "einstampfen" die Rede. Die deutsche Botschafterin in Paris warnte gar vor einer "atmosphärischen Beeinträchtigung unserer bilateralen Abkommen und Absprachen".

Handfesten Widerstand gibt es auch auf Seiten der Deutschlehrer: 30.000 Unterschriften wurden bereits gegen die Reformpläne gesammelt. Dutzende französische Abgeordnete und der ehemalige Premierminister Jean-Marc Ayrault, einst Germanistikstudent und Deutschlehrer, meldeten Bedenken an.

Es stimmt natürlich: Das Erlernen der jeweils anderen Sprache ist eines der vielen und wichtigen Bausteine des viel beschworenen deutsch-französischen Motors. Die vertraglich festgelegte, institutionalisierte und finanziell gut geförderte Zusammenarbeit hat beide Länder jahrzehntelang näher gebracht. Aus ihr sind so schöne Kinder wie das Deutsch-Französische Jugendwerk, der Fernsehsender Arte und die Deutsch-Französische Hochschule hervorgegangen.

Immenses Merci also an die tausenden tapferen Französisch- und Deutschlehrern, die uns seit Jahrzehnten geduldig den Unterschied zwischen Konjunktiv und Subjonctif zu erklären versuchen. Auch ihnen haben wir die engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, le franco-allemand, zu verdanken.

Aber ist es deswegen gerechtfertigt, nun den Untergang des Abendlandes zu beschwören, weil Frankreich eine Schulreform auf den Weg bringt, um die offensichtlich herrschenden Probleme beim Fremdsprachenerwerb anzugehen? Und tut Deutschland gut daran, sich in die Bildungspolitik des wichtigsten Partners derart offensiv einzumischen?

Verrat an der Generation Elysée-Vertrag? 

Ich bin selbst hin- und hergerissen. Weil ich einerseits über den klassischen Weg vom Schulfach Französisch in den Leistungskurs und anschließend zum Französischstudium gelangt bin. Und mit Hilfe von geförderten Projekten bin ich schließlich dauerhaft in Paris gelandet. Ich verdanke den Errungenschaften der "Generation Elysée-Vertrag" also wichtige Teile meiner Biografie.

Andererseits versuchte ich mich vor Jahren zum Zweck des Broterwerbs als Deutschlehrervertretung an einem Collège in der Pariser Vorstadt. Die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus verschiedenen sozialen Milieus dort waren eklatant. Wie sehr das familiäre Umfeld über den schulischen Erfolg in Frankreich entscheidet, bemängelt auch die OECD schon seit langem. Mit diesem Problem steht Frankreich aber sicher nicht allein da. Auch in Deutschland haben Kinder aus bildungsfernen Schichten weniger Chancen auf Erfolg – nur das macht es natürlich nicht besser.

Umso wichtiger ist es, neue und bessere Antworten auf diese Probleme zu finden – und dafür muss man mitunter auch erfolgreiche Elemente des bestehenden Systems wie die bilingualen Klassen in Frage stellen dürfen!

Elterlicher Bildungsanspruch

Was meine kurze Deutschlehrerkarriere angeht, verfolge ich immer noch immer über soziale und berufliche Netzwerke die Lebenswege "meiner Schüler" von damals. Nur in den seltensten Fällen habe ich mich getäuscht, was ihre beruflichen Erfolgsaussichten angeht. Das ist traurig!

Vor kurzem erreichte mich das Hilfegesuch einer ehemaligen Musterschülerin, die mittlerweile Fremdsprachen studiert und auf der Suche nach einem Praktikum im Deutsch-Französischen Kulturaustausch war. Ihr hatte ich mal null Punkte verpasst für einen Text, den sie bei Wikipedia geklaut hatte. Nicht aus Faul- oder Dummheit, sondern weil der Perfektionismus des elterlichen Bildungsanspruchs nicht erlaubt hätte, einen fehlerhaften Text abzugeben.

Schon früh dreht sich in Frankreich alles darum, den Nachwuchs auf ein möglichst prestigeträchtiges Lycée und später an die Grande École zu schicken. Auch die Gauche Caviar, die Kaviar-Linke, macht in der Elite-Reproduktion keine Ausnahme. Auf diesem Weg hat das Fach Deutsch den Ruf, hilfreich zu sein.

Deswegen ist es oft der Wunsch distinktionsbewusster Eltern, wenn die Wahl auf Deutsch als Fremdsprache fällt. Wenn es Vallaud-Belkacem also wirklich darum geht, mehr Schülern zu ermöglichen, gemeinsam, länger und besser Faust & Co zu büffeln, wie die Ministerin nicht müde wird zu versichern, dann lautet mein persönlicher Aufschrei: Honni soit qui mal y pense! – ein Schuft, wer Böses dabei denkt. 

So jung, so dumm?

Doch vielleicht fehlt mir auch die pädagogische Legitimität, das bildungspolitische Know-how und die elterliche Weisheit, um darüber angemessen urteilen zu können? Urteilen kann man aber sehr wohl über den Stil der momentan geführten Debatte. Statt gemeinsam über konstruktive Wege zu reden, wie man Anreize für das Deutschlernen schaffen kann, wird der Ton immer schärfer, bisweilen unsachlich und oberlehrerhaft. Mancherorts findet man in Leserkommentaren zum Thema ähnliche Argumentationsmuster und Stereotype wieder, wie sie die deutsche Griechenlanddebatte in ihren hässlichsten Zügen bestimmen.

Es geht gegen die "junge", die "aus Marokko stammende Ministerin", "die Sozialistin" (ist sie deswegen per Definition inkompetent, anti-elitär und nicht geeignet, Verständnis für die Sprache Goethes aufzubringen?). Bis hin zur Unterstellung, NVB räche sich an einem elitären System, weil sie zwei Mal durch die Aufnahmeprüfung an der Elitehochschule ENA gefallen ist. Sie wolle nun "Chancengleichheit durch mehr Gleichmacherei herbeiführen". Auf Deutsch reiche es bei ihr anscheinend nur bis zum kleinen Einmaleins.

Najat Vallaud-Belkacem bemühte sich in dieser Woche, die Wogen zu glätten und bei einem Treffen mit der deutschen Botschafterin und im Gespräch mit deutschen Journalisten für ihre Reform zu werben.  Ob ihre Pläne Aussicht auf Erfolg haben, wird auch daran liegen, ob Berlin im #deutschgate noch weiter mobil macht.

Wie man gegen ein deutsches Aber antrommelt, steht leider in keinem Deutschlernbuch. Da muss man schon zu Günter Grass greifen, aber natürlich nur im Original!

12:23 23.04.2015
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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