Dunkle Seite

Porträt François Ozon huldigt mal nicht starken Frauen, in seinem neuen Film rekonstruiert der Franzose den Missbrauch von Jungen durch katholische Priester
Dunkle Seite
„Franzosen interessieren sich kaum für deutsche Kultur. Mich erstaunt das“

Foto: Vincent Muller/Opale/Leemage/Laif

Das Büro ist geräumig und modern eingerichtet, es liegt in der dritten Etage einer Altbauwohnung im 2. Pariser Arrondissement. Unten rauschen die Autos und Scooter in Richtung Place de la République. Der Regisseur François Ozon platziert eine Wasserflasche auf dem schweren Glastisch vor sich. Er wirkt entspannt, auch wenn er gerade im Schnitt für den nächsten Film steckt.

der Freitag: Monsieur Ozon, in Ihrem neuen Film „Gelobt sei Gott“, da erzählen Sie die wahre Geschichte erwachsener Männer, die juristisch gegen Bernard Preynat, einen katholischen Priester vorgehen, der sie als Jungen sexuell missbraucht hat. Warum war das für Sie ein Kinostoff?

François Ozon: Ich bin wirklich durch Zufall auf das Thema gestoßen, über das in Frankreich ja viel in den Medien gesprochen wurde. Ich bin auf die Webseite der Opfervereinigung gegangen, habe dort die Erfahrungsberichte gelesen, speziell die Erinnerungen von Alexandre, die ich besonders eindringlich fand. Er ist jemand, der in der Institution steckt, der zutiefst katholisch ist und der seine Religion nicht in Frage stellt. Der gar an die Kirchenhierarchie glaubt, der sich an den Kardinal wendet. Er führt zunächst einen Kampf von innen heraus, weil er denkt, dadurch könne er die Dinge ändern. Erst als er merkt, dass sich nichts ändert, wählt er den Weg der Justiz.

Aber was hat Sie daran persönlich interessiert?

Ich wollte die Geschichte von Männern erzählen, die ihr Schweigen brechen. Die Handlung spielt in Lyon, der am stärksten vom Katholizismus geprägten Stadt Frankreichs. Und der ehemalige Bischof von Lyon, Kardinal Barbarin, war daher in seiner Amtszeit die wichtigste Figur der katholischen Kirche im Land. Ich wollte aber nie einen Film über die Kirche oder über Pädophilie machen. Ich wollte von der männlichen Verletzlichkeit sprechen, Männer zeigen, die ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Das war mein Thema.

In diesem Jahr wurde der Film im Wettbewerb der Berlinale gezeigt, eines Festivals, das für engagierte Haltung bekannt ist. Wollten Sie etwas Politisches machen?

Nein, es ist kein politischer Film. Ein politischer Film ist ein Film, der Lösungen vorschlägt. Ich zeige Fakten und stelle es dem Zuschauer frei, sie zu interpretieren. Ich zeige die verschiedenen Sichtweisen. Der Film steht eindeutig an der Seite der Opfer. Aber es kommen auch die Priester zu Wort, oder eben Kardinal Barbarin sowie die Kirchenpsychologin. Ich zeige, wie eine Institution funktioniert, das Urteil muss sich der Zuschauer selbst bilden. Und der Film endet nicht zufällig mit einer Frage. Aber etwas Politisches gibt es schon, in dem Moment, als ein Kollektiv gegründet wird.

Ein Kollektiv, das einen Kampf führt.

Ja, das ist politisch. Menschen, die sich gegenüber einer Institution allein glauben, entschließen sich, gemeinsam zu kämpfen und die Dinge in Bewegung zu bringen. Heute ist Kardinal Barbarin nicht mehr im Amt, und Preynat wurde abgesetzt. Der Kampf war also erfolgreich. Hier erzählt der Film tatsächlich einen politischen Weg.

Die Personen, die gezeigt werden, wollten das Erscheinen des Filmes juristisch verhindern: Waren Sie darauf vorbereitet?

Meine Produzenten und ich sind ein Risiko eingegangen. Aber über das, was der Film erzählt, wurde ja bereits geschrieben. Alle kennen die Geschichte: Reportagen waren erschienen, Dokus waren gedreht worden. Eigentlich konnte nichts überraschen. Was keiner kannte und was im Film behandelt wird, ist hingegen das Innenleben der Protagonisten, ihre Intimität. Wie die Ehefrauen das erlebt haben oder die Eltern, oder dass die Opfer selbst Kinder haben.

Es geht Ihnen vor allen Dingen um die Opfer.

Uns ist dann aber klar geworden, dass das Kino Angst einflößt, die Macht des Spielfilms ist einfach groß. Plötzlich wollte der Anwalt von Preynat den Film verhindern, und die Kirchenpsychologin klagte, damit ihr Name entfernt wird. Dabei hatte niemand den Film gesehen. Bei einer Doku hätte keiner so ein Aufsehen gemacht. Das Kino ist stark, der Zuschauer wird mit Emotionen geflutet, die Schauspieler verkörpern reale Personen.

Wie konnten Sie das Vertrauen der Betroffenen gewinnen?

Dass die Opfer bereit waren, sich mir anzuvertrauen, liegt auch an dem Oscar-Gewinnerfilm Spotlight, der ja so einen großen Erfolg hatte. Sie sagten sich: François wird eine französische Version von Spotlight machen.

In dem Film „Spotlight“ geht es aber eher um investigativen Journalismus, mit Pädophilie als Hintergrund.

Mein Film dreht sich wirklich um den Kampf der Opfer und das Ende des Schweigens. Ich habe versucht, die Ehefrauen und die Kinder der Betroffenen zu treffen, um zu verstehen, wie das Umfeld reagiert hat. Und für die Männer war der Film ein Weg, ihren Kampf fortzusetzen, weil sie mehr Leute erreichen konnten als bislang. Sechs Monate hatten die Medien berichtet, aber irgendwann war das Interesse vorbei. Ich glaube, das war für sie der Grund, mit uns zu arbeiten.

Hat die Arbeit an dem Film auch Erlebnisse aus Ihrer eigenen Kindheit aufleben lassen?

Wie alle Kinder, denke ich, erinnert man sich später an Erwachsene mit merkwürdigem Verhalten, vielleicht nur an einen Blick, eine Geste. Solche Erinnerungen sind bei mir aufgekommen. Und das ist ziemlich angsteinflößend, sich zu sagen: Mein Leben hätte aus den Fugen geraten können, wenn ich auf diese Person vielleicht ganz allein getroffen wäre. Ich bin nicht belästigt worden, aber als ich mich erinnert habe, dachte ich: Es hätte mir passieren können.

Sie sind für Ihre eindringliche Darstellung von Frauenfiguren bekannt. Nun geht es um das Gefühlsleben von Männern. Was treibt Sie in diese neue Richtung?

Lange Zeit fiel es mir leichter, durch die Inszenierung von weiblichen Figuren über mich zu sprechen. Ich hatte mehr Distanz, mehr Klarheit. Womöglich bin ich heute eher in der Lage, mich auf die männliche Perspektive einzulassen. Mittlerweile sind diese Männer ja jünger als ich, das macht es einfacher. In einer Zeit, in der immer mehr von der Gleichheit zwischen Mann und Frau die Rede ist, in der das Patriarchat angefochten wird, wollte ich zeigen, dass auch Männer Gefühle zeigen können, dass auch sie leiden. Im Kino sind es ja meist die Frauen, die weinen.

Info

Liebe, Trauer und Sex – es sind wiederkehrende Themen bei François Ozon. In seinem Drama 5 x 2 (2004) erzählt der Regisseur die Geschichte einer Ehe vom Ende her, in 8 Frauen entblättert er deren Neurosen und huldigt Starschauspielerinnen wie Deneuve oder Huppert.


François Ozon, Jahrgang 1967, Sohn eines Biologen und einer Französischlehrerin, studierte Regie an der Pariser Filmhochschule La Fémis. Schon vor Beginn des Filmstudiums inszenierte Ozon mit der Kamera seines Vaters einige Kurzfilme, u. a. den Stummfilm Photo de famille von 1988, in dem ein Jugendlicher seine Familie tötet. 1998 kam sein erster Langspielfilm Sitcom, eine Horrorkomödie, ins Kino. Seither drehte Ozon rund ein Dutzend zahlreich preisgekrönter Filme, darunter Swimming Pool (2003), Die Zeit die bleibt (2005), Jung & Schön (2013) und das Weltkriegsepos Frantz (2016).


Der 51-Jährige, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt und Fragen zur Geschlechteridentität in seinen Filmen behandelt, gehört zu den bekanntesten französischen Regisseuren. Sein jüngster Film, Gelobt sei Gott (Start 26. September) über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, erzählt die wahre Geschichte des Kampfes der Opfervereinigung „La Parole Libérée“ gegen den mittlerweile abgesetzten pädophilen Priester Bernard Preynat und die Vertuschung von Missbrauchsfällen durch den Lyoner Kardinal Barbarin, der sein Amt mittlerweile niedergelegt hat. Ozon lebt und arbeitet in Paris.

Der Mann handelt.

Ich wollte die Dinge umdrehen, die Schwächen, die Verletzlichkeit von Männern zeigen. Daneben weibliche Figuren, wie die Ehefrauen und die Mütter, die in meinem Film die Starken sind.

Wie sehen Sie den Zustand des französischen Kinos? Gerade sind ja eher Komödien populär.

In unserem Land wird das Kino als eigene Kunstform betrachtet. Es gibt sehr viel finanzielle Hilfe des Staates – noch. Wir haben momentan in Hinblick auf Macron die Befürchtung, dass es nicht so bleibt. Aber die Franzosen sind noch immer sehr cinephil. Kino wird ja sogar an der Schule gelehrt. Es gibt also eine weit reichende Tradition, und aus der entspringen sehr verschiedene Filme. Autorenfilme und solche für die breite Masse. Aber Regisseure meiner Generation beunruhigt es heute, wenn wir sehen, wie das junge Publikum Kino auf völlig andere Weise konsumiert. Gehen sie überhaupt noch ins Kino? Schauen sie nur noch Serien auf Netflix? Alles ändert sich gerade, und das Kinopublikum wird immer älter.

Wieso wenden sich gerade in den USA Regisseure immer mehr dem Serienformat zu?

Weil sie da eine enorme Freiheit haben. Das liegt ganz sicher an der Qualität amerikanischer Serien, bedenkt man den gewagten Stil einiger Produktionen. Das Kino ist dort viel angepasster. Es soll möglichst vielen Menschen gefallen. In den Serien, wie etwa Chernobyl oder Euphoria, die auf Privatsendern laufen, ist man risikofreudig. In Frankreich wird dieses Risiko noch immer im Kino eingegangen.

Wie war das bei Ihrem Film?

Er war nicht leicht zu finanzieren. Die Leute erwarten von François Ozon eben 8 Frauen oder Das Schmuckstück.

Frauenfilme.

Ja, und zum ersten Mal in meiner Karriere war der Sender Canal+ nicht unter den Produzenten. Dabei hat der Sender meine Filme bislang immer unterstützt. Eine Zeitlang dachten wir dann an ein Serienformat, aber wer finanziert solche Serienproduktionen in Frankreich am stärksten? Wieder Canal+.

Was halten Sie von Emmanuel Macron?

Macron versucht, Frankreich nach dem Vorbild anderer Länder zu verändern. Nur ist es eben ein Land, das Widerstand leistet, in guter Asterix-Tradition. Macron geht in Richtung einer Liberalisierung, die sich in allen Bereichen äußert, sei es in der Wirtschaft oder in der Kultur. Nach und nach schreitet er voran. Aber es gibt eine Reihe Filmschaffender, die politisiert sind und Druck ausüben. Wenn sie sich äußern, dann werden sie bei uns gehört. Große Zeitungen wie Le Monde oder Libération drucken ihre Sichtweisen. Die Société des réalisateurs, ein Kollektiv von Regisseuren, hat Einfluss auf intellektuelle Debatten in Frankreich.

Sind Sie Macron mal persönlich begegnet?

Ja, ich war zu einem Abendessen mit ihm eingeladen. Das war auf Initiative des Schauspielers Fabrice Luchini. Macron war damals noch Wirtschaftsminister, seine Frau war auch dabei. Das war ganz sympathisch, ja. Aber das sind eben solche gesellschaftlichen Anlässe.

Wie gefällt Ihnen das deutsche Kino?

Als Frantz herauskam, da war ich überrascht, wie sehr die Deutschen geschmeichelt waren, dass ich als französischer Regisseur einen Film über sie gedreht hatte – einen, der nicht zwischen 1939 und 1945 spielt, sondern zwischen 1914 und 1918. Diese Zeit kennen die Deutschen nicht so gut, da sind sie ein bisschen weniger die Bösen (lacht). Im Gegenzug fragten Franzosen: Warum beginnt die Handlung ausgerechnet in Deutschland!

Können Sie Deutsch?

Ich habe Deutsch in der Schule gelernt, es ist eine Kultur, die mich interessiert, und ich bin immer wieder überrascht von der Neugier der Deutschen auf die französische Kultur und andersherum vom Desinteresse der Franzosen an der deutschen Kultur. Rainer Werner Fassbinder ist einer meiner Lieblingsregisseure. Ich liebe den deutschen Film, der dann während des Krieges in die USA abgewandert ist, die vielen jüdischen Deutschen und Österreicher, wie Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Otto Preminger oder Josef von Sternberg.

Und neue, jüngere Regisseure?

Ich mag Christian Petzold oder im Theater Thomas Ostermeier. Zuletzt habe ich seine Inszenierung von Didier Eribons Rückkehr nach Reims gesehen. Heute schaffen es nur wenige deutsche Geschichten bis zu uns. Neuere deutsche Komödien kenne ich gar nicht, gibt es welche?

Sind Sie Workaholic?

Wenn ich ein Thema angehe, dann hänge ich mich voll rein. Jetzt bin ich erst mal froh, dass ich dieses Kapitel Pädophilie abgeschlossen habe, nachdem es mich ein Jahr lang beschäftigt hat. Aber von Natur aus bin ich eher faul. Ich bin beim Filmemachen produktiver als im wahren Leben.

06:00 01.10.2019
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg
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