Eine Frau für den Herrn

Porträt Anne Soupa will Erzbischöfin von Lyon werden und die katholische Kirche zur Modernität zwingen
Eine Frau für den Herrn
Soupa klingt weder ideologisch noch wutentbrannt – auch wenn sie sich schon mit dem Pariser Erzbischof angelegt hat

Foto: Oliver Chassignole/AFP/Getty Images

Man erreicht sie dieser Tage in ihrem Ferienhaus nahe Grenoble an der italienischen Grenze. Ein Rückzugsort, nachdem Madame Soupa die Zeit der strengen Ausgangssperre in ihrer Pariser Wohnung verbracht hat. „Ich widme mich ja sehr viel dem Studium von Bibeltexten, daher hat sich nicht sonderlich viel geändert, ich habe die Zeit nicht so brutal erlebt wie viele andere Franzosen.“ Ihre Stimme ist freundlich, klingt beruhigend, ihre Ausdrucksweise ist die einer nachsichtigen, milden Gelehrten. Und das, obwohl sie eigentlich in diesen Tagen ausreichend Grund hätte, aufgeregt zu sein. Immerhin hat sie innerhalb der katholischen Kirche und in der Öffentlichkeit den Anstoß für eine Debatte gegeben, in der sie die Hauptrolle spielt. Wenn am 28. Juni Kardinal Philippe Barbarin, der zur Demission entschlossene Erzbischof von Lyon, seine letzte Messe gehalten hat, dann muss der Vatikan alsbald einen Nachfolger bekannt geben. Und auch wenn es so gut wie aussichtslos scheint, können sich manche auch eine Nachfolgerin vorstellen – eine Erzbischöfin Anne Soupa. Allerdings wurde der 73-Jährigen keinerlei Reaktion des Heiligen Stuhls zuteil, seit ihre Bewerbung um das Amt im Raum steht. Auch ohne die Bischofsweihe, auf die sie keinen Wert legt, traut sich die Mutter von drei Kindern die Aufgabe zu, eine der ältesten und bedeutendsten Diözesen des Landes zu führen.

Sie arbeitet auch jetzt mit viel Energie an der Publikation von theologischen Texten, aus eigener wie aus fremder Feder. Überdies engagiert sie sich für zwei Vereine, die der katholischen Kirche progressive Impulse geben wollen. Einer Kirche, die Soupa erst nach der Geburt ihres ersten Kindes für sich entdeckt hat: „Meine katholische Tradition war das Wertvollste, das ich einem Kind mitgeben konnte, und so begann mein Engagement.“ Doch schnell gewann Anne Soupa den Eindruck, dass die Rolle der Frau zu Zeiten von Jesus Christus und in den biblischen Texten weit entfernt ist von der Stellung, die ihr die katholische Kirche in der Gegenwart zugesteht. Man habe sich „hinter einem konservativen Geist verschanzt“ und wolle sich nicht für eine veränderte Realität öffnen. Mit dem „Comité de la jupe“ (Komitee des Rocks) will sie auf diese Mängel aufmerksam machen und die Rolle von geistlichen Frauen stärken. „Wir sind nicht zahlreich, aber wir sind von großer Bedeutung“, meint sie nicht ohne Stolz in der Stimme. Mehr Macht für Frauen sei auch deshalb so wichtig, weil die Kirche durch die zahlreichen Fälle von Kindesmissbrauch in Misskredit geraten sei.

Wenn Kardinal Barbarin in Lyon jetzt sein Amt niederlegt, dann geschieht das, weil er einen besonders drastischen Fall jahrelang vertuscht hat. Durch den Prozess um den Priester Bernard Preynat (70 Kinder soll er zwischen 1970 und 1991 missbraucht haben) sei erkennbar geworden, dass die Kirche dem Problem nicht gewachsen war, erläutert Soupa. „Die Erzbischöfe von Lyon konnten nicht verstehen, was da vor sich ging. Sie haben die Traumata der geschädigten Kinder nicht gesehen, denn in der Kirche wird kaum auf Psychologen gehört. Und ich weiß, dass es weitaus schwieriger ist, in einer Gruppe von Männern einen Kollegen zu denunzieren. Man bleibt unter sich, man versucht, diskrete Lösungen zu finden, ohne die Justiz einzuschalten. Würden Frauen dazugehören, gäbe es diese Verhaltensweisen nicht“, ist Soupa überzeugt. Sie halte Frauen nicht für fähiger oder überlegen. Ihr gehe es um den Blick des oder der anderen – um die Diversität. „Das Unter-sich-Bleiben kann genauso auf Frauen zutreffen. Ich glaube, auch in Frauenklöstern gibt es viele Probleme, weil Einseitigkeit herrscht.“

Soupa klingt weder ideologisch noch wutentbrannt, selbst wenn sie sich schon mit dem Pariser Erzbischof André Vingt-Trois nach einer sexistischen Bemerkung angelegt hat. Lieber macht sie pragmatische Gründe geltend, die für eine stärkere Einbeziehung von Frauen in das kirchliche Leben sprechen: „Man kann nicht im Jahr 2020 eine Diözese so leiten, wie das im 18. Jahrhundert üblich war. Man muss Ökonom sein, Jurist, Soziologe, Psychologe. Man muss ganz unterschiedliche Qualitäten, pluridisziplinäre Kompetenzen , mitbringen. Aus diesem Grund ist es nicht mehr zeitgemäß, das Kirchenpersonal nur in den Reihen der Priester zu suchen.“ Die augenblicklich Verantwortlichen seien nicht ausreichend in der Lage, Frankreichs Diözesen „dynamisch, konstruktiv und weltoffen“ zu leiten. Soupa resümiert etwas milder: „Die Verwaltung ist derzeit nicht optimal und in Lyon erst recht nicht.“

Positive Impulse für ihre Anliegen findet sie bei der internationalen Organisation „The Voice of Faith“, ebenso bei der deutschen Bewegung „Maria 2.0“, die sich für eine stärkere Teilhabe von Frauen in der Kirche einsetzt. In Deutschland und in der Schweiz sieht sie Tendenzen für eine kirchliche Öffnung, auf die sie in Frankreich noch wartet. „Es geht hier nicht um eine persönliche Angelegenheit, nicht um meine Person. Ich mache keinen Lärm, um mich hervorzutun. Ich will andere Frauen ermutigen, sich gleichfalls um Ämter zu bewerben, damit man uns nicht mehr ignorieren kann.“ An die Mobilisierung von Katholikinnen, an die Organisation von Demonstrationen gar, glaubt sie hingegen nicht. „Wir stellen zwar die Mehrheit unter den Gläubigen, aber wir Frauen in der katholischen Kirche sind keine Aktivistinnen, ich sehe uns nicht auf der Straße.“ Ein paar Tage noch wolle sie in ihrem Ferienhaus nahe Grenoble bleiben, dann habe sie wieder in Paris zu tun. Dazwischen liegt Lyon und wartet auf ein neues Kirchenoberhaupt. Bereit für eine Erzbischöfin Soupa? Wohl kaum.

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06:00 27.06.2020
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 28/2020

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