„Ich lege Zeugnis ab“

Interview Die Uigurin Gulbahar Haitiwaji war in China 32 Monate in Haft, bevor sie zurück nach Frankreich durfte
„Ich lege Zeugnis ab“

Foto: Andreas B. Krueger für der Freitag

Ein grauverhangener Januarsamstag, Gulbahar Haitiwaji empfängt in ihrer hellen, modernen Wohnung im südwestlichen Pariser Vorort Boulogne-Billancourt. Auf dem gläsernen Wohnzimmertisch stehen Trockenfrüchte und Gebäck. Aus einer Kanne zieht der Duft von frisch gebrühtem Jasmintee durchs Wohnzimmer. Neben dem weißen Ledersofa hängen zwei uigurische Zupflauten an der Wand, im Fernsehen läuft ein Zeichentrickfilm. Davor sitzt Gulbahars ältere Tochter Gulhumar mit ihrem Mann und ihrem sechs Monate alten Sohn. Gulhumar, 29, hat Routine darin, die Erzählungen ihrer Mutter zu übersetzen, die lieber in ihrer uigurischen Muttersprache erzählt. Gerade ist ihr Buch Rescapée du goulag chinois (deutsch: Überlebende des chinesischen Gulags) erschienen, welches sie mit Hilfe der französischen Journalistin Rozeen Mogat verfasst hat und das einen seltenen Einblick in das Leben in den von China errichteten Umerziehungslagern für die muslimische Minderheit der Uiguren gewährt.

Gulbahar beschreibt darin die Hölle, durch die sie gehen musste, als sie in der Provinz Xinjiang zunächst sechs Monate ins Gefängnis, später in ein Umerziehungslager gesteckt wurde. Dabei hatten das Ingenieurspaar Haitiwaji und seine beiden Töchter bereits seit 2006 in Frankreich gelebt; sie hatten befürchtetet, durch die wachsende Diskriminierung der elf Millionen Uiguren in Xingjiang kaum noch berufliche und persönliche Perspektiven zu haben. Gulbahar indes hatte als Einzige der Familie die chinesische Staatsbürgerschaft behalten, um ihre Familie, besonders die alternde Mutter, weiter besuchen zu können. Ihre letzte Reise nach Xinjiang endete anders als geplant – hinter Gittern.

der Freitag: Frau Haitiwaji, der 19. November 2016 markiert einen Wendepunkt in Ihrem Leben. Sie lebten damals seit zehn Jahren in Frankreich und fühlten sich im Exil ganz gut angekommen. Was genau geschah an diesem Tag?

Gulbahar Haitiwaji: An diesem Tag erhielt ich den Anruf eines chinesischen Beamten aus Karamay, der mich aufforderte, nach China zurückzukehren, um Dokumente für meinen Rentenbescheid auszufüllen, für das Ölunternehmen, in dem mein Mann und ich vor dem Exil als Ingenieure beschäftigt waren. Ich war nicht sonderlich beunruhigt, denn seit wir in Frankreich lebten, war ich schon mehrmals ohne Probleme nach China gereist. Von Lagern hatte ich noch nie etwas gehört. So kaufte ich meine Flugtickets für eine zweiwöchige Reise, ohne zu ahnen, dass drei schreckliche Jahre auf mich zukommen würden.

Wenige Tage nach Ihrer Ankunft in Karamay wurden Sie verhört und festgenommen.

Als ich in Fesseln an den Füßen in eine Gemeinschaftszelle gebracht wurde, war ich überzeugt, nach einigen Tagen wieder freizukommen. Ich hatte ja nichts gemacht, ich war unschuldig, sie mussten sich geirrt haben. Vielleicht hatte man mich mit jemandem verwechselt, dachte ich. Ich fragte die Mitinsassinnen, wie lange sie schon hier seien. „Seit zwei Monaten“, sagte mir eine, „seit einem Jahr“ eine andere und die nächste „seit zwei Jahren“. Das hat mich sehr schockiert. Ich versuchte, einen Offizier zu befragen, wie lange ich bleiben müsse, und er schaute mir ganz direkt in die Augen und sagte: „Das hier ist erst der Anfang!“ In diesem Moment überkam mich ein Gefühl von Unrecht und Hoffnungslosigkeit. Ich war der Ansicht, es müsse doch Gesetze geben und Rechte, man könne mich nicht einfach grundlos festhalten. An der Zellenwand hing sogar eine Gefängnisordnung und dort hieß es, man habe das Recht auf einen Anwalt. Mir allerdings wurde gesagt, dieses Recht gelte nicht für politische Häftlinge, zu denen ich gehörte.

Während der Befragung zeigte man Ihnen Fotos Ihrer Tochter, aufgenommen bei einer Demonstration von Uiguren in Paris. Der Vorwurf lautete terroristische Aktivitäten. Wie geht man mit politischen Häftlingen um?

Eines Tages kamen schwerbewaffnete Männer in Militäruniform in unsere Zelle und ketteten mich und noch drei weitere Frauen an. Wir waren die einzigen politischen Insassinnen. Wir wurden nebeneinander auf der Pritsche festgemacht. Ich empfand in diesem Moment keine Trauer. Ich sagte mir trotzig: Wenn das das Einzige ist, was euch einfällt, mich hier anzuketten, dann tut, was ihr denkt. Auf diese Weise werdet ihr mich nicht kleinkriegen. Doch als ich dann vor 20 anderen Frauen meine Notdurft verrichten musste, traf mich das sehr und brachte mich zum Weinen. Wir haben nie erfahren, was sich während der 20 Tage, in denen wir angekettet waren, draußen zugetragen hat, so dass wir auf diese Art bestraft wurden.

Zur Person

Gulbahar Haitiwaji, 54, arbeitete in Karamay bei einer Ölfirma, in Frankreich dann in einer Bäckerei. Am 2. August 2019 befand sie ein Richter in China kurzum für „unschuldig“. Ihr Buch ist in Frankreich bei Éditions des Équateurs erschienen

Nach sechs Monaten wurden Sie aus dem Gefängnis in eine sogenannte Schule überführt. Was erwartete Sie dort?

Als wir am Anfang von der angeblichen Existenz solcher Schulen hörten, stellten wir uns darunter wirklich eine Art Universität vor, mit Schlafsälen, wie auf einem Campus. Wir dachten, wir werden uns schminken können, ein Telefon haben und kommen und gehen, wann wir wollen, unsere eigene Kleidung tragen. Schnell allerdings wurden wir desillusioniert. Es unterschied sich nicht von einem Gefängnis. Nach unserer Ankunft wurden wir in gestreifte Gefangenenuniformen gesteckt. Dann wurden wir in verschlossene Zellen verbracht, ein Eimer auf dem Boden diente als Toilette für zwölf uigurische Insassinnen. Überall waren Kameras, überall wurden wir überwacht.

Wie sah Ihr Alltag im Lager aus?

Wir hatten wirklich einen sehr durchgeplanten, strengen Tagesrhythmus. Egal, wo wir uns hinbegaben, immer mussten wir in Reihe laufen, ob zur Toilette oder zum Unterricht oder zurück in die Zelle, immer liefen wir in einer Reihe. Vor jeder Unterrichtsstunde und vor den Mahlzeiten mussten wir China, der Kommunistischen Partei und Xi Jinping danken. Dieser Dreiklang tauchte immer wieder auf: „das Land, die Partei, der Führer Xi Jinping“. Am Ende einer jeden Mahlzeit und nach jedem Unterricht mussten wir ihnen unsere besten Wünsche aussprechen. Wir absolvierten elf Stunden Unterricht am Tag, im Klassenzimmer sitzend. Alles mussten wir auswendig lernen. Neben der chinesischen Sprache standen auch die Geschichte und das Rechtswesen Chinas auf dem Programm. Außerdem lernten wir jede Woche neue patriotische Lieder auswendig. Immer freitags fand dann eine schriftliche und eine mündliche Prüfung statt. Jeden Abend mussten wir chinesisches Staatsfernsehen schauen, jedoch ausschließlich Nachrichten über nationale Themen, nie Informationen über das Ausland. Anschließend erledigten wir noch Hausaufgaben. In einem Heft sollten wir Texte verfassen, über das, was wir gesehen hatten, was uns im Kopf geblieben ist. Das alles sollte dazu dienen, uns unsere Erinnerungen zu nehmen, unsere Tradition vergessen zu machen. Zu vergessen, wer wir eigentlich sind. Ich lernte das zwar alles auswendig, jedoch nur mit dem Ziel, die Prüfung zu bestehen. Heute ist all das, was ich damals jeden Tag auswendig lernen musste, einfach völlig weg.

Neben dieser Gehirnwäsche, wie veränderte sich Ihr Körper durch die harten Haftbedingungen?

Bereits nach dem ersten Monat hatte ich 15 Kilo abgenommen. Ich lebte mit dieser Angst um meinen Körper. Irgendwann spürte ich meine Organe pulsieren, in meinem Bauch hämmerte es, mein Herz aber schlug kaum spürbar. Im Schlaf schmerzte mein Körper überall. Meine Knochen stachen überall hervor und rieben auf der Pritsche. Manchmal war es so eng in der Zelle, dass ich nicht wusste, wohin mit meinen Armen. Im Lager gab es dann zweimal im Jahr eine Impfung. Angeblich durften wir darüber entscheiden, aber wer sich weigerte, wurde tagelang bearbeitet und am Ende machten alle mit. Viele junge Frauen hatten kurze Zeit später ihre Regel nicht mehr und machten sich große Sorgen, ob sie noch Kinder bekommen können und heiraten werden. Ich wurde skeptisch, was es mit diesen angeblichen Impfungen wirklich auf sich hat. Erst als ich zurück in Frankreich war, erfuhr ich von Berichten über Sterilisierungen. Auch wenn ich es nicht beweisen kann, glaube ich, dass genau das in den Lagern geschieht.

Wie erlebten Sie das Miteinander unter den Insassinnen im Gefängnis und später im Umerziehungslager?

Wir waren sehr vorsichtig, da überall Kameras installiert waren. Wenn also eine Mitgefangene weinte, konnten wir sie nicht spontan trösten. Wir stellten uns mit dem Rücken zur Kamera und sprachen ihr dann leise zu, es wird schon gehen, alles wird gut, hör auf zu weinen. Diese Solidarität unter den Frauen, die hat mich stark beeindruckt. In der Haft konnten wir ja keine Besucher empfangen, im Lager allerdings schon, und manchmal bekam eine von uns Bonbons oder andere Kleinigkeiten. Wir teilten alles auf. Ein Stück Seife in zwanzig winzige Brocken, aus einem Bonbon machten wir vierzehn, fünfzehn Stücke. Dennoch erzählten wir den anderen nie etwas über unser Privatleben, über unsere persönliche Geschichte. Wir wussten nicht, wem wir vertrauen konnten.

Xinjiang-Konflikt

Überwachung Im Nordwesten Chinas gelegen, wurde das Gebiet der turksprachigen, muslimischen Uiguren 1949 in die Volksrepublik eingegliedert. Das „Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang“ im äußersten Nordwesten Chinas hat große Bedeutung für das globale Infrastrukturprojekt der Neuen Seidenstraße. VW unterhält hier ein Werk. Benachteiligung gegenüber einer gezielt angesiedelten han-chinesischen Bevölkerung rief immer wieder Proteste der Uiguren hervor, 2009 eskalierten diese in Angriffen auf Han-Passanten. Auch in Folge von Anschlägen uigurischer Separatisten hat Peking ein System der totalen Überwachung installiert, seine Umerziehungslager nennt es berufliche Bildungszentren. Den Vorwurf eines Genozids, wie ihn die alte und auch die neue US-Regierung erheben, weist China zurück.

Gab es einen Moment, an dem Sie dachten, Sie würden das Lager vielleicht nicht überleben?

Ich erinnere mich an die Nacht des 23. Dezember 2018. Ich schlief bereits, als Polizisten in unsere Zelle kamen, mich an Händen und Füßen in Fesseln legten, mir einen Sack über den Kopf zogen. Sie setzten mich in ein Auto, ich fragte nicht, wohin wir fuhren. In diesem Moment dachte ich, sie werden mich töten, sie werden meine Leiche in die Wildnis werfen und ich habe nicht einmal die Kraft, mich zu wehren. Ich dachte an gar nichts mehr. In meiner Hoffnungslosigkeit war es mir egal, ob sie mich umbringen würden. Ich dachte, es sei besser zu sterben, als so zu leben. Am Ende dieser nächtlichen Fahrt fand ich mich in einer anderen Gefängniszelle wieder.

Während Ihrer Haft, drei Jahre lang, kämpfte besonders Ihre ältere Tochter Gulhumar in Frankreich für Ihre Freilassung. Sie machte in den Medien auf Ihr Verschwinden aufmerksam und schaltete das Außenministerium ein. Welche Rolle spielt für Sie die politische Dimension Ihrer Geschichte?

Ich bin sehr glücklich, mein Buch geschrieben zu haben, zu erzählen, was ich erlebt habe, und dass das Buch dazu beitragen kann, die Wahrheit ans Licht zu bringen über die Politik Chinas gegenüber der uigurischen Minderheit. Ich habe das Buch geschrieben, weil die Leute dort, selbst wenn sie aus den Lagern freikommen, nicht darüber sprechen können. Wenn sie den Mund aufmachen, bringt man sie zurück in die Lager. Ich habe hier die Freiheit, an ihrer Stelle zu sprechen. Dennoch glaube ich nicht, dass ich mit meinem Buch Politik betreibe. Ich sehe mich nicht als politische Persönlichkeit, ich lege nur Zeugnis davon ab, was ich erlebt habe.

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06:00 16.02.2021
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 08/2021

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