„Ich weiß nicht, was heute unser Ding ist“

Porträt Philippe Manesse betreibt seit 1969 das Café de la Gare in Paris. Ein Ort für Kunst, Liebe, Anarchie. Heute kämpft das Theater ums Überleben. Und um sein Erbe
„Ich weiß nicht, was heute unser Ding ist“
Philippe Manesse hatte die Idee zu seinem Café, als die Barrikaden brannten, und ist nun abhängig von Subventionen

Foto: Etienne Laurent für der Freitag

Ein Frühsommertag in Paris. Sie ist unscheinbar, die Toreinfahrt, 41, Rue du Temple. Die pittoreske Straße schlängelt sich vom Hôtel de Ville hinauf bis zur Place de la République und liegt mitten im Marais, dem Viertel, das einst von jüdischer Kultur geprägt war, später zur Hochburg der Pariser Gay Community wurde und heute mit Bars und Geschäften Touristen anzieht. Kaum einer verirrt sich in den hübsch gepflasterten Hof.

Zumbaklänge hallen aus einem offenen Fenster eines der Tanzstudios im Erdgeschoss. Eine Frauenstimme trällert Anweisungen für ihre Schüler. Mozart, Debussy, Beethoven – mit diesen Namen sind die Eingänge zu den geräumigen Gebäudeteilen in dem viereckigen, renovierten Stadtpalais beschildert. Auf der linken Hofhälfte stehen Kellner vor dem Restaurant Grand Coeur und platzieren ihre Gäste auf der Terrasse unter einer blauen Marquise vor strahlend weißen Tischtüchern.

Auf der Hinterseite des Hofes wartet auch Philippe Manesse auf Gäste. Sein Theater Café de la Gare hat nur von außen Hipster-Chic. Es ist ein Erbe der 68er, und Manesse führt diesen Mythos weiter. Ein nachdenklicher Mann, Ende 60, mit leuchtenden Augen. Seit fast 50 Jahren ist er Theaterdirektor, dabei könnte er bald in Rente gehen. Im Moment hoffe er, an diesem Freitagabend wenigstens 30, vielleicht 40 Zuschauer in sein Haus zu locken, sagt er. Manesse trägt ein schwarzes T-Shirt und Jeans, ein Handyknopf steckt im Ohr. Er führt durch sein Theater, durch die Kulissen. In der Maske hängen Poster aus den Anfangsjahren, klebrige Spiegel, vergilbte Zeitungsausschnitte. In einer kleinen Werkstatt liegen Unmengen von Hämmern und Bohrmaschinen. Philippe Manesse setzt sich auf einen Hocker in seinem Büro, auf dem Tisch stapeln sich die Akten. Man spürt, die guten Zeiten des Café de la Gare liegen lange zurück.

Philippe Manesse redet unaufgeregt, leise. Nur wenn er von früher erzählt, lächelt er. Im Café de la Gare hat er fast sein ganzes Leben verbracht. Er ist ein Fossil, ein Kämpfer gegen die Zeit.

Selten treten seine Ensembles noch vor mehr als 300 Zuschauern auf, dann ist sein Saal ausverkauft. „Wir fragen am Ende immer, wer das erste Mal zu uns gekommen ist, und das sind rund 70 bis 80 Prozent. In den 1970er Jahren hatten wir so was wie ein Stammpublikum, das zu jeder Aufführung kam“, erzählt er mit sanftmütigem Blick. Im Moment stehen zwei Stücke auf dem Programm, J’aime beaucoup ce que vous faites und Oui, die von der Kritik als sympathische, wenngleich harmlose Komödien besprochen werden.

Hässlich und dreckig

Als die Idee zum Café de la Gare geboren wurde, waren die Zeiten in Aufruhr. An den Pariser Universitäten brannten Barrikaden, die Studenten rebellierten gegen die verkrusteten Strukturen des Systems und die Politik de Gaulles, der ein Jahr darauf zurücktrat. Viele Kreative ließen sich von den Protesten inspirieren.

Aus der Freundschaft zwischen den beiden Schauspielern Romain Bouteille und Michel Colucci, besser bekannt als Coluche, entstand der Wunsch, ein eigenes Theater zu gründen. Zu dieser Zeit gab man einer konventionellen Inszenierung nur wenige Wochen, und ohne prompten kommerziellen Erfolg wurden die Stücke wieder abgesetzt. „Besonders Romain Bouteille machte das so wütend, dass er vorschlug, eine neue Spielstätte zu schaffen, die ganz im Geist der 68er stehen würde, sowohl was die politische Haltung als auch was die Finanzierung anging“, sagt Manesse. Er träumte vom Schauspiel und kam über Freunde zur Truppe, die er nie wieder verlassen sollte.

Unter dem Slogan C’est moche, c’est sale, c’est dans le vent („Es ist hässlich, es ist dreckig, es ist zeitgemäß“) brachten sie ein Jahr später die ersten Stücke auf die Bühne, die noch nicht mal fertig waren, die sie selbst schrieben, inszenierten und spielten. Darin ging es um die Macht des Geldes, sexuelle Befreiung, soziale Ungleichheiten, Konsum. Gleichzeitig wollten sie das Publikum hemmungslos zum Lachen bringen. Eine Art Theaterversion der Nouvelle Vague, mit Platz für Improvisation, Sketche, spontane Diskussionen oder politische Lesungen. Am Ende jeder Aufführung wird bis heute dieser letzte Satz von den Schauspielern gesprochen: Si vous voulez sortir, c’est par là, et par là, pas par là. Vous pouvez parler entre vous („Wenn Sie hinauswollen, da geht es lang und da, nicht da lang. Sie können jetzt miteinander reden“).

Das erste Café de la Gare lag in einer kleinen Gasse in Montparnasse, es waren ein Dutzend Freunde eingespannt, darunter der charakterstarke Patrick Dewaere, den viele Zuschauer aus Kinofilmen kannten. Unser Schönling“, sagt Manesse und lacht. Schauspielerinnen wie Sotha oder Miou-Miou hatten hier ihr Sprungbrett. Manesse erinnert sich an den Geist dieses zusammengewürfelten Ensembles: „Wir waren eine verrückte Truppe, aber dieses Verrücktsein war eigentlich die Voraussetzung, um mitzumachen. Wir haben alles alleine auf die Beine gestellt, vom Kartenverkauf bis zu den Kostümen.“ In der Anfangszeit gab es nicht mal einen festen Eintrittspreis, man schenkte am Ende der Vorstellung Getränke aus, eine Bar ließ sich wie ein Kulisse hinauf- und hinunterziehen. Die Zuschauer drehten an einem selbstgebauten Holzrad und konnten je nach Resultat zwischen 1 oder 30 Franc für ihre Karte zahlen. Auch die Platzwahl verläuft bis heute nach dem Glücksprinzip. Sitznummern gibt es auf den schmalen bunten Bänken nicht.

Manesse bereitet heute der finanzielle Druck Sorge. Lange, so sagt er, könne er das Haus, das er schon mehrmals vor dem Ruin gerettet hat, nicht mehr offen halten. Und ohne Subventionen von der Stadt wäre der Vorhang schon gefallen.

Dans la rue – Franzosen im Arbeitskampf

Unruhige Zeiten sind es gerade in Frankreich: In diesen Tagen stellen sich Studenten gegen die Hochschulreform der Macron-Regierung.

Neben der legendären Pariser Universität Nanterre, in der die 68er-Proteste ihren Anfang nahmen, sind auch landesweit Universitäten besetzt. Das neue Hochschulgesetz, das 2021 in Kraft treten soll, würde das in Frankreich ohnehin extrem elitäre und selektive Bildungssystem noch undurchlässiger machen, bemängeln viele Kritiker. Stipendien sollen mehr nach Leistung als nach sozialen Kriterien vergeben werden. Auch die staatliche Bahngesellschaft SNCF wird seit Anfang April bestreikt.

Mit seinem Vorhaben, die staatliche Eisenbahn zu modernisieren, stößt der französische Präsident bei der Eisenbahngewerkschaft GGT auf Widerstand. Bis Juni soll es weitere Streiktage geben.

Macron will die Arbeitslosenversicherung umkrempeln und den Beamtenapparat reduzieren. Im öffentlichen Dienst sollen insgesamt 120.000 Stellen abgebaut werden. Und so reagierte der Präsident auf die Proteste: Arbeitskämpfe seien „nicht dazu angetan, die Regierung zur Aufgabe dessen zu bewegen, was begonnen wurde“. In der momentanen Lage solidarisieren sich Arbeiter und Studierende auch hin und wieder.

Dabei wird der Mythos der 68er durchaus reflektiert. Graffiti und Plakate an den Wänden belagerter Universitätsgebäude beziehen sich ausdrücklich auf die Zeit vor einem halben Jahrhundert. Ein einprägsamer Slogan kehrt zurück: Soyez réalistes, demandez l’impossible („Seid Realisten, verlangt das Unmögliche“).

Im Jahr 1973, der französische Präsident hieß mittlerweile Georges Pompidou, war die Truppe in die Rue du Temple umgezogen, in ein ehemaliges Postamt. „Die Gegend hier sah damals noch völlig anders aus. Westlich klaffte ein riesiges Loch, weil die alten Pariser Hallen abgerissen wurden“, erzählt Manesse. „Gleichzeitig bauten sie das Centre Pompidou. Wir sahen nachts, wie die Einzelteile des Monsters angeliefert wurden, vierzig Meter lange Stahlteile, das war unfassbar beeindruckend.“ Auch die Truppe musste bauen, die Bühne, die Sitzreihen und die Werkstätten. Die Schauspieler wurden zeitweise zu Handwerkern, und neue Mitstreiter stießen dazu. Gérard Depardieu oder der gesellschaftskritische Sänger Renaud. Es war der Anfang ihrer Karriere. „Nach den ersten vier, fünf Jahren wurde uns bewusst, dass das Theater nur überleben würde, wenn wir ein bisschen Ordnung in das Chaos brachten. Da ich derjenige war, der am Ende der Vorstellung die Einnahmen an alle verteilte, schlitterte ich ohne Zutun in die Rolle des Direktors.“ Manesse versuchte auch Ensembles von außerhalb ins Programm zu holen und die Eintrittspreise festzumachen, um die Miete und die laufenden Kosten hereinzuholen. „Anarchie zu bändigen, ist kompliziert“, sagt er und lacht. Für die Schauspieler und Regisseure (häufig ein und dieselbe Person) war es ein wunderbares Umfeld mit eigenen Regeln, die darin bestanden, keine Regeln zu etablieren. „Auf der Bühne sollten keine Hierarchien herrschen, besonders wenn wir improvisierten. Wenn man zu viel Platz innerhalb des Ensembles einnimmt, dann entstehen Machtverhältnisse. Wir wollten uns wie Komplizen fühlen, gemeinsame Energie ausstrahlen, keine Unterdrückung dulden.“ Wer aber Probleme machte, das war der charakterstarke Künstler Coluche, der die Truppe 1970 nach einem Streit und Handgreiflichkeiten mit Romain Bouteille verließ. „Er war einfach unausstehlich und aggressiv und trank wie ein Loch. Nun ja, ich hab ihm ja auch die Freundin ausgespannt“, sagt Manesse, fast schwingt ein bisschen Stolz mit.

Später gründete Coluche die TafelLesRestos du Cœur“und wurde zu einem der populärsten Komiker Frankreichs. Immerhin, soziale Gleichheit war ein Anliegen der 68er. Vier Jahre später spielte die komplette Truppe wieder zusammen, im Protestfilm Themroc (1973), auch Michel Piccoli war dabei. Kein kommerzieller Erfolg, aber gefeiert von den 68ern. Die Monologe bestanden überwiegend aus Schreien, Grummeln und Gejohle. Die Mitglieder des Café de la Gare wollten auch privat ihrem Wunsch nach Freiheit gerecht werden. Und das lief nicht immer ohne Konflikte. Die Schauspielerin Marie-Christine Descouard, Autorin des Buches Le Café de la Gare, quelle histoire!, habe als Freundin von Bouteille zu vielen Auseinandersetzungen geführt. „Romain stand unter ihrer Fuchtel. Einmal kam es deswegen zu einem Streit während eines Stücks. Die Hälfte der Truppe ist einfach abgehauen. Wir Übriggebliebenen mussten alle Rollen spontan übernehmen.“ Nach Miou-Miou begann Manesse eine Beziehung mit Sotha, einer Ex von Patrick Dewaere. Ihre drei Kinder wuchsen in der Truppe auf, der großen Familie in der Rue du Temple. Heute seien bunte Familien die Regel, doch damals schockierten sie mit ihrem Lebensstil. „Wir hatten aber nie gleichzeitig was untereinander. Wir führten schon richtige Beziehungen.“

Bequeme Linke

An die Erfolge der Anfangsjahre konnte die Truppe, die sich nach und nach auflöste, ab den 1980er Jahren nicht mehr anknüpfen. „Als mit Mitterrand die Linke an die Macht kam, da wurden die Leute bequemer. Sie fanden, es sei ja nun nicht mehr nötig, linksorientiertes Theater zu unterstützen. Sie hatten nicht mehr das Gefühl, sich auflehnen zu müssen, sie wurden angepasster.“ Der Geist von 1968 habe zwar damals die Dinge vorangebracht. Davon sei aber kaum was übrig geblieben. Heute seien es Fernsehserien, die dem Theater die Zuschauer nähmen. Man könne die Folgen wie Häppchen vernaschen. Stücke mit politischer Botschaft und brutalem Humor finde man kaum noch. „Wir können unsere politische Linie heute gar nicht mehr fahren. Und diese Hipsterschiene in dem Viertel ist auch nicht unser Ding. Wobei, ich weiß nicht, was heute eigentlich noch unser Ding ist.“ Sein Blick ist melancholisch.

Bis heute lebt Manesse in einer kleinen Wohnung im Hof, sein Arbeitsweg bemisst sich in ein paar Schritten. Sein Sohn Thimothée wohnt im Dachgeschoss darüber. Er ist als Einziger dem Beispiel seiner Eltern gefolgt und spielt am Café de la Gare. Manesse sage seiner Familie manchmal, vielleicht müssten sie verkaufen. „Aber dann bekomme ich wirklich was zu hören!“ Er macht also weiter. „Natürlich würde ich meine Zeit gerne im Garten in der Provinz verbringen“, sagt er. „Aber ein Theater macht man doch nicht einfach so zu.“

06:00 29.05.2018
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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