Im Namen Allahs

Porträt Ludovic-Mohamed Zahed gründete bei Paris die erste Moschee für Homosexuelle in Europa. Er kämpft für die Homo-Ehe – und für einen Islam, der niemanden diskriminiert
Im Namen Allahs
Foto: Andreas B. Krueger für der Freitag

Ein kleines Zimmer in Algier. Im Dunkel der Nacht wälzt sich der 17-jährige Mohamed Zahed in seinem Bett hin und her. Er schaut auf den schlafenden Jungen, mit dem er das Zimmer teilt. Beide gehören zu einer Gruppe junger Salafisten. Sie beten jeden Tag zusammen, manchmal ab morgens um vier bis spät in die Nacht. Und sie pauken Arabisch. Wie besessen wiederholt Zahed Koranverse. Er will ein guter Muslim sein. Mehr noch, er will den Islam lehren und Imam werden.

Doch nun bringt die Anwesenheit dieses Jungen ihn um den Verstand. Er spürt den unaussprechlichen Wunsch, einen Mann zu berühren. Keiner darf davon erfahren. Und doch: Da sind diese Bilder, Träume und die Erinnerungen an das seit Beginn der Pubertät unterdrückte Verlangen. Es ist der Moment, in dem Zahed sich eingesteht, dass er homosexuell ist. Aber es wird noch ein langer Weg bis zu dem Punkt, an dem er eines Tages offen sagt: Ich bin ein gläubiger Muslim – und ich liebe Männer.

Fast zwei Jahrzehnte später kann er befreit darüber sprechen. Und er hat einen Ort geschaffen, der ihn mit seiner Vergangenheit versöhnt. Im vergangenen November hat er östlich von Paris eine Moschee für Schwule und Lesben, für Feministinnen und Transsexuelle eröffnet. Aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen achtet er darauf, dass die Adresse geheim bleibt. Als Treffpunkt schlägt er ein Café am Ufer der Seine vor, gegenüber von Notre Dame. Etwas abgehetzt betritt er es. Eine Besprechung mit seiner Professorin habe ihn aufgehalten, sagt er. Zahed promoviert zu seinem Lebensthema: In seiner Doktorarbeit in Anthropologie will er zeigen, wie der Koran es tatsächlich mit Homosexualität hält.

Ein anderer Islam

Er legt seinen Mantel und ein Palästinensertuch über einen Stuhl und bestellt eine heiße Schokolade. Er ist gerade ein gefragter Gesprächspartner und viel unterwegs in diesen Tagen, in denen Frankreich erbittert über das Gesetz zur Gleichstellung von Homosexuellen streitet. Alle großen Religionsgemeinschaften sind sich in ihrer Ablehnung einig. Trotz dieses Widerstands hat die französische Nationalversammlung am Dienstagnachmittag für den Gesetzentwurf für eine "Ehe für alle" gestimmt. Der Senat muss aber noch zustimmen.

Der Streit um die Homo-Ehe hat eine Debatte um Glauben und sexuelle Identität losgetreten, die in den Augen von Zahed auch viele bislang unsichtbare Muslime betrifft. Ihnen möchte er eine Stimme geben. Und eine Moschee, in der nicht gegen gleichgeschlechtliche Liebe angepredigt wird. Sie ist die einzige ihrer Art in Europa, Vorbilder gibt es in Kanada und in den USA. In Zaheds Moschee versammeln sich an die 20 Männer und Frauen regelmäßig zum Freitagsgebet. Sie eint der Traum von einem Islam, der Homosexuelle nicht zu Aussätzigen macht. „Es gibt viele Muslime, die schrecklich unter diesem angeblichen Widerspruch leiden“, sagt Zahed und lässt ein Päckchen Zucker in seine Tasse rieseln.

Paris-Algier. Das sind die Koordinaten auf seiner Reise zu sich selbst. In seiner Kindheit in Algier läuft er in den Röcken seiner Mutter durch die Wohnung, in der Schule gilt er als „Schwuli vom Dienst“. Für seinen Vater ist Homosexualität unaussprechlich. Er warnt seinen Sohn: „Eher breche ich dir das Kreuz und beerdige dich bei lebendigem Leib, bevor du so wirst.“ Sein älterer Bruder beschimpft ihn als Heulsuse und Weichei. Dann zieht die Familie nach Paris. Zahed vergräbt sich in den Koran. Mit Allahs Hilfe, so glaubt er, könne er ein richtiger Mann werden.

Wegen der Geschäfte des Vaters geht die Familie Mitte der Neunziger wieder zurück nach Algier. Zahed schließt sich dort jungen Salafisten an. Die Sehnsucht nach Spiritualität und die Faszination für den Propheten Mohammed sind zu dieser Zeit sein ganzer Lebensinhalt – bis auf diese Nächte, in denen er wach liegt.

Ein Anschlag verändert sein Leben grundlegend. Am 30. Januar 1995 explodiert eine Autobombe im Zentrum Algiers. Durch den Terror einer islamistischen Gruppe sterben 42 Menschen. „Es war eine Katastrophe für mich. Das hatte nichts mehr mit Spiritualität zu tun. Mit dieser politisch motivierten Gewalt wollte ich nichts zu tun haben“, erinnert Zahed sich heute. Sein Vertrauen in die radikalen Jünger Mohammeds schwindet. Und diese stören sich an seiner auffallenden Zuneigung zu anderen Männern. Er sorgt für Unbehagen, schließlich wird er ausgeschlossen.

C‘est comme ça! – Er ist so!

Der Bruch mit der Gemeinschaft wirft ihn in eine tiefe Lebenskrise: „Danach folgten schreckliche zwei Jahre. Ich dachte an Selbstmord. Meine sexuelle Identität war eine unleugbare Tatsache. Meinen Glauben aufzugeben, erschien mir daher damals als die einzige Lösung.“

Die Familie zieht nach Marseille und mit ihr auch Zahed, wieder ein Neuanfang in Frankreich. Mit 20 bekommt er einen französischen Pass, von nun an soll er mit Vornamen Ludovic heißen. Auf den Beinamen Mohamed will er trotzdem nicht verzichten, obwohl er seinem Glauben abgeschworen hat. Nun kann er seine lang verdrängten Wünsche ausleben. Er trifft sich mit Männern, durchgefeierte Nächte, schneller Sex. Doch nach seiner ersten längeren Beziehung folgt der Schock: Sein HIV-Test ist positiv.

Von der Zeit seines Ausprobierens und der Infektion erzählt er in dem Pariser Café fast so, als beträfe das einen Fremden. Mit einem kurzen Abwinken und ironischem Ton zeichnet er die Karikatur seines „Klischee-Homo-Lebens“, wie er sagt, als er immer neue Affären aneinanderreihte und in Bars abhing, um seinen Propheten und das Virus zu vergessen.

Während er redet, kramt er eine Mandarine aus seinem Rucksack und legt dann ihre Schalen auf die weiße Untertasse vor sich. „Wollen Sie auch eine?“ Den Hinweis auf die möglicherweise pikierten Kellner in dem vornehmen Café weist er selbstbewusst zurück. „Ich brauch jetzt Vitamine!“

Dann erinnert er sich an die Zeit, als er das Versteckspiel vor seiner Familie nicht mehr aushielt. Seinem Coming-out folgten unterschiedliche Reaktion: Entsetzen und Hass beim älteren Bruder, wochenlang Tränen bei der Mutter, Verständnis bei seiner jüngeren Schwester. „Am meisten haben mich die Worte meines Vater berührt, der sagte: C‘est comme ça! Er ist so, und wir werden ihn akzeptieren.“ Zahed hatte nach den Drohungen der Kindheit nicht damit gerechnet. Umso überwältigter und dankbarer ist er für die Reaktion.

Und Zahed findet eine neue Bestimmung. Er lernt andere HIV-Infizierte kennen und beginnt, sich in einem Hilfsverein zu engagieren. „Das erste Mal in meinem Leben sagte ich mir: Du bist ein guter Mensch, du kannst anderen helfen, du bist kein perverser Teufel.“ Die Aufgabe gibt seinem Leben wieder einen Sinn. Er reist durch Frankreich, hält Vorträge, berät Infizierte und organisiert Demonstrationen.

Eine neue Bestimmung

Um Psychologie und Anthropologie zu studieren, geht er nach Paris. An der renommierten École des Hautes Études en Sciences Sociales fällt er als intellektueller Kopf auf. Besonders mit seinen genauen Kenntnissen des Korans beeindruckt er die Professoren. Zu Studienzwecken liest er die einst auswendig gelernten Verse wieder. Ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit überkommt ihn, nachdem er eine Weile sogar im Buddhismus nach Antworten gesucht hatte. Zahed pilgert nach Mekka, es ist die Rückkehr zu Allah. „Ich hatte mich all die Jahre ausgelebt, aber ohne Freude, ohne wirklich erfüllt zu sein. Nun spürte ich endlich, wer ich wirklich bin. Mein Leben erschien mir wieder sinnvoll.“

2010 gründet er den Verein „Homosexuelle Muslime Frankreichs“, der heute 300 Mitglieder zählt. Er will andere ermutigen, aus der Unsichtbarkeit aufzutauchen. „Ich dachte zunächst, wir brauchen keine eigene Moschee. Ich wollte in den bestehenden Strukturen für unsere Rechte kämpfen. Doch dann starb ein Transsexueller und kein Imam wollte ihn beerdigen. Das hat mich betroffen gemacht. Genauso wie der Fall einer muslimischen Frau, der die traditionelle Hochzeitszeremonie verwehrt wurde, weil sie einen Christen zum Mann nehmen wollte.“ Er beschließt, eine eigene Moschee zu eröffnen und findet Hilfe bei buddhistischen Freunden, die ihm einen Raum zur Verfügung stellen.

Am 30. November 2012 lädt Zahed zum ersten Gebet ein. „Viele Muslime fragen mich, ob es bei uns völlig anders zugeht. Aber im Prinzip gleicht unser Zeremoniell dem normalen Freitagsgebet. Nur gestalte ich unser Zusammensein interaktiver, lasse die Gläubigen zu Wort kommen und diskutiere mit ihnen über Fragen und Zweifel.“ Hauptsächlich arbeitet er derzeit aber an seiner Doktorarbeit. Vergangenes Frühjahr erschien sein Buch Le Coran et la Chair („Der Koran und das Fleisch“), eine Zwischenbilanz seiner Forschungen, gepaart mit autobiografischen Elementen. „Es geht mir darum, eine intellektuelle Basis für die These zu schaffen, dass der Koran keine Homophobie lehrt“, sagt er.

Mohammed empfing auch Transsexuelle

„Die hetero-normative Tradition ist ja nicht zu Zeiten Mohammeds vom Himmel gefallen. Die Verfolgung Homosexueller sowie die Unterdrückung von Frauen ist erst mit der Politisierung des Islam ausgeartet. Unter religiösen Vorwänden hat sich so eine soziale Kontrolle installiert.“ In den Hadithen, den überlieferten Geschichten über das Leben und Wirken Mohammeds, sei die Rede von „Mukhannathun“, von androgynen Männern, offenbar auch von Transsexuellen. „Der Prophet hat sie sogar bei sich empfangen und seine Frauen angewiesen, sich den Mukhannathun unverschleiert zu zeigen, weil von ihnen keine körperliche Begierde zu befürchten war. Würde der Prophet heute noch leben, er würde Schwule und Lesben trauen“, schreibt Zahed in seinem Buch. Trotzdem betrachtet er selbst manche Homosexuellen-Aktivisten kritisch. Er sagt: „Ich bin kein eifernder Verfechter einer übertriebenen Homophilie. Ich bin nicht der Meinung, wir brauchen laufend Gay-Parades oder wir sollten alle aus Prinzip auf der Stelle heiraten. Ich will nicht ein Dogma durch ein anderes ersetzen.“

Draußen vor dem Café wartet ein junger, dunkelhäutiger Mann auf Zahed. Voilà, mon mari, mein Ehemann, stellt er ihn vor. Zahed und Qyiaam haben sich im August 2011 das Ja-Wort gegeben. Kennengelernt hatten sie sich auf einer internationalen Konferenz homosexueller Muslime in Südafrika, der Heimat Qyiaams. Dort ist die Eheschließung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen seit 2006 legal. Qyiaam spricht Französisch mit einem englischen Akzent.

Im Februar 2012 zelebrierten die beiden eine zweite Hochzeitsfeier in ihrer Wohnung in Paris, obwohl die Zeremonie vor dem französischen Gesetz keine Gültigkeit hatte. Ein Imam vermählte sie in Anwesenheit von Familie und Freunden nach islamischer Tradition. Es war die erste öffentlich bekannt gewordene Trauung dieser Art. „Ihr zieht den wahren Islam in den Dreck“, schrieben erboste Muslime in Internet-Foren. Doch Zahed erwähnt nur kurz all die hasserfüllten Nachrichten an ihn. Auch Todesdrohungen hat er nach der Moschee-Eröffnung bekommen, aber er zitiert lieber die ermutigenden Zuschriften. „Ich bin kein ängstlicher Mensch. Wir brauchen uns nicht zu verstecken wie ein verletztes Tier vor dem Schlachter“, sagt er.

An François Hollandes neuem Gesetz zur Gleichstellung hängt auch die gemeinsame Zukunft von Qiyaam und Zahed in Frankreich, da der Südafrikaner sonst keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommt. Doch die beiden sind zuversichtlich, bald ein drittes Mal Ja sagen zu dürfen.

Heute, sagt Zahed, sei er ganz bei sich und nah bei den anderen. Dann verschwindet er mit seinem Ehemann in einem Metro-Tunnel.

Ludovic-Mohamed Zahed wird 1977 in Algier geboren. Er wächst mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester auf. Mit 12 schließt er sich einer Gruppe junger Salafisten an, aus der er später wegen seiner auffälligen Zuneigung zu Männern ausgeschlossen wird. Im Jahre 2010 gründet er den Verein HM2F („Homosexuelle Muslime Frankreichs“) und eröffnet im November 2012 östlich von Paris eine „Moschee für alle“, in der Homosexuelle, Transsexuelle und Feministinnen zusammenkommen sollen. 2011 heiratet Zahed den Südafrikaner Qyiaam in dessen Heimat. Als sie ihre Ehe mit einer traditionellen muslimischen Hochzeit­szeremonie ohne rechtliche Wirkung in Frankreich bestätigen, sorgt das landesweit für Aufsehen.

Seit mehreren Jahren forscht Zahed im Rahmen seiner Doktorarbeit zum Verhältnis von Islam und Homosexualität. Im März 2012 erscheint sein Buch Le Coran et la Chair („Der Koran und das Fleisch“). Auch in Deutschland ist das Thema bereits Forschungs­gegenstand. Nach Meinung des Münsteraner Professors für Arabistik, Thomas Bauer, seien homoerotische Dichtungen über Jahr­hunderte Bestandteil der arabisch-islamischen Kultur gewesen. Erst im 19. und insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten im Zuge der Radi­kalisierung des Islam homo­phobe Tendenzen stark zugenommen. In sieben muslimischen Ländern steht auf Homosexualität noch immer die Todesstrafe, darunter Jemen, Saudi-Arabien, Iran und Sudan.

Romy Straßenburg berichtet für den Freitag aus Paris. Zuletzt porträtierte sie die französische Rapperin Diam’s.

11:00 13.02.2013
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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