Les Misérables

Massenprotest Enttäuscht von rechts, enttäuscht von links, enttäuscht vom Staat – ein Besuch bei den Gelbwesten

Grüne Tomaten, wohl die letzten in diesem Jahr, sortiert Yannick behutsam in ein Körbchen. Jeden Tag pflegt er seine Parzelle des Gemeinschaftsgartens im Schatten der imposanten Cité radieuse. In diesem Betonklotz in der Kleinstadt Rezé an der Loire lebt er seit 18 Jahren. Der umstrittene Architekt Le Corbusier erbaute die „Wohnmaschine“ mit den auffälligen bunten Balkonen in den 1950er Jahren. An diesem Dezembersamstag sind kaum Nachbarn unterwegs. Nur zwei gut gelaunte Männer grüßt Yannick von Weitem. Die beiden haben sich gelbe Warnwesten übergestreift und stiefeln von „Le Corbu“, wie sie ihr Haus liebevoll nennen, in Richtung Bushaltestelle.

Zwischen Rosenkohl und Mangold hadert Yannick noch den ganzen Vormittag über, ob er nicht doch den alten, schon ziemlich demolierten Peugeot anschmeißen soll, um rüberzufahren ins Zentrum von Nantes, oder an die Hafendocks von Saint-Nazaire. „Wenn ich nicht wüsste, dass die beiden letztes Jahr für Marine Le Pen gestimmt haben, wäre ich nicht so zögerlich, um mich ihnen anzuschließen.“ Yannick zeigt mit einer Handbewegung auf den davonfahrenden Bus.

In diesen Stunden versammeln sie sich wieder: jene Männer und Frauen, die vor einem Monat, am 17. November, als Reaktion auf die geplante Treibstoffsteuererhöhung zum ersten Mal landesweit Straßensperren errichteten. Sie haben Frankreich in die größte politische Krise der jüngeren Geschichte gestürzt. Die Gelbwesten der ersten Stunde seien, so Yannick, politisch eher rechts zu verorten gewesen. „Es wurden Bilder ausgestrahlt, wie sie einen Lkw stoppten, in dem sich Migranten versteckt hielten. Die Gelbwesten haben sie anschließend stolz der Polizei übergeben. Das hat mich abgeschreckt wie viele Linke.“ Dabei teilt Yannick all ihre Kritikpunkte am System und am französischen Präsidenten. Macron kümmere sich um „die Reichen und Superreichen, weil er als Ex-Rothschild-Banker und Wirtschaftsminister in seinem Leben nie Leid erfahren hat. Er führt sich auf wie Napoleon!“ Wenn Yannick über Macron spricht, ist die Verachtung, ist der Hass, dem er ihm entgegenbringt, fast physisch zu spüren. „Es ist das Geld, das unsere Eliten so verdorben hat. Sie wissen nicht, wohin damit, während den meisten Franzosen am Monatsende nichts übrig bleibt. Es gibt längst keine Mittelschicht mehr“, beklagt Yannick.

Gilet jaune, wer bist du?

Von Schichten und Klassen ist häufig die Rede in diesen Tagen, wenn Politologen, Soziologen, Journalisten oder Kulturwissenschaftler versuchen, das Phänomen Gelbwesten zu erklären. Und immer wieder fällt der Begriff „Volk“. Das liegt auch an den beiden bekanntesten Oppositionspolitkern des Landes, Marine Le Pen am äußeren rechten, und Jean-Luc Mélenchon am äußeren linken Rand. Beide versuchten von Anfang an, ihre politischen Forderungen und Ambitionen mit dem „Volksaufstand“ zu assoziieren.

Szenenwechsel. Zur gleichen Zeit am Spielfeldrand im Gemeindestadion von Pantin. Thomas Legrand feuert seinen Sohn beim Rugbyspielen an. Pantin ist einer dieser Pariser Vororte, in denen Garagen zu großzügigen Lofts und Industrieanlagen zu noblen Townhouses umgebaut wurden. Das Café du Marché wirkt wie ein Relikt aus alten Zeiten, als Fabrikarbeiter ihren Pastis am Tresen tranken. Längst haben Leute wie Legrand, Journalist und Buchautor, die ehemalige Bevölkerung weiter an den Stadtrand verdrängt. Von Montag bis Freitag beleuchtet er, der Gentrifizierer par excellence, in seiner morgendlichen Radiochronik auf France Inter die politische Gemengelage. In den letzten Wochen hat er sich schwergetan. Kaum ein Beobachter werde der Gelbwestenbewegung wirklich gerecht.

Le Gilet jaune im Singular, also die Gelbweste, gebe es schlichtweg nicht, und genau das mache es der Regierung so schwer, Antworten zu finden. „Es sind Menschen, die zuvor nicht auf die Straße gegangen sind, daher haben wir alle den Widerstand nicht kommen sehen“, sagt er. „Mit der Zeit konnte jeder in der Bewegung etwas sehen und eigene Forderungen mit ihr verbinden. Erst hieß es: Wir kommen nicht über die Runden. Später wurde Macrons Rücktritt gefordert und zur Stürmung des Élysée-Palasts aufgerufen.“

Noch 2014 schwärmte Legrand in seinem Buch La République Bobo vom Aufkommen einer neuen Bevölkerungsschicht, jener urbanen Bourgeoisie-Bohème, die aus toleranten Weltbürgern bestehe, die unter dem Motto „think global, act local“ ohne politische Ideologie, aber mit viel gutem Willen auskommen und so die sozialen Zerwürfnisse im Land kitten könnten: „Wir sorgen uns wegen des Klimawandels um das Ende der Welt, nicht aber um unseren Kontostand am Monatsende. Wir verspüren keine negativen Folgen der Globalisierung und sind nicht so sehr an unsere Heimat gebunden wie die Gelbwesten. Es gibt daher ein kulturelles Missverständnis.“ Aber ausgerechnet Leute wie Legrand müssen nun die Bewegung porträtieren, einordnen, ihr Gehör verschaffen. „Wir Medienleute haben den Gelbwesten das Mikro hingehalten, ohne wirklich zu wissen, wen wir da vor uns haben und für was sie stehen“, gesteht Legrand.

Sucht man nach „le gilet jaune“, nach der „typischen Gelbweste“, ob in Nantes, in Bordeaux oder Toulouse, oder an einem der Tausenden bestreikten Kreisverkehre in den ländlichen Regionen, dann klingt es ungefähr so: Karine, 35 Jahre, Friseurin, alleinerziehend. Jean-Luc, 68 Jahre, Frührentner. Sebastian, Landwirt, 28 Jahre, verheiratet. Nichtwähler treffen auf Le-Pen-Wähler, enttäuschte Macron-Wähler und Mélenchon-Anhänger. Hier ein Postbote, dort eine Krankenpflegerin. Hier ein mittelständischer Unternehmer, dort ein Gewerkschaftler. Nein, „le gilet jaune“ ist kein homogenes Wesen, das Revolution spielen will. Gerade wegen ihrer vielen Gesichter neigt man dazu, die Bewegung als Volk oder „die Franzosen“ zu charakterisieren. Was aber hält Zehntausende Männer und Frauen in den gelben Westen zusammen, wenn nicht ihr Berufsstand, ihre Alterskohorte, ihr Geschlecht oder ihre politische Einstellung?

Verraten, verkauft, abgehängt

Anfangs half man sich mit der Zuschreibung „la France périphérique“, das Frankreich der Provinz. Dass die geplanten Steuererhöhungen bei ihnen, die sie stärker aufs Auto angewiesen sind und sich schon geografisch abgehängt fühlen, Unmut auslösten, hätte auf der Hand liegen müssen. Aber ihre Verbitterung existiert nicht erst seit Macrons Amtsantritt.

Vielmehr muss man fragen, welche politischen Erfahrungen die Gelbwesten geprägt haben: Dass eine linke Regierung in Frankreich langfristig für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen wird, ist seit der zweiten Amtszeit Mitterrands und spätestens seit François Hollande nur noch ein Mythos. Gleichzeitig haben sie erlebt, wie die Le-Pen-Partei nach vier Jahrzehnten im politischen Alltag angekommen ist, sodass man sie aus Protest oder Überzeugung wählen kann, ohne als rechtsextrem stigmatisiert zu werden.

Und dann wäre da noch die EU: 2005 haben viele, die sich heute zu den „Gilets jaunes“ zählen, beim Referendum über eine europäische Verfassung mit „Nein“ gestimmt. Obwohl sie in der Mehrzahl waren, haben die Regierungen sie der Brüsseler Austeritätspolitik zum Fraß vorgeworfen. Zum Gefühl des Abgehängtseins kommt also die Empfindung, verraten und verkauft worden zu sein.

Zurück in „Le Corbu“. Auch Yannick lässt der gelbe Hoffnungsschimmer nicht unberührt. Immerhin sei auf Druck der Bewegung die geplante Steuererhöhung zurückgezogen worden. Die anfänglichen Bedenken gegen die zornigen Autofahrer hat die Linke schnell vom Tisch gefegt. Auch der Nouveau Parti anticapitaliste (NPA), der sich Yannick vor ein paar Jahren angeschlossen hat.

Der charismatische, unprätentiöse Philippe Poutou, der als Präsidentschaftskandidat 2017 zwar wenige Stimmen, aber viel Sympathie erfahren hat und selbst aus dem Arbeitermilieu stammt, ist einer der wenigen, die auch die gewalttätigen Ausschreitungen gutheißen: „Die Gewalt der aktuellen sozialen Bewegung ist normal, vollkommen legitim. Natürlich, wenn sich die Wut ihren Weg bahnt, explodiert sie in alle möglichen Richtungen. Das schlimme sind heute nicht zerschlagene Fensterscheiben oder Barrikaden, das Schlimme und Angsteinflößende sind die staatliche Brutalität und die Repression“, schreibt Poutou in einer Botschaft an seine Anhänger.

Zu viele Selbstmorde

Soziale Ungerechtigkeit, das ist auch das erste, was Yannick einfällt, wenn er die französische Gesellschaft heute beschreiben soll. Mit seinem Hausmeisterjob verdient der Alleinstehende monatlich wenig mehr als den Mindestlohn von 1.150 Euro. Den Abstieg der Mittelschicht hat er jeden Tag vor Augen.

„C’est la misère“, es herrsche Elend, so fasst er es zusammen. Oben auf dem Dach der Wohnmaschine existiert noch immer eine kleine Grundschule, so wie Le Corbusier es geplant hatte, in seiner „vertikalen Stadt“. Der Supermarkt und die Post im Erdgeschoss haben längst dicht gemacht. Ebenso geschlossen wurden die Zugänge zur Gemeinschaftsterrasse. Zu viele Selbstmorde hat es in den vergangenen Jahren hier oben gegeben, wo man am Horizont den Atlantik erahnen kann.

„Heute“, so Yannick, „hocken die Bewohner von Le Corbu vorm Fernseher und schauen den lieben langen Tag BFM TV, wo sie die Bilder der Randale in Dauerschleife zeigen.“ Auf besagtem Nachrichtensender trudeln inzwischen die Bilder aus Paris und anderen Städten ein. Auch an diesem Samstag, dem vierten Akt des Aufstandes, brennen wieder Barrikaden, Geschäfte werden geplündert, Tränengas und Blendgranaten kommen zum Einsatz.

Yannick hat 2009 nach dem Aufruf der Gewerkschaft CGT gegen Sarkozys Rentenreform protestiert. Er ist gegen die Arbeitsmarktreform unter Hollande 2016 auf die Straße gegangen und schloss sich der links-alternativen Protestbewegung gegen das Flughafenprojekt Notre-Dame-des-Landes an. Aber jetzt, wo die Proteste der Gelbwesten endlich Früchte tragen, wo die Regierung reagiert, ist Yannick fast ein bisschen mulmig zumute. „Macrons Rücktritt? Ja, irgendwie schon. Aber wer würde derzeit an seine Stelle treten können?“

Thomas Legrand sagt, im Wahlkampf habe Macron mit „En Marche“ auf horizontale Strukturen gesetzt. Die Bewegung sollte aus der Zivilgesellschaft erwachsen, alle mitziehen: „Als er ins Amt kam, fiel er sofort wieder in die Vertikalstruktur, wurde zum Technokraten.“ Ihm gelinge es nicht, die Franzosen emotional zu erreichen. Stattdessen verkaufe er seine liberale Politik als einzige Option.

Zwei Tage später, es ist Montag um 20 Uhr, greift der angeschlagene Präsident in die Trickkiste. Ein 13-minütiges „Mea culpa“ auf allen Kanälen mit der Ankündigung, den Mindestlohn um 100 Euro zu erhöhen, Überstunden nicht mehr zu besteuern und Rentner zu entlasten. Am Dienstagmorgen, wie immer um 7.44 Uhr, kommentiert Thomas Legrand: „Die Gelbwesten haben beeindruckende Zugeständnisse erreicht. Die Horizontalität, wie im Wahlkampf versprochen, soll wieder mit Inhalt gefüllt werden. Die Dynamik und Popularität der Gelbwesten wird in den nächsten Monaten darüber entscheiden, ob der Präsident noch Präsident bleiben kann.“ 400 Kilometer weiter westlich macht sich Yannick in seinem alten Peugeot auf den Weg zur Arbeit. Neben einer Handvoll grüner Tomaten liegt auf dem Beifahrersitz die gelbe Warnweste. Vielleicht fängt für ihn alles gerade erst an.

Romy Straßenburg lebt in Paris. Sie war Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo. Anfang 2019 erscheint ihr Buch Adieu liberté. Wie mein Frankreich verschwand

06:00 16.12.2018
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg
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