Mein Nabel gehört mir!

Frankreich Die Republik diskutiert über richtige und falsche Kleidung. Schülerinnen provozierten mit Freizügigkeit
Mein Nabel gehört mir!
Die Marianne, Symbol der Französischen Revolution, liegt derzeit wegen ihrer historischen Freizügigkeit wieder schwer im Trend

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Marianne mit entblößten Brüsten, eingehüllt in eine flatternde Trikolore! Ja, solche Abbildungen der französischen Nationalfigur sind in Frankreich gerade hochaktuell, fluten die sozialen Netzwerke und spielen auf eine Debatte darüber an, was man nun unter „republikanischer Bekleidung“ zu verstehen hat. Ebenjene nämlich mahnte jüngst Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer an. Tagelang war schon über Röckchen, Absätze und Tops an Schulen diskutiert worden.

Schuld daran war eine Schülerin in der südwestfranzösischen Stadt Dax, die den Protest mit einem Hashtag losgetreten hatte. Dort hatte man im schulischen Eingangsbereich mit einem Poster, auf dem Bilder von Tops und Röcken mit rotem Kreuz durchgestrichen waren, den Schülerinnen derlei anzügliche Kleidung verbieten wollen. Vielleicht hatten die Lehrkörper ja die psychische Gesundheit der pubertierenden Mitschüler im Blick oder sie wollten mit der Kleidervorschrift Konkurrenzkämpfe um die ansehnlichsten Oberschenkel und Dekolletés vermeiden? Ein Schelm, wer Böses hinter diesem Verbot vermutet, und dennoch ging dieser Züchtigungsversuch in die (vermeintlich zu kurze) Hose.

Denn die klamottentechnische Einmischung führte zu einer breiten Empörung und zum Aufruf, am 14. September bewusst provokant und sexy gekleidet und geschminkt zum Unterricht zu erscheinen und das Ganze natürlich zu instagrammen, tiktoken, hashtaggen usw. Das Echo war immens, selbst manche Jungs kamen aus Solidarität bauchfrei oder im Rock zur Schule. Und auch auf politischer Ebene wurde nun jeder und jede um eine Stellungnahme zur angemessenen Stoffmenge im Unterricht gebeten, Stoff jetzt ganz im textiltechnischen Sinne. Marlène Schiappa, langjährige Staatssekretärin für die Geschlechtergleichstellung, unterstützte die Initiative via Twitter. Präsident Emmanuel Macron hingegen reagierte bei dem Thema zurückhaltend; er verwies zwar auf Bekleidungsfreiheit, mahnte jedoch ein gesundes Maß an Menschenverstand an. Man könne ja nicht wissen, wo bei so sexy Outfits die Grenze sei.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass in Frankreich erbittert um Stoff gerungen wird. Gerade erst gab es wieder eine Schleierdebatte, weil eine Gewerkschaftsvertreterin kopfverhüllt zu einer Parlamentsdebatte erschienen war. Auch der Burkini schafft es regelmäßig in die Schlagzeilen. Der in der Verfassung verankerte „Laizismus“ steht für die Trennung von Staat und Kirche und damit verbunden werden auch republikanische Werte hochgehalten. Da muss die öffentliche Schule in Sachen Brüder- beziehungsweise Schwesterlichkeit natürlich exemplarisch sein! Merkwürdig nur: Mancherorts wird zu viel Stoff auf dem Kopf verdammt und andernorts gibt’s Zoff um zu wenig Stoff um die Hüften rum. Vielleicht wären diese Debatten, wie so oft, schnell wieder verhallt, wäre da nicht eine sowieso sehr sichtbare, junge feministische Generation in Frankreich, die seit Monaten unter anderem mit Wandbotschaften auf sexuelle Gewalt aufmerksam macht. Einer ihrer Sprüche „Sie ist nicht wie eine Nutte angezogen, du bist es, der wie ein Vergewaltiger denkt“.

Es ist also verständlich, wenn Frauen die Deutungshoheit über ihren Kleiderschrank behalten wollen, und wenn sie die Shorts nicht anziehen, um Verbal- oder Grapsch-Attacken zu provozieren. Natürlich sollte man sich darüber unterhalten, was die Sexualisierung unserer Gesellschaft insgesamt mit jenen Frauen macht, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Darum sind Hashtags und Fotos, die ein positives Körperbild vermitteln wollen, genauso wichtig wie jene, die Bein- und Nabelfreiheit einfordern.

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06:00 03.10.2020
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 43/2020

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