Milde Vernunft

Interview Nicolas Hénin wurde von IS-Terroristen entführt und monatelang gefangen gehalten. Nun wirbt der französische Journalist für Verständnis
Romy Straßenburg | Ausgabe 07/2015 19
Milde Vernunft
„Ich empfinde keinen Hass auf diese jungen Männer“: Nicolas Hénin

Foto: Andreas B. Krueger für der Freitag

Er sitzt in einem Schaukelstuhl im hellen Arbeitszimmer seiner Wohnung und wirkt entspannt. Fast ein Jahr ist es her, dass die Dschihadisten Nicolas Hénin gehen ließen, da lagen zehn Monate Geiselhaft hinter ihm. Kurz nach seiner Entführung in Syrien scheiterte ein Fluchtversuch, er erlebte Hunger und Folter. Einige seiner Mitgefangenen, wie den US-Amerikaner James Foley und den Briten David Haines, richtete der IS später hin. Frankreich hingegen erwirkte Hénins Freilassung und die von drei weiteren Staatsangehörigen. Über den Preis für ihr Leben herrscht bis heute Stillschweigen.

Trotz des Leids, trotz der Angst, trotz der Bedenken seiner Familie hat Hénin seine Arbeit als Journalist nicht aufgegeben. Sein Interesse gilt weiterhin den umkämpften Regionen im arabischen Raum – und jenen Menschen, die ihn im Namen des Islams gewaltsam festhielten. Während unseres Gesprächs klingelt sein Handy. Ja, Nicolas Hénin ist nun ein gefragter Mann. Bei jeder neuen Gräueltat des IS erreichen ihn Anfragen von Medien. Ihm hilft die Tatsache, dass er nicht nur als bedauernswürdiges Opfer angesehen wird, sondern auch als Experte mit Erfahrungen aus erster Hand. Dennoch kommen die Erinnerungen zurück, wann immer es Nachrichten über neue Verbrechen des Islamischen Staats gibt.

Der Freitag: Herr Hénin, Ihre Geiselhaft endete im April vergangenen Jahres, nach über zehn Monaten. In den Medien sehen wir, dass viele IS-Geiseln brutal getötet werden. Was lösen solche Berichte bei Ihnen aus?

Nicolas Hénin: Mir wird bewusst, dass die Zunahme von Geiselnahmen und Hinrichtungen unsere Achillesferse im Kampf gegen die radikalen Islamisten ist. Das ist eine starke, eine strategische Waffe – wir haben es zuletzt am Schicksal der beiden hingerichteten Japaner gesehen. Zwar begeben sich inzwischen weniger Menschen in Gebiete, in denen Geiselnehmer vermutet werden. Doch die Terroristen werden nach neuen Möglichkeiten suchen. Sehr wahrscheinlich an Touristenorten, in Hotels, vielleicht in der Türkei oder in Tunesien. Ich glaube, das ist genau die Gefahr, das Horrorszenario, wie es auch die Geheimdienste darstellen. Einzelne Staaten verhandeln und zahlen für die Freilassung ihrer Geiseln. Das ist also auch eine Einnahmequelle für die Terroristen. Doch natürlich wird darüber nicht gesprochen. Deswegen kann es auch keine einheitliche, untereinander abgestimmte Reaktion der betroffenen Staaten darauf geben.

Was hat sich für Sie persönlich durch Ihre Geiselhaft verändert?

Während all der Monate habe ich mich gefragt: Wird es ihnen gelingen, mich zu verändern? Ich dachte, entweder werde ich zum Islamfeind oder ich konvertiere. Das haben einige Gefangene wirklich getan: Sie haben versucht, ihr Schicksal durch die Hinwendung zum Islam besser zu ertragen. Ich habe versucht, meine Anschauungen zu behalten und über alles, was ich hörte, was ich erlebte, besonnen nachzudenken, die Distanz zu bewahren. Es war wichtig, mir immer wieder bewusst zu machen, dass die Geiselnehmer in einer Parallelwelt leben. Wir hörten ihre Versuche, Arabisch zu sprechen – dabei hatten manche ihren unverkennbaren Banlieue-Akzent, aus den französischen Vorstädten. Es waren schlichte Gemüter, prollige Jungs, die uns provozieren und einschüchtern wollten. Auch deswegen empfinde ich keinen Hass.

Das ist bemerkenswert.

Ich muss sehr vorsichtig sein in meiner Rolle als Entführungsopfer. An der Art, wie ich reagiere, welche Konsequenzen ich aus alldem ziehe, bemisst sich letztlich ja der Erfolg der Dschihadisten.

Als die blutigen Anschläge in Paris vor einem Monat weltweit für Entsetzen sorgten, waren da auch Sie „Charlie“?

Das Attentat hat mich, wie uns alle, tief schockiert. Ich bin gleich am ersten Abend mit vielen Tausend Menschen zur Place de la République gegangen. Der Slogan „Je suis Charlie“ bedeutet für mich die Verteidigung der Pressefreiheit. Leider haben manche den Spruch schnell für ihre Zwecke umfunktioniert. Es war bekannt, dass Charlie Hebdo seit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen eine Zielscheibe für Anschläge war. Ich muss zugeben, dass mich persönlich der Humor der Zeitung nicht anspricht. So wenig, wie mich Filme wie Borat zum Lachen bringen. [Borat ist eine US-Satire über einen fiktiven kasachischen TV-Reporter aus dem Jahr 2006.] Da werden einfache Klischees bedient, jeder und alles wird beleidigt, es fehlt an Respekt.

Wie konnten die jungen Männer, die „Charlie Hebdo“-Attentäter, die alle in Frankreich aufgewachsen sind, zu selbsternannten Märtyrern im Namen Allahs werden?

Was in Paris passiert ist, muss man als Produkt unserer Gesellschaft verstehen. Wir haben mehr als Tausend Franzosen hervorgebracht, die nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, um dort Verbrechen zu begehen. Wir tragen einen Teil der Verantwortung. Zum einen durch diplomatische Fehler. Zum anderen, weil wir nichts gegen den Frust in unseren westlichen Gesellschaften tun. Was junge Menschen in den Dschihad treibt, ist eine Mischung aus diesem Frust und dem Reiz, sich anders zu verwirklichen. Einige sind auch ernsthaft der Überzeugung, sie müssten ihren unterdrückten Glaubensbrüdern im Kampf gegen das Regime von Baschar al-Assad zu Hilfe eilen. Diesem Argument ist schwer beizukommen. Während unserer Haft fragte unser Aufseher Mehdi Nemmouche (siehe Info) einmal: „Baschar al-Assad ist doch ein Verbrecher, ein Mörder?“ Wir Geiseln antworteten: „Ja!“ Er fragte: „Die syrische Regierung, sie ist verbrecherisch?“ Wir sagten wieder: „Ja, natürlich!“ Und er fuhr fort: „Frankreich hat gesagt, es wünscht den Sturz dieser Regierung! Wenn ich also nach Syrien gehe und gegen Baschar kämfe, dann ist das legitim.“ Darauf hatten wir Geiseln keine gescheite Antwort.

Der Krisenreporter

Nicolas Hénin, geboren 1975, studierte Geschichte und Geografie in Paris und diplomierte am Institut Pratique du Journalisme. Als freier Journalist berichtete der zweifache Vater bei Kriegsausbruch 2003 aus dem Irak, später aus Krisenländern wie Somalia, Jemen und Sudan. Für den Fernsehsender Arte und die französische Wochenzeitung Le Point verfolgte er den sogenannten Arabischen Frühling in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel.

Nach mehreren Aufenthalten in Syrien und im Irak wurde er am 22. Juni 2013 in der nordsyrischen Stadt Raqqa vom IS entführt und festgehalten, zusammen mit weiteren Geiseln, darunter der US-Reporter James Foley und der britische Entwicklungshelfer David Haines, die beide später hingerichtet wurden. Nach mehr als zehn Monaten wurde Hénin mit drei weiteren französischen Journalisten am 18. April 2014 freigelassen. Einen seiner Folterer konnte er wenige Wochen darauf identifizieren: Nach dem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014 erkannte Hénin in dem Attentäter Mehdi Nemmouche einen der Geiselnehmer wieder.

In seinem Buch Jihad Academy, das am 25. Februar im französischen Verlag Fayard erscheint, beschreibt er die Mitverantwortung des Westens für den Aufstieg des IS.

Hat Frankreich diese Männer für immer an den Islam verloren?

Diese jungen Menschen empfinden sich nicht mehr als Teil Frankreichs. Dennoch darf man die Rolle des Islams als Religion nicht überbewerten. Der Islam dient ihnen als Ausdruck der Rebellion. Als unsere Eltern einst gegen die Älteren aufbegehrten, ernannten sie sich zu Trotzkisten. Der Extremismus ist immer auch ein persönliches Aufbegehren gegen die Vorgängergeneration. Ein Viertel der jungen Dschihadisten sind Christen. Sie sprechen oft nur ein paar Brocken Arabisch. Es gibt die wahre Geschichte eines Konvertiten, der eben noch in der Messe saß und zwei Wochen später nach Syrien in den Gotteskrieg aufgebrochen ist.

Ein derart radikaler Wandel lässt sich schwer nachvollziehen.

Dahinter steht auch der Wunsch nach Abenteuer. Und nach der Zugehörigkeit zu etwas Übergeordnetem. Wer einmal dort drüben angekommen ist, wird einer wahren Gehirnwäsche unterzogen. Man kennt dieses Phänomen von den Kindersoldaten in Afrika. Danach gibt es kein Zurück mehr. Jemanden zu töten, verändert den Menschen von Grund auf. Man verliert jeglichen Realitätssinn. Man kann den IS in vielen Punkten mit einer Sekte vergleichen. Es herrschen die gleiche totalitäre Organisation und Konditionierung. Menschen, die einer Sekte entkommen wollen, wird in unserer Gesellschaft Hilfe angeboten. Doch als Dschihadist kannst du nicht einfach aussteigen. Wir müssen Antworten finden und Türen öffnen für die jungen Leute, die enttäuscht sind vom Gotteskrieg. Bislang lautet die Antwort: Gefängnis. Man steckt sie an einem Ort zusammen, an dem sie sich weiter radikalisieren. Ich würde gern mal einem jungen Menschen begegnen, der vorhat, am nächsten Morgen in den Dschihad aufzubrechen, und mir sagt: „Es ist dein Westen, der meinen Hass geschürt hat! Deine Gesellschaft ist ein einziger Scheiß!“ Ich würde die ganze Nacht lang versuchen, mit ihm zu diskutieren. Ich weiß natürlich nicht, ob das seine Meinung ändern würde.

Welche Erklärung haben Sie für den rasanten Aufstieg der ganzen Organisation des IS?

Der Islamische Staat ist das legitime Kind der Invasion im Irak 2003 und des Nichteingreifens in Syrien 2011. Die irakische Gesellschaft wurde zerstört, Syrien wurde im Stich gelassen, als dort die Revolution ausbrach. Die Beschaffenheit des IS zeigt auch, dass al-Qaida im Grunde eine bürgerliche Organisation war: angeführt von einem millionenschweren Erben, der viel in westliche Staaten gereist war. Die führenden Köpfe stammten aus den Mittelschichten der Golfstaaten. Der IS ist dagegen in den hässlichsten, verdrecktesten Städten groß geworden. Ihm gehören hauptsächlich Kinder von der Straße an. Die Videos, die sie verbreiten, sind inspiriert von unseren Videospielen, von unseren Actionfilmen. Ihre Art, zu kommunizieren, via Youtube oder Twitter, ihre kulturellen Referenzen ähneln denen der westlichen Gesellschaften. So schaffen sie es, enormes Entsetzen hervorzurufen.

Welche Antwort müssen wir auf diese Bedrohung finden?

Es genügt nicht, die Stellungen des IS in Syrien und im Irak zu bombardieren oder die Grenzen zu schließen. Das ist, als würden sie eine Wunde behandeln, indem sie die ganze Zeit nur Aspirin verabreichen. Es muss eine umfassendere Antwort geben. Ohne eine stabile Regierungsstruktur im Irak und ein Ende der Gewalt in Syrien werden wir gegen den IS nichts ausrichten können. Vor allem muss man sich vor Augen halten, dass sich der Erfolg von Terroristen an der Reaktion des Opfers misst. Mit dem Einmarsch in Afghanistan und in den Irak hat man al-Qaida ein Geschenk gemacht. Deren eigentlicher Erfolg war nicht der Einsturz des World Trade Center, sondern das Chaos im Irak und in Afghanistan. Deswegen ist es auch so wichtig, auf die Ereignisse in Paris mit Umsicht zu reagieren. Die Attentäter zielen darauf ab, uns in eine Art kollektive Psychose zu treiben. Genau das passiert, wenn jetzt in unseren Straßen überall Militär zu sehen ist. Das zeigt, wie effizient der Terrorismus ist. Es ist das Prinzip der asymmetrischen Kriegsführung.

Der Terrorismus verändert also unsere Gesellschaften?

Den Ausdruck Terrorismus mag ich eigentlich nicht. Von anderen werden diese Täter als Widerstandskämpfer gefeiert. Am 11. September 2001 waren es 19 Flugzeugentführer, und in Paris reichten schon drei Proleten mit Kalaschnikows aus, um die Politik dazu zu bringen, ein immenses Sicherheitsprogramm aufzufahren. So schrecklich der Tod von 17 Menschen in Paris auch ist: Den Attentätern ist es gelungen, unsere Art, zu denken und zu sprechen, zu verändern. Ihretwegen werden Auftritte von Komikern abgesagt, und mancherorts traut sich ein Jude abends nicht mehr aus dem Haus. Wenn ein junger Schwarzer nun schief angeschaut wird, wenn er sich zunehmend ausgeschlossen fühlt, dann hatten die Verbrecher Erfolg. Dabei spielen ihnen islamophobe Bewegungen wie Pegida in Deutschland nur noch weiter in die Hände.

Eine gefährliche Spirale.

Ja. Beide – die Dschihadisten wie die Gegner des Islams – vertreten die Ansicht, unsere westlichen Gesellschaften seien mit dem Islam nicht vereinbar. Das entspricht der muslimischen Lehre von der Hidschra: Ein Muslim ist demnach verpflichtet, ein von Nichtmuslimen bewohntes Gebiet zu verlassen. Pegida und andere wollen bewirken, dass wir nicht mehr an ein Zusammenleben mit Muslimen glauben. Sie bestätigen für manchen Muslim nur noch das Gefühl, die islamische Identität sei in Gefahr und müsse verteidigt werden. Wir müssen uns um das Gegenteil bemühen: darum, das Zusammenleben mit den Muslimen zu verbessern. So entziehen wir den Islamisten eines der wichtigsten Argumente, mit denen sie junge Leute für den Dschihad gewinnen.

Romy Straßenburg arbeitet als freie Korrespondentin in Paris

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10:50 10.03.2015
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 33/2020

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