Romy Straßenburg
Ausgabe 1014 | 19.03.2014 | 06:00 4

Nackte Körper, nackte Angst

Frankreich Mit neuartigen Schulbüchern will die Pariser Regierung gegen Geschlechterklischees vorgehen. Nun tobt ein Kulturkampf im Land

Nackedeis, wohin man schaut: Die Klassenlehrerin lässt die Hüllen fallen, genau wie die Kantinenfrauen, der Zauberer, der Babysitter und ein Minister. Dick, dünn, alt und jung, dunkelhäutig, weiß, behaart und kahlköpfig. Das Kinderbuch Alle nackt (Tous à poil) zeigt in realistischer, aber kindgerechter Ästhetik, wie sich Männer, Frauen und Kinder ausziehen. „Wir wollen klarmachen, dass alle Menschen unterschiedlich sind“, sagt Illustrator Marc Daniau. Auf humorvolle und originelle Weise könne man Kindern einen natürlichen Umgang mit dem eigenen Körper, mit Nacktheit vermitteln, glaubt er.

Daniaus Buch aus dem Jahre 2011 führte bislang ein geruhsames Dasein in einigen Kinderzimmern und Bibliotheken, bis es über Nacht in ganz Frankreich bekannt wurde. Es landete dort auf Platz eins der meist verkauften Bücher bei Amazon und ist mittlerweile vergriffen. Diesen verspäteten Ruhm verdankt das Buch seinem bekanntesten Kritiker: Der Parteivorsitzende der konservativen Partei UMP, Jean-François Copé, hatte es während einer Fernsehdebatte als warnendes Beispiel ins Bild gehalten: „Als ich das sah, geriet mein Blut in Wallung. (...) Die nackte Klassenlehrerin... na, das ist besonders gut für die Autorität unserer Lehrer! Es ist an der Zeit, dass man in Paris wieder wahrnimmt, was gerade in diesem Land geschieht!“

Schockbotschaften per SMS

Alle nackt steht auf einer Liste von Kinderbüchern, die bislang unverbindlich zur Verwendung im Grundschulunterricht empfohlen werden. Die Liste ist Teil des im vergangenen Herbst lancierten Programms „ABCD de l‘égalité„ („ABC der Gleichheit“). Es ist das Vorzeigeprojekt von Frankreichs jüngstem Kabinettsmitglied, Najat Vallaud-Belkacem, Ministerin für Frauenrechte. Mit der Schützenhilfe von Bildungsminister Vincent Peillon will sie gegen traditionelle Rollenbilder ankämpfen: Jungen können Rosa mögen, Mädchen Feuerwehrfrauen werden, und Papa kann den Haushalt schmeißen, wenn Mutti zur Arbeit geht.

Denn trotz guter Kinderbetreuungsangebote und einem hohen Anteil an berufstätigen Frauen ist auch Frankreich noch weit von völliger Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt. Erziehungsexperten haben daher eine Reihe von Rollenspielen, Theaterstücken und Literatur für die Verwendung im Unterricht zusammengestellt. Derzeit wird das Programm in 600 Grundschulklassen im ganzen Land getestet, im Frühjahr sollten eigentlich erste Ergebnisse evaluiert werden.

Doch nun formiert sich massiver Widerstand. In zahlreichen Städten boykottierten Eltern den Unterricht, nachdem sie per SMS vor der „Pervertierung“ ihrer Kinder gewarnt wurden: „Schicken Sie Ihre Kinder nicht in die Schule. Dort werden sie dazu ermutigt, zu masturbieren!“ Oder: „Man lehrt ihnen, dass sie nicht als Mädchen oder Jungen geboren werden, sondern wählen, es zu werden.“ Seit Wochen kursieren solche anonymen Schock-Botschaften und sorgen für Verwirrung und Ängste.

Katholiken und Muslime bilden eine Allianz des Misstrauens

In Umlauf gebracht werden diese Botschaften von Anhängern der Bewegung Journée de Retrait de l‘École, kurz JRE (Tag der Schulverweigerung). An deren Spitze steht die franko-algerische Regisseurin und Schriftstellerin Farida Belghoul, einst engagiert in der kommunistischen Studenten- und Antirassismusbewegung, heute aktiv an der Seite von Alain Soral, der eine diffuse Mischung aus linksrepublikanischen und wertkonservativen Positionen, gepaart mit antizionistischer Hetze, propagiert.

Belghoul führt einen erbitterten Kampf gegen den Einzug der „théorie du genre“, der Gender-Theorie in den Schulunterricht. Sie wittert ein neues Erziehungsparadigma, das auf die sexuelle Orientierung der Kleinen abzielt. Den regelmäßigen Unterrichtsboykott sollen Eltern bis Schuljahresende fortsetzen. Auf ihrer Facebook-Seite gratuliert sich die Bewegung zum steigenden Zuspruch. Am 10. Februar erschienen nach eigenen Angaben 17.924 Kinder nicht zum Unterricht. Mitte März könnten es noch deutlich mehr werden.

Schon stürzen sich französische Medien auf das Gender-Thema: Philosophen, Erziehungswissenschaftler und Schriftsteller... Die intellektuelle Elite Frankreichs liefert sich ideologische Gefechte, während Eltern Bibliothekspersonal bedrohen, es möge unsittliche Kinderalben wie Alle nackt aus den Regalen verbannen.

Es ist ein ähnliches Szenario, wie wir es derzeit in Deutschland erleben. Mit den neuen Bildungsrichtlinien in Baden-Württemberg brach eine Empörungswelle los (siehe Kasten). Beschert hat sie uns längst vergangen geglaubte Auseinandersetzungen über den Ursprung von Homosexualität, darwinistische Diskurse über erbliche Veranlagungen und „Fehler der Natur“. Doch während sich die deutsche Debatte vor allem um das Thema sexuelle Identität dreht und um die Frage, wie viel Aufklärung Schule leisten darf und soll, ist der Bücherstreit in Frankreich nur ein weiteres Kapitel in einem Kulturkampf, der das Land seit zwei Jahren beherrscht.

Dabei geht es im Grunde genommen um das Wesen der französischen Gesellschaft und um die Frage, welches Frankreich die Franzosen haben wollen. „Unter der Regierung Sarkozy begann diese Selbstbefragung nach unserer Identität, nach unseren Werten“, so die Analyse der Geschichtswissenschaftlerin Frédérique Aït-Touati, Dozentin an den Universitäten Oxford und Sciences Po-Paris. „Diese Identitätskrise hat sich mittlerweile bis ins Familien- ins Intimleben der Franzosen ausgeweitet.“

François Hollande hatte im Präsidentschaftswahlkampf nicht nur einen politischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Wandel versprochen. Mit der Einführung der Homo-Ehe, der kürzlich beschlossenen Erleichterung von Schwangerschaftsabbrüchen und der noch ausstehenden Legalisierung der künstlichen Befruchtung für lesbische Paare brachte er das konservative Frankreich gegen sich auf. Das sieht durch Hollandes Politik die traditionelle Familie gefährdet und beschwört den Untergang der Zivilisation. „Es handelt sich hier um eine heterogene Gruppe, die bisher wenig sichtbar war, die sehr diskret lebte und kaum politisch in Erscheinung trat. Nun aber hat sie das Thema Familie für sich entdeckt, und plötzlich geht sie auf die Straße“, so Aït-Touati. Unter dem Label „Demo für alle“ („Manif pour tous“) protestierten im Frühjahr 2013 bereits hunderttausende Menschen gegen die „Ehe für alle“ („Mariage pour tous“). Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Anhänger verschiedener Religionsgemeinschaften und politischer Strömungen wollten das Gesetz verhindern. Im Ausland rieb man sich verwundert die Augen: die Franzosen ein Volk von Homophoben? Zum Massenphänomen war die „Manif pour tous“ jedoch vor allem dadurch geworden, als sie sich den Schutz der Familie auf die Fahnen schrieb. „Jedes Kind hat das Recht auf einen Vater und eine Mutter“ oder „Der Unterschied ist der Schlüssel zur Existenz“ stand auf ihren Spruchbändern. Das heikle Thema der medizinisch begleiteten künstlichen Befruchtung wurde am Ende im Gesetzestext ausgespart. Der nationale Ethikrat soll nun in diesem Jahr dazu befragt werden.

Hungerstreik und Gespenster

Seitdem sind neue konservative Bewegungen entstanden, so wie der „Printemps français“ („Französischer Frühling“), angeführt von der rechtskonservativen Béatrice Bourges, einer Art Sarah Palin à la française. Mit einem Hungerstreik wollte die zweifache Mutter Ende Januar François Hollande zum Rücktritt bewegen. Zuvor hatten wieder Zehntausende Menschen gegen die Familienpolitik der Regierung protestiert, die daraufhin die geplante Modernisierung des Familienrechts vorerst auf Eis legte.

Und die Debatte um Geschlechterrollen, um Sexualität und Familie hat noch eine weitere erstaunliche gesellschaftliche Koalition hervorgebracht: Muslimische und katholische Eltern teilen die Angst um die seelische Gesundheit ihrer Kinder und wenden sich gemeinsam gegen die republikanische Schule. Beide verbindet das Festhalten an Traditionen und das Misstrauen gegenüber der Moderne. „Auch wenn bislang nur das Thema Familie sie verbindet, so wäre eine dauerhafte Allianz aus Katholizismus und Islam eine furchtbare Vorstellung. Dann wäre Frankreich wirklich in zwei Kulturen gespalten“, befürchtet Frédérique Aït-Touati. Im Land der großen Aufklärer spukt das Gespenst vom Sittenverfall weiter: in Klassenzimmern, in den Medien und auf den Straßen. Eines Tages wird man darüber vielleicht in Schulbüchern lesen können.

Der Schulstreit in Baden-Württemberg

Die richtige Erziehung ist auch hierzulande ein heftig umstrittenes Thema. So entzündete sich Anfang des Jahres in Baden-Württemberg eine Debatte über den Umgang mit sexueller Vielfalt im Unterricht. Anlass war der Bildungsplan 2015, den das Kultusministerium des Landes derzeit ausarbeitet. Darin sieht die Landesregierung vor, Homosexualität, aber auch Trans- und Intersexualität fächerübergreifend zu thematisieren. Kirchen und Konservative laufen dagegen Sturm: Sie fürchten, dass Kindern auf diese Art eine bestimmte sexuelle Identität aufgedrängt werde. Anders als die Befürworter werten sie die Pläne nicht als Zeichen der Toleranz, sondern als eine Maßnahme der Indoktrination. Eine Online-Petition gegen den Bildungsplan 2015 haben fast 200.000 Leute unterschrieben – die Gegenpetition läuft noch. Vor einem Monat hatten beide Seiten zu Demonstrationen aufgerufen. Auch Anfang März gingen in Stuttgart wieder mehrere Hundert Menschen für und gegen den Bildungsplan auf die Straße. LV

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/14.

Kommentare (4)

Lethe 19.03.2014 | 13:19

na ja, das Ding ist eben, dass auch Menschen, die keine dediziert irgendwie linke Einstellung haben, eine Einstellung haben, die ihnen genau so wichtig sein kann. Und es steht zu befürchten, dass es selbst dann, wenn einschlägige Interessengruppen keine zielgerichtete Desinformation betrieben, eine ziemlich breite Koalition gegen genderkonforme Schulpolitik gäbe. Davon zu träumen, dass solche Projekte unterhalb des Schirms der öffentlichen Aufmerksamkeit abgewickelt werden können, dürfte nicht mehr sein als das, ein Traum. Ein unredlicher dazu.

anne mohnen 24.03.2014 | 09:41

"Hier eine differenzierte Sicht von Joseph Hanimann in der SZ

Die Gender-Studies nach amerikanischem Vorbild konnten in Frankreich nie auf eine großartige Zukunft hoffen. Die Ausdifferenzierung des Geschlechtsunterschieds nach ökonomischen, sozialen, kulturellen, ethnischen Aspekten geriet im Land der massiven Frauen-Berufstätigkeit, des "anderen Geschlechts" und der geschlechtsbetonten Haute Couture stets in die Klemme zwischen universalen Citoyens, deren Geschlecht laut der Philosophin Élisabeth Badinter bedeutungslos ist, und Akteuren eines subtilen Gesellschaftsspiels nach den Regeln der Verführungskunst im Sinne der Feministin Sylviane Agacinski.

Dass das Gender-Konzept nun nach einem Testversuch zum Abbau der Geschlechterklischees an den französischen Schulen auch noch den Widerstand ganz anderer Kreise weckt, macht seine Lage fast aussichtslos. Das Gerücht, an den Volksschulen solle die Gender-Theorie Einzug halten und bei den Kleinen das Bild von Vater und Mutter zerstören oder frühzeitig homosexuelle Neigungen wecken, führte dazu, dass Eltern aus den Immigrantenvierteln der Vorstädte verstört bei der Schulleitung anriefen." (...)

"Das dünne Eis, unter dem Frankreichs Zivilgesellschaft am Staat, an der Führungselite und an sich selbst zweifelt, knackt gerade an allen Ecken und Enden.

Hauptinitiatorin des Protests gegen das Gespenst einer Gender-Theorie an der Schule ist die Autorin und Filmemacherin Farida Belghoul. Vor dreißig Jahren war diese Intellektuelle algerischer Herkunft in der französischen Antirassismusbewegung engagiert, heute steht sie als Komplizin des schweizer-französischen Doppelbürgers Alain Soral, eines Ex-Kommunisten und zeitweiligen Front-National-Mitglieds, eher den Kreisen eines Radikalsozialismus mit Neigung zu Wahnvorstellungen von einem zionistisch geführten Weltkapital nahe.

"Im Kampf gegen die Aushöhlung der traditionellen Familie durch die Individualgesellschaft hat Farida Belghoul die Bewegung "Journée de Retrait de l'École" in Gang gebracht, die den Eltern nahelegt, aus Protest einen Tag pro Monat die Kinder nicht in den Unterricht zu schicken. Das fand ein überraschend großes Echo im Land." (...)

"Bei allem Wahnhaften dieser Ängste vor einer Tilgung des Geschlechterunterschieds offenbart die Bewegung ernsthafte Fragen und Zweifel. Gerade in manchen Problemvierteln, wo Sozial-, Integrations- und manchmal Religionskonflikte einander hochschaukeln, sehen die Leute nicht unbedingt ein, warum gerade dieses Thema der Geschlechtergleichstellung so dringend sein soll. Soziale Rollenklischees aufgrund ihres Namens oder Aussehens belasten ihren Alltag weit mehr.

Der unerwartete Schulterschluss zwischen erzkatholischen Bürgern und Migranten beruht auf dieser labilen, aber realen Grundlage: die geteilte Sorge um den Halt der traditionellen Familie. Das Thema von Gender-Politik und individuell bestimmter Geschlechtsneigung erscheint dabei als ein so weit her importiertes Ding, dass auch der Erziehungsminister Vincent Peillon das Wort sorgsam vermeidet und betont, mit Gender-Theorie habe sein Programm nicht das Geringste zu tun.(...)

"Bei den 7000 im vergangenen Jahr quer durchs Land gefeierten Homo-Ehen fällt ein mitunter klischeehaftes Heiratsambiente besonders auf. Bei aller Verspannung ist das französische Geschlechtermodell offenbar in der Lage, Individualität zu integrieren, Bräuche zu wahren und alte Zöpfe abzuschneiden wie gerade den per Gesetz abgeschafften Ausdruck "en bon père de famille" für eine sorgsame Haushaltsführung. "Vernünftig" soll dieses Haushalten fortan heißen, ein neutrales Wort, das mit seinem Anspruch vielleicht etwas zu hoch hängt."