Sterben oder abhauen

Provinz Nicolas Mathieus junge Helden wachsen in einem Lothringer Kaff auf. Die Ödnis der Neunziger wird schmerzhaft erfahrbar

Im Schatten stillgelegter Hochöfen flimmert ein See in der Julihitze. Nebenan liegen die Reste einer Stadt, die ihre beste Zeit hinter sich hat. Am Bahnhof hält nur noch selten ein Zug. Hier, in Heillange, begegnen wir Anthony, Steph, Clem, Vanessa und Hacine . Sie alle träumen von einem Leben anderswo. Die Mädchen pauken, um es an die Uni, am besten nach Paris, zu schaffen. Die Jungs schlagen die Zeit mit Bier und Joints tot. Wenn die Langeweile überhandnimmt, muss die Playstation oder eine kleine Schlägerei her. Es ist ein Frankreich, in dem noch mit Francs bezahlt wird. Ein Frankreich, in dem die Hoffnungen in den Sozialisten Mitterrand längst verflogen sind und Jacques Chirac 1995 die Geschicke der Nation übernimmt.

Leben und vergessen werden

Es ist ein Frankreich weitab von der kulturellen Strahlkraft der Hauptstadt. Wo das Versprechen des Aufstiegs durch die republikanische Schule wie Hohn klingt, weil das Schicksal der eigenen Milieuzugehörigkeit so erdrückend ist wie die Hitze. In dieses Frankreich nimmt uns Nicolas Mathieu in seinem zweiten Roman Leurs enfants après eux mit. Genauer nach Lothringen, aus dem der 41-Jährige selbst stammt.

Für seinen präzisen und eindringlichen Roman, der vor allem von den authentischen Dialogen lebt, wurde Mathieu 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, Frankreichs prestigeträchtigstem Literaturpreis. Nun erscheint er auf Deutsch, übersetzt von Lena Müller und André Hansen . Der Titel verweist auf einen Vers des jüdischen Gelehrten Jesus Sirach, der dem Text voransteht : „An andere denkt keiner mehr; es ist, als hätten sie nie gelebt. Sie sind gestorben und vergessen, genauso wie später ihre Kinder.“ Mathieus Geschichte erzählt von diesen Familien. Ein Anti-Bildungsroman, eher eine Gammler-Geschichte im Sinne von Eichendorffs Taugenichts, deren Figuren trotz aller Mühen am Ende fast ausnahmslos wieder an ihren scheinbaren Platz in der Gesellschaft und ins geografische Gefüge zurückgeworfen werden.

Zu Beginn des Romans, im Sommer 1992, ist Anthony 14. In vier Teilen, überschrieben mit Songtiteln aus den 90ern, begegnen wir ihm und den anderen Figuren im Abstand von zwei Jahren wieder. Mal erleben wir die Handlung aus der Perspektive seiner Mutter, mal mit den Augen des machohaften Franko-Marokkaners und Dealers Hacine. Oder aber an der Seite von Steph, der Tochter eines ambitionierten Stadtrats. Die einen haben es zu bescheidenem Reichtum gebracht, ein eigener Pool im Garten des Einfamilienhauses oder das rote Cabrio als Abi-Geschenk. Die anderen wohnen in schlecht beheizten Mietwohnungen und kommen nach der Schließung des Metallwerks als Hausmeister oder Verkäufer über die Runden. Zum Sound von Nirvana oder Hip-Hop kurven die Jungs erst mit BMX-Rädern, später mit Motorrädern durch die anliegenden Wälder. Durch eine geschundene Landschaft, zwischen Fabrikruinen, Kreisverkehren und Industriezonen mit gigantischen Supermärkten.

Die Stadt Heillange gibt es zwar nur im Roman, doch die Parallelen zu Hayange sind unübersehbar. Jener Gemeinde, die seit 1975 mit dem Untergang der Stahlindustrie fast ein Viertel ihrer Einwohner verloren hat und 2014 in die Hände des Front National fiel. Hayange ist das, was man euphemistisch als „La France périphérique“ bezeichnet, das Frankreich am Rand, das „interland“, wie Mathieu selbst sagt. Hier stoßen die Menschen verschiedener Milieus schneller aneinander, in Bars, an den Bushaltestellen, beim traditionellen Ball zum Nationalfeiertag. Nachdem das Motorrad von Anthonys Vater nach einer Party bei den „Bourgeois“ gestohlen wird, kommt es zu einer fatalen Kette von Ereignissen, an deren Ende der Vater wieder dem Alkohol verfällt, Hacine für eine Zeit nach Marokko gehen muss und Anthony weiter für Steph schwärmt, die längst einen festen Freund hat, der ihr etwas bieten kann.

Besonders auffällig in Mathieus Geschichte ist die Kluft zwischen Jungen und Mädchen. Letztere schauen Beverly Hills 90210 und wären gerne wie Brenda oder Kelly. Ihr oberstes Ziel ist es, Heillange den Rücken zu kehren, um irgendwie in die Welt aufzusteigen, in der entschieden wird, während die Menschen in Heillange nur zu ertragen haben. Oder – um das Los der Frauen mit Mathieus beeindruckender Leichtigkeit zu beschreiben: „Die Männer redeten wenig und starben früh. Die Frauen färbten sich die Haare und verloren nach und nach ihren Optimismus. Im Alter hielten sie die Erinnerung an ihre Männer wach, die krepiert waren, auf der Arbeit, in der Kneipe oder an einer Staublunge, die Erinnerung an Söhne, die sich totgefahren hatten, und an alle, die abgehauen waren.“

Zwangsläufig kommen die Dialoge zwischen den Jugendlichen, bisweilen vulgär, mit Abkürzungen und Redewendungen, in der deutschen Übersetzung nicht ganz so frontal, amüsant oder offenherzig rüber wie im Original. Dafür gelingt es den Übersetzern, das Atmosphärische des Textes zu transportieren. Etwa die Beschreibungen der Landschaft, deren Präsenz sie fast zu einer eigenen Figur macht. Aber auch die Körperlichkeit, sei es beim Sex oder bei Gewaltausbrüchen, eine Körperlichkeit, die sich in der französischen Gegenwartsliteratur auffällig häufig wiederfindet, etwa in Édouard Louis’ viel beachtetem Wer hat meinen Vater umgebracht. So wird der Leser in eine eigenartig verkommene Sinnlichkeit hineingezogen, aus Zigarettenqualm und Motoröl, Dunst von Schweiß und Alkohol. Nur die Pubertierenden mit ihren sprießenden Körpern halten (noch) dagegen an, entdecken sexuelle Begierden, trainieren sich Muskeln an oder Speck ab, erleben ganz unterschiedliche „erste Male“.

Mathieu sagt, viele seiner Protagonisten ähnelten jenen Menschen, die seit letztem Herbst landesweit in gelben Warnwesten demonstrieren. Er hat ungewollt vorab ein Buch geschrieben, das wie ein literarischer Seismograf jene Zonen vermisst, in denen die Revolte begann. Die Geburtsstunde der Gelbwesten war die geplante Erhöhung des Spritpreises. Im Roman heißt es: „Das Leben hier war immer ein Zurücklegen von Strecken. Zur Schule, zu Freunden, in die Stadt, an den Strand, zum Kiffen hinters Schwimmbad, zum Abhängen im Park. (...) Jedes Verlangen war mit einer Entfernung verbunden, jeder Genuss erforderte Sprit.“

Info

Wie später ihre Kinder Nicolas Mathieu Lena Müller, André Hansen (Übers.), Hanser 2019, 448 S., 24 €

06:00 24.08.2019
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg
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