„Viele schrieben mir, ich sei hässlich“

Porträt Sophie Fontanel findet, dass man immer die Wahl hat, selbst wenn man auf Kleiderspenden angewiesen ist
„Viele schrieben mir, ich sei hässlich“
Sie bricht französische Schönheitstabus und stellt ihre grauen Haare offen zur Schau. Auf Instagram wurde sie zur Ikone

Foto: Andreas B. Krueger für Der Freitag

Sie empfängt im 6. Stock eines herrschaftlichen Altbaus im Haussmann-Stil, im ersten Pariser Arrondissement, einem der ältesten Stadtviertel, am rechten Seine-Ufer. Aus Sophie Fontanels Fenster blickt man über die Dächer von Paris, vom Tuileriengarten bis hinüber zum Musée d’Orsay. In der schmalen Wohnung geht alles ohne Türen ineinander über. Im Entree häufen sich Einkaufstaschen bekannter Modemarken, Zeitschriften und Bücher breiten sich auf gemütlichen Sesseln und Holztischchen aus.

Auf dem langen Glastisch im Wohnzimmer stehen wilde Magnolien neben einem Notebook, die schmale Küche schließt sich seitlich an. Am hinteren Ende der Wohnung liegt das Schlafzimmer mit Zugang zum Bad, in dem sich Sophie Fontanel einen Traum, „eine Obsession“, wie sie sagt, erfüllt hat: weiß-grün gemusterte Fliesen mit floralen Ornamenten, wie in einer Szene aus Luchino Viscontis Film Der Leopard.

Die hochgewachsene 56-Jährige ist an diesem Tag eher schlicht gekleidet. Schwarze Schlaghose, schwarze Bluse, eine Kette mit einem goldenen Käfer als Anhänger. Sie schneidet eine Birne auf und platziert zwei Gabeln auf dem Rand eines Tellers. Dazu serviert sie einen Kräutertee und setzt sich aufrecht auf das Sofa im Eingangsbereich, hier herrscht charmante Unordnung, während der Rest der Wohnung sortiert und arrangiert wirkt.

Die Modejournalistin möchte sich Zeit nehmen, kurz innehalten, vor Terminen auf der Pariser Fashion Week, auf der die Herbst-/Wintermode gezeigt wird. Ihre Stimme ist rau, fast schneidig. Vor ihr liegt ein Stapel der deutschen Ausgabe ihres vor kurzem erschienenen Buches Glückssträhnen auf dem Tisch, im französischen Original Une apparition (dt. „eine Erscheinung“).

Vor ein paar Jahren beschloss die ehemalige Modechefin der französischen Zeitschrift Elle, sich die Haare nicht mehr zu färben und ihren weißen Ansatz herauswachsen zu lassen – eine Verwandlung, die sie auf Instagram dokumentierte und über die sie dann ein Buch schrieb. Mit dem scheinbar banalen Thema löste sie eine Debatte aus. „Erst war ich verwundert, dass auf dem Cover nur ein winziger Teil meines Gesichtes zu sehen ist, bedeckt von meinen Haaren. Doch das heißt ja auch, dass es nicht nur um mich geht, sondern um alle weißhaarigen Frauen“, sagt Fontanel. Ihre grau-weiße Mähne ist zu ihrem Markenzeichen geworden, besser: Sie hat sie zur Marke gemacht.

Vor vier Jahren verließ sie das Magazin nach zwölf Jahren Zusammenarbeit, die Trennung verlief weder selbstbestimmt noch gütlich. Mit einer Abfindung und der neu gewonnenen Freiheit hatte sie Zeit zum Nachdenken. Im Sommerurlaub in Saint-Tropez begegnete sie in einem Café zufällig einer weißhaarigen Frau, deren Ausstrahlung sie verblüffte. Mit 53 Jahren entscheidet sie, diese sehr pariserische Pariserin, dann, es der Unbekannten gleichzutun. Nun wird sie das Grauwerden, das going gray, das in den USA bereits zum Trend geworden ist, monatelang beschäftigen: „Ich trug ein Diadem, das mir einen Neubeginn verhieß.“ Als Zebra, noch halb brünett gefärbt und mit immer auffälligerem Haaransatz, musste sie ihre Entscheidung jetzt ständig ihrem Umfeld erläutern, sich rechtfertigen.

Nur keine Nahaufnahme

Zu dieser Zeit entdeckt Sophie Fontanel die Macht der sozialen Medien. Mit Instagram hat sie ein Medium gefunden, auf dem sie sich inszenieren, ihre Tagesoutfits posten kann. Ein Bein streckt sie lässig nach vorn, das andere ist gebeugt, der Kopf geneigt – 170.000 Leute folgen ihr mittlerweile. Die Reaktionen auf ihre Verwandlung waren allerdings geteilt.

Es kam viel Zustimmendes, Positives von Frauen, aber auch schlimmste Beleidigungen. „Eine Frau schrieb, ich hätte ein Problem mit Schönheit, weil ich hässlich sei, und ob braune oder weiße Haare, das würde nichts daran ändern“, sagt Fontanel mit bitterem Unterton. „Ich hätte nichts zu verlieren, aber andere Frauen seien schön und wollten es auch bleiben. Man denkt immer, der Blick von Männern auf einen selbst sei hart, dabei kann der Blick von Frauen das genauso sein.“ Bei einem Friseurbesuch erntet sie eher Mitleid. Eine Frau wünscht ihr zynisch, „einen Mann zu finden, einen, der sich nicht davon (ihren weißen Haaren, Anm. d. A.) abschrecken lässt. Ich hoffe nur, dass Sie sehr reich sind ... denn Sie müssen auch Mittel und Wege finden, um diesen Wahnsinnigen dann an sich zu binden.“

Als sie aufhört, sich die Haare zu färben, empfindet Fontanel das einerseits als authentisch, als ein Zeichen von Vertrauen in ihr tatsächliches Aussehen. Ein Selbstvertrauen, das auch sie nicht immer mit sich herumträgt. Andererseits geht es ihr um eine andere Darstellung von älteren Frauen, vor allem in Frauenzeitschriften, die kaum jemand besser kennt als sie. „Zeigt man Frauen meines Alters, will man sie trotz Falten von Nahem zeigen. Nehmen Sie diesen Tisch hier vor uns. Wenn er immer glatt ist und eines Tages Kratzer aufweist, dann fällt Ihnen das natürlich sofort auf. So ist es auch mit dem Gesicht, wenn es faltig wird.“

Going gray – der neue Schrei

Befreiung „Mehlhauben“ werden Frauen manchmal abschätzig genannt, wenn man sie, die Grauhaarigen, auf der Parkbank, in der Sauna oder beim Joggen sieht. Bei Männern ist Grau cool. Aber da ändert sich gerade was.

Nach der israelischen Sängerin Daliah Lavi, die bereits in den 90er Jahren selbstbewusst mit grauen Haaren ihre Lieder sang, treten heute immer mehr Schauspielerinnen, etwa Judi Dench und Helen Mirren, oder die Musikerin Annie Lennox ohne Perücke und mit ungefärbten Haaren öffentlich auf. Und sie werden beklatscht. Als 2017 die deutsche Fernsehmoderatorin Birgit Schrowange diesen Schritt ging, war es tagelang Thema in der Boulevard‑presse („Die neue Freiheit“, „Grau ist das neue Blond“, war zu lesen). Sie hatte ein Tabu gebrochen. Aus „Mehlhauben“ wurden Frauen, die going gray glamourös machten: Mittlerweile hebt auch das Cosmopolitan-Magazin Grau zur neuen Modefarbe empor, auf Instagram häufen sich Influencer mit Silbermähne. Solche wie die Pariser Modejournalistin Sophie Fontanel. Sie, die für renommierte und überregionale Zeitungen sowie Wochenmagazine über Stilikonen schreibt, wurde mit ihrer als radikal interpretierten Entscheidung selbst zum (grauhaarigen) Role Model und schmückt Titelseiten. Ehemals Reporterin bei der Elle und Moderatorin beim Privatsender Canal+, schreibt sie inzwischen regelmäßig für das Magazin L’Obs. 2005 veröffentlichte sie ihren ersten Roman.

Ihr Buch Glückssträhnen. Eine Liebeserklärung an meine weißen Haare (ebersbach & simon, 208 S., 20 €) erschien im Februar dieses Jahres auf Deutsch.

Fontanel fragt sich: Warum muss man diese ganze Wahrheit des Alterns abbilden, statt mehr das gesamte Erscheinungsbild älterer Frauen? Sie macht schon mal vor, wie das gehen könnte: Nahaufnahmen von ihrem Gesicht postet sie nur, wenn „das Licht geeignet ist“. Das finden die einen völlig konsequent, andere Frauen bemängeln in ihren Kommentaren, es fehle ihr an Mut, zu ihren Falten zu stehen.

In diesem Spannungsfeld versucht diese „influenceuse“ einerseits, das herrschende Schönheitsideal der Jugendlichkeit, nahezu Kindlichkeit, hinter sich zu lassen. Andererseits ist sie keine radikale Kritikerin der herrschenden Regeln des Modebusiness und erlaubt sich scharfe Urteile. So sagt sie, bekennende Macron-Wählerin, über die Präsidentengattin Brigitte Macron: „Ich finde sie sehr schön, aber ihr Kleidungsstil, das ist nicht meins. Das wirkt so wie ein Panzer. Ihre Art, sich zu kleiden, passt zu ihrem Wesen. Dynamisch, Lust auf Farben. Aber in ihrem Inneren, glaube ich, mag sie Mode nicht allzu sehr, sonst würde sie nicht immer nur die zwei Luxusmarken tragen, die wir von ihr kennen.“

Sophie Fontanel hat sich im Laufe der Jahre Zugang zu den exklusiven Zirkeln einer Welt verschafft, zu der sie immer gehören wollte. Ihre Begeisterung für Kleidung geht auf ihre armenische Großmutter zurück, die als Stickerin erst in die Türkei, später nach Frankreich auswanderte und – so will es die Familienlegende – auf der Flucht vor dem Völkermord Seiten der Vogue im Ärmel ihres Mantels versteckte. Sophie Fontanels Mutter arbeitete als Schneiderin und war bemüht, sich schnell zu „französisieren“, sich in die französische Gesellschaft zu integrieren. Dafür änderte sie sogar ihren Namen von Knar zu Jacqueline. Der Vater, ursprünglich Literaturprofessor, eröffnete in Paris eine Tischlerwerkstatt. Schnell war Sophie Fontanel fasziniert von dem bürgerlichen Leben, das sie auf dem vornehmen Lycée Molière umgab.

Ihre Familiengeschichte und ihren eigenen Weg in den Modejournalismus erzählt sie in ihrem 2016 erschienen Buch La vocation (dt. „die Berufung“). Mit ihrem Habitus, der ihren Lebensstil, Geschmack, die Ausdrucksweise und die Kleidung umfasst, kam Sophie Fontanel in gesellschaftliche Kreise hinein, die Leuten ihrer Herkunft sonst kaum offenstehen.

Warum wollte sie Modejournalistin werden? „Ich hatte vor allem ein Ziel: eine Arbeit, bei der ich frei über meine Zeit verfügen kann. Wissen Sie, Leute lieben es, zur Arbeit zu gehen. Sie mögen das morgendliche Gefühl, sich nützlich zu fühlen, einen Kaffee mit den Kollegen zu trinken, dann einen zweiten, und dann darüber zu diskutieren, wo man Mittag essen geht. Ich habe das gehasst. Ich stehe manchmal um sechs Uhr auf, um zu arbeiten, und dann lege ich mich bis mittags wieder hin. (...) Selbst für Elle habe ich von zu Hause aus gearbeitet. Ich wollte nie Teil einer Redaktion sein.“ Die mit der Selbstständigkeit verbundene Unsicherheit nimmt die Journalistin in Kauf, wohl wissend, dass von ihr als Freelancerin andauernd Einsatz erwartet wird.

„Manche Menschen sind nicht dafür gemacht, sich anzustrengen“, stellt sie fest. „Wenn man sie sich selbst überlässt, sind sie überfordert. Sie scheitern an ihrem Haushalt oder trinken drei Stunden lang Kaffee. Dann lesen sie zwei Stunden lang Zeitung.“ L’effort, sich anstrengen, das gehört zu Fontanels Lieblingswörtern. Es ist für sie eine Lebenshaltung. Sich in Bezug auf sein Äußeres gehen zu lassen, bedeute auch, es in vielen anderen Bereichen zu tun. Geld sei dabei nicht ausschlaggebend: „Meine Familie war nicht reich, aber wenn man sich oder seine Umgebung schön gestalten möchte, dann macht man es schön. Ich erinnere mich an die Urlaube mit meinen Eltern. Oft waren die Unterkünfte wirklich hässlich. Darunter habe ich gelitten. Meine Mutter kaufte dann weiße Laken und wir dekorierten alles um.“ Das gelte auch für Kleidung. „Man muss sich schon nach Gebrauchtem umsehen. Auch hier heißt es sich Mühe geben. Ich kombiniere ganz häufig ein Designerstück mit Sachen vom Flohmarkt. Einige meiner Lieblingsklamotten habe ich für ein paar Euro erstanden.“ Ah non? Das Budget hat keinen Einfluss auf die Art, sich zu kleiden? Sophie Fontanel wehrt ab: „Selbst wenn man zur Kleiderspende geht, kann man doch eine Wahl treffen und sagen: ,Nein, das möchte ich eintauschen!‘“

Sie bekommt mittlerweile „Luxusspenden“ von Designermarken, die hoffen, das Stück anschließend als Instagram-Post wiederzufinden. Es bestehe aber keine Pflicht, das zu bewerben, versichert sie. Es würde ihrem Stil und damit ihrem Ruf schaden, etwas zu tragen, was nicht zu ihr passt. In einer Ecke der Wohnung, die sie als Kleiderschrank nutzt, stapeln sich Tüten, aus denen Kleidungsstücke hervorquellen. Eine weiße, gelackte Handtasche in Form eines Einkaufsbeutels hängt an der Türklinke. Einmal im Jahr bringe sie selbst Säcke voller Anziehsachen zur Kleiderspende.

Wo ist die Eleganz?

Sie beschreibt ihren eigenen Stil als „feminin, modern und elegant“. Die Eleganz sei allerdings gerade im Verschwinden begriffen, weil die Zeit der Vorbilder einer ganzen Epoche, in der man sich an Truman Capotes Stilikonen, den „Swans“, orientierte, die Zeit der Kennedys, Brandolinis oder einer Audrey Hepburn, vorbei sei. Eleganz aber sei das Entscheidende, wenn es um Mode oder im weiteren Sinne um eine Kultur der Ästhetik geht. Diese könne man erwerben, weil man sich selbst die Mühe mache oder aber – wie in ihrem Fall – schon durch die Familie geprägt sei. Karl Lagerfeld widmete sie im Magazin L’Obs einen Nachruf.

Manchmal zeigt sie im Netz eine bestimmte Hutform oder einen speziellen Farbton. Es schmeichelt ihr, wenn junge Frauen ihre Fotos liken, in ihr etwas Kindliches entdecken. Sie kokettiert damit. Einige Minuten hat sie noch, vor dem nächsten Fashion-Week-Termin. Ist das Modebusiness heute frauenfeindlich? „Die Diktatur in der Modewelt besteht nicht im Geschlecht, sondern in der Schönheit“, antwortet sie pragmatisch. Die Anforderungen, extrem mager zu sein beispielsweise, würden für weibliche und männliche Models gelten. Fontanel, lässig in den Türrahmen gelehnt, verabschiedet ihren Besuch.

Das nächste Selfie kommt wenig später auf Instagram: Sophie Fontanel in den Straßen von Paris. Mit Hut, Sonnenbrille, weißer Lackhandtasche. Grauer Glamour.

06:00 24.04.2019
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg
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