Was bringen kurze Fahrverbote?

Smogalarm Paris hat zum ersten Mal seit 17 Jahren ein Fahrverbot verhängt – wegen der Feinstaubbelastung. Romy Straßenburg war trotzdem ohne Helmvisier auf dem Roller unterwegs
Ausgabe 12/2014

Am Montag standen meine Chancen 50 zu 50. Mein Einsatz lautete: TC-065-HB und ja, ich habe gewonnen! Dank der ungeraden Fünf auf meinem Nummernschild stieg ich wie jeden Tag auf meinen Motorroller und fuhr durch Paris. An den Straßenrändern standen Polizisten mit Ferngläsern und hielten massenweise Autos an. All diese Verlierer mit ihren geraden Zahlen auf den Nummernschildern, diese Straftäter, diese Angeschmierten. An einem ganz normalen Tag hätte ich mich gefreut über die wenigen Staus und die vielen freien Parkplätze.

Aber nein, der Montag war kein normaler Tag in Paris. Nach 17 Jahren verhängte die französische Regierung wegen der hohen Feinstaubbelastung zum ersten Mal wieder ein teilweises Fahrverbot für die Metropole. Für mich war es der erste Smog-Alarm in meiner Wahlheimat. An der Ampel stand ich neben einem Motorradfahrer mit Atemmaske. Er bedeutete mir mit der Hand, ich solle lieber mein Helmvisier runterklappen. Ich signalisierte zurück, dass ich gar keines habe, weil mein Helm ziemlich futsch ist. Er blickte mitfühlend – und gab Gas.

Zugegeben, man kriegt ein mulmiges Gefühl, wenn auf Straßenschildern und in den Medien vor sportlichen Aktivitäten „drinnen und draußen“ gewarnt wird. Auch wenn sich die Regierung schon am Montagnachmittag selbst zum Erfolg des Fahrverbots gratulierte und es in der Nacht zu Dienstag bereits wieder aufgehoben wurde, machen die staubigen Tage doch nachdenklich.

Eigentlich führe ich Diskussionen über Umweltschutz und Klimawandel mit französischen Freunden eher selten. Mitunter kriege ich Witze über den deutschen Mülltrennungswahn und über die vielen Windräder zu hören. Nun beherrscht das Thema Luftverschmutzung die französische Öffentlichkeit und unsere Gespräche. Das Fahrverbot war trotz der augenscheinlich positiven Effekte vor allem eine symbolische Maßnahme. Die Wetteränderung spielte der Regierung in die Hände. Und jetzt rollt der Verkehr wieder ungebremst, in einer Stadt, deren Bewohner statistisch sechs Monate früher sterben als im Rest des Landes.

Vielleicht vergehen ja bis zum nächsten Fahrverbot wieder 17 Jahre. Vielleicht nutzt die Regierung die momentane Aufregung auch, um für längerfristige Konzepte zur Verminderung von Autoabgasen zu werben. Vielleicht haben wir aber in ein paar Tagen auch einfach den Ausnahmezustand vergessen, spazieren fröhlich an der Seine entlang, atmen die Frühlingsluft ein und fühlen uns irgendwie besser. Bis zum nächsten Mal.


AUSGABE

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Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

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