„Wir waren wie Könige!“

Frankreich „Kriminelle Bande“ erzählt aus der Perspektive von Frankreichs Hautevolee. Flore Vasseur kennt sich dort aus
Romy Straßenburg | Ausgabe 47/2014
„Wir waren wie Könige!“
Alle Bilder dieses Spezials stammen aus der Fotoserie „Vele“ von Tobias Zielony*

Foto: Tobias Zielony

Sie studierte an der renommierten Wirtschaftsuniversität HEC, führte ein New Yorker Consulting-Unternehmen und lebte den kapitalistischen Traum par excellence. Bis zum 11. September 2001. Heute spricht die Journalistin und Romanautorin mit Leidenschaft über den Ausbruch aus einem System, das zu implodieren droht, über ihre Bewunderung für Julian Assange, Edward Snowden und Larry Lessing. An einem strahlend sonnigen Herbstmorgen erscheint Flore Vasseur im Café L’Européen am Pariser Gare de Lyon. Ein passender Ort, um mit einer zierlichen, blonden Französin über einen Wirtschaftskrimi zu sprechen, in dem der alte Kontinent parallel zum Leben der Protagonisten außer Kontrolle gerät. Kriminelle Bande erzählt auch vom moralischen Verfall der französischen Eliten.

Der Freitag: Frau Vasseur, was ist so bezeichnend für die Charaktere in „Kriminelle Bande“, die ja aus dem gleichen Milieu stammen wie Sie selbst?

Flore Vasseur: Ich könnte tatsächlich eine Figur meines Buchs sein. Ich gehöre zu dieser Generation. Wir hatten ausreichend Geld, wir haben studiert, wir waren die „guten Kleinen“, ohne Kriege. Glückskinder eben. Deswegen wollen wir nicht unhöflich sein und wagen es heute nicht, uns den Anweisungen zu widersetzen, die uns eigentlich krank machen. Wir leben in sogenannter Freiheit, aber die Eliten sagen uns, wie wir leben sollen. Das ist auch eine Form der Diktatur.

Ein Leben voller Privilegien. Wie sind Sie da rausgekommen?

Ich lebte Anfang der Nullerjahre in New York ein nahezu karikaturhaftes Leben. Ich war von Leuten umgeben, die anders konsumieren, anders arbeiten wollten, wenn auch mit einer durch und durch kapitalistischen Sichtweise. Wir dachten, das Internet wird alles verändern, wir hatten die Schlüssel zur Welt, man hörte uns zu, wir waren 25 und die Könige der Welt! Ich steckte total drin, arbeitete 18 Stunden am Tag. Ein kleiner, braver Soldat. Und dann kam der 11. September, und ich fragte mich, warum man uns Bomben schickt? Ich konnte nicht mehr das Ideal leben, reich zu werden, Macht zu haben, ein Unternehmen aufzubauen und es auf die Titelseite des Fortune Magazine zu schaffen. Ich verließ New York und arbeitete an vielen Orten der Welt, auch in Afghanistan. Ich wollte verstehen, woher die Bomben kamen.

Ihre Protagonisten sind Politiker, Journalisten, Banker. Was genau interessiert sie an diesen Kreisen und an einem Unternehmen wie zum Beispiel Goldman Sachs?

Mich treibt die Frage um, wer uns regiert. Ist es die Politik, die Finanzwelt, ist es Facebook, oder sind es Hacker? Die Demokratie scheint am Ende, aber wer hat dann die Zügel in der Hand? Wer legt uns Ketten an? Ich wollte das Aufeinanderprallen verschiedener Machtsphären illustrieren. Da ist ein Unternehmen wie Goldman Sachs ein unglaublich romanhaftes Umfeld, ein Ort für Kämpfe, für Verrat, Auseinandersetzungen. Es fällt nicht schwer, einen Plot daraus zu stricken. Wenn Sie Zugang zu bestimmten Machtsphären haben, dann fangen Sie an, eine Reihe von Dingen gutzuheißen, die Augen vor ihnen zu verschließen. Sie frequentieren gewisse Orte, umgeben sich mit gewissen Leuten. So geht es den Leuten an der Spitze von Unternehmen: Sie sind völlig von der Realität abgeschnitten. Sie folgen den Anweisungen, damit ihre Firmen wachsen, damit die Dividende stimmt. Der Rest ist ihnen egal.

Zur Person

Flore Vasseur, 1973 in Annecy geboren, ist Absolventin der Eliteuni HEC (École des hautes études commerciales). In New York erlebte sie die Dotcom-Blase und die Finanzkrise mit. Für Arte entwickelt Vasseur eine Reihe über die TED-Konferenz (Technology, Entertainment, Design), die Ende des Jahres ausgestrahlt wird

Sie schreiben, es ginge nur noch darum, bei alldem nicht durchzudrehen.

Es kommt ja nicht von ungefähr, dass heute in Frankreich extrem viele Psychopharmaka geschluckt werden. Den Menschen geht es schlecht. In den oberen Schichten kompensiert man das mit Medikamenten, mit zwanghaftem Kaufrausch, mit Reisen. Das zeige ich an meiner Figur Vanessa: Sie ist die Königin der Einflussnahme, sie regiert die Welt. Jede der Figuren stellt eine Form der Macht dar, und die Frage ist, wer am Ende gewinnt. Vanessa gewinnt scheinbar, aber sie braucht 15 Leute um sich herum, damit sie nicht zusammenbricht. Sie muss sich Freunde kaufen. Nicht nur das System stimmt nicht, auch die Menschen darin sind nicht glücklich. Auch das ist ein Tabu.

Können deutsche Leser die beschriebenen Zustände verstehen, oder sind diese typisch französisch?

Die Geschichte wird getragen von französischen Personen, es gibt aber auch eine Amerikanerin und dann natürlich: Europa, das für mich als eine ganze eigene Figur zu sehen ist. Europa, Goldman Sachs, der Euro – das sind transnationale Persönlichkeiten.

Hätte Sie nicht auch ein Sachbuch auf Grundlage Ihrer Recherchen gereizt?

Ich gehe von dem Prinzip aus, dass die Wahrheit noch ungeheuerlicher ist als das, was wir in Erzählungen stecken. Aber wenn man der Wahrheit nahekommen möchte, muss man das entlang der Fiktion tun, denn die Wahrheit setzt einem auch Grenzen. Die wahnwitzige Seite spielt sich ja auf der menschlichen Ebene ab.

Ist es als Frau leicht, in einer Männerdomäne schwierige Fragen zu stellen?

Ganz bestimmt. Darin besteht ja das Hacken. Der Hack besteht darin, das erwartete Verhalten an den Tag zu legen. Wenn Sie blond und hübsch sind, sagen sich die Leute: „Na, die hat keine Ahnung.“ Ihr Gegenüber wird Ihnen die Dinge ganz in Ruhe erklären, und Sie kriegen ihn nach und nach dran, fordern ihn heraus, und der Typ wird sich provoziert fühlen, wird mehr und mehr Dinge preisgeben, um zu zeigen, dass er ein richtiger Kerl ist. Man muss nur gerissen sein und sein Ego beiseitelegen. „Du hältst mich für eine dumme Kuh?“ Nicht schlimm! Das ist auch eine Form des Hackens. Ein Trader, der mir von seinem letzten Kakaogeschäft an der Elfenbeinküste erzählt, will sich auch mal Luft machen, sich aussprechen. Für einige bin ich sicher auch Therapeutin.

Ihre Affinität zum Hacken, zur digitalen Welt, zeigt sich in den QR-Codes im Buch, die den Leser auf Onlinequellen weiterleiten – falls er sie denn mit dem Handy scannt. Werden wir in Zukunft mehr Bücher auf diese Art lesen?

Man kann mein Buch lesen, ganz ohne die QR-Codes zu verwenden. Aber ich fand es witzig, damit zu spielen, gerade jetzt, da es oft heißt, dass es mit richtigen Büchern vorbei sei. Wir sitzen heute vor 50 Bildschirmen gleichzeitig, unsere Zeit zerfällt in viele kleine Teilchen. Mich reizt dieser Versuch, das Buch zu einem Objekt zu machen, das es zu erkunden gilt. Es ist die Rache des Buchs am digitalen Zeitalter. Wenn meine Figur Antoine, der Hacker, vor seinem Bildschirm an eine Musik denkt, dann kommt der QR-Code, und man landet bei diesem Song bei Youtube. Es ist also ein Buch, das ermöglicht zu erleben, was meine Figuren hören und sehen. Ein Buch, das spricht.

Liegt der Schlüssel, um die Welt zu verändern, heute genau an dieser Schnittstelle zwischen technischen Möglichkeiten und neuen intellektuellen Ansätzen?

Ja! Und dazu braucht es schlicht gesunden Menschenverstand. Die Figur des Hackers, diese Lebenseinstellung, muss man als eine politische Haltung verstehen. Ich sehe, was nicht funktioniert, und entscheide, zu handeln. Der wirkliche Hack aber muss kulturell sein. Wenn sich die Kultur verändert, wird sich das politische System verändern und das Verhältnis zur Ökonomie. Die Krise und das Debakel unserer Politik erziehen uns um. Und die Medien müssen genau da ansetzen. An dieser Stelle mache ich selbst meinen Hack. Ich arbeite an vielen verschiedenen Projekten, an Dokumentarfilmen, an TV-Serien. Aber ich habe vor allem Lust, weiter zu schreiben.

*Vele - Am Ort des Verbrechens

Tobias Zielony studierte im englischen Newport Dokumentarfotografie, als ihm die Idee kam, Jugendliche in Jogginganzügen aufzunehmen. „Damals, 1999, hatte ich das Gefühl, alle jungen Leute tragen diese Kleidung“, erzählt Zielony. Beim „Guardian“ fragte man: „Was ist jetzt die Geschichte?“ Und Zielony antwortete: „Na, die Jungs, die da rumhängen, nichts zu tun haben und Jogginganzüge tragen.“ Meint: Tobias Zielony ist kein Künstler, der seine Bilder auf eine stereotype Erzählung reduzieren will, auf Arbeitslosigkeit, Gewalt, das Übliche.

Über „Schrumpfende Städte“ (2004) sagt er, er habe für das Projekt in Halle/Saale fotografiert, ohne etwas von den Problemen zu wissen: Zielony findet es spannend, dass man eigentlich nie genau weiß, wo die Bilder aufgenommen wurden. Unser Krimi-Spezial illustrieren Fotografien aus Tobias Zielonys Buch „Vele“ (Spector Books 2014, 576 Seiten, 40 €) über Vele di Scampia, eine Wohnsiedlung im Norden von Neapel. In den 80er Jahren Schauplatz des Camorrakriegs, gehört der Gebäudekomplex heute zu den größten Drogenumschlagplätzen Europas und symbolisiert die Macht der Mafia in der Region.

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06:00 20.11.2014
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 33/2020

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