Wolf oder Schaf

Porträt Tariq Ramadan formuliert seine Überzeugungen je nach Zielgruppe. Ein Jahr nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“: unsere Begegnung mit dem Islamwissenschaftler
Romy Strassenburg | Ausgabe 01/2016 7

„Tariq ist da!“ Mit einem eindrucksvollen Schlüsselbund bewaffnet, eilt der sichtlich überforderte Hausmeister zum Hintereingang des in die Jahre gekommenen Gewerkschaftshauses an der Rue Génin. Nervös hantiert der junge Mann an dem Vorhängeschloss, das seit den Terroranschlägen vom 13. November die Tür zusätzlich sichern soll. Und dann darf der Hausmeister ihn als Erster begrüßen: Tariq Ramadan, den prominentesten Redner des Abends. Seit einer Stunde wird im völlig überfüllten Saal über eine „Politik des Friedens, der Gerechtigkeit und Würde“ diskutiert. Ramadan hat auf sich warten lassen, die selbstsichere Körperhaltung und das verschmitzt lächelnde Gesicht verraten, dass er das Aufsehen bei seinem Eintreffen in Saint-Denis genießt.

Auf der anderen Seite des Foyers wird es unruhig. Seit einer halben Stunde reden Wartende am Haupteingang auf Sicherheitsleute ein, um noch hineingelassen zu werden. „Ich hab schon drei Mal die Augen zugedrückt und einen Schub durchgewinkt“, jammert der Hausmeister. „600 Leute sind da oben, in einem Saal mit 400 Plätzen! Ich kann nicht für ihre Sicherheit garantieren.“

Konkrete Utopie

Tariq Ramadan, der Schweizer Islam-Gelehrte mit ägyptischen Wurzeln, Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft Hasan al-Banna, ist ein charmanter Mittfünfziger. Freundschaftlich legt er seinen Arm um den Hausmeister. „Jetzt komm schon, Bruder. Lass dein Herz sprechen. Tu mir den Gefallen“, ermuntert er ihn. Dann folgen ein paar arabische Sätze, die wie liebevolle Beschwörungen klingen. „Keine Sorge, ich übernehme die Verantwortung, das sind meine Gäste, meine Freunde“, versichert Ramadan. Der Schlüsselbund wird nach vorn weitergereicht. Die Menschen strömen durch die Glastüren, und mit der Taschenkontrolle wird es nicht mehr so genau genommen. Auf der Treppe sagt ein junger Mann arabischen Ursprungs zu einer Journalistin: „Voilà! Jetzt haben Sie den Eindruck bekommen, den Sie wollten. Er hat sich für uns eingesetzt. Jetzt wissen Sie, warum Tariq für viele hier eine Ikone ist.“ Schwer auszumachen, ob das ernst oder ironisch gemeint ist.

Zur doppelten Zunge

Was bedeutet muslimische Identität in der sogenannten westlichen Welt? Diese Frage beschäftigt Tariq Ramadan besonders. In den 50er Jahren war sein Vater Said Ramadan aus dem von Abdel Nasser geführten Ägypten zunächst nach Deutschland, später in die Schweiz immigriert. Tariqs Großvater Hasan al-Banna war Begründer der ägyptischen Muslimbruderschaft und wird bis heute als Märtyrer dieser islamistischen Bewegung verehrt.

Als jüngstes von sechs Geschwistern wächst Tariq, 1962 in Genf geboren, in der Schweiz auf, wo er Philosophie studiert. Später geht er zum Studium der Islamwissenschaften nach Kairo. Seine Promotion widmet er dem Schaffen des eigenen Großvaters, anschließend nimmt er verschiedene Lehraufträge an Universitäten in Europa, den USA und Japan an. Heute unterhält er Büros in Saint-Denis, Genf, London und Doha. Tariq Ramadan ist so populär wie umstritten, seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die bekannte französische Feministin und Sachbuch-Autorin Caroline Fourest widmete Tariq Ramadan 2004 das Buch Frère Tariq, in dem sie dem 53-Jährigen Doppelzüngigkeit vorwirft. Ramadan färbe seine Thesen je nach Zuhörerschaft.

Während er in wissenschaftlichen Kreisen versuche, das Bild eines intellektuellen Islam-Reformers zu vermitteln, verfalle er vor muslimischem Publikum in antisemitische und reaktionäre Argumentationslinien. Andere französische Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy sehen in Tariq Ramadan allenfalls einen Pseudo-Wissenschaftler, der die These eines „jüdischen Komplotts“ vertrete und antiisraelische Ressentiments bediene.

Im Saal „Marcel Paul“ sitzen und stehen also die Zuhörer dicht gedrängt und bemühen sich, den Rednern auf der Bühne zu folgen. Es ist ein historischer Ort, nicht nur wegen des Namensgebers Marcel Paul, Résistance-Kämpfer, KZ-Überlebender und späterer Vorsitzender des französischen Gewerkschaftsbunds. Gebaut wurde das Haus mit gläserner Fassade im nördlichen Pariser Vorort Saint-Denis 1983 vom Architekten Roland Castro. Castro, überzeugter Kommunist und Mitbegründer der politischen Bewegung „Konkrete Utopie“, wollte Städte bauen, die Zusammenhalt und Frieden schaffen. Von den Fenstern des angegrauten Gebäudes schaut man auf ein Autobahnkreuz und das Stade de France. Dort sprengten sich vor zwei Monaten drei Selbstmordattentäter in die Luft, nachdem sie versucht hatten, mit Sprengstoffgürteln ins Stadion zu gelangen. Fünf Tage später tötete die Polizei bei einem Großeinsatz im Stadtzentrum Abdelhamid Abaaoud, einen der mutmaßlichen Drahtzieher der Pariser Anschläge, bei denen insgesamt 130 Menschen starben. Wieder stehen die Vororte im Blickfeld der Öffentlichkeit, in Frankreich, in Belgien. Die 100.000 Einwohner zählende Gemeinde Saint-Denis, in deren berühmter Kathedrale einst Frankreichs Könige beigesetzt wurden, war im Jahr 2005 einer der Vororte, in denen wochenlang Autos brannten und Jugendliche sich mit der Polizei Straßenschlachten lieferten. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy kündigte an, er werde die Vorstädte „mit dem Hochdruckreiniger säubern und vom Gesindel befreien“. Zehn Jahre später ist Sarkozy zurück und das vermeintliche Gesindel immer noch da. Dort, wo der Republikaner Sarkozy die Feinde vermutet, unterhält Tariq Ramadan ein Büro. Es liegt in der 39 Rue de la Boulangerie, in einem schmucklosen Neubau.

Von den zwei schlichten Räumen schaut man in den Hof hinter dem muslimischen Kulturzentrum Tawhid, das eine Bibliothek und eine kleine Moschee beherbergt. Die Mehrheit der Bewohner von Saint-Denis sind Muslime, auch unter den Zuhörern im Gewerkschaftshaus überwiegen sie. Unter ihnen sind auffallend viele junge Frauen, die modische Kopftücher und knallige Handtaschen tragen. Sie werden freundlich beäugt von den vielen älteren Herren, den Gewerkschaftern, die an diesem Abend dem Aufruf des Kollektivs Ensemble gefolgt sind, das zur linken Partei Front de gauche gehört. Deren Europa-Abgeordnete Marie-Christine Vergiat sei begeistert von der großen mixité, der Mischung bei den Zuhörern. Auf Facebook postet sie ein Foto mit der Überschrift „Ich, gemeinsam mit Aktivisten der kommunistischen Jugend“. Darunter der Kommentar: „Ein Saal, vollgefüllt mit jungen Leuten, die das Frankreich repräsentieren, das ich liebe!“ In der Region Seine-Saint-Denis engagieren sich in der MJCF (Mouvement Jeunes Communistes de France) Jugendliche unterschiedlicher Konfession, viele von ihnen Muslime mit Einwanderungshintergrund, aber auch Linksautonome, Intellektuelle und Kinder aus den klassischen französischen Arbeitermilieus.

An diesem Abend folgen sie gemeinsam dem Friedensappell einer britischen Aktivistin und den Ausführungen des bekannten französischen Journalisten Alain Gresh, einst Chefredakteur von Le Monde diplomatique. Er fragt nach sozialen Ursachen und politischen Folgen des 13. November. Als Tariq Ramadan endlich die Bühne betritt, wie bei allen seinen Auftritten leger, aber stilsicher gekleidet, wird er euphorisch beklatscht. Man müsse verstehen, was nach dem 11. September 2001 passiert sei, beginnt er seine im Sitzen frei vorgetragene Rede. Genau dieses Muster habe sich nun, nach den Terroranschlägen von Paris, erneut gezeigt. Der Islam diene den westlichen Gesellschaften als Sündenbock. Er sei ein Vorwand, um nicht über Wirtschaft, über Sozial- und Außenpolitik sprechen zu müssen. Über die eigentlichen sozialen Probleme. Für Ramadan bleibt 9/11 ein Schlüsselmoment in der jüngeren Geschichte.

Nun, unter dem Eindruck des 13. November, kopiere Frankreich den binären Diskurs eines George W. Bush: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ François Hollandes Reaktion auf die Anschläge lautete „La France est en guerre“ (Frankreich ist im Krieg). Dabei könne nicht tiefe Religiosität die treibende Kraft der Terroristen sein, denn „92 Prozent der jungen Menschen, die durch das Internet oder auf anderem Wege ein solches Verhalten zeigen, sind seit weniger als zwei Monaten praktizierende Gläubige“, echauffiert sich Ramadan. Im Saal erschallt Lachen. Ja, man müsse durchaus eine Diskussion über den Islam führen, aber in erster Linie interessiere ihn die politische Dimension. Das kommt gut an bei den jungen Zuhörern. Der Palästinenserkonflikt, das Chaos in Libyen und Syrien und dazu der für drei Monate verhängte Ausnahmezustand. Frankreich entwickle sich zu einem Sicherheitsstaat mit ungerechtfertigten Hausarresten und Durchsuchungen. „Sie bringen Schande über Frauen und Männer“, sagt er verärgert. „Aber manchmal irren sie sich in der Tür.“

Durch die Talkshows

Wenn Tariq Ramadan „sie“ sagt, meint er die politisch Verantwortlichen, ob in den USA, in Großbritannien oder Frankreich. Sie würden ein Klima der Angst und gegenseitiger Verdächtigungen schaffen. Hier horchen besonders jene auf, die den wachsenden Islam-Hass beklagen, etwa die Anhänger des Kollektivs gegen Islamophobie (CCIF). Ramadan argumentiert eloquent, manchmal humorvoll, gestikuliert viel. Als er von einem festgenommenen Imam erzählt, dem man wegen des Ausnahmezustands nachweisen konnte, dass er Steuern hinterzogen habe, hat er auch die allerletzten Skeptiker für sich eingenommen. Die endlosen Debatten über das Kopftuch oder Halal-Fleisch? Das Pochen auf republikanische Einheit? Ramadan sagt: „Wir haben genug vom Laizismus.“ Die strikte Trennung von Kirche und Staat führt in Frankreich immer wieder zu heftigen Diskussionen über die alltägliche Ausgestaltung der Integration, zum Beispiel an Schulen. Ramadan spricht jenen aus dem Herzen, die sich als Muslime stigmatisiert und benachteiligt fühlen, weil sie ihre Religion nicht offen ausleben können.

Tariq Ramadan weiß, jeder, der an diesem Abend im Publikum sitzt, kann auf seine Argumente anspringen. Die Linksautonomen auf die Kritik am Überwachungsstaat, die Gewerkschafter auf seine Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde. Nicht zuletzt die jungen Muslime auf die Solidarität mit den Palästinensern und die Warnung vor wachsendem Islam-Hass.

Tatsächlich haben zahlreiche Soziologen darauf hingewiesen, dass sich Frankreichs Banlieue-Jugend mehr als andere Europäer mit arabischen Wurzeln mit den Palästinensern identifiziere, weil sie sich ebenso unterdrückt und ausgeschlossen fühle. Tariq Ramadan gibt sich als Vermittler zwischen der abgehängten Vorortjugend und der Mitte der Gesellschaft, der er angehört, auch wenn er selbst kein Franzose ist. Der Islamtheoretiker ist ein gefragter Gast in Talkshows und Podiumsdiskussionen. Er debattierte auch mit Stéphane „Charb“ Charbonnier, dem Herausgeber von Charlie Hebdo. Nach den Attentaten auf das Satiremagazin im Januar 2015, bei denen auch „Charb“ ermordet wurde, ließ Ramadan verlauten: „Je ne suis ni Charlie ni Paris“ (Ich bin weder Charlie noch Paris). Denn die Charlie-Karikaturen machten „aus der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen“ lächerlich, die Karikaturen seien respektlos, und zudem verdienten nicht nur Paris, sondern auch Beirut und andere Anschlagsorte weltweit unsere Solidarität. Gleichzeitig hat er die Muslime aufgerufen, friedlich zu bleiben. Nun, wenige Wochen nach den neuesten Pariser Anschlägen, zeigt sich Tariq Ramadan verärgert darüber, dass „unsere Toten mehr wert sind als tote Araber, Afrikaner oder Flüchtlinge“. Es klingt nicht nach dem Ruf nach weltweiter Solidarität, nationaler Einheit und Zusammenhalt, wie er noch immer im Herzen von Paris, am Place de la République, erklingt.

Dass Tariq Ramadan nach dem 7. Januar, nach Charlie, auch Verschwörungstheorien ins Spiel brachte, kratzte an seinem Ruf des gemäßigten Wissenschaftlers und schien seinen Kritikern erneut Recht zu geben, die in ihm allen voran einen Polemiker sehen. In Saint-Denis erklärt er: „Manche halten das für eine Besessenheit von mir, aber meine Besessenheit besteht doch nur darin, eine Sache zu sagen: Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist im Mittleren Osten von zentraler Bedeutung.“ Es gebe aber Kräfte in Frankreich, in den USA und England, die blind proisraelisch und pro-zionistisch seien. Der Ton wird schärfer, die Rede schneller.

Er wird diesen Abend mit einem Appell beschließen. „Ob du Atheist bist oder Agnostiker, Jude oder Christ oder Moslem … wenn du keinen Mut hast, dann geh doch weiter deinen Weg mit ihnen. Aber von einem bestimmten Moment an, da müssen wir etwas sagen dürfen, etwas sagen, das zu hören ist.“ Welche Art Engagement er sich von seinen Zuhörern wünscht, lässt Tariq Ramadan offen.

12:00 07.01.2016
Geschrieben von

Romy Strassenburg | Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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