Nachdenken statt Zurückbomben

Mord in Paris Was Europa wohl daraus lernen wird?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der schreckliche Mord an 12 Menschen, heute in Paris, hat sofort zu einer heftigen Debatte geführt. Noch sind nur ein paar Ausrufe der Mörder bekannt, aber natürlich ist sofort der Islamismus als Verursacher des Gräuels ausgemacht.

Man kann sich spontan vorstellen, was wieder die Reaktionen der Politiker sein werden: „Mehr Überwachung“, „Härteres Durchgreifen“, „Einwanderungsstopp“, „Abschieben von unbequemen Ausländern“, „in den Ursprungsländern bekämpfen“, „die sicheren Rückzugsgebiete bombardieren“, werden die am häufigsten zu lesenden Äußerungen sein. Also genau die gleichen Reaktionen, die man nach 9/11 hörte, und die zu einem seitdem immer heftiger werdenden weltweiten Krieg motiviert hatten.

HINTERGRUND

Genau dieselben Reaktionen führten nicht nur zu einem „Schmutzigen Krieg“ der USA in über 120 Ländern, in denen Menschen ermordet werden, alleine auf einen Verdacht hin. Er hat auch nicht nur, zu immer häufigeren Drohnenmorden, weltweit, geführt. Auch nicht zu 1,45 Millionen Tote, nach dem Krieg gegen den Irak, einem Land, das überhaupt nichts mit dem Attentat zu tun hatte. Diese Reaktionen haben nicht nur zu Missbildungen bei Neugeborenen, in weiten Teilen der Kriegsgebiete geführt, in denen die USA, und ihre Verbündeten, Uranmunition einsetzten. Diese Reaktionen haben auch nicht nur zu den größten Flüchtlingsströmen in der Geschichte des 21. Jahrhunderts geführt, zu Zerstörung, Chaos und mittelalterlichen Gesellschaftsstrukturen.

Sondern diese Reaktionen haben auch die Freiheit und Demokratie zerstört, die sie behaupteten zu beschützen. Gut zu erkennen an den Forschungsergebnissen einiger Universitäten, die den USA erst vor kurzem bescheinigten, jetzt eine Oligarchie geworden zu sein. Gut zu erkennen, auch an der Gleichgültigkeit der Massen, gegenüber einer, in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesenen, Bespitzelung aller Menschen, durch den Staat und insbesondere die NSA.

Der Westen hat Krieg gegen islamische Länder geführt, und innerislamischen Krieg unterstützt. Seit 9/11 befindet sich die USA in einem Kreuzzug gegen „Islamisten“. Dabei wurde z.B. nicht nur ein „Hassprediger“, der zum bewaffneten Kampf gegen die USA aufrief, sondern auch sein 16-jähriger Sohn, kurze Zeit später, gezielt ermordet. Dabei wurden Hochzeitsgesellschaften ausgelöscht. Und auch ausgelöst durch Aktionen der deutschen Bundeswehr, waren, z.B. bei Kunduz am 4. September 2009, hunderte von Opfern zu beklagen, alles unbeteiligte Zivilisten.

Jeder durch den Westen getötete, verstümmelte oder traumatisierte Mensch hat Familie, Freunde. Und auch wenn sie vorher den Westen nicht hassten, jetzt hatten sie gesehen, was er ihnen antat. Jetzt hassten auch sie ihn. Und so wuchs Gewalt immer weiter ... und wurde mit noch mehr Gewalt beantwortet.

Was wir heute in Paris erlebt haben, ist nichts Anderes, als eine neue Stufe der Eskalation. Und es ist zu befürchten, dass die Spirale der Gewalt noch länger weiter getrieben wird. Denn was diese Politik außerdem noch einer ganzen Generation von jungen Menschen vermittelte, ist die „Alternativlosigkeit“ der Politik: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder klarer ausgedrückt: „Für jeden von uns, müssen tausende von denen sterben“.

ZURÜCK IM MITTELALTER

Wir sind zurück in der Moral des finstersten Mittelalters. Mit Folter, Morden, Entführungen, ausgeführt von beiden Seiten, und der Verweigerung jeglicher, über der Gewalt stehenden Autorität. So wie die USA die UNO lächerlich machen, weil sie sich das Recht nehmen, sich über jedes Votum der Weltversammlung, nach Belieben hinweg zu setzen, so hat der Rest der Welt, die Achtung vor Weltstrafgerichten verloren, die offensichtlich nur selektiv die Schwächeren bestrafen.

Wenn die USA als Antwort auf 3000 Tote in New York, ca. 2 Millionen Menschen im Irak (wie gesagt, vollkommen ohne jede Verbindung zu dem Anschlag) und in Afghanistan tötet, erzeugt das 2 Millionen Mal mehr Hass als vorher bestand. Weshalb man sich nicht wundern darf, dass dieser Anschlag in Paris, sollte er tatsächlich von Islamisten durchgeführt worden sein, stattfand.

Für viele Menschen außerhalb des „westlichen Wertebündnis“ der NATO, sieht dieser Anschlag nicht anders aus, als der Drohnenanschlag gegen einen Hassprediger des Islamismus. Auch dabei kamen, bewusst in Kauf genommen, dutzende von Unschuldigen zu Tode, auch diese Anschläge waren heimtückisch und hinterhältig, im eigenen Gebiet der Angegriffenen, durchgeführt worden. Für die Islamisten war das Ziel des Anschlags, aus ihrer Sicht ein „Hassprediger“. So wie die USA, der Westen jenen als Hassprediger ansha, der zum Kampf gegen die USA aufforderte. So sahen die von Hass erfüllten Gegner, jenen Karikaturisten als einen Kämpfer gegen den Islam an.

Natürlich ist der Westen gut, die Islamisten sind böse. Karikaturen sind keine Hasspredigten, sondern legitimer Ausdruck von Satire, von Kunst. So sieht es der Westen. Aber auf der anderen Seite werden Hasspredigten gegen die USA nur als legitime Antwort auf die Ermordung Unschuldiger angesehen, und als Legitimation für Terrorangriffe. Auf der anderen Seite ist das bewusste und ständig wiederholte karikieren, und damit Lächerlichmachen einer Religion, ein aggressiver Akt der Erniedrigung.

WAS TUN?

Natürlich müssen die Mörder und ihre Hintermänner und Auftraggeber gefasst, und ihnen muss nach rechtsstaatlichen Mitteln der Prozess gemacht werden. Dabei muss vollkommen egal sein, ob die Tat einen islamistischen Hintergrund hatte oder die Tat von Provokateuren war.

Natürlich müssen wir unsere Gesellschaft schützen, aber ohne dadurch die Rechte und Freiheiten, die auf den Werten der Aufklärung, mit viel Blut erkämpft worden war, aufzugeben.

Diese furchtbare Tat mit noch mehr Terror, Folter, Unterdrückung, Bombenabwürfen, Ausgrenzung zu beantworten, wird nur zunächst Verständnis für die Tat, später vielleicht sogar Unterstützung, und am Ende Hass und Terror produzieren.

Statt die Mehrheit der Menschen, die sich zum Islam als ihre Religion bekennen, unter Generalverdacht zu stellen, müssen wir sie davon überzeugen, dass die Werte des Westens menschlicher sind. Dass sie gerechter sind. Dass sie für den normalen Menschen, egal ob Moslem oder nicht, eine lebenswertere Gesellschaft darstellen.

Das funktioniert aber nicht, durch noch mehr Bombenabwürfe, Bevormundung, Ausgrenzung, Kriegführung, Ausbeutung, Unterstützung mittelalterlicher Feudalherrschaften, verdeckt oder offen. Sondern das funktioniert durch Beispielgeben. Beispielgeben, was Rechtsstaatlichkeit für einfache Menschen bedeutet, was Gerechtigkeit bedeutet, was Fairness und Angemessenheit heißt.

Dass es dann auch zu Rückschlägen kommt, und vielleicht weitere Anschläge nicht vermieden werden können, sollte uns nicht davon abhalten, diesen Weg zu gehen. Denn dass der andere Weg nicht zum Erfolg führt, wurde heute bewiesen.

Wir sollten uns ein Beispiel nehmen an Norwegen, und der Reaktion der Menschen ,auf das Attentat von Anders Behring Breivik, im Jahr 2011. „Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

19:33 07.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

LinksPazi

Unter dem Pseudonym Linkspazi bloggt Jochen Mitschka. Links, engagiert und gegen Heuchelei und Krieg. Statt Mainstream wiederholen, ihm antworten.
LinksPazi

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