Politische Weihnachten

Die 10 Gebote, das Christentum, und wie aus Religion Politik wurde, und die institutionalisierte Heuchelei.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Religionen waren der Beginn des Versuchs, soziale Gemeinschaften so zu organisieren, dass das Zusammenleben in einer Art und Weise erfolgte, dass es die Gemeinschaft stärkte, und gegen außen stehende Feinde widerstandsfähiger machte. In einer Zeit, in der alleine das Recht des Stärkeren galt, waren Fortpflanzungstrieb und Kraft entscheidend für die Rolle in einer Gruppe. Mit zunehmendem Einfluss von menschlicher Intelligenz jedoch benötigte man ein Regelwerk, das es nicht nur kräftigen, sondern auch intelligenten Menschen ermöglichte, zu überleben, und eine Rolle in der Gemeinschaft zu spielen. Es war vermutlich einer jener intelligenteren Menschen, der es Leid war, verprügelt zu werden, und der die Angst der anderen Menschen vor den Naturgewalten nutzte, um sich zum Diplomaten einer höheren Macht zu erklären.

Es folgte das Aufstellen von Regeln, die angeblich durch höhere Mächte ersonnen worden waren, denn nur so konnte man die Regeln durchsetzen. Diese Regeln entwickelten im Laufe der Zeit immer mehr Ziele, die sich als äußerst positiv für die Gemeinschaft erwiesen. Streitigkeiten wurden durch Verbote verhindert, und wenn interne Streitigkeiten doch auftraten, konnten sie oft ohne Mord- und Totschlag beseitigt werden. Ein erheblicher Vorteil gegenüber chaotischen Banden, die keinerlei Gesetzen gehorchten, und sich deshalb regelmäßig gegenseitig massakrierten.

Die religiösen Regeln waren oft sehr pragmatisch und weltlich orientiert. Erkrankten Menschen häufig auf Grund von Parasiten in Schweinefleisch? Man verbietet Schweinefleisch. Erkennt man die Wichtigkeit der Hygiene? Man gebietet Waschrituale. Man beobachtet, dass Fisch Mangelerkrankungen vermeiden kann? Der Freitag wird zum fleischlosen Tag erklärt und Fisch muss gegessen werden. Aber ich will mich nicht zu sehr in der Geschichte der religiösen Gesetze und Vorschriften vertiefen.

Irgendwann gab es dann eine Situation, in der eigentlich die Zivilisation so weit entwickelt war, dass die Grundbedürfnisse und -Regeln durch weltliche Gesetze, Verordnungen und Verhaltensweisen besser gelöst wurden, als die archaischen Lösungsansätze der Religionen. Zu diesem Zeitpunkt begannen die Religionen Vorschriften zu entwickeln, die dem Überleben der Religion, und des Einflusses dienten. Religionen verbanden sich mit weltlichen Herrschaftsformen, legitimierten sie, worauf die weltlichen Herrscher die Religionen beschützten.

Die religiösen Gesetze werden zu einer Art Über-Verfassung, die in ganz einfach zu verstehender Form, noch über den sukzessive entstehenden Verfassungen der Gemeinschaften stehen. Verfassungen und Gesetze wurden letztendlich aus den Ursprüngen religiöser Gesetze entwickelt. Auch wenn es heute schwer ist, die Wurzeln noch zu erkennen.

„So wahr mir Gott helfe“ ist eine Reminiszenz diese r Epoche, als Religionsstifter noch als höchste richterliche Instanz angesehen wurden. Eine Epoche, die aber auch in Deutschland noch längst nicht abgeschlossen ist. So lange Parteien im Namen „Christlich“ tragen, müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, eine mildere Form der verweltlichten Theokratie verwirklicht zu haben. Sie können schwer glaubhaft machen, Demokratie, die Herrschaft des Volkes, als höchste Autorität anzuerkennen.

Das wirklich Traurige an dieser Situation ist, dass die so genannten „christlichen Parteien“ noch nicht einmal mehr die Grundlagen ihrer Religion, die wichtigsten religiösen Gesetze ernst nehmen.

DIE 10 GEBOTE

Um die Diskussion zu vereinfachen, will ich mich auf die 10 Gebote stützen, die in der katholischen Kirche Kindern beigebracht werden.

I Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Dieses Gesetz dient dem Selbstschutz. So wie in weltlichen Verfassungen der Absolutheitsanspruch einer Verfassung oder die Ewigkeitsklausel erklärt wird. Sie soll verhindern, dass Gemeinschaften durch Streitigkeiten um die richtige Lehre zerstritten werden, und dadurch geschwächt.

II Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.

Siehe I

III Du sollst den Tag des Herrn heiligen

Siehe I. Die ersten drei Gesetze dienen also dem Selbstschutz. Zweifel sollen von vornherein ausgeschlossen werden, eine Weiterentwicklung unterdrückt.

IV Du sollst Vater und Mutter ehren.

Hier beginnen nun die weltlichen Regeln. Der Schutz von gebärender Mutter und dem sorgenden und beschützenden Vater, hat eine überaus hohe Priorität, da nur durch eine hohe Geburtenrate der Bestand der Glaubensgemeinschaft, und damit ihre Macht, erhalten bleiben. Hier beginnt inzwischen der Konflikt der so genannten christlichen Politiker. Sie tragen zwar den Schutz der Familie und die Pflicht zur angemessenen Pflege alter Menschen auf den Lippen. Alleine realisiert werden in erster Linie Projekte, die den Anschein erwecken, eher als solche, die Wirksamkeit entwickeln.

Wer die Situationen in Alten- und Pflegeheimen kennt, die Arbeitsbedingungen der Menschen die dort arbeiten, die Bezahlung, die ja gleichzeitig die Wertschätzung der Gesellschaft darstellt, wird erkennen, dass etwas nicht stimmt.

Da werden z.B. Gesetze erlassen, dass eine bestimmte Anzahl von examinierten AltenpflegerInnen pro Bewohner eines Heimes vorgeschrieben ist. Gleichzeitig aber akzeptiert die Politik augenzwinkernd, dass nun zwar examinierte Kräfte vermehrt eingestellt werden, gleichzeitig aber Hilfskräfte in der Küche, der Pflege und selbst zur Reinigung, abgebaut werden, und die Aufgaben den examinierten Kräften zusätzlich(!) aufgelastet werden. Wir beginnen zu ahnen, welche Heuchelei wir noch entdecken werden.

V. Du sollst nicht töten

Das ist ein eindeutiges und klares Verbot, andere Menschen zu töten. Nun kann man sagen, dass das selbstdestruktiv wäre, weil man sich dadurch selbst zum Opfer macht. Aber dem hat Jesus ausdrücklich widersprochen, als er bei seiner Verhaftung jeden Widerstand ablehnte und erklärte „Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert sterben“.

Nun sind wir nicht Jesus und hängen natürlich an unserem weltlichen Leben, weshalb verständlich ist, wenn wir es verteidigen, selbst wenn wir dazu andere Menschen töten müssen. Schließlich sieht ja die Religion auch Busse und Vergebung vor.

Wo aber das Gesetz „Du sollst nicht töten“ vollkommen pervertiert, und in sein Gegenteil geändert wird, in „Du sollst töten“, ist die Politik, die derzeit von den christlichen Parteien im Rahmen des „wiedererstarkten Deutschlands“ das „eine Rolle in der Welt spielen muss“, betrieben wird. Hier wird Heuchelei auf eine Höhe getrieben, die man gar nicht mehr beschreiben kann.

Da wird behauptet, man müsse irgendwo in der Welt andere Menschen töten, damit diese wiederum nicht andere Menschen töten. Also wir töten quasi erlaubt, die anderen würden aber unerlaubt töten. Da werden Drohnenmorde der US-Amerikaner ermöglicht, durch Bereitstellen der Basen in Deutschland, da werden illegale Foltergefängnisse „übersehen“ und illegale Gefangenentransporte, die für einige den Tod bedeuteten. Da werden Bündnisse mit Mächten eingegangen, die Millionen von Menschen in den letzten Jahrzehnten getötet haben, immer unter dem Vorwand, damit Schlimmeres zu verhindern. Aber was passierte war Chaos, Leid, Flüchtlingsströme.

Wer eine solche Politik unterstützt und dabei behauptet christlichen Geboten nahe zu stehen, dem sollte man überhaupt nichts mehr glauben.

VI. Du sollst nicht ehebrechen.

Die Familie war das schützende Umfeld für die Aufzucht des Nachwuchses. Ehebruch, Streit, oft folgende Trennung waren natürlich nicht im Interesse der Religionsstifter, und auch nicht im Interesse der Gemeinschaft.

Die Regelung ist längst durch weltliche Lösungen überholt und Forscher der Neuzeit haben erkannt, dass das Großziehen von Kindern in einer zerrütteten Ehe schlimmere Folgen haben kann, als das Erziehen ohne ein Elternteil.

VII. Du sollst nicht stehlen.

Religionsstifter hatten erkannt, dass der Diebstahl von mühsam, mit den eigenen Händen erwirtschafteten Mitteln, in einer Gesellschaft, diejenigen nach oben spülen kann, die nicht durch Fleiß und Arbeit, sondern durch Diebstahl und Gier eine Position erreichen.

Wo stehen wir heute? Die „christlichen“ Parteien haben ganz entscheidend dazu beigetragen, dass gerade jene Kräfte heute Spitzenpositionen in der Gesellschaft bekleiden, die nicht durch ihrer Hände Arbeit, sondern durch Gier und Diebstahl ähnlichen Transaktionen, zu Reichtum kamen.

Bei der letzten Bankenkrise bewiesen die Regierenden, dass sie das auch nicht ändern wollen. Als nämlich die Frage zu beantworten war, ob man die kleinen Sparer und ihre Guthaben schützen sollte, oder die großen Banken mit ihrer Verschuldung, wurde eindeutig Letzteres realisiert. Die Pleitebanken wurden nicht in Allgemeineigentum überführt und den Sparern das Geld gerettet. Sondern sie wurden durch staatliche Garantien und Geldspritzen am Leben erhalten, so dass sie weiter in dem System agieren können, in dem sie aus Luft Geld schöpfen.

Nein, es ist nicht viel komplizierter. Es ist ganz einfach: Banken erhalten das staatliche Privileg, aus Luft Geld zu machen. Sie benötigen nur minimalste Mengen an Eigenkapital zur Vergabe von Darlehn, erhalten aber Zinsen für das gesamte verliehene Geld. Diese Zinsen bilden wieder neue Zinsen. Und im Laufe der Zeit wird so viel Geld aus Luft geschöpft, dass die wenigen Eigentümer, auf die das kumuliert, nicht mehr wissen, wohin damit. Und dann erfindet ein kluger Kopf "Privat-Public-Partnership", oder es werden „Reformen“ eingefordert.

Reformen bedeuten aber nichts anderes, als den Verkauf von Staats- bzw. Volkseigentum an jene Kräfte, die in den Jahrzehnten vorher, aus Luft Geld geschöpft haben.

Für mich ist damit Diebstahl gut beschrieben. Die christliche Definition des Diebstahls bezieht sich lieber darauf, wenn ein Hilfsbedürftiger gegenüber dem Staat lügt, um 10 Euro im Monat mehr zu erhalten, oder wenn ein Jugendlicher einen Ladendiebstahl begeht oder ein Moped stiehlt. Die Milliarden, die aber durch legalisierte Mega-Steuerhinterziehung, mit Hilfe der so genannten christlichen Parteien erfolgt, sind nach herrschender Definition kein Diebstahl, für mich aber schon.

Um nur ein Stichwort zu erwähnen: LuxLeaks. Während ein Ehepaar, das mittlere Einkommen als Angestellte erreicht, zwischen 25 und 30% Steuern zahlen muss, dürfen große Konzerne mit Milliardengewinnen sich mit 1% frei kaufen. Für mich ist damit Diebstahl gut beschrieben.

VIII. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

Die Religionsstifter haben sehr wohl erkannt, dass falsche Beschuldigungen eines Anderen eine schwere Straf-Tat darstellen, da sich der Andere nur schwer dagegen wehren kann. Denn wenn er etwas über sich aussagt, wir das allgemein als weniger glaubwürdig angesehen, da er ja in seiner Person befangen ist.

Aber was tun unsere „christlichen“ Politiker heute? Das kann man nur noch einigermaßen erfassen, wenn man sich eine Tabelle macht:

- Verleumdung der Friedensbewegung
- Verleumdung Syriens
- Verleumdung Russlands
- Verleumdung des Iran
- Verleumdung der Menschen in Griechenland

Eigentlich wäre die Liste unendlich fortzuführen. Denn je länger man nachdenkt, desto mehr Beispiele findet man, in denen „christliche“ Politiker die Unwahrheit über Andere sagten, ohne dass dies in irgendeiner Art und Weise sanktioniert worden wäre.

Der Artikel ist lang genug geworden. Ich will auf Gebot nur IX und X verzichten und fasse zusammen:

FAZIT

Machiavelli hat nieder geschrieben, was durch Zbigniew Brzeziński zur Vervollkommenheit des Verkommenen weiter entwickelt wurde: Machterreichung und Machterhaltung kennen weder Moral noch Ethik. Jede Maßnahme ist erlaubt, die zum Ziel führt, die eigene Macht zu vergrößern und zu erhalten.

Und so werden die verlogenen „christlichen“ Politiker heute wieder in die Kirchen strömen und ganz vorne sitzen. Da wo sie von Jesus einst als Schriftgelehrte und Pharisäer, als Heuchler geoutet worden waren. Nur dass heute kein Jesus mehr überleben würde, der diese Rolle übernehmen könnte.

Auch wenn Papst Franziskus gegen Heuchler in den eigenen Reihen poltert, wird er sich hüten, in Konfrontation mit der „christlichen“ Politik zu gehen. Und so bleibt es eben wieder mal dem Fußvolk überlassen, „die Händler und Wechsler aus dem Tempel zu treiben“, wie Jesus es einst tat. Nur dass „Händler“ heute Politiker und multinationale Konzerne sind, und „Wechsler“ die Groß-Banken, die seltsamerweise bisher aus jeder Krise als Gewinner hervorgingen.

13:20 24.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

LinksPazi

Unter dem Pseudonym Linkspazi bloggt Jochen Mitschka. Links, engagiert und gegen Heuchelei und Krieg. Statt Mainstream wiederholen, ihm antworten.
LinksPazi

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