Postfaktisch? Wann war faktisch?

Wort des Jahres Über Postfaktizismus, Postdemokratie und Populismus
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Jetzt hat auch die Gesellschaft für deutsche Sprache „postfaktisch“ zum Wort des Jahres erklärt. Das Wort bringt aber vielmehr eine bemerkenswerte und neue Dimension eines fehlenden oder bewusst verdrängten Verständnisses für historisch-politische Realitäten zum Ausdruck und zeigt beispielhaft, wie hilflos und düster, die Lösungswege der Etablierten aus den Krisenzeiten zu sein scheint.

Die Jury begründet die Entscheidung folgendermaßen:

„Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt im »postfaktischen Zeitalter« zum Erfolg“

Ähnlich, wie der beeindruckend inflationäre Gebrauch vom vagen Begriff des Populismus“ der sowohl dem Sozialisten Bernie Sanders, Jeremy Corbyn, der spanischen Podemos als auch Donald Trump zugeschrieben wird, zeigt es nur, dass der richtige Umgang mit besorgniserregenden Entwicklungen wohl in dem Ansatz liegt, die gravierenden und verheerenden Defizite des Systems nicht erkennen zu wollen oder zu können.

Zutreffend und ein davon zu trennender Aspekt ist zwar, dass in Anbetracht der Kriminalstatistiken, die einen deutlich Rückgang von Kriminalität verzeichnen, zeitgleich das Gefühl von steigender Brutalität und Kriminalität steigt. Das wird allerdings eher an der medialen Wahrnehmung von Bildern der Gewalt und Brutalität und der psychologischen Wirkung derer auf uns zu erklären sein. Wie hier erhellend dargestellt: http://www.tagesspiegel.de/berlin/brutaler-tritt-in-berlin-neukoelln-die-frau-im-u-bahnhof-hermannstrasse-kann-jede-sein/14953166.html

Doch was sagt es über den Zustand und die Akteure einer medial im Vordergrund stehenden Debatte aus, wenn es sich von einer vermeintlich - wie eine plötzliche Naturkatastrophe - einbrechende Zeit der 'Postfaktizität' im politischen Diskurs oder in der angewandten Politik so beeindruckt vorzugeben scheint? Oder wenn die Verwendung des Begriffs des Populismus dazu genutzt wird, ihn sowohl der politischen Linken wie auch den vormarschierenden Rechten zuzuschreiben um damit letztlich nur politisch Unliebsames platt zu machen.

Es ist nämlich gewiss nicht ein und dieselbe populistische Manier, wie auch immer das Begriffsverständnis von Populismus sein mag, wenn etwa Bernie Sanders den Einfluss von Geld in der amerikanischen Politik und Wahlkampf zum Thema macht und wenn Donald Trump die Lösung von Problemen in building a great great Wall sieht. Inwiefern wäre es überhaupt rationaler (um in der zweifelhaften und von der Theorie der rational choice geprägtem Verständnis des Begriffes zu bleiben), wenn Hilary Clinton, als die personifizierte Unaufrichtigkeit gewählt worden wäre? Bei genauerer Betrachtung haben sie und die demokratische Partei schließlich eher verloren, als das Trump, mit Abschneiden eines der schlechtesten Ergebnisse der Republikaner gesiegt hätte. Verloren auch, nachdem sie den linken „Populisten“ Sanders, in schändlicher Weise ausgebootet hat. Besteht gar eine fernab des „Establishments“ bestehende rationale Wahl, wenn die Beantwortung von zentralen politischen Fragen, angesichts von sogenannten Sachzwängen vorgezeichnet ist? Oder wenn nationaler Politik, die Handlungsfähigkeit abgesprochen ist, angesichts internationalem und grenzenlosem Treiben von Finanzmacht?

Faktizität und Wahrheit ist jedenfalls gewiss nicht ein sie auszeichnender Ausdruck der historischen wie gegenwärtigen Politik. Politische Wahlkämpfe sind ebenso wenig geprägt von Nüchternheit als vielmehr im Versuch, niedere Instinkte der Wählerschaft anzusprechen. Das Funktionieren unseres Geldsystems und ihre Abhängigkeit an unendlichem Wachstum in einer endlichen Welt, als höchste Form der Rationalität zu sehen, erweist sich vorsichtig formuliert, zumindest als recht gewagtes und transzendentes Rationalitätsverständnis. Eine unzählige Aneinanderreihung von weiteren Gegenbeispiele sei an dieser Stelle vermieden. Hinreichend bekannt dürfte schon sein, dass selbst elementare kapitalistische Grundideen, spätestens durch die Sozialisierung systemrelevanter Banken verworfen wurden. Wir erinnern uns auch an die Iraklüge oder der Brutkastenlüge wie auch Pläne für die Invasion in der Schweinebucht, die uns allen bekannt sein könnte. Solche Lügen gehen selbstverständlich nicht nur von den bösen Amerikanern aus, doch handelt es sich dabei um plakative Beispiele zur Illustration.

Kurzum: So wie dem vielzitierten Begriff der Postdemokratie, fehlt es der Postfaktizität an einem sie voraussetzenden Präzustand. Besorgniserregend und Ursache für die Krisen der Gegenwart ist daher eben allein diese Erkenntnis.

22:59 09.12.2016
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