Vom Stier gejagt

Europa Auf der Suche nach einer Richtung für Europa, sind wir alle Gejagte der eigenen Geschichte. Was wir aus der Krim-Krise über uns selbst lernen können.
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Das Haifischbecken ist voller geworden in den letzten Jahren und angesichts schwindender Ressourcen wird auch der Ton in der Weltpolitik immer rauer. Inmitten dieses Trends findet sich Europa abermals mitten im erhitzen Spannungsfeld von Moskau und Washington wieder. Zwei Pole, deren gegenseitige Abstoßung sich mittlerweile zu einem politischen Naturgesetz entwickeln zu haben scheint, dem sich keiner entziehen kann, der an den Fleischtöpfen ein Wörtchen mitreden möchte. So könnte man zumindest die durch die Krim-Krise ausgelöste mediale Polarisierung der letzten Monate und das überstürzte Handeln der europäischen Führung erklären.

Angesichts der zahllosen Toten in anderen Teilen der Welt, an den eigentlichen ‚Fleisch‘- oder besser gesagt Rohstoff-Töpfen von heute, können wir uns trotzdem glücklich schätzen lediglich eine massive Wirtschafts- und Identitätskrise überstehen zu müssen. Denn vor allem das zeigen uns die jüngsten Ereignisse, die man in unserer globalisierten Welt schon fast lokal nennen dürfte: eine europäische Identitätskrise. Wenn man in dem mythischen Bild bleibt, welchem der Kontinent Europa seinen Namen verdankt, so könnte man konstatieren, dass wir mindestens vom Stier gefallen sind. Wahrscheinlich irgendwann zwischen 1789 und 1945. Der Stier steht übrigens in diesem Fall metaphorisch für unsere kulturellen Wurzeln im antiken Griechenland, dem Land nebenbei bemerkt, das im Moment vor den Augen desselben Europas auseinanderfällt.

Es hat sich eine große Diskontinuität kultureller Erbgänge in Europa etabliert, die den Zugang zu der eigenen politischen, nationalen und kulturellen Identität erheblich erschwert und so in Europa vielerorts zu einem ‚Verlust der Mitte‘ und einer politschen Führung geführt hat, die nicht mehr weiß wofür sie eigentlich steht. Gerade Deutschland hat in diesem Zusammenhang wohl die schwersten historischen Brocken zu verdauen. Die Gefahr dabei liegt nicht nur in der Erstarkung der rechten Randparteien, die genau diese Sparte zu bedienen meinen, in Wahrheit aber nichts anderes tun, als eben diese fatale Diskontinuität weiterzuspinnen. Nein, sie liegt vor allem in dem engültigen Verlust der Möglichkeit, Anschluss an die eigene Vergangenheit zu finden.

Es stellt sich natürlich heutzutage die Frage, ob es so etwas wie eine Europäische Identität geben kann oder inwieweit geschichtliche Wurzeln überhaupt noch gelten und welchen Wert sie haben. Den Preis, den man für die schlichte Nichtbeantwortung dieser Frage zu zahlen hat, zeichnet sich allerdings seit Jahren klar ab. In Ermangelung einer gemeinsamen geistigen, europäischen Haltung muss man sich hierzulande nicht nur wirtschaftlich entweder auf die Seite der USA oder Russlands schlagen, sondern verprasst auch nach und nach die kulturellen Errungenschaften von Jahrhunderten.

Denn auch wenn das nach mehreren Diktaturen, zwei Weltkriegen und einem Holocaust nur schwer zu vermitteln ist und of verdrängt wird, so liegt die Stärke Europas – im absoluten Gegensatz zu den USA – in der tiefen, verzweigten Geschichte und einer langen Kulturtradition, die wir u.a. auch mit Russland teilen. Der Vorteil von Europa und seinem einstigen Ableger in Amerika gegenüber Russland wiederum, liegt in der erfochtenen demokratischen Tradition & der freien Meinung. Es gibt auch darüberhinaus viele Anknüpfungspunkte, die Europa sowohl mit Amerika als auch mit Russland verbindet. Die kulturelle Dichte und Vielfalt hingegen ist etwas, das Europa sowohl von Russland und der USA grundlegend unterscheidet (und auszeichnet), als auch innerlich spaltet und fragil macht. Insofern kann man sagen, dass der Zusammenschluss zur Wirtschaftsunion ein notwendiger weiterer Schritt in der europäischen Geschichte war. Man darf sich aber unter keinen Umständen der Illusion hingeben, dass eine EU im jetzigen Anfangsstadium auch nur annähernd ausreicht um Europa kulturell und politisch in seinen Facetten zu erfassen und zu stützen! Dass dies ist eine immense und andauernde Herausforderung für die einzelnen Staaten darstellt, sollte allen Beteiligten – wer auch immer das ist – klar sein.


Europa darf sich nicht an der Sparpolitik zugunsten des amerikanischen Wirtschaftsmodells innerlich aufreiben, sondern muss eine echte soziale Marktwirtschaft erfinden. Wer sonst könnte diese wichtige Aufgabe übernehmen ? Es darf sich nicht für Rohstoffe aus dem Osten einer neo-liberalen Doppelmoral hingeben und die einstigen geistigen Werte als historische Hauptattraktion einer rücksichtslosen und unpersönlichen Tourismusindustrie verhökern – denn es ist das wertvollste was wir haben. Die grenzenlose Überhöhung der Wirtschaft vor allem zulasten der Kultur oder solch schwer reversible Experimente wie etwa das Handelsabkommen TTIP und die frühzeitige Abkapselung von zentralen Staaten aus dem europäischen Prozess (siehe Ungarn, siehe Griechenland etc.) sind unverzeihliche sozio-politische Denkfehler. Anstatt als Scharnier der Amerika-Russland-Schaukel die Balance zu halten und in diesem Sinne ‚schmierig‘ zu bleiben, sollte eher mit Nachdruck ein echtes Gegengewicht und eine gemeinsame Identität in Europa gesucht werden – politisch, kulturell und wirtschaftlich. Vielleicht sind aber die weltweiten wirtschaftlichen Verstrickungen schlicht zu teuer, um sich eine eigene Haltung leisten zu können?

Eines ist jedoch völlig klar. Wenn Europa und die EU sich nicht auf die eigenen Stärken besinnt, wird es in dem Haifischbecken zu dem die Weltpolitik geworden ist, zerrissen und nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig und kulturell ‚unterjocht‘ werden. Denn so etwas passiert üblicherweise in Kriegen. Auch in Wirtschaftskriegen.

15:50 20.10.2014
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Geschrieben von

Lionel van Suntum

*1988 / aufgewachsen in Düsseldorf und Berlin / seit 2008 Studium der Architektur / seit 2011 am Schreiben.
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Lionel van Suntum

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