Machen wir uns mal ein Bild

Eventkritik Im Berliner Pergamonmuseum gestalten Kinder eine orientalische Grußkarte: Was können sie dabei über den Islam erfahren?
Machen wir uns mal ein Bild
Grüße aus dem Orient: Mahdi, 8 Jahre, malt den Stern – ein Motiv islamischer Kunst

Foto: der Freitag

Workshopleiterin Anita Fuchs und sechs Kinder unterschiedlicher Hautfarbe hocken an diesem Samstagnachmittag im Schneidersitz auf einem Teppich. Die Werkstatt, an der sie teilnehmen, soll sie spielerisch an die Kunst des Islams heranführen. Erst haben sie die Kunstsammlung im Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum in Berlin-Mitte angeschaut. Nun sollen sie Grußkarten mit orientalischen Mustern oder Blumen bemalen.

Die Veranstaltung richte sich an Deutsche und Migranten, sie soll Berührungsängste abbauen, sagt Karin Schmidl von den Besucher-Diensten der Staatlichen Museen zu Berlin. „Die Migranten sollen das Museum als ein Stück Heimat erfahren.“

Anita Fuchs, eigentlich Ausstatterin für Bühnen und Filmsets, hat ein Buch vor sich aufgeklappt und fährt langsam mit dem Finger über die Weltkarte, in Richtung Iran. „Das hier ist Deutschland“, sagt die 36-Jährige. „Das ist sehr klein. Wir reisen jetzt in den Orient. Diesen Teil der Erde nennt man auch Morgenland, weil im Osten die Sonne aufgeht. Wir leben im Westen, im Abendland.“ Sie verteilt Buntstifte, Karten und Vorlagen mit orientalischen Mustern zum Aus- oder Abmalen. „Ihr könnt frei zeichnen oder Schablonen benutzen. Sucht euch was aus.“

Weltoffen aufwachsen

Die Kinder fangen an, die Karten mit Motiven wie Blumen oder Vögeln zu bemalen. „Möchtest du einen Stern machen?“, fragt Anita Fuchs einen Jungen, dessen Eltern aus dem Libanon stammen. Mahdi nickt schüchtern. „Keine Scheu, es muss nicht super werden.“ Die neunjährige Francesca malt ein Blumenmuster nach einer Vorlage ab. Warum ist sie hier? „Weil ich so gerne male. Ich mag die Muster, die warmen Farbtöne. Ich liebe es!“ Der nächste Satz klingt so, als stamme er von ihrer Mutter: „Das hier ist genau das richtige für mich.“

Die Grußkarte, die sie bastele, sei für ihre Freundin. „Sie hat bald Geburtstag. Wir hatten noch kein Geschenk.“ Ihre Mutter habe auf der Homepage des Museums von dem Workshop gelesen und sie hingeschickt. „Sie fand, es wäre gut, wenn ich da mal mitmache.“ Ihre Familie sei auf drei verschiedene Länder verstreut, sagt Francescas Mutter, die gerade aus der Ausstellung kommt und ihrer Tochter kurz beim Basteln zuschaut. „Ich bin weltoffen, Francesca soll auch so aufwachsen. Der Kurs passte in den Zeitplan, also warum nicht?“

Hat Francesca schon etwas über den Islam gelernt? „Ich interessiere mich nicht für den Islam, nur für den Orient.“ Schon wieder klingt sie etwas altklug, für eine Neunjährige. Wer Grußkarten malt, so scheint es, lernt noch lange nichts über Religion. Die anderen Kinder plaudern dann mehr über neu angeschaffte iPhones und die schärfsten Schummelmethoden im Unterricht. Je gelöster die Stimmung, desto mehr entfernt man sich hier vom Thema „Islam“.

Eine 20-Jährige, Francis, hat gerade die Ausstellung im Museum für Islamische Kunst besucht und gesellt sich spontan zur Bastelrunde hinzu. Sie darf ausnahmsweise mitmachen. Der Kurs war ursprünglich für 12 Teilnehmer ausgerichtet, gekommen sind nur halb so viele.

Francis macht gerade eine Ausbildung zur Denkmaltechnischen Assistentin. Sie ist in Neukölln zur Schule gegangen. Dort habe sie mehr über den Islam erfahren als in dieser Ausstellung, sagt sie.

Gruß an Opa zum Ramadan

Es sind vor allem die Eltern, die Wert darauf legen, dass ihre Kinder sich früh bilden und lernen, wie Toleranz geht. Die Mutter des zehnjährigen Emile hat ihrem Sohn ein Programm zusammengestellt, aus dem er sich ein Angebot aussuchen konnte. Ein Trick, der bei ihm funktioniert hat: Emile macht begeistert mit. Er hat sich für seine Grußkarte von den metergroßen, an Blumenmuster erinnernde Reliefs der jordanischen Wüstenresidenz von Mschatta inspirieren lassen.

„Die Muster sehen alle gleich aus.“ Er malt sie nach. Der Islam ist ihm jedoch auch nach der Veranstaltung noch fremd. „Du hast aber türkische Freunde“, sagt seine Mutter sofort. Fragt man den achtjährigen Mahdi, den libanesischen Jungen, sagt er mit fester Stimme: „Ich wollte hier mitmachen.“ Seine Augen leuchten. Sein Bruder Noah malt die Umrisse eines Ornaments in bunten Farben aus. „Mein Opa wohnt in Neukölln. Er soll eine Grußkarte zu Ramadan bekommen.“ Die andere Karte will er selbst behalten, weil er sie so schön findet.

Die Workshopleiterin leidet unter dem begrenzten Zeitplan. Für den Kurs seien leider nur anderthalb Stunden eingeplant, und das findet sie „traurig“. Sie hätte sich gewünscht, dass die Kinder „sich noch mehr lösen und in die Kunst des Islams eintauchen können“.

Als die Veranstaltung vorbei ist, man an der Spree entlang schlendert, bekommt man plötzlich Lust, noch einmal ins Museum zurückzukehren, um sich die Ausstellung in Ruhe anzusehen. Wenn das Grußkartenmalen auch unterschwellige Werbung dafür war, hat sie funktioniert.

Einseitig medial inszeniert

Die Kunstsammlung im Museum für Islamische Kunst ist atemberaubend schön: Riesige Wandteppiche mit aufwendigen Mustern hängen in hohen Museumshallen, bemalte Gefäßkeramiken, in goldene Blattmustern eingerahmte, kunstvoll verzierte Buchrücken aus der Moghulzeit, auf denen Elefanten, Fürsten und Liebespaare abgebildet sind – die Kunstwerke stammen aus einem Gebiet, das von Spanien bis nach Indien reicht, es ist die Kunst der islamischen Völker vom 8. bis ins 19. Jahrhundert.

Man vergisst an diesem Ort, dass es in den vergangenen Jahren überwiegend hässliche Bilder waren, die sich mit dieser Religion verbinden, medial inszeniert, oft einseitig. Bilder, die so gar nicht zu den von den Kindern bemalten Grußkarten passen. Womöglich können Francesca, Emile, Mahdi und die anderen Kinder schon jetzt und später als Erwachsene beitragen, dass unser Bild vom Islam etwas differenzierter und ein schöneres wird.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:01 25.07.2012
Geschrieben von

Jacques Kommer

Journalist. Bloggt unter www.jacqueskommer.de zum Thema künstliche Intelligenz.
Jacques Kommer

Ausgabe 38/2020

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