Jacques Kommer
Ausgabe 2013 | 20.05.2013 | 09:00 12

No logo, reloaded

Vision Ein paar junge Aktivisten wollen die Welt werbefrei machen - und nehmen sich ein Beispiel an São Paulo. Aber erstmal fangen sie mit Plakatwänden in Berlin an

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In Kreuzberg, wo sonst, fand der erste größere Protest statt

Foto: Jacques Kommer

Der Mann im schwarzen Jackett mit rosa Krawatte steht auf dem Bürgersteig an einem Stand, der auch auf dem Flohmarkt aufgebaut sein könnte, vor ihm auf dem Tisch eine mechanische Schreibmaschine. Er stellt Fragen. „Wenn Sie nachts schlafen, wovon träumen Sie?“ will er von Passanten wissen, die gerade stehen geblieben sind. „Träumen Sie davon, unendliche Freiheit beim Autofahren zu erlangen? Oder, dass es so schön prickelt in Ihrem Bauchnabel?“ Die Passanten müssen lachen.

Der Krawattenträger heißt Jonas Bannert, auf seinem Namensschild ist das Muster eines Barcodes zu sehen, wie man ihn von Produkten im Supermarkt kennt – er ist von einem Pflänzchen durchbrochen, dem Symbol für das Neue, das entstehen soll. Bannert ist Mitarbeiter des „Amts für Werbefreiheit und gutes Leben“, einer „Fachbehörde für einen Kiez ohne kommerzielle Außenwerbung und Anlaufstelle für alle Belange des Guten Lebens“. Er und etwa 30 andere Aktivisten haben eine Mission: Bis 2014 soll der Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg werbefrei werden – und dann die ganze Welt. Die Gruppe hat sich über einen konsumkritischen Verein und Facebook gefunden – es sind meist Akademiker zwischen 18 und Ende 30.

Wider den freien Willen

Die erste größere Aktion steigt an diesem Tag im Nieselregen in Kreuzberg, vor einer großen, weiß beklebten Werbetafel. Leute halten Pappschilder hoch, auf denen steht: „Wir sind die Stadt“ und „Werbung ist Moppelkotze“. Die Aktivisten haben die Werbefläche selbst angemietet, um Probleme mit der Polizei zu vermeiden. 200 Euro kostet das für zehn Tage. Eine Frau hält eine Rede. „Werbung hintergeht unseren freien Willen“, ruft sie. „Sie verführt uns dazu, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen.“ Aber Werbung sei kein Naturgesetz. „Eine andere Welt – ohne Werbung – ist möglich!“ Die Zuschauer jubeln. Sambatrommeln.

Die Rednerin fährt fort: 18.000 Werbetafeln gebe es in Berlin, rund 3.000 Werbebotschaften nehme der Mensch im Durchschnitt im Laufe eines Tages auf. Das soll nun anders werden. „Wir laden Sie hiermit ein, das Amt zu sein“, ruft die Frau, und ihre Mitstreiter enthüllen die Werbetafel. Alle sollen etwas auf die weiße Fläche malen. Kurz darauf stehen Sprüche wie „Her mit dem guten Leben!“ oder „Bruttosozialglück für alle!“ auf der Tafel. Einer hat eine Sonne gemalt, ein anderer einen Elefanten.

Rüdiger Thiede, ein Mittfünfziger, der ein paar Straßen weiter wohnt und an diesem Nachmittag in seinem Kiez unterwegs ist, hält wenig von der Aktion. „Freizeitverhalten“ sei das. „Macht ja auch Spaß, hier zusammen mit Freunden rumzualbern.“ Er kommt mit einer Aktivistin ins Gespräch. Er glaube nicht, dass Werbung ihn manipulieren könne, schon gar nicht digitale. „Ich habe nicht mal ein Handy, ich lese noch Zeitung!“ Von der Überzeugungsarbeit hält er wenig: „Ihr seid wie die Zeugen Jehovas – die wissen auch, was für mich gut ist.“

Werbung, finden die Aktivisten, ist per se schlecht. „Das Prinzip an sich ist problematisch“, sagt Jan Korte, ein 26-jähriger Politikwissenschaftler, der das „Amt“ mit ein paar anderen zusammen gegründet hat. Ihn störe „die Aufforderung zum Immer-mehr“. Da sei es egal, ob für ein fair gehandeltes Smartphone oder für einen Hamburger von McDonald’s geworben wird.

Allgegenwärtige Botschaften

Dabei fühlen sich viele Menschen durch Werbung in der Stadt kaum behelligt. „Die meisten finden Werbung an sich okay“, sagt Aktivist Michael Hock, der ebenfalls eine rosa Krawatte trägt. „Obwohl sie sich im konkreten Fall darüber ärgern.“ Laut einer Erhebung der Fachzeitschrift Horizont stören sich 67 Prozent der Deutschen an Fernsehwerbung, 52 Prozent an Radiowerbung, aber nur 21 Prozent an Plakatwerbung. Und warum soll ausgerechnet die abgeschafft werden? Weil man sich ihr nicht entziehen könne, sagen die Aktivisten.

Auch die zunehmende Digitalisierung von Werbung sei problematisch. Im Netz sei die Werbung oft besonders penetrant – etwa aufpoppende Fenster, die man nicht wegklicken kann. Dass Straßenwerbung der Stadt auch Geld einbringt, ist für die Aktivisten kein Argument. Berlin profitiere vom Alleinstellungsmerkmal als „lebendige und kreative“ Stadt. Wenn sie werbefrei würde, könne man sich von Paris oder London abgrenzen. Und durch höhere Attraktivität steige auch der ökonomische Wert.

Aber kann das Projekt gelingen? Dass die Vision der Aktivisten nicht reine Utopie bleiben muss, zeige das Beispiel São Paulo. In der brasilianischen Metropole wurde 2007 beschlossen, dass es im Stadtgebiet keine Straßenwerbung mehr geben soll. Der Bürgermeister wollte sich mit diesem Verbot profilieren, bei den Bürgern kam die Idee gut an. Aber São Paolo ist noch eine Ausnahme. Das Projekt kam von einem Politiker. In Deutschland bräuchte es Druck von der Straße, ein langwieriger Prozess.

Gespräche mit der Enquête-Kommission

Es sei „schon ein Erfolg, wenn der Gedanke an eine Welt ohne Werbung bei einigen Menschen kurz aufblinkt“, erklärt einer der Aktivisten. Die Gruppe ist auch mit Berliner Politikern im Gespräch. Bezirksbürgermeister Franz Schulz von den Grünen zeigte sich angetan von dem Projekt, Friedrichshain-Kreuzberg werbefrei zu machen. Alkohol- und Tabakreklame auf öffentlichen Flächen ist ja bereits verboten. Werbung auf Privatflächen müsste allerdings die Bundesregierung oder die EU untersagen, „und die hat sich bislang immer wieder von der Tabak- und Alkoholindustrie kaufen lassen“. Die Enquetekommission des deutschen Bundestags „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ hat die Argumente der Aktivisten in einem Sonderpapier zumindest allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe vorgestellt.

Aber was macht man mit den leeren Werbetafeln? „Darüber soll demokratisch abgestimmt werden“, sagt Jan Korte. Die Flächen könnten auch ganz verschwinden. Es könnte sehr mühsam werden, so etwas durchzusetzen. Aber es muss ja nicht gleich weltweit sein – die neue Welt fängt vor der Haustür an.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/13.

Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 20.05.2013 | 12:30

mir hat eine aktion am 8. märz zum frauentag gut gefallen: über die bunten supermodell-plakate wurden a4 zettel mit einem klugen text gegen sexismus in der werbung geklebt - jetzt ärger ich mich schon wieder, weil mein fotoapparat nicht dabei war

hmm - kapitalismus ist doch eine dauerwerbesendung ....

MrMD15 20.05.2013 | 14:19

Ich bin zu der Aktion eher gespaltener Meinung. In meinen Augen ist nicht jede Werbung schlecht, wie die Aktivisten behaupten.

Ich würde sogar soweit gehen, manche Werbung als Kunst (Häufig im Bereich der Mode oder Design, s.u..) oder Kultur (Time Square (http://bit.ly/10g38ZP).) zu bezeichnen. Und ja, der Time Square ist Kultur.

Auch die so "verpönte" Alkoholwerbung nimmt teilweise künstlerische Züge an: http://bit.ly/10Icm0O oder http://www.absolut.com/de/Blank/Kunstwerke/http://youtu.be/QqC0dvN7U3U

Ein weiteres Paradebeispiel ist wohl die Werbung von RedBull.Der Markeneigene YouTube channel ist natürlich eine reine Werbeplatform. Aber gleichzeitig ist es eben auch ein unvergleichbar großartiges Videoportal: http://youtu.be/Cj6ho1-G6tw
Und von solch einer Unterstützung kann man als Sportler bei der Sporthilfe nur träumen.

Dazu kommt das Musiksponsoring, welches man durchaus als Beitrag zur Musikkultur ansehen kann. Was die öffentlich rechtlichen Sender in Deutschland nicht schaffen, macht aber RedBull: Sie geben unbekannten Künstlern eine Plattform. Zudem können sie in den hauseigenen Studios zu produzieren ohne sich vertraglich über Jahre an ein Majorlabel oder Verwertungsgesellschaften binden zu müssen: http://www.redbullmusicacademy.com/http://www.redbullstudios.com/

Dazu kommt das Eventsponsoring, das so manche Konzerte erst möglich macht (und die Eintrittspreise verhältnismäßig niedrig hält).

Natürlich gibt es an RedBulls Firmenpolitik auch einiges zu kritisieren, aber am Ende überwiegen für mich die Vorteile.

Auch die Onlinewerbung würde ich nicht unbedingt als komplett schlecht werten. Natürlich, 95% sind nervig. Aber die restlichen 5% geben kleinen Blogs die Möglichkeit der Refinanzierung ohne dabei das Publikum zu stören. Im Gegenteil.

Beispiel: http://fusionads.net/http://influads.com/http://fusionads.net/ sowie Stilanzeigen, denen ich bis heute dankbar bin. Durch deren Werbung bin ich auf das Brand Eins Magazin gestoßen und ich lese es bis heute fast regelmäßig.

Mein Kommentar wirkt etwas wie ein Loblied auf die Werbung. Das soll es aber nicht sein. Ich wollte nur aufzeigen, dass es eben auch akzeptable Formen von Anzeigen und Sponsoring gibt.

Wenn die Iniziative es aber schafft, dass z.B. Straßenbahnen und Busse werbefrei werden sind und ich nie mehr Werbung von Roller oder Seitenbacher im öffentlich rechtlichen Radio anhören muss, wäre ich ihnen sehr dankbar. Viele Plakate im öffentlichen Raum sind auch wirklich nicht schön und gehören da meiner Meinung nach auch nicht hin (Werbung für Reisen usw.).

Plakatwände für/und z.B. Konzert-/Veranstaltungswerbung aber schon. Genauso wie Werbung ansässiger Unternehmen (Neueröffnungen etc.).

Genauso wie bei der Onlinewerbung die Webseiten müssen bei der Straßenwerbung die Städte die Hoheit über die angebotene Werbung zurückbekommen. Während man bei ZEIT Online irgendwelche AdSense Werbung (bzw. verlgeichbare) zu sehen bekommt und eben nicht die hochqualitative Werbung aus dem ZEIT Magazine (Die ich mir sogar gerne ansehe.), wird im öffentlichen Bereich viel zu viel für abindenurlaub.de (und ähnliches) geworben und nicht für die Reisebüros in der Stadt. Dass dies am Ende sogar kontraproduktiv ist und das Gewerbe in der Stadt schwächt, haben die Verantworlichen wohl noch nicht eingesehen...

Jacques Kommer 20.05.2013 | 19:33

Die folgende Doku zum Thema fand ich hochspannend. Ist auf englisch und 4 Studen lang. Aber es lohnt sich wirklich. Kurzbeschreibung bei Wikipedia:

The Century of the Self is an award-winning British television documentary series by Adam Curtis. It focuses on how the work of Sigmund Freud, Anna Freud, and Edward Bernays influenced the way corporations and governments have analyzed,‭ dealt with, and controlled ‬people.[1]

Youtube-Link:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=s7EwXmxpExw

Beste Grüße J.K.

MrMD15 20.05.2013 | 20:53

Ja, da bin ich Ihrer Meinung. Meine Beispiele haben sich auch vor allem auf die zurückhaltende Werbung bzw. das Sponsoring bezogen, welches beides meist völlig in Ordnung ist.

Also es muss nicht gleich Pay-TV sein. Ein Festplattenrekorder reicht schon und man spult eben immer 10 Minuten vor, wenn Werbung kommt.

Beim Radio wird es schon schwieriger. Der BBC hat auch ein gutes Programm. An Musik ist da für jeden was dabei. Ansonsten eben zahlen/Filesharen.

Und AdBlock Plus ist natürlich Standard für jeden Browser (mit entsprechenden Ausnahmeregelungen).

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Ehemaliger Nutzer 22.05.2013 | 10:32

Werbung ist eine Form von Manipulation weil sie in unsere Gesellschaft derartig einseitig finanzfeudalantidemokratisch Kräfte überrepräsentiert so das man schon von einer Prägung der Menschen sprechen muss also Propaganda und Gehirnwäsche. Ein Beispiel von unzähligen zu den Folgen der Werbung: Die wenigsten können kochen weil sie permanent durch Werbung von klein auf an Industriefood gewöhnt wurden und deshalb auch das oft nur mögen und können was die Werbung ihnen eingetrichtert hat mittels Gehirnwäschemethoden durch permanente Wiederholung weil den Menschen der gute und für sie gesunde Geschmack und die Fähigkeiten zum Kochen von klein auf aberzogen bzw. nie beigebracht wurde und vieles mehr die Menschen wissen es einfach nicht mehr u. a. durch Konsum von Industriefood, Maggie machts möglich. Da Werbung zumeist ungesund, gesellschaftsschädig, einseitig antidemokratisch, sexistisch, lebensfrohsinn zerstörend da Existenz Bedürfnisse zum Konsumfördernden Stati umgewandelt werden um die Menschen unglücklich zu machen damit sie konsumieren. Betroffene finden sich zum Beispiel dann zu dick oder nicht schön genug usw. usw. das Ganze geht mit einem Starkult einher bei dem künstliche Alphatypen selbstbastelt werden über diese dann Werbung als Multiplikatoren letztendlich transportiert wird. Ausgenutzt werden die Menschen ohne, dass sie es je merken indem Existenzbedürfnisse manipuliert werden zum Beispiel nach Anerkennung und Gruppenzugehörigkeit. Da Werbung nach meiner Meinung in ihrer Struktur schon undemokratisch ist da manipulierend und gefährliche Auswirkungen haben die jegliche gesunde Entwicklung verhindern kann muss Werbung als erste Maßnahme komplett aus dem öffentlichen Straßenverkehr verschwinden. Ich persönlich empfinde es als Menschenschmähung wenn einem an jeder Bushaltestelle halbnackte junge Mädchen angrinsen die für Billigmarken Werbung machen die von Sklavenarbeiterinnen in Bangladesch produziert werden die parallel dazu noch oft sexuell ausgebeutet werden alles parallel zu einer Chickmickygenderdebatte welches alles in feudalantidemokratischen Thinktanks erdachte Werbung ist ausgerichtet auf die manipulativen Existenzbedürfnisse der Menschen, nur dadurch ist das überhaupt möglich. Mein Fazit da Werbung mit Propaganda oder wegen ihrer Gefährlichkeit nach meiner Meinung mit Pornographie gleichzusetzten ist, wenn nicht sogar noch schlimmer, muss Werbung klar auf PayTV beschränkt werden. Mit der Folge auch die, so genannten weil wir die Auswirkungen bezahlen müssen, privaten Sender dürfen frei nicht mehr zugänglich sein weil diese die Haupttransporteure der Werbung sind mittels des künstlichen Starkults inklusive.