Zucken aus Protest

Alltagskommentar Für Nichteingeweihte mutet der Harlem Shake wie sinnloses Gezappel an. Dabei hat der Tanz, der in kurzer Zeit zum Netzphänomen wurde, durchaus politisches Potential
Politische Kampfansage, hier perfomt von ägyptischen Aktivisten vor dem Hauptsitz der Muslimbruderschaft in Kairo
Politische Kampfansage, hier perfomt von ägyptischen Aktivisten vor dem Hauptsitz der Muslimbruderschaft in Kairo

Foto: Gianluigi Guercia/ AFP/ Getty Images

Ein Mann schwingt die Hüften zum Takt. Die Beats wirken aufpeitschend. Vor ihm und hinter ihm sitzen vereinzelt junge Menschen in den Stuhlreihen eines Hörsaals und büffeln. „Do the Harlem Shake“, ruft eine Stimme aus dem Off. Schnitt. Auf einmal zappeln und hüpfen alle. Einer hält ein Plakat hoch. Ein anderer fuchtelt mit einem Besen wild herum.

Auf Youtube kann man diesen Clip sehen, wenn man unter dem Stichwort „Harlem Shake“ ein bisschen sucht. Hochgeladen haben ihn Azubis des Karlsruher Instituts für Technologie. Mit der Aktion wollten sie ihrem Ärger darüber Luft machen, dass sie nach ihrer Ausbildung nicht übernommen werden. Was für Nichteingeweihte wie sinnloses Gezappel anmutet, ist ein Tanz, der als Internet-Phänomen gerade um die Welt geht. Erfunden wurde er, so die Legende, von einem Tänzer namens Al B, der Anfang der Achtziger wie ein Betrunkener auf der Tanzfläche abzappelte. Weil er aus Harlem kam, nannte man den Tanz „Harlem Shake“.

Zum Netzphänomen wurde dieser aber erst, als Anfang des Jahres der amerikanische DJ Harry Rodrigues ein gleichnamiges Lied zum kostenlosen Download freigab. Der Internetkomiker Filthy Frank nahm damit ein Youtube-Video auf, in dem er seine Version des Harlem-Shake-Tanzes zum Besten gab. Übers Teilen und Liken wurde daraus eine Netzlawine. Was als Spaßaktion begann, wird nun aber immer öfter auch zum Protest umkodiert – nicht nur bei Azubis in Karlsruhe.

Abhängig vom kulturellen Kontext provoziert der Tanz allerdings unterschiedlich stark. In der arabischen Welt werden die Zuckungen des Harlem Shake oft als zu sexualisiert wahrgenommen, weswegen er dort vor allem als Kampfansage an Islamisten verstanden wird. An einer tunesischen Schule wurden Jugendliche von der Polizei mit Tränengas besprüht, weil sie sich dort dem Verbot widersetzt hatten, ein Harlem-Shake-Video zu drehen.

In Kairo demonstrierten Jugendliche vor dem Hauptsitz der Muslimbrüder von Präsident Mursi tanzend gegen die Festnahme von vier Pharmaziestudenten. Diese waren verhaftet worden, weil sie in einem Wohnviertel nur in Unterwäsche bekleidet getanzt hatten.

Die Videos von Karlsruhe bis Kairo zeigen: Der Harlem Shake birgt politisches Potential. Das unterscheidet ihn auch vom Gangnam Style, dem Tanz, der voriges Jahr im Netz Furore machte. Denn der Harlem Shake ist schon seiner Form wegen politisch. Er gehorcht immer demselben Ablauf. Und dabei geht es vor allem um eins – eine bestehende Ordnung außer Kraft zu setzen.

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Geschrieben von

Jacques Kommer

Journalist. Bloggt unter www.jacqueskommer.de zum Thema künstliche Intelligenz.

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