Miteinander reden. Nicht übereinander reden

AfD AfD-Gegendemonstranten lassen ihrem Ärger freien Lauf. Das Resultat: Die Protestpartei bekommt Aufwind. Scham soll zur Einsicht bekehren – ist das die Lösung?
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Miteinander reden. Nicht übereinander reden
Dagegen anbrüllen oder dazusetzen - wie sollte man mit der AfD umgehen?

Foto: Philipp Guelland/AFP/Getty Images

23.03.2017. Mettmann Zentrum, Stadthalle. In dem froschfarbenen 70er-Jahre-Bau in der grünen Mitte meiner Heimatstadt habe ich als Kind und Jugendliche viele Stunden verbracht - auf Theateraufführungen, Silvesterparties, Abibällen, Veranstaltungen à la “Jugend liest”, “Jugend musiziert“, “Jugend tanzt“, “Jugend betrinkt sich sinnlos“ usw. Man kam zusammen, um den Aufbruch in eine neue Lebensphase zu feiern, um Quatsch zu machen und Spaß zu haben.

Bei der Veranstaltung am 23.03.2017 in der Mettmanner Stadthalle wird vermutlich nicht so optimistisch in die Zukunft geschaut wie auf unserer Abifeier damals. Wahrscheinlich werden auch hier Emotionen geschürt. Nur andere Emotionen mit anderen Mitteln und einer Rhetorik, die immer ein Ziel verfolgt: Angst und Misstrauen zu schüren und eine Jammerkultur aufzubauen. Denn heute ist die Wiege meiner pubertären Eskapaden Schauplatz der Wahlkampfveranstaltung der AfD des Kreisverbands mit Präsenz des Landesvorsitzenden Marcus Pretzell.

Toleranz in der Kleinstadt?

Angst wird hier vor allem geschürt gegenüber Flüchtlingen, gegenüber dem Fremden, das, wenn es „unkontrollierbare“ Formen annimmt, den relativen Wohlstand der Bürger bedrohen könnte. In Sachsen lässt sich der Zulauf zur AfD mit übertriebenem Patriotismus und einer gewissen Volksgemütlichkeit begründen.

In der niederbergischen Kleinstadt in NRW zwischen Düsseldorf und Wuppertal gibt es eine lange Tradition der Einwanderung. Viele türkische und italienischen Gastarbeiter zogen in den 70er Jahren zu, um in den Kohlewerken im Ruhrgebiet und bei dem größten Arbeitgeber der Stadt, einem Produzenten von Autoteilen, zu arbeiten. 10,6% der Einwohner des Kreises haben laut Kreisentwicklungsbericht von 2013 einen Migrationshintergrund. In meine katholische Grundschulklasse gingen zwei Italiener, ihre Eltern betrieben eine Gelateria und einen Friseursalon. Oft besuchte ich meine Tante in einem der Altenheime der Stadt, die polnischen Pflegerinnen freuten sich über den jungen Besuch und schoben mir manchmal sogar ein weiches und klebriges Toffee zu. Das Gesundheitssystem in NRW wäre ohne die Alten- und Krankenpflegerinnen aus Osteuropa nicht tragbar. Auch weil nur wenige junge Deutsche die als schlecht bezahlt und belastend geltenden Pflegeberufe ergreifen wollen.
540 asylsuchende Menschen wohnen in der 40.000-Einwohner-Stadt. Man könnte meinen, dies sei eine recht überschaubare Zahl. Doch viele schlafen immer noch in Turnhallen, denn Wohnungen sind knapp in der dieser Stadt mit wenig Leerstand. Flüchtlingshilfe wird bei vielen Bürgern groß geschrieben, viele engagieren sich, geben Deutschunterricht, übernehmen Patenschaften, helfen bei der Wohnungssuche. Das soziale Netzwerk der Kleinstadt funktioniert.

Die AfD auf Walfang

Umso mehr verwundern mich die aktuellen Umfrageprognosen für die Landtagswahl: War die AfD bei den Wahlen 2012 noch nicht vertreten, werden ihr für Mai ganze 7-8 % prognostiziert. Trotzdem verliert die Partei bundesweit Rückhalt, zuletzt bei der Landtagswahl im Saarland. Deshalb geht es heute darum, Wähler zu mobilisieren.

Gegenmobilisieren wollen heute die rund 300 Gegendemonstranten, die dem Ruf des Vereins „Mettmann gegen Rechts – Für Menschwürde“ unter dem Motto „Mettmann ist weltoffen, bunt und vielfältig!“ gefolgt sind.

Alle Koryphäen der Mettmanner Lokalpolitik haben sich versammelt und Redebeiträge vorbereitet. Soweit, so gut. Die Menge erstrahlt in Rot und Grün. Auch Vertreter der lokalen Kirchen sind vor Ort. Kinder beschmieren sich mit Fingerfarbe, die sie dann auf ein weißes Plakat patschen: „Hand drauf für bunte Vielfalt”. Auf einem kleinen Klapptisch liegen Wahlhefte (auch die anderen Parteien machen schließlich Wahlkampf) und auch eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung zum Umgang mit Rechtsextremismus. Die ersten Redebeiträge beginnen und die Versammelten lauschen andächtig.

Kollektives Fingerzeigen als „Waffe gegen rechts“

Plötzlich übertönen schrilles Trillerpfeifen und laute „Buh“- und „Pfui“-Rufe die Worte des grünen Redners, als ein beschämt dreinblickendes Pärchen im mittleren Alter auf den Haupteingang zuschreitet – Hälse recken sich, neugierige Blicke werden ausgetauscht - und schnell verschwinden die beiden an dem massigen Türsteher vorbei hinter verschlossenen Türen. „War das etwa die Schwägerin von XYZ?“ In Mettmann kennt man sich.

Mein erster Impuls: mitbrüllen, der Wut freien Lauf lassen. Schließlich widerspricht die Meinung „der da drinnen“ all meinen Werten. Der zweite Impuls: Irgendetwas läuft hier falsch. Bringt das Brüllen noch etwas anderes außer dem Überstrapazieren meiner zarten Stimmbänder? Was wollen wir damit erreichen? Dass die Mettmanner AfDler und deren Sympathisanten, jetzt gepeinigten Bürger insgeheim umdenken nach dem Motto „Ich fühle mich jetzt ganz klein und ungeliebt in der Stadtgemeinschaft. Was habe ich nur getan? Mensch, diese Leute verachten uns ja ehrlich, warum denn nur? Vielleicht sollten wir unser politisches Denken doch mal hinterfragen.“

Scham soll zur Einsicht bekehren – ist das die Lösung?

Nach dem Sieg von Donald Trump und dem Brexit haben doch schon viele kluge Köpfe nachgedacht und festgestellt, dass es gerade das bevormundende, „von oben herab“-Sprechen ist, das dem Populismus als Nahrung dient.

Vielleicht habe ich auch einfach die Demonstrationskultur nicht wirklich verstanden. „Der Sinn ist ja, hier zu protestieren und das geht nun mal nur lautstark. Unser Stimmorgan ist die einzige Waffe, die wir haben“, sagt ein Gegendemonstrant. Okay, aber ist das nicht ein schmaler Grad zwischen lautstark seine berechtigte Meinung kundtun und persönlich werden? Wenn die Gruppendynamik einer Demonstration dazukommt, wird dieser schnell überschritten.

Geht eine friedlich ausgelegte Demonstration nicht zu weit, wenn der „Gegner“ öffentlich gedemütigt wird? Ist nicht jeder Buhruf ein zu viel an Aufmerksamkeit und Nahrung für die Seele der Protestpartei und gleichzeitig ein zu wenig an Respekt?

Was könnte man denn jetzt anders machen?

Der Buhrufer könnte genau das machen, was ich mich nicht traue – da ist sie wieder, die gute alte Scham. Er könnte seinen Mut zusammennehmen und erhobenen Hauptes in die Halle stolzieren und der Veranstaltung beiwohnen. Dann würde der Buhrufer wahrscheinlich mit den dort Versammelten in ein Gespräch geraten, sich furchtbar aufregen und es würden Sätze fallen wie „das find ich einfach nur unmöglich“, „das glauben Sie doch nicht im Ernst“ und zum Schluss „da fehlen mir jetzt die Worte“.

Die Buh-Szene wiederholt sich circa 15 mal bis alle Redebeiträge vorbei sind und die Mettmanner AfD-Mitglieder in der Stadthalle verschwunden sind. Die Demonstration gleicht jetzt wieder einem netten Nachbarschaftsfest. Abends sitze ich teetrinkend zu Hause und muss noch darüber nachdenken, ob es sich denn nicht auch konstruktiv diskutieren lässt.

Wie immer sind Empathie und Respekt die Schlüsselwörter

Die recht simple Antwort gab Frau Merkel in der Pressekonferenz in Washington, eine Woche vor der AfD-Veranstaltung in Mettmann. Als Reaktion auf Donald Trumps undiplomatische Wahlkampfrhetorik und Verunglimpfung der Kanzlerin plädierte diese für ein „Miteinander reden, nicht übereinander“. Wir müssen also nur der Gegenseite empathisch und auf Augenhöhe zuhören. Easy. Gewaltfreie Kommunikation goes politics.

Wie so eine konstruktive Streitkultur aussehen könnte zeigen uns außerdem zwei „Tedtalks“ der Konferenz-Videoplattform ted.com. Die US-Politkommentatorin und Journalistin Sally Kohn spricht von „politisch“ korrektem Diskutieren und „emotional“ korrektem Diskutieren. Solange man nur politisch korrekt argumentiere und sich nicht emotional auf seinen Gesprächspartner einlasse, sei die Diskussion zwischen zwei Menschen mit grundverschieden politischen Ansichten schon von vorherein zum Scheitern verurteilt. Emotional korrekt verhalten wir uns nur dann, wenn wir erst zuhören und dann argumentieren. Okay, die Gesprächsgrundlage hätten wir schon mal geschaffen.

Laut Robb Willer, dem 2. Tedtalker, können wir nur dann auch gewinnbringend argumentieren, sprich die Gegenseite von unseren Argumenten überzeugen, wenn wir unsere Ziele mit deren Werten beschreiben. Der Sozialpsychologe hat untersucht, dass Liberale Konservative zu Kompromissen bewegen können (und vice-versa), wenn sie versuchen, in ihren Argumenten das Vokabular der Gegenpartei zu verwenden.

Um bei Donald Trump und Angela Merkel zu bleiben: Der US-Präsident ist sauer darüber, dass Deutschland der Nato viel Geld „schuldet“ und erinnert die Kanzlerin daran, dass es die „Fairness“ verlange, das verbindliche Nato-Abkommen von 2014 einzuhalten. Zwar wie gewohnt auf eine nicht gerade diplomatische Art und Weise. Aber die Nachricht ist bei der loyalen Kanzlerin angekommen. Deutschland will die Aufrüstungsausgaben erhöhen.

Von der großen Politik zur Politik im privaten Raum

Ich erinnere mich noch lebhaft an politische Diskussionen mit einem italienischen Freund, die einfach zu nichts führten. Ein Mann, den ich gut kenne, wiederholte immer und immer wieder in ziemlicher Deutlichkeit, wie er die Flüchtlingspolitik verabscheue und prangerte an, wie wir Deutschen die Augen verschließen könnten vor der Tatsache, dass der Islam der Grund allen Terrors sei und und und. Ich wusste um seine momentane Situation. Ich wusste, dass er von seinen eigenen Problemen und seiner Unsicherheit, im ökonomisch nicht gerade gesegneten Italien bald einen Job zu finden, ablenken wollte. Rechtsradikal ist er nicht. Unsere Diskussionen scheiterten, obwohl ich seine Ängste und Werte kannte. Oder aber gerade, weil ich ihn kannte und wir in unserer Freundschaft zueinander nicht ganz unparteiisch sein konnten und zwangsläufig persönlich wurden.

Aber vielleicht klappt es mit einem Menschen, dem ich vorher noch nie begegnet bin. Vielleicht sollten wir alle mal unsere Kontaktscheue ablegen und unvoreingenommen auf die Menschen zugehen, die wir nicht verstehen. Es fragt sich nur, ob eine Demonstration mit ihrer aufgeladenen Stimmung hierfür der richtige Ort ist. Nur: Viele AfD-Wähler lerne ich in meiner Blase nicht kennen. Gerade in Berlin, wo die jungen Leute, die sich selbst als progressiv bezeichnen würden, meist unter sich bleiben. Und es fragt sich, ob AfD-Sympathisanten offener für Dialoge werden, wenn die Medien und „wir“ „ihnen“ weiter munter und als affirmative Geste gedacht Nazi-Post-Its auf die Stirn kleben.

15:28 18.04.2017
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