Wahl rot-weiß

Türkei-Wahlen Am 10. August wählt die Türkei ihren neuen Präsidenten. In Deutschland konnten türkische Staatsbürger bereits jetzt ihre Stimme abgeben – zum ersten Mal
Wahl rot-weiß
Wähler auf dem Weg in das Berliner Olympiastadion

Foto: Adam Berry/ AFP/ Getty Images

„Immer den Frauen mit dem Kopftuch nach“, sagt ein junger Tourist zu seiner Freundin und nimmt sie an der Hand. Er hat sich vorher informiert. Denn das geschichtswürdige Olympiastadion ist in diesen Tagen weit mehr als eine Touristen-Attraktion. Zum ersten Mal dürfen die türkischen Staatsbürger in Deutschland den Präsidenten ihres Heimatlandes direkt wählen. Das riesige Stadion wurde dafür als Wahllokal angemietet, 140.000 Stimmberechtigte sind in der Region Berlin erfasst. Eine riesige rot-weiße Landesfahne schmückt den Eingang.

An diesem Freitagvormittag sind es überwiegend Frauen, die ihre Stimme abgeben wollen. Doch vielen wird der Zugang verwehrt. Denn was viele nicht wussten: Alle Bürger mit türkischem Pass mussten sich online für einen Wahltermin anmelden. Besonders heikel: Die Mitglieder der Regierungspartei AKP, der auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoǧan angehört, wurden bei dem komplizierten Registrationsverfahren unterstützt . Das ärgert viele, auch hier und heute, vor den Toren des Wahllokals.

Besonders wütend sind die jungen Leute, die heute ihr Kreuz für den Oppositionskandidaten Ekmeleddin Ihsanoğlu der Partei CHP machen wollen. Eine junge Studentin schimpft laut über Erdoǧan. „Er tut immer so, als sei er modern, aber in Wirklichkeit ist er im Mittelalter stehen geblieben und steht für den Rückschritt. Er redet und verspricht, agiert aber ständig anders als angekündigt. Er macht was er will.“ In diesem Moment werden die Sicherheits-Absperrungen des Olympia-Stadions beiseite geschoben. Zwei schwarze Limousinen verlassen in Schrittgeschwindigkeit das Wahllokal Richtung Vorplatz. Ein paar Männer jubeln den getönten Scheiben zu.

Eine Mutter kommt zusammen mit ihrer Tochter aus dem abgesperrten Wahlbereich. Das Mädchen trägt ein auffälliges T-Shirt, bunt und voller Strass-Steine. Auf die Frage, wen sie soeben gewählt habe, zeigt sie stolz auf ebendies. Es ist das Logo von Fenerbahçe SK, einem Istanbuler Fußballclub. „Ich trage dieses T-Shirt heute, damit alle sehen können, dass ich mich gegen Erdoǧan und für die CHP entschieden habe“, erklärt die junge Frau.Vor ein paar Monaten geriet der Verein in einen Skandal-Strudel um den Club-Präsidenten Aziz Yɪldɪrɪm. Der Vorwurf: Er soll den Meistertitel der Saison 2010/2011 erkauft haben. Es geht um Bestechung, Verrat und Komplott-Vorwürfe. Fenerbahçe SK wurde von der UEFA für die nächsten zwei Jahre von jeglichen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Neuesten Tonband-Aufnahmen zufolge, werden Erdogan und sein Sohn verdächtigt, ihre Finger im Spiel gehabt zu haben, um den Fußball-Mogul zu stürzen.

Sie erzählt aufgewühlt, fügt ein paar Schimpfwörter hinzu. Ihre Mutter lächelt fast entschuldigend. Die Tochter ist wütend, immer wieder stolpert sie über ihre eigenen Worte und fährt sich nervös mit der Hand durch das lange, dunkle Haar. Dabei ist auf ihrem Handrücken ein kleines Tattoo zu sehen: 1907, das Gründungsjahr von Fenerbahçe. Geht es ihr um die Politik oder den Fußball in ihrem Heimatland? So richtig trennen kann sie das nicht. Immer wieder sucht sie nach den passenden Worten, lässt sich minutenlang über eine Diktatur in der Türkei aus. Ihre Mutter ermahnt sie.

Ganz anders dagegen die Situation, die sich nur kurze Zeit später abspielt. Ein Vater und seine Tochter schwingen abwechselnd Lobeshymnen auf Erdoǧan. „Wir sind einfach stolz auf ihn!“, ruft das Mädchen. Der Vater nickt zustimmend. Er spricht sehr gebrochenes Deutsch, möchte aber dennoch seine Meinung sagen. Erdoǧan sei der Beste für die Türkei, da gäbe es nichts zu diskutieren. Und was denkt er über jegliche Zensuren, die in letzter Zeit für Aufregung sorgten? Youtube, Twitter, Facebook. Das sei schon alles richtig so, er werde schon wissen, was gut ist für die Bürger. „Die Türkei ist immer noch demokratischer als Deutschland.“ Weitere Fragen möchte er dazu nicht beantworten.

Außer ein paar empörten Wählern, ist es ist es ruhig an diesem Freitagvormittag, hier auf dem Vorplatz des Olympiastadions. Der Andrang zur Wahl hält sich in Grenzen. „Es kommen längst nicht so viele Wähler wie erwartet. Ich schätze so 3.000 pro Tag“, sagt einer der Sicherheitsleute am Eingang des Stadions. Der Schweiß läuft ihm die Stirn hinunter, hier auf dem hellen Asphalt brennt die August-Sonne besonders stark. Er wird Recht behalten. Seit gestern sind die Wählerzahlen öffentlich. An jenem Freitag haben nur knapp 1.800 Menschen gewählt, am Samstag sind knapp 3.000 Stimmzettel eingegangen. Kritiker der AKP machen vor allem das komplizierte Wahlverfahren dafür verantwortlich. So oder so: Enthusiasmus zur Wahl sieht anders aus.

14:07 05.08.2014
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare