Duale Berufsausbildung - führt der deutsche Sonderweg in eine Sackgasse?

Bildung und Arbeit Deutschland ist Stolz auf seine duale Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen. Derartiges gibt es - mit wenigen Ausnahmen - nirgends auf der Welt. Andere Staaten, so auch Indien und China, setzen auf akademische Bildung - mit Erfolg.

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In Deutschland haben knapp 50% der Erwerbstätigen eine duale Berufsausbildung. Doch das hochspezialisierte Wissen dieser Fachkräfte veraltet in unserer schnelllebigen und innovativen Zeit im Nu. Außerdem sind die Arbeitsbereiche in zunehmendem Maße miteinander verbunden, so dass fachübergreifende Kenntnisse unerlässlich sind. Das in den Berufsschulen vorgetragene Spezialwissen ist zwar wichtig, reicht aber nicht aus. Vielmehr ist entscheidend, dass die Menschen das selbstständige Lernen erlernen. Heutzutage sollte prinzipiell jeder in der Lage sein, sich eigenständig in fremde Sachgebiete einzuarbeiten. Und dazu ist ein Hochschulstudium sehr förderlich.

An den Universitäten und in etwas geringerem Maße auch an den Fachhochschulen wird den Studierenden vermittelt, wissenschaftliche Methoden bei der Bearbeitung neuer Themenfelder anzuwenden. In allen Staaten, die es sich wirtschaftlich leisten können, wird deshalb die Hochschullandschaft verbessert. In Japan, Südkorea, Israel oder den USA sowie in vielen anderen Ländern liegt die Akademikerquote bei über 40%; in Kanada sogar bei über 50%.

Überhaupt kann Kanada als Vorzeigeland gelten, weil dort Bildung nicht nur als eine auf den Beruf bezogene Ausbildung verstanden wird. Persönlichkeits- und Charakterbildung werden als genauso wichtig angesehen. Das nordamerikanische Land will keine Subordination, sondern mündige Staatsbürger/-innen, die sich auch an der Gestaltung des Allgemeinwohls beteiligen. So gesehen sollte der überwiegende Teil der Bevölkerung einen Hochschulabschluss anstreben - auch Handwerker, die anschließend ein „Training on the Job“ absolvieren würden.

In Deutschland liegt die Akademikerquote lediglich bei rund 22%. Doch viele hiesige Vertreter/-innen aus Wirtschaft und Politik sehen diese Ziffer als ausreichend an. Sie verweisen auf die im deutschsprachigen Raum weit verbreitete duale Ausbildung, die aus ihrer Sicht hervorragend sei. Somit liegt der Verdacht nahe, dass die Befürworter dieses anachronistischen Systems hochspezialisierte Funktionsträger wollen, die den Anweisungen ihrer Vorgesetzten gerne Folge leisten. Die moderne Wissens- und Informationsgesellschaft jedoch braucht kritische Anregungen seitens der Belegschaft sowie konstruktive Diskussionen. Und dies gilt ganz besonders, wenn große Krisen und Herausforderungen der Zukunft zu meistern sind.

Insofern ist die deutsche Gesellschaft für die postindustrielle Zeit des 21. Jh. nicht ausreichend gewappnet.

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