Corona-Bekämpfung in Schweden – trotz geringer Auflagen auf dem Weg zum Erfolg

Pandemie Der schwedische Sonderweg bei COVID-19 wurde anfangs von vielen Virologen und Politikern als zu locker angesehen. Doch jetzt herrscht Schweigen. Denn das skandinavische Land hat beim Infektionsgeschehen eine relativ gute Bilanz

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Schweden hat den Corona-Sturm überraschend gut gemeistert, ohne Einschränkungen
Schweden hat den Corona-Sturm überraschend gut gemeistert, ohne Einschränkungen

Foto: Jonathan Nackstrand/AFP via Getty Images

Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie hat sich Schweden die Freiheit erlaubt, hauptsächlich Empfehlungen auszusprechen und weitgehend auf staatliche Vorschriften zu verzichten. Es gab keine Ausgangssperren, keine Lockdowns, kaum gesetzliche Kontaktbeschränkungen und insgesamt nur wenige Auflagen. Der damalige Chefvirologe Anders Tegnell hat dieses Vorgehen damit begründet, dass nur solche Regelungen gelten sollten, die über viele Jahre hinweg durchzuhalten seien. Der Bevölkerung sollte ein relativ normales Weiterleben ermöglicht werden. Von einer neuen Realität wie in Deutschland war nie die Rede.

Natürlich gab es bei Ausbruch der Pandemie sogleich Kritik am schwedischen Sonderweg. Viele Politiker und Medienvertreter – vor allem aus Europa – fanden dieses Vorgehen unverantwortlich. Und tatsächlich lagen die Infektionszahlen und Sterbefälle im Jahr 2020 in Schweden deutlich über dem europäischen Durchschnitt, wobei vor allem vulnerable Gruppen betroffen waren. Doch langsam aber sicher wendete sich das Blatt: Heute steht das Land so gut da wie kaum ein anderer Staat. Insgesamt haben sich in den letzten zweieinhalb Jahren knapp 25% der schwedischen Bevölkerung infiziert, in Deutschland waren es etwa 40% und in Frankreich sogar 50%.

Auch bei der Sterblichkeitsrate braucht Schweden den Vergleich mit anderen Staaten nicht zu scheuen. Hinsichtlich der Letalität – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – liegt das Land mit rund 0,2 Prozent nahezu gleich auf mit Deutschland und Frankreich. Somit hat Schweden einen recht guten Gesundheitsschutz organisiert ohne größere psychosoziale Folgen und wahrscheinlich auch ohne gravierende wirtschaftliche Nachteile zu erleiden. Durch diesen ganzheitlichen Ansatz sind wichtige gesellschaftliche Bereiche miteinander in Einklang gebracht worden.

Von manchen Experten und Politikern wurde in der Vergangenheit angeführt, dass Schweden ein großes und mit 10,5 Mio. Einwohnern nur dünn besiedeltes Land sei. Deshalb müssten andere Maßstäbe gelten. Doch tatsächlich leben knapp 40 Prozent in drei dicht besiedelten Ballungsräumen: Stockholm, Malmö und Göteborg. Außerdem gibt es einige mittelgroße Städte mit ebenfalls relativ vielen Menschen pro Quadratkilometer. Plausibler klingt eher der Hinweis, dass die Mentalität der Menschen in Schweden durch ein hohes Maß an Solidarität und freiwilliger Rücksichtnahme geprägt sei. Insofern könne der Staat weitgehend auf rechtliche Regelungen verzichten.

In Deutschland wird weiterhin ein anderer Ansatz bei der Corona-Politik verfolgt. Der Bundestag hat am 08.09.2022 ein neues Infektionsschutzgesetz beschlossen, das wieder eine Verschärfung der Corona-Bestimmungen vorsieht. Damit bleibt die Politik im Prinzip ihren bisherigen Leitlinien treu. Von Analysen und Debatten über den Sonderweg in Schweden, die in die deutsche Gesetzgebung hätten einfließen können, ist mir nichts bekannt.

Womöglich wurde hier eine Chance vertan. Denn ich halte die schwedische Strategie für sehr vernünftig, weil sie auf folgenden Kriterien basiert: Ganzheitliches Denken, langfristige Planung und gegenseitige Rücksichtnahme.

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