Das goldene Strauß(en)ei

zinsgünstig im bayerischen Interesse wohlverliehen
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Der Strauß-Kredit von 1983 – als ein „Anfang vom Ende“(?) der DDR / Zu einem Artikel im „Freitag“ vom 25. Juli 2008 mit Bezugnahme zu einem Bremer Unilehrstoff (Quelle: http://www.memo.uni-bremen.de/docs/m3208b.pdf)

Karl Mai 27.07.2008

Vor 25 Jahren wurde der DDR ein bundesdeutscher Kredit in Höhe von 1 Mrd. DM zur freien Verfügung über das westliche Bankensystem eingeräumt, der durch eine Bundesbürgschaft gesichert war. Es war der deutschlandpolitisch sensationelle erste „Strauß-Kredit“.

Die ostdeutsche Wochenzeitung „Freitag“ nahm dies zum Anlaß, um einen Artikel von Michael Böhm (http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-anfang-vom-ende) zu veröffentlichen, der dieses Ereignis sehr vordergründig kommentiert. Dabei besteht für eine ausgewogene Bewertung dieses Ereignisses durchaus historische Berechtigung. (Wenn er dann historisch korrekt behandelt wird!)

Literatmaat 28.08. 2012

Auf dem VIII. Parteitag der SED (1971) wurde (wie auf den zuvor und danach erfolgten auch) die "weitere Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Bevölkerung" beschlossen und planwirtschaftlich festgelegt, was beinhaltete, dass die politische Staatsführung die Löhne und Renten weiter anheben und die Arbeitszeit auf 40 Stunden verkürzen wollte. Zudem wurde das Wohnungsbau- und Versorgungsprogramm weiter ausgearbeitet.

1983, also 12 Jahre später (!) kam es aufgrund der beiderseitig betriebenen Entspannungspolitik einiger weitsichtiger deutscher Politiker und mit Einigung der Banken (!), die frohlockend bereits ihre Zinsrenditen berechneten, zum vorab erwähnten Strauß-Kredit, welcher durch eine (begründete) Bundesbürgschaft gesichert war.

Historischer Hintergrund (gemäß der anfangs genannten Quelle)

Die DDR-Politik hatte Mitte der 70er Jahre im Zuge der „Entspannungspolitik“ begonnen, für nunmehr gewährte Devisen-Bankkredite im Westen erstmals erhöhte Importe zu beziehen, die zu einem negativen (?) Saldo im gesamten West-Aussenhandel führten.

Dieser Drang nach Westimporten ergab sich für die DDR aus zeitgleichen starken Beschränkungen des Imports aus der Sowjetunion für indutrielle Rohstoffe einerseits und andrerseits aus dem Bestreben, durch modernste Industrieanlagen-Importe u.a. aus Japan (liegt im Osten statt im Westen) eigene Vorteile für die Exportfähigkeit zu gewinnen – was im erwarteten Umfang allerdings mißlang(?). Damit entstanden zunehmende Schwierigkeiten in der Refinanzierung der Kreditverpflichtungen auf der DDR-Seite.

Literatmaat 28.08. 2012

Erwähnt werden hierbei nicht die vielen exportierten Technologien, die in der DDR entwickelt wurden, um dafür dringend benötigte Rohstoffe einzukaufen, und von denen unter anderem Japan wie auch die Bundesrepublik enorm profitierte. Auch die Spitzenprodukte des VEB Carl-Zeiss Jena oder die Produkte der Werften etc., die auf dem Weltmarkt notgedrungen ALLE unter Wert angeboten (und gekauft) wurden, fehlen in der einseitigen Beschreibung. Man redet stattdessen von „Auf Pump“, was zu beweisen letztlich schwer fiele, würde man sich an Tatsachen orientieren.

Lediglich ein Beispiel:

1955 wurde bei Zeiss Jena mit dem OPREMA der erste in der DDR gebaute Computer fertiggestellt, von dem nur zwei Exemplare gebaut wurden. 1961 wurde mit dem Zeiss-Rechen-Automat (ZRA 1) ein weiterer Computer vorgestellt, der bis 1964 gefertigt wurde. Im VEB Carl Zeiss Jena wurde die Multispektralkamera MKF 6 zur Fernerkundung vom Weltraum und aus Flugzeugen entwickelt und gebaut. Der erste Einsatz erfolgte im September 1976 an Bord des Raumschiffs Sojus 22. Auch Sigmund Jähn, der erste Deutsche im Kosmos (siehe Deutsche Raumfahrtausstellung), führte damit während seines Raumfluges Experimente zur Erdfernerkundung durch. Die weiterentwickelte Version MKF 6M kam u. a. auf der Raumstation „Мир/Frieden“ (die es selbst heute noch gibt) zum Einsatz. Im VEB Carl Zeiss Jena wurden weiterhin Planetariumsprojektoren entwickelt, gebaut und weltweit exportiert. Für den 1-Megabit-Chip U61000 wurde dem Kombinat VEB Carl Zeiss Jena auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1989 die Goldmedaille verliehen. […] (Wikipedia)

So heißt es im Memo der Uni Bremen dann auch: „Die in den Jahren 1981 ff. erfolgten großen Exportanstrengungen der DDR reduzierten zwar wieder die laufenden Importüberschüsse und es kam zu neuen Exportüberschüssen, aber zur Refinanzierung der angestiegenen Tilgungensraten und Weltmarktzinsen waren weitere Devisen-Kredite erforderlich.“

Bedeutet also, dass die DDR auf die kapitalistischen Wirtschaftsschwankungen auf dem Weltmarkt reagieren musste, um das eigene rohstoffarme Land mit Wirtschaftsgütern versorgen zu können.

So berichtet das Memo weiter: “Von den gesamten West-Importen waren 1978 nur ca. 6 % direkte Konsumgüter (Hinweis an den Lehrkörper: Laut Angabe in interner Tabelle sind es 0,6 %.). Die investiven Güter lagen noch unter einem Drittel der Importe. Der Hauptanteil entfiehl auf Rohstoffe und Halbfabrikate sowie Agrarprodukte, die mit 6,8 Mrd. VM fast zwei Drittel der Importe betrugen.“

[…]

Epilog

Interessierte Menschen können und werden sich unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen sicher weiterbelesen. Leider findet sich im heutigen öffentlichen Angebot sehr wenig wahres Bildungsgut, also gesellschaftswissenschaftlich exakt beschrieben. Der Grund dafür liegt auf der Hand!

Indes dürften nicht nur den Menschen in Cuba, Chile oder Vietnam Begriffe wie Wirtschaftsembargo, Wirtschaftsspionage, Vertragsbruch oder militärisches Drohgehabe bis hin zu Krieg - gleichwohl, ob kalt oder brandheiß geführt - geläufig sein, denn es gab vorrangig im damaligen Sozialismus Schulen und Redaktionen, die diese Begriffe ausführlich definierten. Die Praxis hatte man zudem stets vor Augen.

Dass die Zerstörungen von Produktionsstätten, Wohnungen und Rohstoffbasen im II. WK zudem vorrangig auf dem Gebiet der nachfolgenden sozialistischen Gemeinschaft erfolgten und auch die Bevölkerungszahl im benannten Krieg stark dezimiert wurde, dass auch die dort wohnenden Menschen erst an ein soziales Miteinander herangeführt und nationalsozialistische Parolen aus den Köpfen entfernt werden mussten und dass dies eine gewaltige Aufgabe darstellte, da die Wirtschaft als Grundlage für Ernährungsgüter, Kleidung und Wohnraum ohne die eigennützige „Wirtschaftshilfe“ kriegsprofitierender finanzstarker alliierter Staaten erst wieder instandgesetzt werden musste wie auch die Bildungsstätten und sozialen Einrichtungen nebst qualifiziertem Personal, das wird in der Regel weggelassen bei sogenanten Unimemos bzw. redaktionellen „Zeitbeschreibungen“.

Philosophisch betrachtet ist das allerdings nicht korrekt! Nur, wer sollte das ändern im bestehenden System?

Nixdorf Medien

11:10 28.08.2012
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Geschrieben von

Literatmaat

Chinesische Diplomatie war zu keiner Zeit eines meiner Fachgebiete. Das liegt schon an der abendländischen Erziehung und am sozialen Charakter ...
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Literatmaat

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