Der Versammlungsgast

Ostredakteur - Bleistiftwetze gegen Ossihetze
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Gemeinsam in die Zukunft!“ oder „Wann sind wir ein deutsches Volk mit gleichen Interessen?“

Als ich vor einiger Zeit an einer öffentlichen Veranstaltung teilnahm - Ort und Personennamen sind nicht sonderlich wichtig - da ging es wieder einmal um das leidige Thema des Zusammenwachsens von "Ost" und "West" in Deutschland.

Zur Versammlung eingeladen war unter anderem ein ehemaliger Bürger der DDR, welcher über seine gemachten Erfahrungen in der früheren Heimat berichten sollte und wollte. Das tat er dann auch. Er erzählte uns von seinen ehrbaren Vorfahren, welche erst Handwerker und später dann Fabrikbesitzer in seiner heimatlichen Region waren und darüber, wie er selbst in der DDR gelebt hatte. Zu seiner Schilderung gehörte, dass er die ihm vom Staat gegebene Möglichkeit nutzte, um Medizin zu studieren und dass er sich bereits früh dazu entschloss, sich politisch zu engagieren. Dies tat er nicht etwa in der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), sondern in einer neben vielen anderen bestehenden Parteiorganisation. Während seiner Studienzeit, so wurde von ihm weiter berichtet, stellte er einige "Streiche" an, welche die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit erweckten. Trotzdem durfte der Erzähler sein Studium fortsetzen und nach bestandenem Abschluss dann auch als Arzt tätig sein! Nach den Aussagen dieses Arztes beziehungsweise Chirurgen war das Gesundheitswesen seiner Heimat aber in einem unmöglichen Zustand, so dass sie die Kranken einfach sterben lassen mussten. Was er dagegen unternahm, hat er uns nicht mitgeteilt. Schade!

Positive Eigenschaften wie gastfreundlich, hilfsbereit, arbeitsam, sportbegeistert und unzählige andere, welche die Menschen der dortigen Region gesellschaftsbedingt prägten, erwähnte der einstige DDR-Bürger ebenfalls nicht. Auch sagte er nichts darüber aus, dass die Deutsche Demokratische Republik, welche territorial betrachtet wenig eigene Bodenschätze besaß, vom Export lebte und somit Spitzenprodukte auf dem Weltmarkt anbieten musste, um überhaupt existieren und zudem das damals bestehende immense staatliche Sozialangebot sichern zu können. Zudem wurden noch Reparationsleistungen erbracht. Deutsche Namen mit Weltruf wie der von Carl Zeiss Jena (Optik), die Porzellanmanufaktur Meißen, die international sehr erfolgreiche Rockband „Karat“ (Über sieben Brücken musst Du gehn) oder Personen wie Peter Strang (ab 1993 künstlerischer Leiter der Manufaktur in Meißen), Sigmund Jähn (ehemaliger deutscher Kosmonaut und erster Deutscher im Weltraum), Jürgen Sparwasser (Fußballer der Nationalmannschaft der DDR, der 1974 während der Fußballweltmeisterschaft ein wichtiges Entscheidungstor schoss) und auch Frau Angela Merkel, immerhin die derzeit (2012) noch amtierende Bundeskanzlerin Deutschlands, deren Eltern nebst ihrer Person von Hamburg in die DDR übersiedelten und die daher in Mecklenburg aufwuchs, zur Schule ging, ihr Studium absolvierte und dort bis zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten erfolgreich arbeitete, fehlten in der Berichterstattung ganz. Ebenso wenig wurde erwähnt, dass der westliche Teil Deutschlands durchaus von gemeinsam abgeschlossenen Wirtschaftsverträgen und vom kulturellen Austausch untereinander profitierte.

Über die damals im Osten vorhandenen sozialen Bildungseinrichtungen, Kindertagesstätten, die vielfältigen Kultur-, Sport-, Freizeit- und Erholungsangebote, die anerkennenden Prämienzahlungen und Auszeichnungen für gute betriebliche Leistungen etc. bekamen wir auch nichts zu hören. Stattdessen wurde uns mitgeteilt, in was für einem willkürlich terrorausübenden Staat der arme Mensch früher lebte und es kam irgendwie der Eindruck auf, dass sich in seinem früheren Umfeld alle Bürger vor einer angeblich menschenrechtswidrigen Staatssicherheit verstecken mussten und die Menschen dort angekettet zur Arbeit geführt wurden.

Erwähnung fand zudem nicht der Marshallplan, die Truman-Doktrin oder die Aussage eines deutschen Politikers, der da äußerte, der Westen würde die DDR, als Staat später gegründet (7. Oktober 1949) als die BRD (23. Mai 1949), schon klein kriegen, indem man die eigene Rüstung und Produktion künstlich vorantrieb. Begriffe wie Wettrüsten und Kalter Krieg sind allerdings keine Erfindungen des Ostens! Auch Herr Weinhold wurde nicht angesprochen, ein DDR-Bürger, welcher auf seiner Flucht in den Westen zwei Grenzer erschoss und der in der Bundesrepublik dafür nur 3 Jahre im Gefängnis saß.

Nun stelle ich mir nach solchen fantastischen Berichten immer wieder die Frage, was wollen uns diese Menschen eigentlich mitteilen und was für Aktivitäten erfolgten von jenen, um das Leben dort, wo sie wohnten, besser zu gestalten? Vorab benannte Person berichtete nur darüber, wie er die Staatspolitik störte, nicht, wie er sie positiv mitgestaltete, obwohl doch wenigstens die Bildungspolitik seines Landes ihm zu gesellschaftlicher Anerkennung verhalf. Bewiesene Tatsache ist, dass alle Deutschen nach einem gemeinsam geführten Krieg die Nase gestrichen voll davon hatten. Vergessen darf man dabei nicht, dass dieser Krieg von deutschem Boden ausging und auch nicht, dass unvorstellbare Greueltaten von unserem Volk begangen wurden. Danach wollte die Mehrzahl (?) der Mitmacher wiedergutmachen. Ausgenommen jene, welche dem „Römischen Weg“ folgten! Dementgegen wurde die Ahndung von Kriegsverbrechen in der DDR ernsthaft praktiziert. Beide deutsche Staaten wurden indes von Weltmächten gesteuert und diese legten auch den politischen Kurs und die deutsche Teilung fest. Es bedarf zudem sicher keiner näheren Erläuterung, dass Russland ausgeblutet war wie der gesamte Ostbereich, in welchem der Krieg hauptsächlich ausgetragen wurde. Amerika dagegen hatte der westdeutschen Kolonie unerschöpfliche wirtschaftliche Möglichkeiten zu bieten. Selbstredend nicht der uneigennützigen Hilfe wegen!

Durch viel harte Arbeit hat es aber auch der 'Ostdeutsche' geschafft, sich internationale Anerkennung zu verschaffen und zu einigem Wohlstand zu gelangen. Ein selbsterwirtschaftes Sozialpaket versorgte den Bürger medizinisch, bildend, kulturell und altersgerecht. Ein freundschaftlicher, verwandschaftlicher und auch wirtschaftlicher Kontakt war zudem zwischen den Bürgern beider deutscher Staaten gegeben, wenn sich das Reisen auch auf eine Richtung beschränkte. Nicht ohne politischen Hintergrund wie der aufgeklärte Deutsche weiß. Alle diese nennenswerten Ereignisse erfuhren wir von dem ehemaligen DDR-Bürger nicht.

Dafür erfuhren wir, dass in den Kirchen seiner Meinung nach irgendwann ein organisierter Widerstand gegen die allen Bürgern der DDR geltende Sozialpolitik entstand. Das mag sein. Trotzdem gab es weiterhin offene Kirchen und dazugehörige Gemeinden! Wie passt das aber mit der allerorts erfolgenden Schilderung einer willkürlich überwachenden und beherrschenden Staatspolizei zusammen? Viele DDR- und auch Bundesbürger erlebten die Zeit ganz anders als uns vom Erzähler mitgeteilt wurde. Angeblich waren es schließlich auch Herr Kohl, christliche Kerzenträger und friedliche Demonstranten, welche die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten (Zwei-plus-Vier-Vertrag) herbeiführten und nicht die internen verräterischen Wirtschaftsverträge der zwei Weltmächte USA (Bush) und damaligen UdSSR (Gorbatschow), sagte uns der spätere Bundestagsabgeordnete. Auch die Verhinderung eines Bürgerkrieges durch vorausschauendes Denken der DDR-Staatsführung in der Krisensituation wurde nicht angesprochen. Jugoslawien spricht dagegen Bände!

Mit solchen überholten irrealen Schilderungen, welche nur der sozialfeindlichen Wirtschaft dienernd und nützend vorgetragen wurden bzw. werden, lässt sich kaum noch jemand hinter dem Ofen hervorholen - so dachte ich einst - denn es sind mittlerweile bereits 20 Jahre vergangen. Die Realität beweist das Gegenteil! Einem realsozialistischen Staat, welcher seit geraumer Zeit nicht mehr existiert, nun aber die Schuld dafür zuzuweisen, dass es uns Deutschen heute so schlecht geht, ist wohl schwerlich zu begreifen. Es sei denn, man bedenkt hierbei, dass es skrupellose Spekulanten und karrieresüchtige Politiker waren, die das "neue" Land nach dem Mauerfall überschwemmten. Wem die nachfolgende Politik somit genehm war und weiterhin ist, dürfte wenigstens einigen Bürgern mittlerweile begreiflich geworden sein. Nämlich einer selbstgefälligen Wirtschaftsmacht, welche keine sozialstaatliche Konkurrenz mehr zu befürchten hat und welche somit zunehmend unsozial gegenüber dem Bürger auftritt. Mit der Demokratie verhält es sich ganz ähnlich.

Ich denke, solange der deutsche Bürger nicht begreift, dass ein Weg aus der bestehenden Weltwirtschaftskrise nur gemeinsam zu finden ist und dass internationale Anerkennung nur erfolgen kann, wenn man sich geistig und produktiv für ein wirtschaftliches UND soziales Wachstum vereint, solange wird es dem Deutschen auch nicht besser gehen. Abwerten bringt allerdings keine Veränderung, nur Aktivität vermag das zu bewirken. Der Irrglaube der Ostdeutschen bestand in einem sozialen Kapitalismus, in welchem der Tüchtige zu Wohlstand kommen kann, der real allerdings nicht funktioniert. Das hat der Ossi nach mittlerweile 20 Jahren wohl begriffen. Nur ist er leider zu verschämt, um das vor der jüngeren Generation einzugestehen. Indes ist Geschichte Erbgut und dieses Gut sollte in jedem Fall unverfälscht weitergereicht werden, damit die nachfolgenden Generationen daraus lernen können. In diesem Sinne …

Nixdorf Medien

23:22 20.08.2012
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Geschrieben von

Literatmaat

Chinesische Diplomatie war zu keiner Zeit eines meiner Fachgebiete. Das liegt schon an der abendländischen Erziehung und am sozialen Charakter ...
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Literatmaat

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