Es müffelt

LehrerInnenausbildung Die Universitäten leisten viel in der LehrerInnenausbildung. Ein reaktionäres System bedroht die wissenschaftliche Professionalisierung. Eine Zeugnisfeier.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Noch vor dem zu Tode diskutierten, obligatorischen Praxisschock der Pädagogik ereilt er mich: der Beamtismusschock. Sieben Semester lang habe ich Grundschullehramt studiert und gelernt, dass Kinder Freiheit und Anregung brauchen, um sich zu entwickeln. Methodenkompetenz, Reflektionsfähigkeit, Professionalität? Läuft! Ich bin zufrieden mit meiner Ausbildung.

Dann sitzen wir da. Aufgereiht, alphabetisch und nach Lehramt sortiert. In Kleidchen und billigen Anzügen, die noch vor vier Jahren beim Abiball vollgekotzt wurden, in Dirndl und Lederhose (wir sind nicht in Bayern) oder einfach in Jeans und T-Shirt. Dem vollbesetzen 70er-Jahre Audimax hat man mit Blümchen und Tüll durchaus Feierlichkeit verliehen und Mütter, Väter, Omas und Opas sind stolz. Wir klatschen.

Doch unterbricht man den flüsternden Smalltalk mit den KommilitonInnen und lauscht dem, was der leitende Beamte des Landesschulamts da von sich gibt, klappt einem die sektverklebte Kinnlade runter. Im Stil einer Büttenrede wird polemisch auf alles geschimpft und gegen alles gehetzt, was dem Wesen des deutschen Beamten zu widersprechen scheint. Antiautoritäre Erziehung und Reformpädagogik werden als pädophile Spinnerei abgetan. Man freut sich minutenlang, dass diese verdorbene Dekadenz überwunden sei. Gleiches gilt für die 68er-Bewegung und es geht immer wieder um „die da oben“, die uns das wahnwitzige Konzept der Inklusion aufzwängen. Der LehrerInnenberuf wird als angeborene Fähigkeit beschrieben. Berufsberechtigung erlange man eher durch schulamtische Ordination als durch wissenschaftliche Professionalisierung. Um Flüchtlinge geht es auch. Die seien eine wichtige Aufgabe. Immerhin. Gewisser Argwohn schwingt mit.

Generell gilt: der gute Lehrkörper passt sich an und vertritt beamtendeutsche Werte. Die sind nun mal ultrakonservativ bis reaktionär. Ist doch auch gut wie es ist.

Klatschen. Zeugnisvergabe. Ausmarsch.

Vor dem Gebäude kann man sich in Polyester-Talar und Doktorhut von einem Fotografen ablichten lassen. Passen wir auf, dass wir uns mit dem Talar nicht den alten Muff vergangener Zeiten überstreifen und ihn in Schule und Gesellschaft schleppen.

11:09 18.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 8

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar