Durchtanzte Nächte

Genderkolumne Unsere Kolumnistin Liz Weidinger blickt auf das Dockville Festival in Hamburg zurück, das eine spannende Auswahl junger Musikerinnen präsentierte
Durchtanzte Nächte
Mit Schirm und Charme überzeugte das diesjährige Dockville-Festival

Foto: Pauline Fischer

Der Festivalsommer nähert sich langsam seinem Ende. Durchtanzte Nächte, Magnesium gegen Muskelkater, tiefsinnige Diskussionen, Sitzkonzerte in der Nachmittagssonne, gewagte Festival-Outfits, wenig Körperpflege, aufreibende Logistikprobleme und ausuferndes Gruppengefühl sorgten für viele Lieblingsmomente im Gedächtnis. Und während besonders kleine Festivals gemeinsamen Urlaubsspaß boten, ließen die großen Festivals durch die Vielzahl der Konzerte und DJs Musik zum wichtigsten Punkt des Wochenendes werden. Beides mal galt für ein paar Tage: Tschüss Alltag.

Das Dockville-Festival auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg bot am vergangenen Wochenende von beidem ein bisschen. Vor dem klassischen Dreitages-Musikfestival fand schon das Kunstcamp für kreatives, kollektives Schaffen mit Freiraum für queere Maskenbälle und aufstrebende Künstler statt, genauso wie eine kostenlose Ferienfreizeit für Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil. Das Musikfestival reiht sich ein in eine Reihe mit anderen kommerziellen Festivals und ist sicher Imagefaktor im Stadtmarketing, überzeugt aber auch durch ein gekonntes Line-Up zwischen internationalen Pophighlights, Newcomer-Stars und lokalen Bands und DJs. Industrieromantik, glitzernde Menschen, herrliches Sommerwetter und das liebevoll gestaltete Gelände taten das Übrige.

Mit Glitzeroverall

Rund 20.000 Musikfans besuchten die sechste Ausgabe des Festivals mit über 130 Shows. Mit dabei auch einige spannende Musikerinnen. Sogar die meist männlichen Mainacts wie die liebenswerten Hot Chip oder Metronomy hatten Drummerinnen dabei – was im Publikum mit dem ein oder anderen blöden Kommentar versehen wurde. Aber ich fand ja Drummerinnen schon immer heiß, besonders wenn sie so großartige Glitzeroveralls tragen wie Anna Prior.

Aber auch so einige musikalische Hypes und Neuerscheinungen ließen sich live erleben – mal mit enttäuschendem, mal mit überraschendem Ergebnis. Die hier schon besprochenen Disco-Pop-Friends konnten meinen wilden Vorstellungen ihrer Live-Auftritte so überhaupt nicht gerecht werden. Das mag schwierig gewesen sein, schließlich ist das Dockville kein kleiner Kellerclub und die Soundprobleme waren wohl auch nicht ihre Schuld – trotzdem, Friends funktionieren mit Kopfhörern in der Sonne eindeutig besser als live.

Musik im Dunkeln

Dafür hat das kanadische Duo Purity Ring ihren elektronischen, subbasslastigen Future-Pop-Entwurf ziemlich überzeugend auf die dunkle Bühne des Maschinenraums gebracht: Nur das selbstgebaute Instrument zwischen Schlagzeug, Xylophon und Synthesizer, das wie ein riesiger Kerzenständer aussieht, eine warm pulsierende Trommel und das gedimmte Fackellicht der Sängerin sorgten für kleine bunte Lichtpunkte. Ihr kürzlich auf 4AD erschienenes Album Shrines wird definitiv noch einmal gehört.

Aber auch das ziemlich lässige Trio Micachu and the Shapes in ihren beigefarbenen, zu großen Hemden rund um Bandgründerin und Künstlerin Mica Levi spielten viele experimentellen Popsongs aus ihrem angeblich recht unzugänglichen zweiten Album Never. Live war da am Sonntagnachmittag genügend Mitwipp-Potential vorhanden. Die Londoner tauchten später auch noch im Pudel-Klub hinter den Plattentellern auf, um aus dem Wippen ein deutliches Nicken werden zu lassen. Passenderweise werden die drei im Herbst Animal Collective als Vorband auf ihrer Amerikatour begleiten.

Noch etwas Geduld haben muss man für das Debütalbum von Daughter, die im Oktober erst mal die erste, dazugehörige Single "Smother" veröffentlichen wird. Für ihren zurückhaltenden, folkigen Gitarrensound hatte sie durch diverse EPs jedoch schon begeisterte Zuhörer gewonnen, die Seifenblasen in den blauen Himmel pusteten, auf der Stelle tanzten und deren gute Laune die Musikerin sichtbar freute.

Für wen bei dieser Auswahl an Musikerinnen noch nichts dabei war, der konnte unter anderem zu Auftritten der Post-Punkerinnen Darkness Falls aus Dänemark gehen, den zuckersüßen Dear Reader lauschen, bei der minimalistischen und dirigierenden Dillon „Tip Tapping“ singen oder sich von der Wucht von tUnE-yArDs mitreißen lassen, die nicht ohne Grund für ihre Liveshows bekannt ist.

Und wem das dann zu wenig elektronisch war, für den war immer noch eine der DJ-Bühnen da. Dort fanden sich auch die eine oder andere lokale DJ, wie Elin mit einem tollen House-Set oder die Pudel-Damen Ratkat und Patex mit ihrer School of Zuversicht.

Insgesamt habe ich das Festival also mindestens zur Hälfte unter Begleitung spannender weiblicher Musikerinnen bestritten. Gar kein so schlechter Schnitt wie ich finde.

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Ihre Freitag-Redaktion

17:20 15.08.2012
Geschrieben von

liz weidinger

freie journalistin und girlmonster
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liz weidinger

Ausgabe 38/2021

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