Hört sich gefährlich an

Musikkolumne Es wird anstrengend und elektronisch: Musik zwischen Dissertation und Club mit Holly Herndon und als Verarbeitung persönlicher Kriegserfahrung mit Fatima Al Qadiri

Wie eng digitale Lebensaspekte mit Politik und Körper verbunden sind beweisen die Veröffentlichungen von Holly Herndon und Fatima Al Qadiri auf unterschiedliche aber eindringliche Weise. Einerseits Al Qadiris beklemmender Horror, der sich beim Hören der Desert Strike EP langsam von hinten anschleicht. Das mag an der Positionierung der Platte zwischen persönlich erlebtem Kriegstrauma in Kuwait während des Golfkriegs von 1991 und virtuellen Kriegsspielen liegen. Die EP ist nach einem Shooter-Spiel benannt, dessen Sounds den Beat machen. Der Bass ist gefährlich verzerrt und die Patronenhülsen fallen auf den Boden.

Andererseits Herndons konzeptioneller Song Breath, der mit langen Atempausen fast die Luft raubt. Auf dem Song zerstückelt und verändert Herndon ihr eigenes Atmen so, dass eine überwältigende Soundskulptur entsteht, die durch die Gehörgänge bis in die Lunge der Hörer_in vordringt und sie langsam einschnürt.

Hört sich gefährlich an und ist nicht nur deswegen Aufmerksamkeit wert. Die Künstlerinnen machen auch Musik, die ganz selbstverständlich mit Laptop und digitaler Kultur über Leben und Gesellschaft nachdenkt.

Entkörperlichung?

Herndon stellt mit einer eher akademischen Herangehensweise die angebliche Entkörperlichung durch Computer in Frage – besonders in Bezug auf musikalische Live-Performance und mit theoretischer Fundierung bei feministischen Denkerinnen wie Donna Haraway. Sie wird zitiert mit folgenden Sätzen: „Der Computer als Instrument ist entgegen klassischer Vorurteile so ein intimer und wichtiger Teil unseres Lebens, wie das kein anderes Instrument jemals war – wir verwenden ihn zum Beispiel auch, um mit unserer Mutter zu Skypen oder erhalten durch ihn gute oder schlechte Nachrichten. Wenn man diese Informationen in eine Performance integrieren könnte, fände ich das sehr spannend.“

Die in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Tennessee aufgewachsene Herndon machte nach einem mehrjährigen Ausflug in die Berliner Techno-Szene ihren Master in „Electronic Music“ am bekannten Mills College in Kalifornien. Dort hat sie die Arbeit an ihrem vor kurzem erschienenen Debütalbum Movement begonnen, das auch deswegen gekonnt zwischen gewohnter Clubtauglichkeit und moderner Komposition oszilliert. Die Stücke entwickelten sich aus Live-Performances und in Besprechungen mit Dozent_innen. Erst durch ihr Studium der elektronischen Musik hat Herndon zum Laptop als ihrem Instrument gefunden. Währenddessen hat sie gelernt zu programmieren und festgestellt wie gut sich damit Musik machen lässt. Inzwischen ist sie begeisterter Nerd und interessiert sich für eine sehr technische Herangehensweise an Musikproduktion – schließlich hat sie seit kurzem eine Promotionsstelle am „Center for Computer Research in Music and Acoustics“ in Stanford.

Krieg hören

Al Qadiri hingegen ist weniger experimentelle Komponistin als vielmehr Multimedia-Künstlerin und Dancemusic-Produzentin. Sie ist im Senegal geboren, in Kuwait aufgewachsen und lebt jetzt in New York. Mit ihrer EP denkt sie nicht theoretisch oder technisch über die Veränderung des Lebens durch digitale Techniken nach, sondern verarbeitet persönliches Trauma und Depressionen, die durch einen der ekligsten Teile menschlichen Handelns entstanden sind – Krieg. Dabei nutzt sie die Sprache der Popkultur, durch den Bezug auf düstere, grime-beeinflusste Sounds und Videospiele. Auf ihrer EP präsentiert sie also die Übersetzung des Unbegreiflichen in Musik, die zwar nicht total eingängig, aber durchaus clubtauglich ist. Und damit vielleicht eher auf die Alltäglichkeit von Krieg hinweist, als ihn zu Ästhetisieren. Im Interview mit Papermag sagt sie: „Ich wollte schon immer eine Arbeit über diese Zeit meines Lebens machen – es war die surrealste und Science-Fiction-hafteste Erfahrung, die mich mein ganzes Leben lang verfolgt.“ Während dieser Zeit verbrachte sie mit ihrer Schwester viel Zeit beim Videospielen. Mit dem stark an die realen Geschehnisse des Golfkriegs angelegten Desert Strike kam sie jedoch nie klar, so Al Qadiri per Mail – war aber vollkommen gefesselt von der Einleitung des Spiels, die sie immer wieder anschaute. Und hat es nun zum Ausgangspunkt für ihre Beschäftigung mit dem Thema gemacht.

Fatima Al Qadiri
"Desert Strike EP"
Fade to Mind
fatimaalqadiri.com

Holly Herndon
"Movement"

RVNG Intl.
hollyherndon.tumblr.com

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Ihre Freitag-Redaktion

15:59 19.12.2012
Geschrieben von

liz weidinger

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liz weidinger

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