Rolling Role Models

Genderkolumne Es gibt viel zu wenige Role Models, heißt es oft. Diesmal geht es in der Kolumne deshalb um Musik von zwei Künstlerinnen, die viel mehr als nur das sind

Gudrun Gut und Bernadette La Hengst musizieren auf ganz unterschiedliche Art. Während die eine ihre sphärischen elektronischen Tracks für Wildlife fast ausschließlich mit Ableton produziert hat, singt die andere auf Integrier’ mich, Baby fröhliche Polit-Schlager. Ich weiß nicht, ob sich die Wege der zwei Musikerinnen schon mal gekreuzt haben. Trotzdem spielen die beiden Feministinnen schon seit langer Zeit eine bedeutende Rolle in männlich dominierten Musikszenen – und machen immer noch tolle Musik, was ihre beiden Veröffentlichungen aus den vergangenen Wochen veranschaulichen. Damit eignen sie sich bestens als weibliches Vorbild.

Ein elektronischer Garten

"Garten" ist ein Hit des zweiten Soloalbums von Gudrun Gut. Auf Wildlife präsentiert die Ikone der Berliner Avantgardemusik und ehemals überzeugte Großstädterin ihre Interpretation von eben jenem Garten. Und obwohl die Platte im Herbst und Winter auf dem neuen Landsitz in der Uckermark entstanden ist, verschont Gut die Hörer_innen mit Field Recordings und romantisierendern Natursounds. Es bleibt elektronisch und düster, auch wenn textlich erst mal Gemüse, Tiger, Blätter oder Schnee das Zentrum bilden. Es ist ein einnehmendes, langsames und faszinierendes Album geworden, auf dem englische oder deutsche Wortfragmente in tiefem Sprechgesang über pulsierenden Takten liegen und sich in "Erinnerung" zum Beispiel fragen, warum heute alle eine andere Version vom damals gemeinsam Erlebten erzählen.

Damit ermöglicht Gut auch kleine biografische Einblicke, die bei einer Person wie ihr, ohne Weiteres eine volle Radiostunde füllen können, wie der Zündfunk Generator beweist. Wer lieber von der Künstlerin selbst durch ihr bisheriges musikalisches Schaffen geführt werden will, dem sei ihr „The Wire“-Podcast aus dem Jahr 2008 empfohlen. Und da gibt es so einiges aus 30 Jahren Musikszene zu besprechen: Gut floh Ende der Siebziger aus der Lüneburger Heide nach Berlin. Seitdem ist sie wichtiger Teil der dortigen musikalischen Subkultur und verließ die Einstürzenden Neubauten kurz nach deren Gründung, weil sie sich in dem Jungsclub nicht wohl fühlte.

In den folgenden Jahren spielte und sang sie in der rein weiblich besetzten Postpunk-Band „Malaria!“ mit der sie fast zum Popstar wurde. Im taz-Interview erzählt sie über die achtziger Jahre: „Für mich waren sie wahnsinnig aufregend. Ich hatte tausend verschiedene Bands, wir haben eine neue Musik erfunden, haben die ersten Konzerte gespielt, sind in New York aufgetreten.“

Aber auch nach der Bandkarriere bleibt Gut musikalisch immer vorne dabei, experimentiert schon Ende der Achtziger mit Computern und Samplemaschinen und erlebt das Techno-Berlin der Wendezeit. Danach folgen der Oceanclub, ein Netzwerk aus Kreativen, die Partys in der Kellerlounge des Berliner Tresor veranstalten, Sampler zusammenstellen und später auch eine Radioshow gestalten. 1997 gründete sie ihr zweites, bis heute existierendes Label Monika Enterprise, mit dem sie viele weibliche Künstlerinnen zum Beispiel mit der "4 Women No Cry"-Serie fördert. Dass sie 2006 dann aufgrund einer Kiefersperre das Umland entdecken musste, führt Gut im taz-Interview selbst auf Überarbeitung und emotionale Verspannung zurück. Zeit sich einen Zeitwohnsitz in der Uckermark zu organisieren.

Ab in die Hamburger Schule

Eine vergleichbare Ausnahmeposition nahm Bernadette La Hengst nicht in Berlin, sondern in Hamburg ein. Sie ist die einzige Frau, die als aktive Musikerin mit ihrer 1990 gegründeten Band "Die Braut haut ins Auge" mit zur Hamburger Schule gezählt und in diesem dichten Netzwerk aus Diskurs, Freundschaft und Szene immer wieder als 'die Frau' genannt wird – auch wenn genau zu der Zeit die amerikanischen Riot Grrrls antraten, um zu der immer noch so häufig zitierten Bewegung zu werden.

In dem vor einem Jahr erschienen Buch "Lass uns von der Hamburger Schule reden – Eine Kulturgeschichte aus der Sicht beteiligter Frauen" erzählt Hengst in einem spannenden Interview von ihrem Weg aus dem wichtigen und doch so kleinen Bad Salzuflen, aus dem zum Beispiel auch Bernd Begemann oder Frank Spilker kommen, über Berlin und eine gescheiterte Schauspielkarriere bis nach Hamburg. Dort fand sie die Musikszene, die für Hengst das mehr oder weniger gemütliche Zuhause werden sollte. Zehn Jahre lang machte sie dort zusammen mit Katja Böhm, Karen Dennig und Peta Devlin Musik und sang Songs über stinkende Betten oder dramatische Kinder. „Es ist doch alles sehr männerdominiert gewesen und das Posen und alles was damit zusammenhängt eben auch. Sie haben sich dann sehr schnell immer eine eigene Welt geschaffen, sich auf einen Sockel gestellt und ihre Kunst definiert.“, sagt Hengst in dem Buch. So kam es auch, dass „Die Braut haut ins Auge“ nicht auf einem Indielabel veröffentlicht wurden, sondern auf einem Majorlabel. Oder dass sie im Vergleich zu den Männerbands der Hamburger Schule nicht von den Plattenvorschüssen leben konnten, sondern nebenher ihre Jobs weitermachen mussten.

Aber Bernadette La Hengst hat sich von all dem nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Auch heute bestehen noch viele Kooperationen, wie mit Knarf Rellöm, bei dessen Band Huah! Hengst spielte. Zusammen mit Guz von den Aeronauten gründeten sie vor zwei Jahren die deutschsprachige Supergroup „Die Zukunft“ und nahmen so charmante Songs wie „Drogen nehmen und rumfahren“ auf.

Auch auf ihrem aktuellen vierten Soloalbum sind viele Bekannte dabei. Die ehemalige Bandkollegin Peta Delvin produzierte zum Beispiel mit. Und Rocko Schamoni singt ein verswingtes Duett mit dem schicken Titel „Grundeinkommen Liebe“. Denn wie gewohnt verbindet Hengst feministisch versiert das Politische mit dem Privaten zu einer durchgängig tanzbaren, jedoch nicht wirklich umwerfenden Pop-Platte.

Auf „Integrier mich, Baby“ zeigt sich außerdem das Engagement der inzwischen wieder in Berlin wohnenden Künstlerin am Theater. Denn rund die Hälfte der Songs stammt aus Theaterstücken, die Hengst zum Beispiel in Hamburg oder Freiburg inszeniert hat. Das fällt bei dem Hierarchien in Frage stellenden Titelsong jedoch überhaupt nicht auf – viel mehr schafft es das Lied der negativen Konnotation des Wortes „Integration“ eine alternative Deutung gegenüberzustellen. Und auch zum Thema Role Models findet sich ein Stück auf der Platte und aus ihrem Theaterstück „Planet der Frauen“. Denn Hengst sieht immer noch einen wichtigen Grund für ein Geschlechterungerechtichkeit in fehlenden Vorbildern. Dann besser alle mal genau hinschauen:

15:27 24.10.2012
Geschrieben von

liz weidinger

freie journalistin und girlmonster
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liz weidinger

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