Schwärmereien

Musikkolumne Das Indie-Rock-Duo Tegan and Sara liefert mit ihrem siebten Album „Heartthrob“ den Soundtrack für den Discoabend auf der Eislaufbahn. Meinen sie das ernst?
Schwärmereien
Foto: Warner Music

Meine erste Reaktion auf die neue Single inklusive Happy-Party-Ballons-Video war, um es mit Liz Lemon zu sagen: What the What? Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Einen glattpolierten, mit Zuckerguss versehenen „Make-out-Song“, der gerade genauso aus den Lautsprechern im Supermarkt dröhnen oder als Untermalung zur kitschigen Filmszene auf der Eislaufbahn im bunten Scheinwerferlicht laufen könnte – kurz bevor sich die beiden Hauptpersonen das erste Mal küssen. Ein deutlicher Schritt Richtung Power-Pop-Hit!

Es handelt sich hier nicht um eine Ausnahme-Single, sondern „Closer“ gibt den Ton für die Veränderung des einst gitarrenlastigen Indie-Rock-Sounds mit Hang zur Depression von Vorgängerplatten wie „The Con“ oder „Sainthood“ wieder. Wie konnten es die kanadischen Zwillinge Tegan und Sara Quin dazu kommen lassen? Nach 13 Jahren als selbständige Musikerinnen, einer großen und treuen Fanbase – besonders unter queeren und lesbischen Teenagern – und sechs vorherigen Alben? Lady Gaga oder Britney Spears habe ich als die künstlichen und erfolgsverwöhnten Popfiguren kennengelernt, die sie heute sind – und freue mich immer noch, wenn ich „Pokerface“ oder „Toxic“ höre. Aber Tegan and Sara hielten bisher klar einen angenehmen Abstand zum Formatradiosound.  

Ich begab mich auf die Suche nach Antworten. Und fand sie stolz ausbuchstabiert in der Presseinfo: „Ich habe mich immer wieder gefragt: Passen diese Songs in eine riesige Arena? Können sie auf den iPods der Teenager im Schulbus laufen?“, so Tegan Quin. Und im großen Spin-Artikel zum neuen Album steht, dass „Heartthrob“ sich gegen das Image der in Selbsthass und Selbstironie erfüllten Mitzwanzigerinnen wendet. Die Quin-Schwestern wüssten mit ihren nun schon 32-Jahren ziemlich genau, wie erfolgreich, talentiert und selbstbewusst sie seien. Statt gefeiertem Loosertum jetzt also mit Empowerment, Stolz und Selbstbewusstsein Richtung Charterfolg.

Und auch wenn es mich etwas Überwindung kostet, diese Entscheidung zu akzeptieren, und ich erst nach dem dritten Hören der Platte mitsinge, bedeutet ein größerer Erfolg auch für mehr Fans tolle Vorbilder. Ihre Starrolle zum Anfassen füllen die Quins dabei sehr kompetent aus. Es finden sich während den Autofahrten zum Aufnahmestudio gedrehte Videos, grandiose Anekdoten, die die beiden Schwestern in eingeübter Stand-up-Comedy-Manier bei Konzerten erzählen oder ausführliche Erklärungen zu den Inhalten ihrer Songs.

It's all about Love

Dabei spielt der Fakt, dass die beiden schon seit Beginn ihrer Karriere offen lesbisch sind, keine unwichtige Rolle – und, dass sie sich politisch für die Rechte von LGBT-Personen einsetzen. Der Titel des Albums „Heartthrob“, was so viel bedeutet wie Schwarm, passt also auch wunderbar für sie selbst. Und das nehmen sie ernst. Weil es ihrer Meinung nach  noch viel zu wenige öffentliche Bezugspersonen für queere Jugendliche gebe und Leute wie Ani DiFranco oder Kathleen Hanna auch in ihrer Jugend wichtig waren.

Zusammen mit ihren liebeszentrierten Texten rund um Trennungsschmerz und Träumereien entstehen daraus andere Bilder im Kopf als gewohnt. Etwa, wenn es im tollen „Now I’m All Messed Up“ heißt: „Now I'm all messed up sick inside wondering where / Where you're leaving your makeup“. Sara sich also fragt, bei welcher anderen Frau ihre Ex-Flamme Make-up-Spuren auf der Bettdecke hinterlässt. Oder wenn sich im Video zu „Closer“ auch gleichgeschlechtliche Paare fröhlich Farbe ins Gesicht malen. Dieses Gegengewicht zur Dominanz heterosexueller Klischees, besonders was das in der Popkultur omnipräsente Thema der Liebe betrifft, sollte von so vielen Teenagern wie möglich gehört werden. Deswegen: Ab auf die Eislaufbahn mit Tegan and Sara.

Tegan and Sara
"Heartthrob"
Warner Bros. Records
VÖ: 8.02.
Album auf soundcloud.com

 

16:43 30.01.2013
Geschrieben von

liz weidinger

freie journalistin und girlmonster
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liz weidinger

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