Streik am internationalen Frauenkampftag 2019

Interview mit Linda vom feministischen Streikbündnis Hamburg
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Unter diesem Motto ruft ihr als Teil eines bundesweiten Bündnisses zum internationalen Frauentag am 8. März zu einem Streik auf. In wie vielen Städten wird es einen Streik geben?

Mittlerweile gibt es mehr als 30 Ortsgruppen in allen Teilen Deutschlands.

Wie groß ist das Bündnis? Aus wie vielen Organisationen besteht es insgesamt?

Da wir eine Bewegung und kein festes Bündnis sind, ist es schwer zu sagen, wie viele Organisationen bei uns aktiv und im Hintergrund mitarbeiten. Aber mehr als 60 Organisationen unterstützen uns mittlerweile oder helfen aktiv bei den Vorbereitungen mit.

Was ist in Hamburg geplant? Was ist Euer Ziel?

Wir wollen uns den gesamten Tag gemeinsam laut und sichtbar machen. Angefangen vom mitternächtlichen Einläuten des 8. März mit Töpfen und Kochlöffeln, hin zum gemeinsamen Frühstück und stimmungsvoller Anreise zur Kundgebung über die Demo am Nachmittag und dann abends das Abschlusskonzert. Wir wollen den gesamten Tag zeigen, wie viele wir sind

Was können Frauen generell tun, um die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit im Alltag zu beenden?

Wir müssen endlich selbst unsere sämtlichen Leistungen von Hausarbeit bis Kindererziehung anerkennen und ganz klar sagen: “Das ist alles Arbeit!” Warum lassen wir uns einreden, dass es keine entlohnenswerte Arbeit sei, die wir für die Gesellschaft leisten? Wir tragen einen riesigen Anteil am Funktionieren unserer Gesellschaft, weswegen es auch so verheerend wäre, wenn wirklich alle von uns sämtliche Arbeiten niederlegen.

Welche Rolle spielen Männer dabei?

Männer müssen ihre Rolle in dem System überdenken und unsere Verbündeten werden, denn für sie ist auch nicht alles rosig. Dafür reicht es aber nicht einmal im Jahr am 8. März mit der Partnerin auf die Straße zu gehen. Reflektiert euch und eure Beziehungen in der Liebe, Schule, Arbeit, Familie und seid dabei ehrlich. Ist es selbstverständlich für euch, dass eure Partnerin, Kollegin oder Mutter sich um Kaffee kochen, Abwasch oder um die emotionalen Probleme anderer kümmert? Dann solltet ihr nochmal die Schulbank in Sachen Feminismus drücken.

Ihr schreibt in Eurem bundesweiten Aufruf, dass ihr “viele unterschiedliche Frauen und Queers aus verschiedenen Kontexten seid” und teilweise “erst vor kurzem in Deutschland angekommen” seid. Sind Themen von Frauen aus und in anderen Ländern auch Themen für Euch?

Wir können nicht behaupten unser Feminismus sei intersektional, wenn wir nicht die realen Probleme von Asylsuchenden oder Migrant*innen im Blick haben und sie genauso einen festen Platz in unserer Bewegung haben. Die feministischen Errungenschaften arbeitender Frauen und Mütter waren größtenteils nur möglich, weil Migrant*innen jetzt all die Jobs übernehmen auf die wir keinen Bock haben. Im Jobcenter ist es egal welche Qualifikationen eine geflüchtete Iranerin hat, alles was sie momentan an Angeboten bekommt, sind schlechtbezahlte Jobs in der Pflege oder als Reiningungskraft. Deswegen ist es unsere Pflicht diese Probleme genauso ernst zu nehmen und gemeinsam für ein besseres System zu kämpfen.

Ihr schreibt, dass ihr “nicht länger hinnehmen werden, dass Frauen und Queers* sexuelle Übergriffe erleiden oder ermordet werden” und dass ihr klar machen“ wollt, dass Gewalt nicht erst bei Schlägen anfängt, sondern bei verbalen Verletzungen, Bevormundungen jeglicher Art oder Isolierung von der Außenwelt.“ Wie wichtig sind Euch diese Punkte?

Wenn bei einem Feminizid in der Öffentlichkeit wieder von Beziehungs- oder Familiendramen gesprochen wird, dann werden diese Taten aus Hass zu etwas privaten stilisiert und die Macht- und Gewaltverhältnisse kaschiert. 2017 wurden in Deutschland 364 Frauen von ihren Partnern ermordet, das ist fast ein Mord pro Tag! Und in der Statistik werden nicht einmal die Opfer gezählt, die durch Brandanschläge, infolge von schweren Körperverletzungen oder durch sogenannte erweiterte Suizide sterben. Fast jede registrierte Tat im Bereich Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung richtet sich gegen weibliche Personen. Also ja, dieses Thema ist uns sehr wichtig, denn jede* von uns hat auf die ein oder andere Art bereits Gewalt erlebt und es macht uns wütend.

Gerade lief ein von Ver.di und der GEW organisierter Warstreik, mit dem für mehr Lohn der Tarifbeschäftigten der Länder gekämpft wurde. Arbeitet ihr mit den Gewerkschaften zusammen? Wenn nicht, warum?

Viele von uns sind selbst Gewerkschaftsmitglieder, aber weil es in Deutschland kein politisches Streikrecht gibt, ist es für die Gewerkschaften eine Hürde flächendeckend zu Streiks aufzurufen. Jedoch sprechen wir viele Probleme an, die gesamtgesellschaftlich wichtig sind: prekäre Arbeitssituationen, fehlende Bezahlung von Haus- und Erziehungsarbeit und drohende Altersarmut. Eine unsere Hauptforderungen ist daher auch, dass Deutschland endlich ein politisches Streikrecht einführen muss, denn tarifliche Streiks können nur wenige in Anspruch nehmen.

Viele Frauen leben in äußerst prekären Verhältnissen, arbeiten beispielsweise ohne Papiere und können nicht streiken. Plant ihr Aktionen zu deren Unterstützung?

Bei uns sind Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus aktiv, die ihre eigenen Ideen zu Aktionen haben, die wir im Vorhinein oder am 8. März selbst unterstützen.

Für alle, die ihre Arbeit nicht niederlegen können, haben wir außerdem bundesweit beschlossen, dass Lila die Farbe der Solidarität ist, damit jede Person sich beteiligen kann.

Euer Aufruf richtet sich an FLTIQ. Cis-Männer wurden von der Vorbereitung ausgeschlossen. Warum?

Sie sind nicht im Vordergrund aktiv, aber sehr wohl bei den Vorbereitungen im Hintergrund, indem sie uns bei reproduktiven Arbeiten wie der Kinderbetreuung und der Verpflegung unterstützen.

Auch für Kinderbetreuung wollt ihr sorgen. Wer wird dafür verantwortlich sein, wenn die Frauen ihre Care-Arbeit niederlegen? Wie organisiert ihr das?

Wir haben die Kinderbetreuung über cis-Männer vom Hamburger Landesverband der Falken e.V. organisiert. Die Falken haben als Kinder- und Jugendorganisation extrem viel Erfahrung und stellen auch Teile ihres Spielemobils zur Verfügung, sodass die Mütter mit einem guten Gewissen ihre Kinder vor Ort in die Betreuung geben können um zu streiken.

Das Motto des Streikes habt ihr dem Frauenstreik 2018 in Spanien entliehen. Dort waren 5,3 Millionen Menschen auf der Straße. Mit wie viel Teilnehmer*innen rechnet ihr dieses Jahr in Deutschland?

In Spanien arbeitet die Bewegung mittlerweile seit mehreren Jahren und von Jahr zu Jahr haben sich mehr Menschen beteiligt. Hier in Deutschland stehen wir noch am Anfang unserer Bewegung und können schwer abschätzen, wie viele Menschen ihre (un-)bezahlte Arbeit am 8. März niederlegen werden. Aber selbst, wenn es im ersten Jahr 5.000 Streikende werden, ist es ein Erfolg in Anbetracht der Tatsache, dass es zum einen kein politisches Streikrecht gibt und zum anderen haben viele Ortsgruppen erst vor wenigen Wochen mit ihrer Arbeit angefangen.

Wie läuft Eure Mobilisierung für den Streik? Im Internet habe ich bisher nur ein Facebook-event gefunden? Manche Leute sind dort immer noch nicht Mitglied. Wie wollt ihr die erreichen?

Nichts geht über Laufarbeit und das persönliche Gespräch.Wir haben in den letzten Wochen auf verschiedenen Veranstaltungen über unsere Pläne berichtet und waren auch in einigen Stadtteilen unterwegs und sind in die Geschäfte gegangen. Zum nächsten Jahr werden wir die Mobilisierung noch breiter aufstellen, aber wir haben schon jetzt viel Erfahrung gewonnen.

Informationen des Bündnisses zum bundesweiten Frauen-Streik am 8.3.2019: https://frauenstreik.org

Informationen zum Thema häusliche Gewalt:

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/haeusliche-gewalt/80642

00:38 08.03.2019
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Geschrieben von

L.L.

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L.L.

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