Palästina: Das Leben in Haft

Hinter die Kulissen Zwei Monate lang hatte ich die Gelegenheit, in einer palästinensischen Nichtregierungsorganisation einzutauchen
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In zwei Monaten habe ich fünf Verhaftungen von Kolleg-innen, fünf Verhaftungen derer Verwandten, einen schweren Fall von Folter sowie Diffamierungskampagnen erlebt. Alles ohne Beweise, Anklagen oder Urteile. Eine eklatante Verletzung des Völkerrechts, und das ist nichts Ungewöhnliches.


Ich habe meinen Kollegen Ahmed besser kennengelernt, als er und seine Frau auf einen Kaffee bei mir zu Besuch kamen. Sie kamen eines Abends, nachdem ein Nachbar in meine Wohnung eingedrungen war, weil er zu neugierig auf die Anwesenheit einer Europäerin in der Nachbarschaft war. Sie waren meine Rettung. Sie hatten es richtig geahnt und brachten Kaffee mit, ich hatte nur Nescafé anzubieten. An diesem Abend haben mir ihre elterliche Präsenz und das Heißgetränk sehr gut getan. Ist das der Grund aus dem ich finde, dass Ahmed meinem Vater ähnlich aussieht? Sie haben die gleichen grauen Augen, das gleiche Alter, um die sechzig Jahre alt, die gleiche Statur, und die gleiche Sanftheit geht von ihrem Wesen aus. Ahmed und seine Frau Amenah unterhalten sich gerne. Sie lernten sich in der Uni kennen, eine Liebesehe. Sie ist Lehrerin. Amenah raucht Kette und kaputte, aber lackierte Fingernägel. Sie fürchtet eine neue Verhaftung, Ahmed hat bereits 16 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht, 16 Jahre verteilt auf acht Aufenthalte in Verwaltungshaft. Ich schlucke und frage noch einmal, ob ich richtig verstanden habe. Ja, 16 Jahre. Ohne Anklage oder Urteil. Amenah zog ihre beiden Söhne alleine auf, sie arbeitete, um ihre Familie zu versorgen, ihr wurde der Kontakt zu ihrem Mann während all der Jahre vorenthalten, kein Telefon, nur ein Besuch pro Monat, sehr kompliziert zu bekommen. Sie verbrachte ihre schlaflosen Nächte mit dem Rauchen und machte sich Sorgen um das Schicksal ihres Mannes. Als er aus der Haft entlassen wurde nannten ihn die Kinder zunächst "amou-baba", Onkel-Papa. Sie hatten keine emotionale Bindung zu ihm, nur die Erinnerung an das Bild am Kühlschrank.

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Derzeit befinden sich etwa 5500 palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen, darunter 500 Verwaltungs-Häftlinge - eine Haft ohne Anklage oder Gerichtsverfahren, die alle sechs Monate auf unbestimmte Zeit verlängert werden kann-, 500 Jugendliche unter 17 und 40 Jahren Frauen. Häftlinge erhalten höchstens einen Besuch ihrer unmittelbaren Familie pro Monat, einige haben über mehr als fünf Jahren kein Besuchsrecht genossen, die Mehrheit hat keinen Zugang zum Telefon, eingeschränkten Zugang zu Büchern und Zeitungen und ebenso eingeschränkten Zugang zu einem Anwalt. In der Nachbarschaft verbrachte ein Mann 32 Jahre in Verwaltungshaft. Häftlinge werden regelmäßig gefoltert und kommen, wenn sie überleben, oft mit schwerem Trauma wieder heraus.

Mariam wurde zu einem Gespenst. Zu Beginn meines Aufenthaltes unterstützte mich diese kleine Frau um die gute fünfzig Jahre alt bei meiner Einrichtung. Sie warf einen kritischen und mütterlichen Blick auf meine leere Wohnung und suchte nach dem, was mir fehlte. Wir gingen zusammen einkaufen und nahmen Moskitolampe, Laken und Bettlampe mit. Seitdem wurde ihr Sohn von der israelischen Armee verhaftet. Es ist jetzt schon einen Monat her, ohne jegliche Nachricht. Sie verhafteten sogar kurz Mariam, um ihren Sohn unter Druck zu setzen und ein Geständnis zu bekommen, was eine immer beliebtere Methode des Drucks ist. Mariam ist physisch im Büro anwesend, aber ihr Herz ist anderswo. In der Mittagspause knabbert sie ohne Appetit ein bisschen was, während sie in die Leere schaut. Ich möchte sie in meine Arme nehmen, aber ich wage es nicht. Niemand redet mehr. Sie hat weiße Haare bekommen.


Und dann gibt es Ferass und Aida, die sich im Büro kennenlernten. Eine schöne Liebesgeschichte, sie ist Muslimin, er ist Christ. Ihre romantische Beziehung hat in ihren jeweiligen Familien für Unruhe gesorgt, aber wie die schönen Geschichten immer enden hat das Paar geheiratet und schöne Kinder bekommen. Ferass lächelt und ist im Büro immer gut gelaunt, obwohl er bereits mehrere Jahre Verwaltungshaft hinter sich hat. Wie Ahmed und viele andere ist er nicht verbittert. Diese Belastbarkeit und Charakterstärke beeindrucken mich und geben mir dabei eine großartige Lebenslehre. Im besetzten Palästina lief also alles relativ gut, bis Ferass und seine Frau erneut verhaftet wurden. Er war unterwegs ins Büro, als ein Auto anhielt und vier bewaffnete Männer ihn zwangen, einzusteigen. Die israelische Armee zerstörte ihre Wohnung auf der Suche nach wer weiß was. Mit Kolleg-innen verbringen wir den Tag damit, die Nachrichten zu verfolgen. Aida wurde etwas später freigelassen, aber Ferass nicht. Sie hält vor uns durch, aber die Wohnung steht auf dem Kopf, die Tür ist aufgebrochen, die Möbel sind zerstört, und es ist Zeit, die Kinder von der Schule abzuholen. Tage vergehen, wie immer ohne Nachrichten, dann kommen die Nachrichten zu uns, erschütternd. Ferass wurde gefoltert und in einem kritischen Zustand ins Krankenhaus gebracht. Er schwebt in Lebensgefahr. Das ganze Büro ist unter Schock. Wir weinen, wir suchen nach Informationen, wir würden gerne reden, aber wir haben keine Worte. Aida, die starke Frau, die mich mal zum Arzt brachte als ich krank war, ist jetzt ein Schatten ihrer selbst.

Folter, obwohl sie nach internationalem Recht absolut verboten ist, wird in israelischen Gefängnissen häufig angewendet. Ohne greifbare Beweise wenden die Behörden bei Verhören extreme Gewalt und psychologischen Druck an, einschließlich der Drohung, Kindern zu schaden und Mütter und Ehefrauen zu vergewaltigen, um erzwungene Geständnisse zu erhalten, die für einen Scheinprozess ausreichen.


Meine Kolleg-innen sind wie gelähmt. Unsere Büros sind leer. Die Diffamierungskampagnen sind wieder in vollem Gange. Die ausgefallensten schreiben die Geschichte um und erläutern, wie das Westjordanland, eine israelische Provinz, illegal von Palästinensern kolonisiert wird. Andere erfinden Verbindungen zu terroristischen Organisationen und fordern die Europäische Union auf, die Finanzierung einzustellen. Dies ist die am weitesten verbreitete Strategie.

Ahmed und Amenah hatten geplant, mich zu einem palästinensischen Musikfestival mitzunehmen, aber Ahmed wurde inzwischen wieder verhaftet. Zum neunten Mal. Der Jahreszähler läuft wieder. Eine Kollegin sagt zu mir: „Weißt du, es ist hart, er ist nicht mehr der jüngste“. Traurigkeit überwältigt mich.

Bild: Ein Checkpoint in der Stadt Hebron, Lisbeth Müller
11:49 10.10.2019
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