Carsten Klotz von Hoff
22.09.2012 | 23:08 3

Autismus, Impfungen und fünf fehlende Affen

Impfungen Masern-Mumps-Röteln-Impfungen werden von Impfgegnern unter anderem für Autismus verantwortlich gemacht. Was ist da eigentlich dran ?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Carsten Klotz von Hoff

Wenn man durch das Internet fliegt, begegnen einem die seltsamsten Geschichten. Gestern stieß ich auf einen Artikel auf der Seite des Kopp-Verlages, in dem eine Studie zitiert wird, die zeigte, daß Affen, die mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung geimpft wurden, Autismus entwickeln. Da der Kopp-Verlag nun die aktuelle Journaille oft zu Recht kritisiert, aber bei seinen eigenen Artikeln teilweise unglaublich schlampige Recherchen durchgehen läßt, muß man da dann doch einmal genauer hinschauen. Ein Generalverdacht ob der teils unethischen Praktiken der Pharmaindustrie reicht da nicht.

Die MMR-Impfung im Kreuzfeuer

In der Vergangenheit gab es oft unsichere Impfstoffe. Man schaue sich nur die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung an, die teilweise die Krankheit erst auslöste. Deshalb wurde 1998 flächendeckend ein Impfstoff mit toten Viren eingeführt, der nicht mehr gefährlich ist. Ebenso gab es bei Masern früher solche Probleme. Dort wurde es mit einer Veränderung des Erregers gelöst. Der aktuelle Impfstoff kann zwar noch einen schwachen Ausbruch der Krankheit auslösen, die aber nicht mehr ansteckend ist. Lediglich eine erhöhte Arthritis-Gefahr besteht bei Impfungen im höheren Alter. Allerdings wird auch in jüngerer Zeit ein Ausbruch von Polio und eine Ansteckung durch Impfmasern behauptet. Nach intensiver Recherche konnte ich aber keinen Verweis auf eine entsprechende Studie finden. Es wird meistens entweder nur postuliert oder auf andere Studien verwiesen, in denen entweder auch nur postuliert oder verwiesen wird. Es scheint sich hier also um eine klassische Falschmeldung wie beim Streitfall Apple gegen Bruce Willis zu handeln, bei dem nur einer vom anderen abgeschrieben hat, ohne die Echtheit zu prüfen.

Ein weiterer Vorwurf an die MMR-Impfung ist, daß sie Allergien auslösen soll. Die konnte allerdings durch vielfache Studien, z.B. hier, hier und hier, ausgeschlossen werden. Beispielsweise lag die Rate der Allergien in der impfpflichtigen DDR unter der in der BRD, wo Impfungen fakultativ waren. Insgesamt kommt die Cochrane Library, die auch bei Impfgegnern als unabhängig und vertrauenswürdig gilt, zu dem Ergebnis, daß es derzeit (Feb. 2012) keinen Beweis für die Schädlichkeit der MMR-Impfung gibt.

Autismus

Seit Anfang der 90er Jahre wird ein Anstieg der Fälle für Autismus registriert. In den USA stiegen die Fälle innerhalb der 90er Jahre auf das vierfache an, bis 2003 sogar auf das achtfache (Quelle: www.cdc.gov). Diese Steigerung wurde zuerst auf Umweltgifte und Zusatzstoffe bei Impfungen zurückgeführt. Allerdings spielen hier noch einige andere Faktoren eine Rolle. Zum einen wurde das Thema Autismus in den 90er Jahren erst populär, so daß Eltern jetzt besser bzw. überhaupt erst auf entsprechende Auffälligkeiten achteten. Dasselbe gilt natürlich auch für Kindergärten und Schulen. Viele leichtere Fälle werden dadurch jetzt erst entdeckt. Außerdem ist die Definition von Autismus verbreitert worden. Viele Kinder wären früher gar nicht als autistisch klassifiziert worden. Auch gibt es jetzt mittels Diagnostik bessere Erkennungsmöglichkeiten. Früher wurde Autismus oft mit Schizophrenie oder ADS verwechselt, was heutzutage seltener vorkommt. Das alles führt zu dem Fakt, daß es derzeit als nicht gesichert werden kann, ob sich die Zahlen denn überhaupt geändert haben oder ob es an diesen neuen Faktoren liegt. Das zeigt natürlich nicht, daß es keine Verbindung zwischen Autismus und Impfungen gibt, aber es läßt starke Zweifel an Studien aufkommen, die von einem absoluten Anstieg der Autismusfälle ausgehen.

Der Fall Wakefield

Die Wakefield-Studie ist zweier Sachen wegen interessant. Zum einen ist es die erste anerkannte Studie zum Thema Autismus und MMR-Impfung, und zum zweiten sind es die Wendungen, die sie so besonders machen. 1998 hat Andrew Wakefield mit dreizehn Co-Autoren im überaus renommierten britischen Fachblatt The Lancet eine Studie veröffentlicht, in der er anhand von zwölf autistischen Kindern eine Verbindung zwischen der MMR-Impfung und Autismus untersuchte. Im Ergebnis fanden sich Indizien, die eine Verbindung stützen. Konkrete Beweise für eine Verbindung konnten allerdings nicht gefunden werden. Daher empfahl Wakefield, weitere Studien und in der Zwischenzeit die Kombinationsimpfung durch Einzelimpfungen zu ersetzen.

Interessant ist an dieser Stelle, daß bereits im Vorfeld durch entsprechende Pressemitteilungen gewarnt wurde, daß entsprechende offizielle Stellen die Bedeutung der Studie herunterspielen würden, wie diese es dann auch taten. Ähnliches wurde auch bei BSE und bei der Schweinegrippe versucht, wobei hier der Unterschied ist, daß bei BSE andere Lobbygruppen dahinterstanden und sich die Warnungen vor der offiziellen Aussage bei der Schweinegrippe im Nachhinein als richtig erwiesen. Bei der Wakefield-Studie allerdings konnten statistische Untersuchungen allerdings die Ergebnisse in keinster Weise stützen, wie damals auch Befürworter des MMR-Impfstoffes anmerkten. Da allerdings die Indizien von Wakefield im Raum standen bestand such kein Zweifel, daß es weitere Studien geben mußte.

2004 kam dann noch einmal ordentlich Schwung in die Sache. Die Sunday Times brachte einen Artikel, in dem enthüllt wurde, daß Wakefield 55.000 Pfund an Drittmitteln für die Studie bekam, die er von Anwälten erhielt, die eine Verbindung zwischen der MMR-Impfung und Autismus suchten. Hintergrund war, daß die Anwälte im Auftrag von Eltern autistischer Kinder gerichtliche Prozesse gegen die Hersteller des MMR-Impfmittels anstrebten. Interessanterweise waren einige dieser Eltern auch die Eltern von Kindern, die in der Studie untersucht wurden. Da sowohl The Lancet als auch die Co-Autoren nichts von diesem Geld wußten, wurde Wakefield heftig kritisiert. Zehn der dreizehn Co-Autoren distanzierten sich öffentlich von der Studie und The Lancet erklärte, daß die Studie nicht hätte veröffentlicht werden dürfen.

Aber das ist noch nicht alles. Weitere Nachforschungen ergaben, daß Wakefield seit 1997 die Patente für ein Konkurrenzprodukt zur herkömmlichen MMR-Impfung hält und sein sein eigenes Labor Forschungsergebnisse besaß, aber nicht veröffentlichte, die Wakefields Thesen wiederlegen. Dazu kommt, daß die oben genannten Anwälte nicht nur 55.000 Pfund, sondern 3,5 Millionen Pfund an Wakefield, einige Co-Autoren, einen von Tha Lancet beauftragten Gutachter und weitere Protagonisten überwiesen hatten. Wakefield allein bekam 500.000 Pfund, die er teilweise schon zwei Jahre vor der Veröffentlichung der Studie erhielt. Im Februar 2010 zog The Lancet die Veröffentlichung schießlich zurück und strich den Artikel aus der Liste der Veröffentlichungen. Im Mai 2010 erhielt Wakefield wegen Unehrlichkeit, Verantwortungslosigkeit und mangelndem Handwerk Berufsverbot und 2011 wurden Fakten präsentiert, daß Wakefield die Ergebnisse vorsätzlich gefälscht hatte.

Es ist als unstrittig, daß die Studie von Wakefield nicht das Papier wert ist, auf dem sie geschrieben ist. Auch die anderen Studien, die auf die Wakefield-Studie aufbauen sind somit teilweise wertlos. Trotzdem werden die Ergebnisse in Papageien-Manier auch heute noch vorbehaltlos und offensichtlich unreflektiert nachgeplappert. Das kann man sehen wie mal will, aber selbst wenn es nur fahrlässig ist, sind das grobe wissenschaftliche Fehler. Sollte es sogar mit Absicht geschehen, kann man sich wohl sicherlich schon fragen, ob das dann strafrechtlich relevant ist oder nicht. Was ebenfalls nicht besonders wissenschaftlich ist, sind die Ausweitungen der angeblichen Behauptungen der Wakefield-Studie nach dem Stille-Post-Prinzip. So wurden aus Indizien dann Beweise, und aus der MMR-Kombi-Impfung wurden dann alle Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln und schließlich allgemein gegen alle Impfungen. Wer also behauptet, die Wakefield-Studie zeige, daß Impungen zu Autismus führen, kann ruhigen Gewissens als Kurpfuscher oder Scharlatan bezeichnet werden.

Zum Schluß wird es affig

Nun war natürlich die Wakefield-Studie nicht das Ende der Fahnenstange. Schließlich haben Horden von Wunderheilern, Kräuterschamanen und sonstigen Impfgegnern ihr Geschäftsmodell auf der Studie aufgebaut. Übrigens nennen sich viele Impfgegner fälschlicherweise impfkritisch, was aber nicht stimmt, da sie alles sind, nur nicht kritisch. Zur Kritik gehört auch die Selbstkritik und die habe ich bisher nur im Zusammenhang mit homöopathischen Impfungen gefunden. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist aber DIE entscheidende Eigenschaft, die einen wissenschaftlichen Text von Prosa unterscheidet. Wenn nun jetzt die Fakten des Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus doch nicht stimmen, gehen ja nun die Einnahmen flöten, weil keiner mehr impfkritische Bücher kauft und auch keiner mehr mehr wegen weggeimpften Krankheiten zur alternativmedizinischen Behandlung kommt. Wobei ich grade letzteres nicht verstehe, da es genügend Indikationen für Alternativmedizin gibt, so daß man nicht noch künstlich nebenbei der Schulmedizin Konkurrenz machen muß. Aber das nur nebenbei als persönliche Anmerkung. Jedenfalls muß man als ordentlicher Verfechter der Lehren von Wakefield nachlegen.

Der oben genannte Artikel des Kopp-Verlages referenziert einen Artikel von Laura Hewitson, Forschungsdirektorin der Johnson Centers ins Austin, Texas, welches damals noch Thoughtful House Center hieß. Was ist also dran an der Geschichte ? Dazu gibt es weitere Artikel, die die Arbeit von Hewitson dementsprechend analysieren. Da fallen sehr schnell Ungereimtheiten auf. Viele sind sehr wissenschaftlich und ein nicht geringer Teil ist ohne fachliche Vorbildung auch nur Kauderwelsch. Aber einige Fakten sind doch für den medizinischen Laien schnell durchschaubar. Das ganze Setup besteht darin, daß man 16 Affen benutzt. Davon bekommen 12 die MMR-Impfung und 4 als Kontrollgruppe Kochsalz-Injektionen. Später wurden die Affen einem MRT unterzogen. Ich habe jetzt zwar nicht verstanden, warum die zwei Gruppen unterschiedlich groß sind, aber vielleicht wurden die 12 Affen der Testgruppe gebraucht, um statistische Unsicherheiten bei den Messungen auszugleichen, was bei der Kontrollgruppe nicht nötig war. Aber da sind wir schon beim Punkt, 16 Versuchsobjekte sind sehr wenig, besonders die vier Tiere in der Kontrollgruppe sind zu wenig. Nun kann man nicht hunderte Affen für medizinische Zwecke mißbrauchen, aber man sollte sich der Sache bewußt sein, daß die Ergebnisse nur eingeschränkt aussagekräftig sind.

Jeder kennt das vom Würfeln. Manchmal hat man Glück und manchmal nicht. Erst nach längeren Runden kommt man auf die statistische Wahrscheinlichkeit von eins zu sechs für das Würfeln einer sechs. Bei medizinischen Experimenten sind die Ergebnisse oft gar nicht am Einzelfall erkennbar, oft geht es auch um Veränderungen einer gemessenen Größe im Promill-Bereich oder kleiner. Deshalb werden große Mengen an Testdaten bevorzugt und Einzelfällen wird keine Relevanz zugesprochen. Schließlich würde ja auch niemand auf die Idee kommen, nach einem Würfelwurf zu sagen, daß jemand nur Sechsen würfeln kann. Bei der oben genannten Anordnung von 12 zu 4 Tieren kann man durchaus davon ausgehen, daß das Experiment schon irgendwann die Ergebnisse zeigt, die man möchte, wenn man es oft genug wiederholt, selbst wenn die Ergebnisse nicht den Tatsachen entsprechen.

Aber der größte Kritikpunkt kommt noch. Die Affen wurden ja einem MRT unterzogen. Dazu wurden neun Affen der Testgruppe untersucht, bei denen eine Verkleinerung des Gehirns festgestellt wurde. Bei den zwei untersuchten Affen der Kontrollgruppe war das nicht der Fall. Doch da wird man stutzig. Es waren doch insgesamt 16 Affen im Experiment, warum werden jetzt nur 11 untersucht ? Paßten die anderen fünf etwa nicht ins Bild ? Wären nämlich drei Testaffen ohne, die zwei fehlenden Kontrollaffen aber mit einer Schrumpfung gewesen, so wäre die ganze Studie sinnlos. Angenommen die These würde nicht gelten und die Schrumpfung hätte einen anderen Grund, so wären fünf Affen ohne und neun mit Schrumpfung, egal in welcher Gruppe sie sind. Es wäre also durch den zufälligen Auswahlakt bestimmt, welche Tiere in die Kontrollgruppe kommen und welche nicht. Somit ist mein Ergebnis auch nur Zufall. Hätten beide Gruppen je acht Affen, so hätte ich in keiner Gruppe weniger als drei Affen mir einer Hirnschrumpfung. Es liegt also sehr nahe, daß die fehlenden fünf Affen unerwünschte Ergebnisse zeigten und deshalb nicht untersucht wurden.

Das Papier hat also gravierende fachliche Mängel, Mängel, die in keiner Arbeit im Studium toleriert werden würden. Deshalb fand sich auch keine renommierte Institution, die den Artikel veröffentlichen wollte. Erst nach einer ganzen Weile wurde es veröffentlicht. Allerdings muß man sagen, daß dieses pseudowissenschaftliche Vorgehen typisch für das Johnson Center ist, in dem Hewitson arbeitet. Ihre Mitstreiger Krigsman und Jepson durften auch schon einmal wegen Falschinformationen Strafe zahlen. Auch einer der Gründer kommt einem Bekannt vor, es ist Andrew Wakefield. Es ist wirklich erstaunlich, was in den USA so alles unter dem Deckmantel der Wissenschaft arbeiten darf. Und es ist auch völlig schleierhaft, wie ein deutscher Verlag zwei Jahre, nachdem das Papier zerrissen wurde, die Fakten als unschlagbare Neuigkeit verkaufen kann. Das ist aber typisch für große Teile des deutschen populärwissenschaftlichen Journalismus.

Und nun ?

Kann man nun sagen, daß die MMR-Impfung und Autismus keine Verbindung haben? Das ist eine gute Frage, vielleicht wurde bisher nur in die falsche Richtung gedacht. Aber insgesamt kann man der Einschätzung der unabhängigen Cochrane Library folgen und davon ausgehen, daß die Dreifachimpfungen sicher sind. Derzeit sprechen statistische Auswertungen dafür, und es konnte noch nicht stichhaltig gegenargumentiert werden. Das läßt zwar noch Hintertürchen offen, aber die Wahrscheinlichkeit, daß da noch etwas kommt ist recht gering. Auf alle Fälle kann man aber sagen, wenn euch jemand erzählen will, die MMR-Impfung oder gar Impfungen im Allgemeinen wären für Autismus verantwortlich und dieser jemand dann noch Hewitson oder gar Wakefield zitiert, dann geht einfach. Ihr seid dann an einen Scharlatan geraten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

aniwa 21.01.2013 | 17:57

Es ist erstaunlich, dass im ganzen Artikel nicht einmal der Begriff Quecksilbervergiftung auftaucht. Es ist seit sehr langer Zeit bekannt, dass eine Quecksilbervergiftung bzw. eine Schwermetallvergiftung ähnliche Symptome hervorruft, wie sie bei autistischen Menschen auftreten. Dass die Mehrfachimpfstoffe mit quecksilberhaltigen Mitteln konserviert sind, ist auch bekannt. Die meisten Ärzte diagnostizieren bei diesen Kindern auch meistens eine leichte Form von Autismus und sind sehr lange Zeit unentschlossen welche Diagnose schlussendlich richtig ist. In meinem Umfeld ist auch ein Kind mit leichtem Autismus diagnostiziert worden. Nun haben die Eltern einen Gentest machen lassen und das Kind hat genetisch gesehen keine erblichen Veranlagungen zu dieser Krankheit. Es hat dafür aber eine ordentliche Quecksilbervergiftung. Es ist immer einfach alles zu wiederlegen und zu behaupten es wären nicht die Impfungen. So ein Artikel macht es betroffenen Eltern sicher nicht leichter, für ihr Kind die richtige Therapie zu finden.

merdeister 19.05.2013 | 21:05

Kennst Du den Unterschied zwischen Methylquecksilber und Ethylquecksilber und weißt, warum er relevant ist?

Hast Du schon mal die Symptome einer Vergiftung mit Quecksilber und die von Autismus nachgelesen?

Was war das für eine Arzt der einen "leichten" Autismus (was ist das überhaupt) diagnostiziert hat und wie hat er das gemacht?

Was wurde bei dem Gentest untersucht?

Es ist einfach den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus zu widerlegen, weil es keinen gibt.