Manipulation 2.0 – Meinungsmache via Facebook

Das Internet Vielerorts wird der soziale Netzwerker für die unterschiedlichsten Zwecke eingespannt. Nur dummerweise weiß er das nicht.
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Seit dem soziale Netzwerke immer beliebter werden, kann man auch einen ganz neuen Trend beobachten. Eine nicht geringe Zahl der User von Facebook, Twitter & Co. lassen sich als Verbreiter von Informationen und Meinungen. Das ist an sich kein Problem, würde es nicht oftmals unreflektiert geschehen. Dadurch scheint sich die Informationsfreiheit im Netz in ihr Gegenteil zu verkehren.

Stark vereinfacht kann man sagen, daß soziale Netzwerke die Reichweite der BILD mit Stammtischdynamik kombinieren. Daß das zu einem positiven Ergebnis führen kann haben die Revolutionen der letzten Jahre gezeigt. In vielen Ländern hätte es ohne Facebook keine politischen Umstürze gegeben. Aber es zeigt sich, daß sich diese Dynamiken auch unkontrollierbar in andere Richtungen bewegen. Es ist gar nicht so lange her, da wollte ein wütender Mob einen mutmaßlichen Kindermörder lynchen. Kurz darauf stellte sich dann aber heraus, daß der aber gar nichts damit zu tun hatte. Daß damit unter Umständen ein Leben nachhaltig zerstört wurde, darüber machen sich die wenigsten Gedanken, denn der nächste Aufreger ist gleich um die Ecke.

Daß die Netzgemeinde oft nur für den Moment lebt und denkt zeigt sich an der Fußball-EM. Erinnert sich noch jemand an die Meldungen über die Massenverbrennungen von Hunden in der Ukraine ? Was ist doch für ein Sturm losgebrochen. Der war allerdings auch schnell wieder verebbt. Die meisten haben gar nicht mehr mitbekommen, daß etliche Medien dabei unsauber arbeiteten und einfach Bilder nahmen, die schon einige Jahre alt waren und in Südamerika aufgenommen wurden. Mittlerweile ist das aber alles kein Thema mehr, denn die EM steht an. Und getreu dem Politiker-Mantra “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern” sind die Hunde nun alle vergessen. Themen wie der Rauswurf von hunderten Studenten aus ihren Wohnheimen, um Platz für EM-Touristen zu schaffen, werden natürlich ignoriert. Das ist zwar auch ein Aufreger, aber das Thema könnte ja wirklich den Spaß an der EM gefährden und so ignoriert man es lieber. Wäre es nachträglich herausgekommen, dann wäre wohl wieder Polen offen gewesen.

Das eröffnet natürlich Möglichkeiten. Man kann es besonders gut an den einschlägigen rechtsextremen Parolen zu den Themen Todesstrafe, Homophobie und Lynchjustiz sehen. Diese Parolen verbreiten sich teilweise in einer Geschwindigkeit, die jede Vergeltungswaffe in den Schatten stellt. Hier sieht man auch recht deutlich, wie sich unbeteiligte und politisch moderat eingestellte Personen von der Rechtsextremen vor den Karren spannen lassen. Wenn man dann wiederspricht, bekommt man bei vernünftiger Argumentation auch schnell Zustimmung, daß Teeren und Federn vielleicht doch nicht mehr in die Zeit paßt. Aber schon eine halbe Stunde kommt der nächste Oberschlaue, der frei weg erzählt, was er mit Pädophilen machen würde. Wohlgemerkt mit Pädophilen, die diese Neigung haben, nicht mit straffällig gewordenen Tätern. Das zeigt einem dann deutlich die Oberflächlichkeit, mit der die Themen behandelt werden. Zu einem polemischen Thema schnell eine extreme Meinung abgeben und schnell weiter zum nächsten peinlichen Video, wo sich jemand über seinen übergewichtigen Mitschüler lustig macht.

Diese Oberflächlichkeit eröffnet natürlich auch einige Möglichkeiten der gezielten Beeinflussung. Man hat ja meist schon einen Kreis von Leuten um sich, die mit denselben Interessen ausgestattet sind. Wenn wir hier von professionellen Kampagnen zur Meinungsmanipulation sprechen, reden wir auch von Big Playern in den Sozialen Netzwerken. Allein durch die Verknüpfungen zweiten Grades, sprich einmaliges Teilen oder Retweeten, erreicht man schon fünfstellige Nutzerzahlen oder mehr. Das klingt zuerst viel, wenn man sich aber mal die Anzahl der Follower von einigen Trendsettern oder die Likes dieser ganzen Spamseiten mit pseudolustigen Namen auf Facebook anguckt, sieht man schnell daß die tatsächliche Reichweite bei einem halbwegs gut ausgebauten Netzwerk deutlich höher ist. Davon sind zwar wiederum nicht viele Empfänger im gewünschten Interessengebiet, was dann aber durch die gewünschten viralen Effekte abgefedert wird, so daß irgendwann alle regelmäßig aktiven sozialen Netzwerker die Message mitbekommen haben.

Jetzt ist natürlich die Frage, was für eine Message ich rüberbringen will. Wobei genaugenommen die rübergebrachte Message nicht das sein muß, was ich erreichen will. Wenn ich will, daß mein Babybrei gekauft wird, muß ich ihn bewerben. Das funktioniert aber viral relativ selten. Viel einfacher ist es, die Konkurrenz auszuschalten. Dazu gibt man bei einem Institut eine Studie in Auftrag, bei der eine Belastung des Konkurrenzbreies mit Irgendwas festgestellt wird. Daß die Grenzwerte von Irgendwas um das 10.000-fache höher waren und diese geringen Mengen kurz vorher noch gar nicht messbar waren und insgesamt die Mengen völlig unerheblich sind, interessiert dann nicht mehr. Der Skandal ist da und in diesem, auf einer wahren Begebenheit beruhendem, Fall war das Opfer gezwungen, die Babynahrung aus dem Sortiment zu nehmen.

Das Beispiel ist schon älter und funktionierte noch mit richtigen Zeitungen ohne online und so. Durch die Technologien des Web 2.0 eröffnen sich ganz andere Möglichkeiten, besonders für kleinere Interessengruppen ohne großes Budget. Man muß natürlich erst mal ein Gewand haben, um den eigentlichen Zweck zu verschleiern, gerade wenn man nur Sparteninteressen bedient. Es gibt zwei häufig benutzte Möglichkeiten, ein Zielpublikum manipulativ zu beeinflussen. Das wären einmal falsche oder frisierte Statistiken, die andere Möglichkeit ist die Tatsache, daß das menschliche Gehirn eine einfache, aber falsche Erklärung in der Regel einer komplexen, aber richtigen Erklärung vorzieht.

Fangen wir bei den Statistiken an. Dazu zeige ich erst mal an einfachen Beispielen, was so alles möglich ist. Fangen wir mit der Bild-Zeitung an. Da wurde kürzlich berichtet, daß 2011 über 900.000 Empfänger, das ist so etwa jeder Vierte, von ALG II mit Sanktionen belegt wurden, weil sie geschummelt und getrickst haben. Das ist falsch. Es gab 900.000 Sanktionen und nicht Sanktionierte. Diese Sanktionen ergingen aber nur an etwa 4% aller Empfänger, viele wurden mehrfach sanktioniert. Außerdem waren es zum überwiegenden Teil Sanktionen wegen verpasster Fristen und nicht wegen Betrug. Auch die Politik polemisiert gern mit Zahlen. So drückte Angela Merkel auf der G20 Konferenz 2010 durch, daß die Industrieländer bis 2013 ihre Neuverschuldung halbieren. Das ist nur scheinbar ein sportliches Ziel. Die Neuverschuldung betrug von 2003 rund 70 Mrd. Euro und sank kontinuierlich bis 2007 auf 7 Mrd. Euro, 2008 betrug sie 25 Mrd. Euro. Dann aber 2009 wurden es plötzlich knappe 120 Mrd. Euro. Das ist nach 1995 erst das zweite Mal, daß der Wert zweistellig wurde. 2010 lag der Wert dann bei unglaublichen 330 Mrd. Euro. So viel zum Thema Sparpolitik der derzeitigen Koalition. Es ist klar, daß man diesen Wert bis 2013 locker halbieren kann. Genauso läuft derzeit die Kampagne großer Eventveranstalter, die sich über die neuen Gema-Tarife aufregen. Unverständlicherweise lassen sich viele da einspannen für die es eigentlich billiger wird. Besitzer von kleinen und mittleren Clubs mit moderaten Eintrittspreisen werden davon definitiv profitieren, wie man bei der Gema relativ leicht selbst recherchieren kann. Trotzdem wirkt die Meinungsmache derjenigen, die bisher vom unfairen Gema-System auf Kosten der kleinen Clubs profitiert haben, sehr gut auf alle anderen. Die Gema ist böse, also ist man undifferenziert dagegen, weil irgendwer sagt, es wird teurer.

Noch ein etwas komplexeres, aber dennoch sehr interessantes Beispiel für falsch interpretierte Statistiken. Es ist zwar alt, aber es sorgen ja auch regelmäßig wiederentdeckte Uralt-Fakten für Stimmung, weil wieder mal wer nicht aufs Datum der Meldung geguckt hat. In den 70er Jahren wurde die Universität Berkeley wegen Diskriminierung verklagt. Während fast die Hälfte der männlichen Bewerber auf einen Platz für ein Gradierten-Studium zugelassen wurde, waren es bei den Frauen nur ein Drittel. Das ist natürlich ein klarer Fall von Diskriminierung, zumindest oberflächlich. Bei genauerem Hinsehen änderte sich das. Als das Gericht die Quoten der Fachbereiche untersuchte, stellte es fest daß die Frauen eigentlich leicht bevorteilt wurden. Der Knackpunkt war einfach, daß Frauen tendenziell die Studiengänge mit einer geringeren Zulassungsquote bevorzugten. Dadurch wurde die Gesamtquote im Vergleich zu den Männern gesenkt, die eher zu Studiengängen mit niedrigeren Hürden tendierten. Ähnliche Effekte werden auch bei Bilanzen genutzt. Ein neuer Abteilungsleiter eines Computervertriebes teilt seine Abteilung von neun Leuten in zwei Teams. Die vier besten (A, B, C, D) verkaufen zusammen 160 Computer pro Monat, die vier schlechtesten (F, G, H, I) 80 Computer, der noch fehlende (E) allein 30 Computer. Jetzt teilt der Abteilungsleiter die Teams in die schlechtesten vier in das erste Team (F, G, H, I) und den Rest in das andere Team (A, B, C, D, E). Somit haben die Teams einen Durchschnittsverkauf von 20 bzw. 38 Computer pro Monat. Im nächsten Monat verkaufen alle genauso viel wie vorher, werden die Teams verändert indem der mit den 30 Rechnern zum anderen Team wandert.. Damit steigt der Durchschnittsverkauf bei beiden Teams auf 40 Computer für das bessere Team (A, B, C, D) und 22 Computer auf das andere Team (E, F, G, H, I). Somit ist die Bilanz des Abteilungsleiters deutlich besser, obwohl kein einzelner Rechner verkauft wurde.

Kommen wir zum zweiten Bereich der Manipulation. Hierzu werden einfache Erklärungen für Probleme geliefert, die zwar falsch sind, aber deshalb eher geglaubt werden. Ein wundervolles Beispiel sind die privaten Rentenkassen, da haben wir gleich zwei Punkte. Zum einen ist da der demographische Wandel. Die Menschen werden immer älter und es gibt weniger Kinder. Also müssen immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren. Besser wäre eine Bevölkerungspyramide. Da sind zwei Denkfehler drin. Zum einen bedeutet eine Bevölkerungspyramide immer eine hohe Kindersterblichkeit und darauf hat dann wohl doch keiner Lust. Der zweite Fehler ist die Annahme, daß Kinder nichts kosten. Wenn wir mehr Rentner haben, aber weniger Kinder bekommen stellt sich auch ein Gleichgewicht ein. Dann sinkt zwar die Gesamtbevölkerung, aber Deutschland kann das aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte aushalten. Es besteht also kein Grund zur Panik, langfristige Pläne sind hier wesentlich hilfreicher als die derzeitigen Schnellschüsse. Der zweite Punkt zu diesem Thema sind die privaten Krankenkassen an sich. Wer schon einmal entsetzt seine Riesterrente objektiv durchgerechnet hat, wird wissen was ich meine. Bei der gesetzlichen Rentenkasse zahle ich nur einen Teil des Beitrages, bei der privaten den vollen Betrag. Dazu kommt, daß eine private Versicherung marktwirtschaftlich arbeitet und dadurch sicherlich wesentlich weniger auszahlt als eine gesetzliche Versicherung ? Mit dem Hinweis, daß die Fürsprecher der privaten Rentenversicherung wie Prof. Rürup, Prof. Sinn und Prof. Raffelhüschen auf den Lohnlisten von Allianz, Victoria und AWD stehen, sollte schnell klar werden, was gespielt wird.

Ein gutes Beispiel hierfür sind auch die Begründungen von Verschwörungstheoretikern. Als prominentes Beispiel seien hier Fakten zur angeblichen Mondlandungslüge genannt. Ein Fakt sind sternenlose Bilder vom Mond. Es klingt logisch, daß diese gefälscht sein müssen. Allerdings kann man das auch ganz einfach anders erklären. Die Belichtungszeiten reichen einfach nicht aus, damit die Sterne erscheinen. Das kann man selber ausprobieren, indem man den Nachthimmel mit einer tageszeitüblichen Belichtungszeit und Blende aufnimmt. Es wird nichts zu sehen sein. Ein weiteres Argument sind die wie eine Kulisse wirkenden Hintergründe. Hier muß man aber sehen, daß die Bergformationen auf den Bilder viele Kilometer weg sind. Dadurch wirken sie immer gleich. Trotzdem kann man beim Übereinanderlegen der Bilder Unterschiede durch eine Perspektivenänderung erkennen, die bei einer einfachen Kulisse nicht möglich wären. Auch bei Impfgegnern, die sich selbst beschönigend Impfkritiker nennen, sind solche Denkweisen beliebt, oft zusammen mit falschen oder falsch interpretierten Statistiken. Hier kann man zum Beispiel die oft gehörte These anführen, daß Ärzte aus der Impfgegnerschaft sehr oft mit Impfschäden zu tun haben. Das klingt überzeugend, ist aber nur eine statistische Verwirrung. Zum einen impfen Impfgegner wahrscheinlich selbst relativ selten. Zum zweiten wird von Impfgegnern nach einer Impfung jedes Wehwehchen als Impfschaden interpretiert, was man an den angeblich nicht dokumentierten Nebenwirkungen erkennt. Das dritte und wirksamste Argument ist auch relativ einfacher Natur. Die Impfgegner unter den Ärzten firmieren natürlich oft auch als Spezialisten für Impfschäden. Wohin gehe ich, wenn ich krank bin ? Zu einem Spezialisten natürlich. Damit ist obiges Argument ungefähr so glaubwürdig wie die Aussage einer Hebamme, daß alle Frauen irgendwann schwanger werden, weil sie nie eine Frau betreut hat, die kein Kind bekommt. Auch wird der Pharmaindustrie von Impfgegnern oft kommerzielles Interesse an Impfungen unterstellt. Das ist natürlich richtig. Der Teufel steckt hier in einem Detail und dieses Detail ist die implizite und vielleicht auch unbewusste Folgerung daß Impfgegner kein wirtschaftliches Interesse an der Impfgegnerschaft hätten. Aber da ist der Haken, das stimmt nämlich nicht. Zum einen sind viele Impfgegner einfache Heilpraktiker und dürfen damit gar nicht impfen. Die Krankheit, gegen die nicht geimpft wurde, behandeln dürfen sie aber schon. Außerdem gibt es einen nicht zu unterschätzenden Markt für Bücher, Seminare und anderes Infomaterial der Impfgegner. Dieselben kommerziellen Interessen der Pharmaindustrie kann man somit auch der Impfgegnerschaft unterstellen.

Ich könnte hier noch eine ganze Weile weitermachen. Es gibt noch viele lustige Ticks mit Statistiken und auch der oft gemachte Fehler des Vertauschens von Ursache und Wirkung wäre ein paar Beispiele wert. Aber es soll ja hier nicht ausufern, es ist eh schon viel länger wie geplant. Vielleicht gibt’s ja mal noch ein zweiten Teil, genug Material gibt es ja, wenn man sich mal bei Facebook umschaut. Wichtig ist mir aber hier nicht die Aufzählung von Fällen, wo alles Manipulationsfallen lauern, sondern die Erkenntnis daß auch bei Facebook manipulative Kampagnen gefahren werden, nur eben von anderen Spielern als der Bild oder Bertelsmann. Von daher ist es das wichtigste einen Radar zu entwickeln, wann etwas nicht ganz koscher ist und dann in alle Richtungen weiterzuforschen, um sich dann ein möglichst objektives Bild der Thematik bilden zu können. Diesen Radar entwickelt man erstaunlicherweise recht schnell. Allerdings wird er nie so ganz perfekt und man fällt auch mit Erfahrung immer mal wieder rein.

11:13 04.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Carsten Klotz von Hoff

Warum sollte man Zeit mit unnützen Tätigkeiten vergeuden, wenn man sie doch einfach sinnlos verstreichen lassen kann?
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Carsten Klotz von Hoff

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