Lorina Speder
Ausgabe 1417 | 19.04.2017 | 06:00

„Ideen von Idyllen“

Interview Seit 2013 hat die Kunstmesse Art Basel einen Ableger in Hongkong. Dort trafen wir den Galeristen Johnson Chang, der sich über das wachsende Interesse an China freut

„Ideen von Idyllen“

Wirkt ähnlich improvisiert wie ein Stück Jazz-Musik: Fantasielandschaft ohne Titel, gemalt von Luis Chan 1970

Abbildung: Image Courtesy of Hanart TZ Gallery

Der Stand der Hanart-TZ-Galerie auf der Art Basel in Hongkong ist gut besucht. Gleich am Eingang fallen die hochkantigen Landschaftsbilder des Pekinger Künstlers Feng Mengbo auf. Vor den gemalten Felsen hat sich eine Traube Menschen um eine zierliche Person gebildet: Es ist der Galeriebesitzer Johnson Chang, der Künstlerfreunden gerade von seinem Arzt und dessen Akupunkturkünsten erzählt. Als Chang erfährt, dass eine deutsche Zeitung Interesse an einem Interview hat, zögert er nicht und bestimmt sofort einen Treffpunkt für den nächsten Morgen. Seit über 30 Jahren fördert er chinesische Kunst – nun endlich wächst das internationale Interesse daran.

der Freitag: Herr Chang, Sie sind einer der versiertesten Kenner der zeitgenössischen chinesischen Kunst. Was genau ist das Besondere daran?

Johnson Chang: Es ist eine Leidenschaft von mir, und ich bin schon als leidenschaftlicher Mensch geboren. Mein Interesse an der chinesischen Kunst speist sich vor allem aus den historischen Zusammenhängen, die sie abbildet. Die radikalen Veränderungen, die für China in jeder Hinsicht meist traumatisch waren, sei es kulturell, sozial oder politisch, haben eine Basis für chinesische Künstler geschaffen, immer wieder neue Arten des Ausdrucks zu finden und damit unsere Sensibilität zu schärfen. In der Kunstszene ist China als Ganzes widergespiegelt, ich sehe dort die modernen, idealistischen Züge der Gegenwart, aber auch die Nostalgie und das Suchen nach Lösungen, die uns Politiker nicht geben können. Die Anziehung liegt für mich darin, den heutigen Zeitgeist der chinesischen Kultur zu finden.

Wenn Sie vom Zeitgeist sprechen: Wie würden Sie die Veränderungen beschreiben, die der Kunstmarkt durchlaufen hat, seit Sie Ihre Galerie 1983 eröffnet haben?

Mein Fokus liegt eigentlich nicht auf dem Kunstmarkt, obwohl ich mit der Galerie ein Teil davon bin. Für mich ist die Kunst an sich wichtiger. So wie meine kuratorische Arbeit, die damit verbunden ist. Aber wenn wir rein über den Markt und seine Mechanismen sprechen, kann mit Sicherheit behauptet werden, dass die Aktionshäuser weltweit immer erfolgreicher werden mit chinesischer Kunst.

Zur Person

Johnson Chang, 1951 geboren, heißt mit chinesischem Namen Chang Tsong-Zung. 1983 hat er die angesehene Hongkonger Galerie Hanart TZ gegründet, 2000 war er am Aufbau des Art Asia Archives beteiligt. Als Kurator arbeitet er auch in Berlin immer wieder gern

Welche Tendenzen lassen sich da in den vergangenen Jahrzehnten feststellen?

Der Kunstmarkt ist für mich immer ein sekundärer Markt – der bloße Weiterverkauf von Werken, die Kunst wird zu reinem Handelsgut mit bestimmten Margen und globalen Konjunkturen. Der primäre Markt dagegen bildet den unmittelbaren Preis ab, den die einzelnen Künstler oder ihre Galeristen verlangen – er ist stets subjektiv. Der sekundäre Kunstmarkt für chinesische zeitgenössische Kunst begann im Grunde erst zu Beginn des 21. Jahrhunders. Davor lag der Marktfokus auf den traditionellen, historischen Formaten, auf alter chinesischer Kunst. Etwa auf traditionellen Tuschebildern auf Papier. Was die neuere Kunst angeht, waren die 1980er Jahre sicher eine der spannendsten Phasen.

Warum gerade die 1980er?

Es wurde erstmals mit neuen, experimentellen Ansätzen gearbeitet – wovon ausländische Sammler aber nichts wissen wollten. Ihnen stand der Sinn danach, die traditionelle chinesische Kunst wiederzuentdecken, die durch die revolutionären Einflüsse unterdrückt worden war. Traditionelle Tuschebilder auf Papier waren sehr beliebt. Die Sammler hatten zu lange diese romantische Idee, dass chinesische Kunst vor allem aus idyllischen Landschaftsbildern bestünde. Erst in den 1990ern stieg auch das Interesse an Ölbildern, an Fotografien und Installationen chinesischer Künstler. Aber erst vor etwa 15 Jahren ließ sich der große internationale Markt dann wirklich auf chinesische Kunst ein. Die Erweiterung der Art Basel nach Hongkong im Jahr 2013 spielt dabei eine große Rolle.

Inzwischen veranstalten Sie als Kurator auch Ausstellungen außerhalb Chinas – eine davon mit dem Bildhauer Ju Ming in Berlin. Wie kam es dazu?

Bevor wir damit nach Berlin gingen, haben wir Ju Mings Skulpturen in Paris an der Place Vendôme gezeigt. Ihr Thema ist die chinesische Kampfkunst Tai Chi, die Skulpturen sind figurativ und modern. Es soll damit eine natürliche Bewegung gezeigt werden, die eine spirituelle Grundlage besitzt, eine Verbindung zur chinesischen Tradition

Als Kurator kommt Johnson Chang gern und oft nach Berlin

Foto: Antony Dickson/South China Morning Post

Aktuell zeigt Ihre Galerie die Ausstellung „Jazz with Luis“, eine Retrospektive des Hongkonger Künstlers Luis Chan. Wie ist der Begriff „Jazz“ hierbei zu verstehen?

Luis Chan war seit den 1930er Jahren eine zentrale Figur in der Hongkonger Kunstszene. Ab den 1970ern kreierte er die wildesten und radikalsten Bilder. 1983 habe ich meine Galerie mit einer Schau seiner Kunst eröffnet, sie galt damals als skandalös, und das erste Bild, das ich als Galerist von ihm vekauft habe, brachte umgerechnet 100 Euro, damit fing es an. Die Abbildungen und Farben schienen vielen zu unruhig, um sich die Bilder zu Hause aufzuhängen. Ich habe die Retrospektive Jazz with Luis genannt und die Vernissage mit einem Jazz-Konzert eröffnet, weil Chans Bilder für mich viel vom Improvisationsprinzip des Jazz haben.

Sie lehren auch, als Gastprofessor an der Hochschule der Künste in Hangzhou. Von welchen Akademien kommen heute die interessantesten Künstler?

Die Top-Zwei-Akademien für Kunst in China sind die Hochschule in Hangzhou und die Zentrale Hochschule für Bildende Kunst in Peking. Hangzhou hat eine längere Geschichte und feiert im nächsten Jahr das 90-jährige Jubiläum. Die Akademie ist bekannt für ein Lehrprogramm, das die traditionelle chinesische Kunst mit der modernen, zeitgenössischen verbindet. Diese Art der Lehre befürworte ich. Für die Studenten ist es schwer, an einer der beiden Akademien angenommen zu werden. An der Hochschule in Hangzou werden jedes Jahr rund 1.000 Studenten immatrikuliert, aber es gibt über 800.00o Bewerber.

Auch am „Art Asia Archive“ arbeiten Sie mit, einer Organisation, dank derer inzwischen mehr als 33.000 Werke asiatischer Künstler online eingesehen werden können.

Das Archiv war eine Idee, die ich gemeinsam mit Claire Hsu 2000 realisiert habe. Uns war es wichtig, dass eine Übersicht der asiatischen Kunst und Kunstgeschichte existiert. Sie ist diejenige, die das Archiv heute noch leitet und repräsentiert und die meiste Arbeit dafür getan hat. Ich habe meinen Fokus inzwischen wieder auf meine kuratorische Arbeit und meine Galerie gelegt.

Erst kürzlich waren Sie wieder einmal in Berlin, um ein neues Projekt zu planen – können Sie schon etwas darüber erzählen?

Vor ein paar Jahren habe ich am Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin schon einmal am Programm mitgearbeitet. Ich bin ein großer Verehrer dieses Ausstellungsortes. Nun war ich wieder dort, um eine erneute Zusammenarbeit mit dem HKW zu besprechen. Dabei soll es um Mao Zedongs Revolution gehen. Ich sprach darüber mit dem Kurator und Autor Anselm Franke. Das Projekt steckt noch in der Anfangsplanung, die Realisierung wird wohl Jahre in Anspruch nehmen. Der intellektuelle Diskurs zum chinesischen Revolutionsthema wird definitiv in Berlin stattfinden, aber der Ort für die dazugehörige Ausstellung ist noch nicht entschieden. Sie wird wahrscheinlich erst in Hongkong gezeigt werden und dann hoffentlich nach Deutschland weiterwandern.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/17.