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Entdeckung So ironisch wie ihre Kunst: Erst im Alter wird die Konzeptkünstlerin Geta Brătescu berühmt

Geta Brătescu sitzt in ihrem Atelier. Eingesunken in ihren Schreibtischstuhl kramt die über 90-Jährige einzelne Zeichnungen mit bunten, lebendigen Formen hervor und klebt mit entschiedener Geste schwarze Striche auf. Dabei erklärt sie, was sie an Formen interessiert: „Es ist ein Tanz.“ Den Kreis, sagt sie, habe sie entdeckt, als sie als junge Zeichnerin in die Fabriken geschickt wurde. Als sie ihn zu Papier brachte, entstand dort ein Raum, den sie sich verpflichtet fühlte zu füllen. Das Videointerview, das 2016 für ihre Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle entstand, gibt eine gute Vorstellung davon, was Brătescu zu der bedeutendsten Konzeptkünstlerin Rumäniens macht. Ihr Erfolg am Kunstmarkt kam spät. Bevor sie in Hamburg oder bei einem der „big player“, Hauser & Wirth in Los Angeles, gezeigt wurde, arbeitete sie unbeachtet und unbeirrt von der Kunstwelt an ihrem kreativen Vermächtnis. Zur Berlin Art Week widmet ihr nun der Neue Berliner Kunstverein (n. b. k.) eine Ausstellung.

Die Künstlerin hat ihre Arbeit auf paradoxe Weise immer mit Humor sehr ernst genommen. Im Video sieht man eine ältere Frau, die lustig und gradlinig rüberkommt, da zeigt sie einmal Jesusstatuen von einer Reise nach Deutschland, kommentiert, dass das Gesicht ja immer gleich aussehe. Dann hält sie zum Vergleich ihre identisch auf Holz gemalten Strichmännchen-Gesichter in die Kamera. Auf den eigentlichen Gedankenhintergrund geht sie nicht ein – dafür ist Brătescu viel zu unprätentiös.

Doch wie es gute Kunst in sich hat, offenbaren ihre Arbeiten nicht nur eine inhaltliche Ebene, es steckt immer viel mehr dahinter. In den Strichen und Formenspielen erkennt man zwar sofort die Lebendigkeit des Tanzes. Da auch diese Autonomie im Ausdruck. Diese erkennt man besonders im Zusammenspiel mit mehreren Zeichnungen, wie in einer Collage namens Linia (The Line) von 2009, die man in der Ausstellung im n. b. k. sehen kann. Die Eigenwilligkeit Brătescus erschließt sich dort in dem Zitieren und der Weiterverarbeitung ihrer Formen. Brătescu arbeitet in Serien. Mit der Wiederholung und Variation eigener Themen und Farben verstärkt die Künstlerin nicht nur ihren Ursprungsgedanken für ein Werk – sie reichert ihn an, bis sie damit eine eigene Welt schafft.

All das passiert in ihrem Atelier in Bukarest, welches sich in ihrer eigenen Wohnung befindet. Hier baute sich die Künstlerin seit Mitte der 70er Jahre ihren eigenen Raum, der geschützt von der Außenwelt funktionierte. So bewahrte sie sich in den Dekaden des Kommunismus künstlerische Freiheit. Es entstand ein Kunstraum, durch den sie fernab der rumänisch-sozialistischen Staatskunst eine eigene abstrakte künstlerische Sprache entwickelte.

Marius Babias, Leiter des n. b. k., sieht dieses Atelier untrennbar verbunden mit Brătescus Arbeiten, es ist ein Universum aus Zeichnungen, Lithografien, Collagen, Texten, Selbstporträts, Perfomance, experimentellem Film und Fotografien. Mit der Ausstellung möchte Babias dazu beitragen, eine künstlerische Ausnahmeposition aus Rumänien in die westliche Kunstwelt einzuführen. Dort komme der osteuropäische Raum oft zu kurz. „Geta Brătescu rückt auch eine feministische Position einer Frau im Sozialismus in den Vordergrund“, sagt er. „Das bereichert den Kanon.“

Babias lernte die Künstlerin vor zwölf Jahren durch die Ivan Gallery, Brătescus erste Galerie in Bukarest, persönlich kennen. Auch damals sei sie schon eine „rüstige alte Dame“ gewesen. Da er zu dem Zeitpunkt noch keine Institution leitete, sollte sich die Zusammenarbeit mit ihr um einige Jahre verschieben. 2017 widmete er sich dann im Rahmen der Venedig-Biennale und Brătescus Gestaltung des rumänischen Pavillons als Herausgeber von Apparitions ihrem schriftstellerischen Werk. „Geta Brătescu hat viele Texte in literarischen Zeitschriften und einige Bücher veröffentlicht, die sich erst nach und nach erschließen“, sagt er. „Auch in ihren Schriften wird deutlich, dass sie eine Künstlerin ist, die sich gegen Erwartungen stellt.“

Symbole für Freiheit

Magda Radu, Mitherausgeberin des Biennale-Katalogs und Kuratorin der Ausstellung im n. b. k., geht im Gespräch auf die Vorstellungskraft und Tiefe von Brătescus Texten ein. Die Kunsthistorikerin sieht in den fantasievollen Erzählungen einen Baustein für die Autonomie, die sich die Künstlerin in den oft schwierigen Umständen durch das sozialistische Regime geschaffen hat. Brătescu als offenkundig politische Künstlerin zu beschreiben, lehnt Radu jedoch ab: „Solche einengenden Beschreibungen werden ihrem Werk und Namen nicht gerecht. Aber künstlerische Tätigkeiten sind zu einem gewissen Grad immer immanent politisch“, sagt sie.

Für die Installation im n. b.k . von zwölf Arbeiten, wählte Radu deswegen Zeichnungen der Künstlerin aus, die Brătescus Symbole für Freiheit enthalten. Den Vogel bezeichnet die Kuratorin als „Alter Ego“ der Künstlerin. Er taucht immer wieder auf und verbindet sich in dem gezeigten Gedicht Călătorul (The Traveler) von 2002 mit der Idee des Reisens. Obwohl es im Kommunismus schwierig war, hätte die Künstlerin per Visum und organisierten Einladungen Deutschland, Frankreich, Polen, Italien und weitere europäische Länder besuchen können. Als der internationale Kunstmarkt Anfang der Nullerjahre auf sie aufmerksam wurde und die Preise ihrer Werke sich vervierfachten, reiste sie noch persönlich zu Ausstellungseröffnungen, etwa 2008 nach Innsbruck.

Heute, mit 92 Jahren, darf Brătescu aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu ihren weltweiten Eröffnungen kommen. „Sie geht jeden Tag in ihr Atelier, um zu arbeiten – und ist glücklich“, sagt Radu, die wie die Künstlerin in Bukarest wohnt. Es sei eine „innere Notwendigkeit“, die die Künstlerin bis heute antreibe. Brătescu ist sich ihrer Rolle in der Kunsthistorie durchaus bewusst. Seit Jahrzehnten dokumentiert und katalogisiert sie jede ihrer Arbeiten. Marius Babias nennt es ihr „Metawerk“. Nun liegt es an der Kunstwelt: Wenn die Künstlerin selbst nicht mehr reisen kann, dann wird die Rolle der Reisenden an ihre Kunstwerke übertragen.

Info

Geta Brătescu Neuer Berliner Kunstverein (n. b. k.) 27. September 2018 – 25. Januar 2019

Lorina Speder, 1988 geboren, ist freie Autorin, Gitarristin und Sängerin des Avantgarde-Minimalrock-Trios Present Square. Sie lebt in Berlin

06:00 30.09.2018
Geschrieben von

Lorina Speder

Freie Autorin und Künstlerin aus Berlin, Gitarristin und Sängerin bei Present Square.
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