Paralympics-Zwerge: das pakistanische Dilemma

Paralympics 2012 Zwar gab es für den 'trouble state' erst eine paralympische Silbermedaille, das Begeisterungspotential ist für den Mittleren Osten dennoch groß. Es mangelt am Kleingeld.
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Pakistan hat sich zwar erst ein einziges Mal in die ewige Medaillenliste der Paralympics eintragen dürfen – in dem von innenpolitischen Eruptionen gebeutelten Islam-Staat steckt jedoch großes Potential, was Akzeptanz und Begeisterung für den paralympischen Sport angeht. Das Land ist ein weiteres Exempel dafür, dass ohne entsprechende Infrastruktur noch so ideale gesellschaftliche Voraussetzungen nicht in sportliche Erfolge umgemünzt werden können. Denn auch in London 2012 wird deutlich: bei den Paralympics sind finanziell klamme Nationen erst recht nicht konkurrenzfähig, da kein Geld für zeitgemäße Sportgeräte oder barrierefreie Trainingsstätten über ist.

Dabei könnte alles so einfach sein – wenn in jedem Sportfunktionär der Enthusiasmus und Reformgeist von Adrees Malik stecken würde. Malik ist TV-Journalist im Diensten des pakistanischen Privatsenders Channel 5 und während viele große Medienunternehmen nach Olympia ihre Zelte abgebaut haben, schlägt Malik sein einsames Quartier erst zu den Paralympics auf. Auch wenn sein Arbeitgeber ihn zur U19-WM im Cricket geschickt hatte mit der Begründung, dass die „kleinen Spiele“ niemand interessieren. „Cricket kennt schon jeder, die Paralympics können das Denken der Leute noch verändern“, hielt der 31-Jährige dagegen. Also zahlte Malik sein Flugticket kurzerhand selbst und quartierte sich bei seinen zahlreichen Freunden in London ein, jede Nacht auf einem anderen Sofa. Und berichtet nun als einziger Medienvertreter seines Landes von den Spielen.

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Nicht viel größer ist die Zahl der Athleten, die das Ticket nach London gelöst haben: gerade einmal zwei Sportler kämpfen um eine Medaille, wobei einer von beiden – 1.500 Meter-Läufer Naeem Masih – schon im ersten Vorlauf gewissermaßen an den ungewohnt idealen Bedingungen im Olympischen Stadion scheiterte. Alle seiner Trainingskilometer hatte der Debütant nämlich auf widerspenstigem Ackerland in den ländlichen Regionen der pakistanischen Provinz Punjab abgeleistet. Einem Untergrund, der für Rollstuhlfahrer nicht zu bändigen wäre – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass auch berufstätige Behinderte das nötige Kleingeld für einen konkurrenzfähigen Sportrollstuhl wohl bis an ihr Lebensende nicht aufbringen könnten.

Übersprungen hat die klaffende Wohlstandslücke bislang nur einer: Cerebral-Paretiker Haider Ali. 2008 in Peking schrieb er mit 6,44 Metern, der ersten (Silber-)medaille für sein Land und einem neuen Weltrekord gemeinsam mit dem Tunesier Farhat Chida Geschichte. Und das obwohl der 27-Jährige in seiner Heimat ähnlich wie Masih seine Sprunggräben zwischen den Feldern in Handarbeit ausgehoben hatte. Sollte Ali in London erneut aufs Podium oder gar zu Gold springen, hofft die pakistanische Delegation darauf, dass ihr Schützling mit einem sechsmonatigen Trainingsprogramm in Großbritannien belohnt wird. Für den bisher einzigen Medaillengewinner Pakistans könnte das den Durchbruch bedeuten – auch für sein Land?

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Adrees Malik ist überzeugt, dass Pakistans Gesellschaft im Gegensatz zu vielen seiner Nachbarstaaten ideale Voraussetzungen mitbringt: „Die Beschäftigungsquote und das Ansehen von Behinderten ist in Pakistan – genauso wie das von Frauen – sehr hoch“, betont der Journalist gegenüber ZDFSport.de und fordert mehr Unterstützung durch internationale Sportinstitutionen: „Die dieses Jahr saftigen Sponsorengelder sollten weniger in Seminare und Workshops, sondern zuerst in die Infrastruktur benachteiligter Länder gesteckt werden.“ Auch das Nationale Paralympische Kommittee öffne zwar ad hoc das Portemonnaie, von gesicherter Unterstützung sei man aber noch weit entfernt. So stand die Finanzierung für die Paralympics 2012 erst eine Woche vor Beginn der Spiele fest, den Flug in die englische Hauptstadt zahlte eine private Fluglinie.

Die Mammut-Aufgabe, das brach liegende paralympische Potential Pakistans zum Vorschein zu bringen, bleibt somit eine doppelte One-Man-Show: Zunächst muss Athlet Haider Ali widrigen Trainingsbedingungen trotzen und zur zweiten Medaille in der Landesgeschichte springen. Dann kann Journalist Adrees Malik seine Redaktionskollegen Lügen Strafen und Ali endgültig zum Nationalheld emporheben.

Dieser Beitrag hat es nicht auf meine Paralympics-Reihe bei ZDFsport.de geschafft, ich wollte ihn aber wenigstens einigen verlorenen Lesern aufdrängen...

23:57 10.09.2012
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Geschrieben von

los_campesino

ZDF-Klatschreporter für die Paralympics, Blogger, MA International Journalism.
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