RE: Ein „sexistisches Gedicht“? | 09.09.2017 | 17:07

@miauxx:

Die Relevanz ergibt sich aus aus der Zusammenschau; die Forderung des ASTA, das Gomringer-Gedicht zu entfernen ist kein Einzelfall, von US-amerikanischer Seite höre ich immer wieder von Fällen, in denen Gallerien Gegenwartskunst nach Protesten wieder abhängen oder auch Museen Werke (zurück) ins Depot geben, dortige Universitäten purgieren "verstörende" bzw "rassistische" oder "sexistische" historische Kunst am Bau. (Und damit meine ich nicht die Konföderierten-Denkmäler oder anderer historischer Personen.) Allem gemeinsam ist, und da macht der Brief der ASH-ASTA keine Ausnahme, daß eine lautstarkte kleine Gruppe das Wort ergreift und ihre Interpretation "mit Autorität" durchsetzen will und häufig kann.

@ w. endemann:

Nora Gomringer weist mE richtigerweise darauf hin, daß "avenidas", "flores" "mujeres" und "un admirador" auf der syntaktischen Ebene völlig gleichwertig sind, die Konjunktion "y" ("und") verbindet wie das lateinische Wort "et" (von dem "y" über das altspanische "e" sich entwickelt hat) jeweils immer grammatikalisch Gleiches, zB gleiche Satzfunktionen (Kasus). Heißt: entweder sind alle Begriffe, dh "avenidas", "flores" "mujeres" und "un admirador" entweder Subjekt oder sie sind alle Objekt, sowohl auf der grammatikalischen Ebene wie auf der Aussage-Ebene. Es ist letztlich nicht eindeutig, ob "avenidas", "flores" "mujeres" und "un admirador" alle entweder Subjekte oder Objekte sind oder - auf einer nichts-grammatikalischen Ebene - Subjekte und Objekte, (wobei es, wie NG anmerkt, im Gedicht kein "Lyrisches Ich" gibt). Daß der "Bewunderer" die "Frauen" ansieht, ihr "körperliches „Frau*-Sein“ bewundert" (Zitat Offener Brief ASTA) und sie damit "objektiviert", ist also eine keineswegs zwingende bzw keine durch Grammatik des Gedichts selbst nahegelegte Interpretation. Daß der (männliche) Bewunderer die Frauen bewundert (warum aber ebenso die Blumen und Alleen) mag zwar der allgemeinen Lebenswirklichkeit naheliegen, im Sinne einer handwerklich sauberen Hermeneutik muß man diese Interpretation jedoch als vielleicht vernebelndes Vorverständnis kennzeichnen.

Auch die im Artikel angesprochene "Blumenmetaphorik" ist keineswegs so eindeutig auf Frauen bzw "Bilderwelten des Weiblichen" zu beziehen (nur einzelne Blumenarten gelten als spezifisch "weibliche" Attribute, andere stehen zB für die Sterblichkeit oder - wie "Der Name der Rose" - für Unaussprechliches etc pp). Ein Merkmal "Guter Kunst" ist vielleicht, daß sie einladend offen ist für eine Vielzahl von Interpretationen und Deutungsebenen und diese jeder Generation neu ermöglicht. Dazu muß man aber bereit sein.

RE: Ein „sexistisches Gedicht“? | 08.09.2017 | 21:36

Die Anzeichen mehren sich, daß wir in absehbarer Zeit eine "Neue Entartete Kunst" haben werden, eine Kunst, die nicht den selbsternannten völkischen Geist der Rechten beleidigt, sondern eine Kunst, die den selbsternannten feministischen Geist der Linken beleidigt.

Menschen, die keinen anderen Zugang zur Kunst als ihre persönliche Betroffenheit haben, die nicht den kunsthistorischen noch kunsttheoretischen Kontext würdigen, sondern nur ihr Beleidigtsein im Moment kennen, entscheiden, ob Kunst offentlich gemacht werden soll oder nicht. (Auch die Autorin kennt anscheinend nicht mehr von der Konkreten Poesie als ihren Begriff, vgl die Einordnung durch Nora Gomringer.)

Die nächste Kunst wird sexistisch, rassistisch, anti-homosexuell, kurz: eine einzige verstörende Provokation, ein einziger Angriff auf die neu erstarkende spießbürgerliche Überheblichkeit der Linken sein müssen, oder sie wird ohne Relevanz sein. "Scheiße und Blut und Samen" war gestern, heute sind es "Frauen und Blumen und Straßen".

RE: Dr. abundans | 02.03.2015 | 15:39

Angesichts der Tatsache, daß Deutschland das Führen und Vererben von sog. Adels-Titeln bzw. -Prädikaten und Namensbeiwerk wie "von und zu" nach wie vor erlaubt, übrigens natürlich völlig ohne jegliches individuelle Verdienst der Träger, scheint mir die Diskussion um das rein auf dem Verdienst beruhende Führen von selbsterworbenen akademischen Graden eher selbst für überflüssig.

Älter und zuerst verliehen ist übrigends der Grad des Magisters (Artium), der das Vor-Studium der Sieben Freien Künste (Artes Liberales) abschloß; der "Doctor" war immer der letzte mögliche zu verleihende akademische Grad, nach Baccalaureus und Magister.

Was daran "magisch" sein soll, erschließt sich mir beim besten Willen nicht, selbst vom nach wie vor deutlich Titel-verliebteren, aber Adels-freien Österreich aus.

(Disclaimer: Ich wurde 2005 von der Uinv. Wien in Alter Geschichte promoviert.)

RE: Keine Angst vor dem F-Wort! | 15.11.2014 | 12:00

Die Autorin gründet ihre Kritik meiner Meinung nach aufgrund zweier Mißverständnisse:

1) Feminismus = "irgendwas mit Gleichberechtigung"2) für Frauen handeln = feministisch handeln

Daß "der Feminismus" (als Oberbegriff) als Emanzipationsbewegung sowohl positive Auswirkungen auf alle sexuellen Indentitätsbilder als auch auf die Homosexellen- und Transsexuellen-Bewegung hatte und hat, ist ein Allgemeinplatz.

Jedoch ist weder historisch noch in den meisten führenden Theorien belegbar, daß "feministischen Theorien" einen anderen, zusätzlichen Fokus einnahmen und einnehmen als den Fokus der Frau. Heißt: Zentrum feministischen Denkens und Handelns ist die Frau und ihre gesellschaftlich und ggf. persönlich benachteiligte Situation. Aktuell läßt sich das bspw., aus den Texten der Feministin und Bloggerin Antje Schrupp herauslesen, historisch an den Schwierigkeiten vieler feministischer Gruppierungen mit Trans-Frauen (im Ggs. zu sog. "Cis-Frauen"), die bisweilen zu aggressiven Exklusionsdiskursen führten. Auch innerhalb der Homosexuellen-Bewegung rudern (feministisch fundierte) Lesben und Schwule eher nur anlaßbezogen in "einem Boot", in der Bewegungsgeschichte ist das Nebeneinander (leider) häufiger als das Miteinander gewesen. Und schließlich handeln einige ausdrücklich feministisch verfaßte Organisationen ebenso ausdrücklich Frauen-bezogen und "meinen" Männer in ihrer Arbeit ausdrücklich nicht "mit"; so das Wiener "Stichwort"-Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung", zu deren Räumlichkeiten Männer keinen Zugang haben.

Anderes Phänomen, ebenfalls aus Österreich: Aktuell wird über eine Novelle des Universitätsgesetzes verhandelt, in dem die gleichberechtigte, d.h. 50:50-Besetzung von Gremien der Universität verankert werden soll. Dagegen sind ablehnende Stimmen laut geworden, weil es "aus frauenpolitischer Sicht" bedenklich sei, damit die Gremen, in denen mehrheitlich Frauen sitzen, einer 50:50-Quote anzupassen.

"Emanizipation" aus feministischer Sicht - und da widerspreche ich auch dem Kommentar von Sascha, ist als erstes die Emanzipation der Frau. Das ist ohne Abrede legitim; daß auch Männer oder transsexuelle Menschen bzw. die Menschheit als Ganzes von der emanzipatorischen Kraft des Feministmus profitiert, ist allerdings ein positiver Kollateral-Effekt, was weder das Anliegen des Feminismus noch die darüberhinausgehenden Effekte schmälert.

Auch der Kommentar von Sascha zeigt eine gewisse, immer wieder aufbrandende Tendenz einer "Wer nicht für den Feminismus ist, ist gegen den Feminismus"-Haltung, also Feminismus hier - Maskulismus dort.

Nicht jeder Mensch kann sich mit den aktuellen oder historischen feministischen Positionen, Wortmeldungen und Phänomenen der feministischen Bewegung identifizieren, obwohl wir im Denken und Handeln dieser Menschen "Feministisches" zu erkennen glauben.

Wie für alle Atrribute menschlichen Handelns, ob nun "christlich", "links", "rechts" oder eben "feministisch" gilt meiner Meinung nach das, was Albert Schweizer über Menschen gesagt hat, die regelmäßig in die Kirche gehen: " „Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht“.

Nebenbei: Definitionsmacht ist eine eine der Kernthemen oder -forderungen des Feminismus; wenn Salma Hayek von sich selbst sagt, sie sei keine Feministin, sollte man das vielleicht gerade aus feministischer Perspektive respektieren.