Lothar Thiel
02.02.2016 | 05:30 5

Wie AfD und Pegida ticken

Rechtspopulismus Ein Essay über Vorurteile und die Notwendigkeit sie zu hinterfragen. Und darüber, wie Rechtspopulisten aus ihnen politische Waffen schmieden

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Lothar Thiel

Wie AfD und Pegida ticken

Was bleibt, ist Argumentieren

Bild: Jens Schlueter/Getty Images

Der Mensch, darüber herrscht weitgehend Konsens, unterscheidet sich von anderen Lebewesen durch das abstrakte Denken. Dabei nimmt er den jeweiligen Gegenstand als etwas aus verschiedenen Eigenschaften Zusammengesetztes wahr und ordnet ihn damit bestimmten allgemeinen Kategorien zu, die er dann in ein jeweils spezifisches Verhältnis zueinander setzt. Bei der Frage, welches Phänomen welchen Kategorien zuzuordnen ist, spielt die Erkennung von Mustern eine wichtige Rolle. Die konkreten Zuordnungskriterien werden in der Informatik als Klassifikatoren bezeichnet.

Auch beim menschlichen Denken erfolgt die Unzahl tagtäglich anfallender Zuordnungen praktisch-notwendigerweise durch Klassifikatoren, die gewissermaßen erfahrungsmäßig ‚bewährte Vorurteile‘ mit bedingter Gültigkeit und begrenzter Haltbarkeit darstellen. Freilich ist dieser Prozess normalerweise ziemlich komplex, so dass es bei ein und demselben Wahrnehmungsgegenstand auch oft zu einander widersprechenden Zuordnungen kommt, die Anlass sind oder sein sollten, die angewendeten Klassifikatoren auf ihre Tauglichkeit zu hinterfragen und nötigenfalls zu modifizieren oder sogar durch neue zu ersetzen. Sonst droht nämlich dem betroffenen Denken ein Realitätsschwund, der sich sowohl auf den ‚Betreiber‘ eines solchen Denkens, als auch die Menschen, zu denen er in einer praktischen Beziehung steht, fatal auswirken kann.

Dergleichen kann aber auch zur politischen Methode werden: Rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien wie Pegida und AfD wollen im Denken ihrer Adressaten als Klassifikator für die Einordung der aktuellen Ereignisse die unwahre Behauptung verankern, dass an nahezu jeglichem Problem die Ausländer schuld seien, insbesondere die ins Land kommenden muslimischen Flüchtlinge. Die Anwendung von Klassifikatoren ist hier nicht mehr funktionales Element des Erkennens der Wirklichkeit, also dessen, was auf der Welt geschieht, aus welchen Gründen und mit welchen Zielen.

Vielmehr dienen umgekehrt vorgefertigte Deutungen der Realität als Mittel zur Stabilisierung und Immunisierung des einen – im wahrsten Sinne des Wortes – totalitären Klassifikators. Erfolgreich sind Rechtspopulisten, wenn bei ihren Adressaten die politische Mustererkennung mehr und mehr von der monistischen Musterprojektion abgelöst wird. Bei diesem ressentimentgesteuerten Denken geht es also einzig und allein darum, mit allen Mitteln das Hinterfragen des oben genannten Klassifikators zu verhindern, ihn also zu dogmatisieren. Das dazu nötige ‚Trainingsprogramm‘ beinhaltet außer der permanenten Fütterung des Ressentiments mit dumpfer Propaganda die ‚Warnung‘ der Adressaten vor Andersdenkenden (die diffamiert werden), Stichworte: „Lügenpresse“, „Volksverräter“ usw.

Und wer davon überzeugt ist, mit seiner Weltsicht so prinzipiell, also unwidersprechlich Recht zu haben, der wähnt sich auch im Recht und nachgerade verpflichtet, dem, was er für das Recht hält, gegen innere und äußere Feinde – auch mit Gewalt – Geltung zu verschaffen.

Was dagegen helfen könnte? Bestimmt nicht, die Rechtspopulisten öffentlich auszugrenzen und sie genau dadurch publikumswirksam in die Rolle derjenigen zu drängen, gegen die den „Volksverrätern“ nichts Vernünftiges mehr einfiele. Was bleibt, ist Argumentieren: den Schwachsinn und seine Inhumanität bloßstellen; auch, seine objektive Nutzlosigkeit für die „besorgten Wutbürger“ aufzeigen. Den Blick auf die Realität zu lenken versuchen. Ein mühevolles Unterfangen ohne jede Erfolgsgarantie, aber auch ohne Alternative.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (5)

Moorleiche 02.02.2016 | 12:45

Hallo Lothar Thiel.

Auch beim menschlichen Denken erfolgt die Unzahl tagtäglich anfallender Zuordnungen praktisch-notwendigerweise durch Klassifikatoren, die gewissermaßen erfahrungsmäßig ‚bewährte Vorurteile‘ mit bedingter Gültigkeit und begrenzter Haltbarkeit darstellen.“

Ja.

Sonst droht nämlich dem betroffenen Denken ein Realitätsschwund, der sich sowohl auf den ‚Betreiber‘ eines solchen Denkens, als auch die Menschen, zu denen er in einer praktischen Beziehung steht, fatal auswirken kann.“

Nee, so schnell nicht. Erst köchelt man in der eigenen Suppe und versorgt sich nur noch mit Bestätigungen des eigenen Weltbildes. Das ist realistisch, aber eng.

Dergleichen kann aber auch zur politischen Methode werden: Rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien wie Pegida und AfD wollen im Denken ihrer Adressaten als Klassifikator für die Einordung der aktuellen Ereignisse die unwahre Behauptung verankern, dass an nahezu jeglichem Problem die Ausländer schuld seien, insbesondere die ins Land kommenden muslimischen Flüchtlinge.

Ja, pars pro tot. Kennze einen, kennze alle. Ist halt falsch. Logisch falsch, also, sozusagen, richtig falsch.

Erfolgreich sind Rechtspopulisten, wenn bei ihren Adressaten die politische Mustererkennung mehr und mehr von der monistischen Musterprojektion abgelöst wird.“

Nur mal so: Das tun auch Linke. Es geht allgemein um Vorurteile.

Was dagegen helfen könnte? Bestimmt nicht, die Rechtspopulisten öffentlich auszugrenzen und sie genau dadurch publikumswirksam in die Rolle derjenigen zu drängen, gegen die den „Volksverrätern“ nichts Vernünftiges mehr einfiele. Was bleibt, ist Argumentieren: den Schwachsinn und seine Inhumanität bloßstellen; auch, seine objektive Nutzlosigkeit für die „besorgten Wutbürger“ aufzeigen. Den Blick auf die Realität zu lenken versuchen. Ein mühevolles Unterfangen ohne jede Erfolgsgarantie, aber auch ohne Alternative.“

Ich behaupte, politisch wertfrei über das Muster aufzklären, ist die bessere Alternative und wirkt auch redlicher, zumindest auf mich.

iDog 02.02.2016 | 14:39

"den Schwachsinn und seine Inhumanität bloßstellen" ... das passiert ja nun jeden Tag ... und die stellen sich ja ab und an sogar unfreiwillig selber bloß ...

Mit Argumenten ist Lügen nicht beizukommen, sonderen nur mit Wahrheit. Und damit sind wir auch schon in der Falle , die diese ganze rechtlastige Propagnade erst möglich und teilweise sogar erfolfgreich werden lässt. Es ist gesellschaftlich ein derart instabile politische Situation nicht das Phänomen , sondern die Ursache rechtsradikaler und dann medialisierter Deutungsmöglichkeiten. Das selbe was Sie hier zu den Deutungen der Rechtsradikalen bemerken , muss letztendlich auf alle politisch motivierten Deutung zumal die vorrangig destabilisierenden, neoliberalen angewandt werden. Wenn das nicht passiert, werden ihre Anregenungn hier sich als nutzlos erweisen. Die rechtsradikale Deutung erfüllt die Anforderungen der Neoliberalen viel eher als die jeder linken oder im weitesten Sinne emanzipatorischen. Daher ist die rechte Agitation auch massenmedial present und die emanzipatorische und universellen Werten verpflichtete nicht.

rioja 03.02.2016 | 02:39

Argumentieren allein ist in dem Falle die falsche Ebene, denn es geht um den Kopf, den Intellekt. Dort aber ist das Problem nicht daheim. Vielmehr handelt es sich um ein Gefühl, eine Emotion, um die Ebene Bauch. Kurz um, sie haben Angst und können nicht mit ihr umgehen. Doch Angst ist für sie gleich schwach und das wollen sie partout nicht sein. Im Gegenteil sie wollen stark sein. Daher sind sie so laut, so verdammt aggressiv. Sie meinen, das macht sie groß und stark und endlich auch mal erfolgreich. Sie haben nichts als ein großes, psychologisches Problem. Sie bräuchten Therapie. Doch das würden sie nie zugeben und sie bekommen sie auch nicht. Das macht alles nur noch viel doofer. Nämlich dahingehend, dass sich der Frust in der Spirale Gewalt aufschauckelt und sie nach immer böseren Er-Lösungen schreien, wie z.B. Schießbefehl auf Flüchtlinge. Dieser Zustand ist aber nicht alternativlos zu ertragen. Man muss sie ebenfalls hart anpacken, auch argumentieren ja, doch besonders auch gleichzeitig sie ihrer Pseudolösungen überführen. Sie haben keinen langen Atem, sie sind mit ihrem Latein bald am Ende, sie haben keine Lösungsoption für diese komplexe Welt, in der sie nicht zurecht kommen. Doch, man darf nicht naiv sein, im Gegenteil, man muss sie knallhart beobachten und jegliches Abgleiten ins Kriminelle sofort bestrafen. Die kraftvolle, wehrhafte, lebendige Demokratie ist der einzig richtige Umgang. Und Bildung täte ihnen allemal gut. Darüber darf bitte Vater Staat mal nachdenken!